Prometheus

Himmel und Erde waren geschaffen: das Meer wogte in seinen Ufern, und die Fische spielten darin; in den Lften sangen beflgelt die Vgel; der Erdboden wimmelte von Tieren. Aber noch fehlte es an dem Geschpfe, dessen Leib so beschaffen war, da der Geist in ihm Wohnung machen und von ihm aus die Erdenwelt beherrschen konnte. Da betrat Prometheus die Erde, ein Sprling des alten Gttergeschlechtes, das Zeus entthront hatte, ein Sohn des erdgebornen Uranossohnes Iapetos, kluger Erfindung voll. Dieser wute wohl, da im Erdboden der Same des Himmels schlummre; darum nahm er vom Tone, befeuchtete denselben mit dem Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus ein Gebilde nach dem Ebenbilde der Gtter, der Herren der Welt. Diesen seinen Erdenklo zu beleben, entlehnte er allenthalben von den Tierseelen gute und bse Eigenschaften und schlo sie in die Brust des Menschen ein. Unter den Himmlischen hatte er eine Freundin, Athene, die Gttin der Weisheit. Diese bewunderte die Schpfung des Titanensohnes und blies dem halbbeseelten Bilde den Geist, den gttlichen Atem ein.

So entstanden die ersten Menschen und fllten bald vervielfltigt die Erde. Lange aber wuten diese nicht, wie sie sich ihrer edlen Glieder und des empfangenen Gtterfunkens bedienen sollten. Sehend sahen sie umsonst, hrten hrend nicht; wie Traumgestalten liefen sie umher und wuten sich der Schpfung nicht zu bedienen. Unbekannt war ihnen die Kunst, Steine auszugraben und zu behauen, aus Lehm Ziegel zu brennen, Balken aus dem gefllten Holze des Waldes zu zimmern und mit allem diesem sich Huser zu erbauen. Unter der Erde, in sonnenlosen Hhlen, wimmelte es von ihnen, wie von beweglichen Ameisen; nicht den Winter, nicht den bltenvollen Frhling, nicht den frchtereichen Sommer kannten sie an sicheren Zeichen; planlos war alles, was sie verrichteten. Da nahm sich Prometheus seiner Geschpfe an; er lehrte sie den Auf- und Niedergang der Gestirne beobachten, erfand ihnen die Kunst zu zhlen, die Buchstabenschrift; lehrte sie Tiere ans Joch spannen und zu Genossen ihrer Arbeit brauchen, gewhnte die Rosse an Zgel und Wagen; erfand Nachen und Segel fr die Schiffahrt. Auch frs brige Leben sorgte er den Menschen. Frher, wenn einer krank wurde, wute er kein Mittel, nicht was von Speise und Trank ihm zutrglich sei, kannte kein Salbl zur Linderung seiner Schden; sondern aus Mangel an Arzneien starben sie elendiglich dahin. Darum zeigte ihnen Prometheus die Mischung milder Heilmittel, allerlei Krankheiten damit zu vertreiben. Dann lehrte er sie die Wahrsagerkunst, deutete ihnen Vorzeichen und Trume, Vogelflug und Opferschau. Ferner fhrte er ihren Blick unter die Erde und lie sie hier das Erz, das Eisen, das Silber und das Gold entdecken; kurz, in alle Bequemlichkeiten und Knste des Lebens leitete er sie ein.

Im Himmel herrschte mit seinen Kindern seit kurzem Zeus, der seinen Vater Kronos entthront und das alte Gttergeschlecht, von welchem auch Prometheus abstammte gestrzt hatte.

Jetzt wurden die neuen Gtter aufmerksam auf das eben entstandene Menschenvolk. Sie verlangten Verehrung von ihm fr den Schutz, welchen sie demselben angedeihen zu lassen bereitwillig waren. Zu Mekone in Griechenland ward ein Tag gehalten zwischen Sterblichen und Unsterblichen, und Rechte und Pflichten der Menschen bestimmt. Bei dieser Versammlung erschien Prometheus als Anwalt seiner Menschen, dafr zu sorgen, da die Gtter fr die bernommenen Schutzmter den Sterblichen nicht allzu lstige Gebhren auferlegen mchten. Da verfhrte den Titanensohn seine Klugheit, die Gtter zu betrgen. Er schlachtete im Namen seiner Geschpfe einen groen Stier, davon sollten die Himmlischen whlen, was sie fr sich davon verlangten. Er hatte aber nach Zerstckelung des Opfertieres zwei Haufen gemacht; auf die eine Seite legte er das Fleisch, das Eingeweide und den Speck, in die Haut des Stieres zusammengefat, und den Magen oben darauf, auf die andere die kahlen Knochen, knstlich in das Unschlitt des Schlachtopfers eingehllt. Und dieser Haufen war der grere. Zeus, der Gttervater, der allwissende, durchschaute seinen Betrug und sprach: Sohn des Iapetos, erlauchter Knig, guter Freund, wie ungleich hast du die Teile geteilt! Prometheus glaubte jetzt erst recht, da er ihn betrogen, lchelte bei sich selbst und sprach: Erlauchter Zeus, grter der ewigen Gtter, whle den Teil, den dir dein Herz im Busen anrt zu whlen. Zeus ergrimmte im Herzen, aber geflissentlich fate er mit beiden Hnden das weie Unschlitt. Als er es nun auseinandergedrckt und die bloen Knochen gewahrte, stellte er sich an, als entdeckte er jetzt eben erst den Betrug, und zornig sprach er: Ich sehe wohl, Freund Iapetionide, da du die Kunst des Truges noch nicht verlernt hast!

Zeus beschlo, sich an Prometheus fr seinen Betrug zu rchen, und versagte den Sterblichen die letzte Gabe, die sie zur vollendeteren Gesittung bedurften, das Feuer. Doch auch dafr wute der schlaue Sohn des Iapetos Rat. Er nahm den langen Stengel des markigen Riesenfenchels, nherte sich mit ihm dem vorberfahrenden Sonnenwagen und setzte so den Stengel in glostenden Brand. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde, und bald loderte der erste Holzsto gen Himmel. In innerster Seele schmerzte es den Donnerer, als er den fernhinleuchtenden Glanz des Feuers unter den Menschen emporsteigen sah. Sofort formte er, da des Feuers Gebrauch den Sterblichen nicht mehr zu nehmen war, ein neues bel fr sie. Der seiner Kunst wegen berhmte Feuergott Hephaistos mute ihm das Scheinbild einer schnen Jungfrau fertigen; Athene selbst, die, auf Prometheus eiferschtig, ihm abhold geworden war, warf dem Bild ein weies, schimmerndes Gewand ber, lie ihr einen Schleier ber das Gesicht wallen, den das Mdchen mit den Hnden geteilt hielt, bekrnzte ihr Haupt mit frischen Blumen und umschlang es mit einer goldenen Binde, die gleichfalls Hephaistos seinem Vater zulieb kunstreich verfertigt und mit bunten Tiergestalten herrlich verziert hatte. Hermes, der Gtterbote, mute dem holden Gebilde Sprache verleihen und Aphrodite allen Liebreiz. Also hatte Zeus unter der Gestalt eines Gutes ein blendendes bel geschaffen; er nannte das Mgdlein Pandora, das heit die Allbeschenkte, denn jeder der Unsterblichen hatte ihr irgendein unheilbringendes Geschenk fr die Menschen mitgegeben. Darauf fhrte er die Jungfrau hernieder auf die Erde, wo Sterbliche vermischt mit den Gttern lustwandelten. Alle miteinander bewunderten die unvergleichliche Gestalt. Sie aber schritt zu Epimetheus, dem argloseren Bruder des Prometheus, ihm das Geschenk des Zeus zu bringen. Vergebens hatte diesen der Bruder gewarnt, niemals ein Geschenk vom olympischen Herrscher anzunehmen, damit dem Menschen kein Leid dadurch widerfhre, sondern es sofort zurckzusenden. Epimetheus, dieses Wortes uneingedenk, nahm die schne Jungfrau mit Freuden auf und empfand das bel erst, als er es hatte. Denn bisher lebten die Geschlechter der Menschen, von seinem Bruder beraten, frei vom bel, ohne beschwerliche Arbeit, ohne qulende Krankheit. Das Weib aber trug in den Hnden ihr Geschenk, ein groes Gef mit einem Deckel versehen. Kaum bei Epimetheus angekommen, schlug sie den Deckel zurck, und alsbald entflog dem Gefe eine Schar von beln und verbreitete sich mit Blitzesschnelle ber die Erde. Ein einziges Gut war zuunterst in dem Fasse verborgen, die Hoffnung; aber auf den Rat des Gttervaters warf Pandora den Deckel wieder zu, ehe sie herausflattern konnte, und verschlo sie fr immer in dem Gef. Das Elend fllte inzwischen in allen Gestalten Erde, Luft und Meer. Die Krankheiten irrten bei Tag und bei Nacht unter den Menschen umher, heimlich und schweigend, denn Zeus hatte ihnen keine Stimme gegeben; eine Schar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, frher nur langsam die Sterblichen beschleichend, beflgelte seinen Schritt.

Darauf wandte sich Zeus mit seiner Rache gegen Prometheus. Er bergab den Verbrecher dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia (dem Zwang und der Gewalt). Diese muten ihn in die skythischen Einden schleppen und hier, ber einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Kaukasus mit unauflslichen Ketten schmieden. Ungerne vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohne den verwandten Abkmmling seines Urgrovaters Uranos, den ebenbrtigen Gttersprling. Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, lie er diese das grausame Werk vollbringen. So mute nun Prometheus an der freudlosen Klippe hngen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das mde Knie zu beugen. Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden, sagte Hephaistos zu ihm, denn des Zeus Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen [Funote], sind hartherzig. Wirklich sollte auch die Qual des Gefangenen ewig oder doch dreiigtausend Jahre dauern. Obwohl laut aufseufzend und Winde, Strme, Quellen und Meereswellen, die Allmutter Erde und den allschauenden Sonnenkreis zu Zeugen seiner Pein aufrufend, blieb er doch ungebeugten Sinnes. Was das Schicksal beschlossen hat, sprach er, mu derjenige tragen, der die unbezwingliche Gewalt der Notwendigkeit einsehen gelernt hat. Auch lie er sich durch keine Drohungen des Zeus bewegen, die dunkle Weissagung, da dem Gtterherrscher durch einen neuen Ehebund Verderben und Untergang bevorstehe, nher auszudeuten. Zeus hielt Wort; er sandte dem Gefesselten einen Adler, der als tglicher Gast an seiner Leber zehren durfte, die sich, abgeweidet, immer wieder erneuerte. Diese Qual sollte nicht eher aufhren, bis ein Ersatzmann erscheinen wrde, der durch freiwillige bernahme des Todes gewissermaen sein Stellvertreter zu werden sich erbte.

Jener Zeitpunkt erschien frher, als der Verurteilte nach dem Spruch des Gttervaters erwarten durfte. Als er viele Jahre an dem Felsen gehangen, kam Herakles des Weges, auf der Fahrt nach den Hesperiden und ihren pfeln begriffen. Wie er den Gtterenkel am Kaukasus hngen sah und sich seines guten Rates zu erfreuen hoffte, erbarmte ihn sein Geschick, denn er sah zu, wie der Adler, auf den Knien des Prometheus sitzend, an der Leber des Unglcklichen fra. Da legte er Keule und Lwenhaut hinter sich, spannte den Bogen, entsandte den Pfeil und scho den grausamen Vogel von der Leber des Gequlten hinweg. Hierauf lste er seine Fesseln und fhrte den Befreiten mit sich davon. Damit aber Zeus' Bedingung erfllt wrde, stellte er ihm als Ersatzmann den Zentauren Chiron, der erbtig war, an jenes Statt zu sterben; denn vorher war er unsterblich. Auf da jedoch des Kroniden Urteil, der den Prometheus auf weit lngere Zeit an den Felsen gesprochen hatte, auch so nicht unvollzogen bliebe, so mute Prometheus fortwhrend einen eisernen Ring tragen, an welchem sich ein Steinchen von jenem Kaukasusfelsen befand. So konnte sich Zeus rhmen, da sein Feind noch immer an den Kaukasus angeschmiedet lebe.




Die Menschenalter

Die ersten Menschen, welche die Gtter schufen, waren ein goldenes Geschlecht. Diese lebten, solange Kronos (Saturnus) dem Himmel vorstand, sorgenlos und den Gttern selbst hnlich, von Arbeit und Kummer entfernt. Auch die Leiden des Alters waren ihnen unbekannt; an Hnden, Fen und allen Gliedern immer rstig, freuten sie sich, von jeglichem bel frei, heiterer Gelage. Die seligen Gtter hatten sie lieb und schenkten ihnen auf reichen Fluren stattliche Herden. Wenn sie verscheiden sollten, sanken sie nur in sanften Schlaf. Solange sie aber lebten, hatten sie alle mglichen Gter; das Erdreich gewhrte ihnen alle Frchte von selbst und im berflusse, und ruhig, mit allen Gtern gesegnet, vollbrachten sie ihr Tagewerk. Nachdem jenes Geschlecht dem Beschlusse des Schicksals zufolge von der Erde verschwunden war, wurden sie zu frommen Schutzgttern, welche, dicht in Nebel gehllt, die Erde rings durchwandelten, als Geber alles Guten, Behter des Rechts und Rcher aller Vergehungen.

Hierauf schufen die Unsterblichen ein zweites Menschengeschlecht, das silberne; dieses war schon weit von jenem abgeartet und glich ihm weder an Krpergestaltung noch an Gesinnung. Sondern ganze hundert Jahre wuchs der verzrtelte Knabe noch unmndig an Geist unter der mtterlichen Pflege im Elternhause auf, und wenn einer endlich zum Jnglingsalter herangereift war, so blieb ihm nur noch kurze Frist zum Leben brig. Unvernnftige Handlungen strzten diese neuen Menschen in Jammer; denn sie konnten schon ihre Leidenschaften nicht mehr migen und frevelten im bermute gegeneinander. Auch die Altre der Gtter wollten sie nicht mehr mit den gebhrenden Opfern ehren. Deswegen nahm Zeus dieses Geschlecht wieder von der Erde hinweg; denn ihm gefiel nicht, da sie der Ehrfurcht gegen die Unsterblichen ermangelten. Doch waren auch diese noch nicht so entblt von Vorzgen, da ihnen nach ihrer Entfernung aus dem Leben nicht einige Ehre zum Anteil geworden wre, und sie durften als sterbliche Dmonen noch auf der Erde umherwandeln.

Nun erschuf der Vater Zeus ein drittes Geschlecht von Menschen; das hie das eherne. Das war auch dem silbernen vllig ungleich, grausam, gewaltttig, immer nur den Geschften des Krieges ergeben, immer einer auf des andern Beleidigung sinnend. Sie verschmhten es, von den Frchten des Feldes zu essen, und nhrten sich vom Tierfleische; ihr Starrsinn war hart wie Diamant, ihr Leib von ungeheurem Gliederbau; Arme wuchsen ihnen von den Schultern, denen niemand nahekommen durfte. Ihre Wehr war Erz, ihre Wohnung Erz, mit Erz bestellten sie das Feld; denn Eisen war damals noch nicht vorhanden. Sie kehrten ihre eigenen Hnde gegeneinander; aber so gro und entsetzlich sie waren, so vermochten sie doch nichts gegen den schwarzen Tod und stiegen, vom hellen Sonnenlichte scheidend, in die schaurige Nacht der Unterwelt hernieder.

Als die Erde auch dieses Geschlecht eingehllt hatte, brachte Zeus, der Sohn des Kronos, ein viertes Geschlecht hervor, das auf der nhrenden Erde wohnen sollte. Dies war wieder edler und gerechter als das vorige. Es war das Geschlecht der gttlichen Heroen, welche die Vorwelt auch Halbgtter genannt hat. Zuletzt vertilgte aber auch sie Zwietracht und Krieg, die einen vor den sieben Toren Thebens, wo sie um das Reich des Kniges dipus kmpften, die andern auf dem Gefilde Trojas, wohin sie um der schnen Helena willen zahllos auf Schiffen gekommen waren. Als diese ihr Erdenleben in Kampf und Not beschlossen hatten, ordnete ihnen der Vater Zeus ihren Sitz am Rande des Weltalls an, im Ozean, auf den Inseln der Seligen. Dort fhren sie nach dem Tode ein glckliches und sorgenfreies Leben, wo ihnen der fruchtbare Boden dreimal im Jahr honigse Frchte zum Labsal emporsendet.

Ach wre ich, so seufzet der alte Dichter Hesiod, der diese Sage von den Menschenaltern erzhlt, wre ich doch nicht ein Genosse des fnften Menschengeschlechtes, das jetzt gekommen ist; wre ich frher gestorben oder spter geboren! denn dieses Menschengeschlecht ist ein eisernes! Gnzlich verderbt, ruhen diese Menschen weder bei Tage noch bei Nacht von Kmmernis und Beschwerden; immer neue nagende Sorgen schicken ihnen die Gtter. Sie selbst aber sind die grte Plage. Der Vater ist dem Sohne, der Sohn dem Vater nicht hold; der Gast hat den ihn bewirtenden Freund, der Genosse den Genossen; auch unter Brdern herrscht nicht mehr herzliche Liebe wie vorzeiten. Dem grauen Haare der Eltern selbst wird die Ehrfurcht versagt, Schmachreden werden gegen sie ausgestoen, Mihandlungen mssen sie erdulden. Ihr grausamen Menschen, denket ihr denn gar nicht an das Gttergericht, da ihr euren abgelebten Eltern den Dank fr ihre Pflege nicht erstatten wollet? berall gilt nur das Faustrecht; auf Stdteverwstung sinnen sie gegeneinander. Nicht derjenige wird begnstigt, der die Wahrheit schwrt, der gerecht und gut ist, nein, nur den beltter, den schnden Frevler ehren sie; Recht und Migung gilt nichts mehr, der Bse darf den Edleren verletzen, trgerische, krumme Worte sprechen, Falsches beschwren. Deswegen sind diese Menschen auch so unglcklich. Schadenfrohe, milaunige Scheelsucht verfolgt sie und grollt ihnen mit dem neidischen Antlitz entgegen. Die Gttinnen der Scham und der heiligen Scheu, welche sich bisher doch noch auf der Erde hatten blicken lassen, verhllen traurig ihren schnen Leib in das weie Gewand und verlassen die Menschen, um sich wieder in die Versammlung der ewigen Gtter zurckzuflchten. Unter den sterblichen Menschen blieb nichts als das traurige Elend zurck, und keine Rettung von diesem Unheil ist zu erwarten.


Deukalion und Pyrrha

Als das eherne Menschengeschlecht auf Erden hauste und Zeus, dem Weltbeherrscher, schlimme Sage von seinen Freveln zu Ohren gekommen, beschlo er, selbst in menschlicher Bildung die Erde zu durchstreifen. Aber allenthalben fand er das Gercht noch geringer als die Wahrheit. Eines Abends in spter Dmmerung trat er unter das ungastliche Obdach des Arkadierknigs Lykaon, welcher durch Wildheit berchtigt war. Er lie durch einige Wunderzeichen merken, da ein Gott gekommen sei; und die Menge hatte sich auf die Knie geworfen. Lykaon jedoch spottete ber diese frommen Gebete. Lat uns sehen, sprach er, ob es ein Sterblicher oder ein Gott sei! Damit beschlo er im Herzen, den Gast um Mitternacht, wenn der Schlummer auf ihm lastete, mit ungeahntem Tode zu verderben. Noch vorher aber schlachtete er einen armen Geisel, den ihm das Volk der Molosser gesandt hatte, kochte die halb lebendigen Glieder in siedendem Wasser oder briet sie am Feuer und setzte sie dem Fremdling zum Nachtmahle auf den Tisch. Zeus, der alles durchschaut hatte, fuhr vom Mahle empor und sandte die rchende Flamme ber die Burg des Gottlosen. Bestrzt entfloh der Knig ins freie Feld. Der erste Wehlaut, den er ausstie, war ein Geheul, sein Gewand wurde zu Zotteln, seine Arme wurden zu Beinen: er war in einen blutdrstigen Wolf verwandelt.

Zeus kehrte in den Olymp zurck, hielt mit den Gttern Rat und gedachte das ruchlose Menschengeschlecht zu vertilgen. Schon wollte er auf alle Lnder die Blitze verstreuen; aber die Furcht, der ther mchte in Flammen geraten und die Achse des Weltalls verlodern, hielt ihn ab. Er legte die Donnerkeile, welche ihm die Zyklopen geschmiedet, wieder beiseite und beschlo, ber die ganze Erde Platzregen vom Himmel zu senden und so unter Wolkengssen die Sterblichen aufzureiben. Auf der Stelle ward der Nordwind samt allen andren die Wolken verscheuchenden Winden in die Hhlen des olos verschlossen und nur der Sdwind von ihm ausgesendet. Dieser flog mit triefenden Schwingen zur Erde hinab, sein entsetzliches Antlitz bedeckte pechschwarzes Dunkel, sein Bart war schwer von Gewlk, von seinem weien Haupthaare rann die Flut, Nebel lagerten auf der Stirne, aus dem Busen troff ihm das Wasser. Der Sdwind griff an den Himmel, fate mit der Hand die weit umherhangenden Wolken und fing an, sie auszupressen. Der Donner rollte, gedrngte Regenflut strzte vom Himmel; die Saat beugte sich unter dem wogenden Sturm, darnieder lag die Hoffnung des Landmanns, verdorben war die langwierige Arbeit des ganzen Jahres. Auch Poseidon, des Zeus Bruder, kam ihm bei dem Zerstrungswerke zu Hilfe, berief alle Flsse zusammen und sprach: Lat euren Strmungen alle Zgel schieen, fallt in die Huser, durchbrechet die Dmme! Sie vollfhrten seinen Befehl, und Poseidon selbst durchstach mit seinem Dreizack das Erdreich und schaffte durch Erschtterung den Fluten Eingang. So strmten die Flsse ber die offene Flur hin, bedeckten die Felder, rissen Baumpflanzungen, Tempel und Huser fort. Blieb auch wo ein Palast stehen, so deckte doch bald das Wasser seinen Giebel, und die hchsten Trme verbargen sich im Strudel. Meer und Erde waren bald nicht mehr unterschieden; alles war See, gestadelose See. Die Menschen suchten sich zu retten, so gut sie konnten; der eine erkletterte den hchsten Berg, der andere bestieg einen Kahn und ruderte nun ber das Dach seines versunkenen Landhauses oder ber die Hgel seiner Weinpflanzungen hin, da der Kiel an ihnen streifte. In den sten der Wlder arbeiteten sich die Fische ab; den Eber, den eilenden Hirsch erjagte die Flut; ganze Vlker wurden vom Wasser hinweggerafft, und was die Welt verschonte, starb den Hungertod auf den unbebauten Heidegipfeln.

Ein solcher hoher Berg ragte noch mit zwei Spitzen im Lande Phokis ber die alles bedeckende Meerflut hervor. Es war der Parnassos. An ihm schwamm Deukalion, des Prometheus Sohn, den dieser gewarnt und ihm ein Schiff erbaut hatte, mit seiner Gattin Pyrrha im Nachen heran. Kein Mann, kein Weib war je erfunden worden, die an Rechtschaffenheit und Gtterscheu diese beiden bertroffen htten. Als nun Zeus, vom Himmel herabschauend, die Welt von stehenden Smpfen berschwemmt und von den vielen tausendmal Tausenden nur ein einziges Menschenpaar brig sah, beide unstrflich, beide andchtige Verehrer der Gottheit, da sandte er den Nordwind aus, sprengte die schwarzen Wolken und hie ihn die Nebel entfhren; er zeigte den Himmel der Erde und die Erde dem Himmel wieder. Auch Poseidon, der Meeresfrst, legte den Dreizack nieder und besnftigte die Flut. Das Meer erhielt wieder Ufer, die Flsse kehrten in ihr Bett zurck; Wlder streckten ihre mit Schlamm bedeckten Baumwipfel aus der Tiefe hervor, Hgel folgten, endlich breitete sich auch wieder ebenes Land aus, und zuletzt war die Erde wieder da.

Deukalion blickte um sich. Das Land war verwstet und in Grabesstille versenkt. Trnen rollten bei diesem Anblick ber seine Wangen, und er sprach zu seinem Weibe Pyrrha: Geliebte, einzige Lebensgenossin! Soweit ich in die Lnder schaue, nach allen Weltgegenden hin, kann ich keine lebende Seele entdecken. Wir zwei bilden miteinander das Volk der Erde, alle andren sind in der Wasserflut untergegangen. Aber auch wir sind unsres Lebens noch nicht mit Gewiheit sicher. Jede Wolke, die ich sehe, erschreckt meine Seele noch. Und wenn auch alle Gefahr vorber ist, was fangen wir Einsamen auf der verlassenen Erde an? Ach, da mich mein Vater Prometheus die Kunst gelehrt htte, Menschen zu erschaffen und geformtem Tone Geist einzugieen! So sprach er, und das verlassene Paar fing an zu weinen; dann warfen sie vor einem halb zerstrten Altar der Gttin Themis sich auf die Knie nieder und begannen zu der Himmlischen zu flehen: Sag uns an, o Gttin, durch welche Kunst stellen wir unser untergegangenes Menschengeschlecht wieder her? O hilf der versunkenen Welt wieder zum Leben!

Verlasset meinen Altar, tnte die Stimme der Gttin, umschleiert euer Haupt, lset eure gegrteten Glieder und werfet die Gebeine eurer Mutter hinter den Rcken.

Lange verwunderten sich beide ber diesen rtselhaften Gtterspruch. Pyrrha brach zuerst das Schweigen. Verzeih mir, hohe Gttin, sprach sie, wenn ich zusammenschaudre, wenn ich dir nicht gehorsame und meiner Mutter Schatten nicht durch Zerstreuung ihrer Gebeine krnken will! Aber dem Deukalion fuhr es durch den Geist wie ein Lichtstrahl. Er beruhigte seine Gattin mit dem freundlichen Worte: Entweder trgt mich mein Scharfsinn, oder die Worte der Gtter sind fromm und verbergen keinen Frevel! Unsere groe Mutter, das ist die Erde, ihre Knochen sind die Steine; und diese, Pyrrha, sollen wir hinter uns werfen!

Beide mitrauten indessen dieser Deutung noch lange. Jedoch, was schadet die Probe, dachten sie. So gingen sie denn seitwrts, verhllten ihr Haupt, entgrteten ihre Kleider und warfen, wie ihnen befohlen war, die Steine hinter sich. Da ereignete sich ein groes Wunder: das Gestein begann seine Hrtigkeit und Sprde abzulegen, wurde geschmeidig, wuchs, gewann eine Gestalt; menschliche Formen traten an ihm hervor, doch noch nicht deutlich, sondern rohen Gebilden oder einer in Marmor vom Knstler erst aus dem Groben herausgemeielten Figur hnlich. Was jedoch an den Steinen Feuchtes oder Erdichtes war, das wurde zu Fleisch an dem Krper; das Unbeugsame, Feste ward in Knochen verwandelt; das Geder in den Steinen blieb Geder. So gewannen mit Hilfe der Gtter in kurzer Frist die vom Manne geworfenen Steine mnnliche Bildung, die vom Weibe geworfenen weibliche.

Diesen seinen Ursprung verleugnet das menschliche Geschlecht nicht, es ist ein hartes Geschlecht und tauglich zur Arbeit. Jeden Augenblick erinnert es daran, aus welchem Stamm es erwachsen ist.



Io

Inachos, der uralte Stammfrst und Knig der Pelasger, hatte eine bildschne Tochter mit Namen Io. Auf sie war der Blick des Zeus, des olympischen Herrschers, gefallen, als sie auf der Wiese von Lerna der Herden ihres Vaters pflegte. Der Gott ward von Liebe zu ihr entzndet, trat zu ihr in Menschengestalt und fing an, sie mit verfhrerischen Schmeichelworten zu versuchen: O Jungfrau, glcklich ist, der dich besitzen wird; doch ist kein Sterblicher deiner wert, und du verdientest des hchsten Gottes Braut zu sein! Wisse denn, ich bin Zeus. Fliehe nicht vor mir. Die Hitze des Mittags brennt hei. Tritt mit mir in den Schatten des erhabenen Haines, der uns dort zur Linken in seine Khle einldt; was machst du dir in der Glut des Tages zu schaffen? Frchte dich doch nicht, den dunklen Wald und die Schluchten, in welchen das Wild hauset, zu betreten. Bin doch ich da, dich zu schirmen, der Gott, der den Zepter des Himmels fhrt und die zackigen Blitze ber den Erdboden versendet. Aber die Jungfrau floh vor dem Versucher mit eiligen Schritten, und sie wre ihm auf den Flgeln der Angst entkommen, wenn der verfolgende Gott seine Macht nicht mibraucht und das ganze Land in Finsternis gehllt htte. Rings umqualmte die Fliehende der Nebel, und bald waren ihre Schritte gehemmt durch die Furcht, an einen Felsen zu rennen oder in einen Flu zu strzen. So kam die unglckliche Io in die Gewalt des Gottes.

Hera, die Gttermutter, war lngst an die Treulosigkeit ihres Gatten gewhnt, der sich von ihrer Liebe ab- und den Tchtern der Halbgtter und der Sterblichen zuwandte; aber sie vermochte ihren Zorn und ihre Eifersucht nicht zu bndigen, und mit immer wachem Mitrauen beobachtete sie alle Schritte des Gottes auf der Erde. So schaute sie auch jetzt gerade auf die Gegenden hernieder, wo ihr Gemahl ohne ihr Wissen wandelte. Zu ihrem groen Erstaunen bemerkte sie pltzlich, wie der heitere Tag auf einer Stelle durch nchtlichen Nebel getrbt wurde und wie dieser weder einem Strome noch dem dunstigen Boden entsteige, noch sonst von einer natrlichen Ursache herrhre. Da kam ihr schnell ein Gedanke an die Untreue ihres Gatten; sie sphte rings durch den Olymp und sah ihn nicht. Entweder ich tusche mich, sprach sie ergrimmt zu sich selbst, oder ich werde von meinem Gatten schnde gekrnkt! Und nun fuhr sie auf einer Wolke vom hohen ther zur Erde hernieder und gebot dem Nebel, der den Entfhrer mit seiner Beute umschlossen hielt, zu weichen. Zeus hatte die Ankunft seiner Gemahlin geahnt, und um seine Geliebte ihrer Rache zu entziehen, verwandelte er die schne Tochter des Inachos schnell in eine schmucke, schneeweie Kuh. Aber auch so war die Holdselige noch schn geblieben. Hera, welche die List ihres Gemahls alsbald durchschaut hatte, pries das stattliche Tier und fragte, als wte sie nichts von der Wahrheit, wem die Kuh gehre, von wannen und welcherlei Zucht sie sei. Zeus, in der Not und um sie von weiterer Nachfrage abzuschrecken, nahm seine Zuflucht zu einer Lge und gab vor, die Kuh entstamme der Erde. Hera gab sich damit zufrieden, aber sie bat sich das schne Tier von ihrem Gemahl zum Geschenke aus. Was sollte der betrogene Betrger machen? Gibt er die Kuh her, so wird er seiner Geliebten verlustig; verweigert er sie, so erregt er erst recht den Verdacht seiner Gemahlin, welche der Unglcklichen dann rasches Verderben senden wird! So entschlo er sich denn, fr den Augenblick auf die Jungfrau zu verzichten, und schenkte die schimmernde Kuh, die er noch immer fr unentdeckt hielt, seiner Gemahlin. Hera knpfte, scheinbar beglckt durch die Gabe, dem schnen Tier ein Band um den Hals und fhrte die Unselige, der ein verzweifelndes Menschenherz unter der Tiergestalt schlug, im Triumphe davon. Doch machte der Gttin dieser Diebstahl selbst Angst, und sie ruhte nicht, bis sie ihre Nebenbuhlerin der sichersten Hut berantwortet hatte. Daher suchte sie den Argos, den Sohn des Arestor, auf, ein Ungetm, das ihr zu diesem Dienste besonders geeignet schien. Denn Argos hatte hundert Augen im Kopfe, von denen nur ein Paar abwechslungsweise sich schlo und der Ruhe ergab, whrend die brigen alle, ber Vorder- und Hinterhaupt wie funkelnde Sterne zerstreut, auf ihrem Posten ausharrten. Diesen gab Hera der armen Io zum Wchter, damit ihr Gemahl Zeus die entrissene Geliebte nicht entfhren knne. Unter seinen hundert Augen durfte Io, die Kuh, des Tags ber auf einer fetten Trift weiden; Argos aber stand in der Nhe, und wo er sich immer hinstellen mochte, erblickte er die ihm Anvertraute; auch wenn er sich abwandte und ihr das Hinterhaupt zukehrte, hatte er Io vor Augen. Wenn aber die Sonne untergegangen war, schlo er sie ein und belastete den Hals der Unglckseligen mit Ketten; bittre Kruter und Baumlaub waren ihre Speise, ihr Bett der harte, nicht einmal immer mit Gras bedeckte Boden, ihr Trank schlammige Pftzen. Io verga oft, da sie kein Mensch mehr war; sie wollte, Mitleiden erflehend, ihre Arme zu Argos erheben, da ward sie erst daran erinnert, da sie keine Arme mehr hatte. Sie wollte ihm in Worten rhrende Bitten vortragen, dann entfuhr ihrem Munde ein Brllen, da sie vor ihrer eigenen Stimme erschrak, welche sie daran mahnte, wie sie durch ihres Rubers Selbstsucht in ein Tier verwandelt worden sei. Doch blieb Argos mit ihr nicht an einer Stelle, denn so hatte es ihn Hera geheien, die durch Vernderung ihres Aufenthalts sie dem Gemahl um so gewisser zu entziehen hoffte. Daher zog ihr Wchter mit ihr im Lande herum, und so kam sie auch mit ihm in ihre alte Heimat, an das Gestade des Flusses, wo sie so oft als Kind zu spielen gepflegt hatte. Da sah sie zum ersten Mal ihr Bild in der Flut; als das Tierhaupt mit Hrnern ihr aus dem Wasser entgegenblickte, schauderte sie zurck und floh bestrzt vor sich selbst. Ein sehnschtiger Trieb fhrte sie in die Nhe ihrer Schwestern, in die Nhe ihres Vaters Inachos; aber diese erkannten sie nicht; Inachos streichelte wohl das schne Tier und reichte ihm Bltter, die er von dem nchsten Strauche pflckte; Io beleckte dankbar seine Hand und benetzte sie mit Kssen und heimlichen menschlichen Trnen. Aber wen er liebkoste und von wem er geliebkost wurde, das ahnete der Greis nicht. Endlich kam der Armen, deren Geist unter der Verwandlung nicht gelitten hatte, ein glcklicher Gedanke. Sie fing an, Schriftzeichen mit dem Fue zu ziehen, und erregte durch diese Bewegung die Aufmerksamkeit des Vaters, der bald im Staube die Kunde las, da er sein eigenes Kind vor sich habe. Ich Unglckseliger, rief der Greis bei dieser Entdeckung aus, indem er sich an Horn und Nacken der sthnenden Tochter hing, so mu ich dich wiederfinden, die ich durch alle Lnder gesucht habe! Wehe mir, du hast mir weniger Kummer gemacht, solange ich dich suchte, als jetzt, wo ich dich gefunden habe! Du schweigst? Du kannst mir kein trstendes Wort sagen, mir nur mit einem Gebrll antworten! Ich Tor, einst sann ich darauf, wie ich dir einen wrdigen Eidam zufhren knnte, und dachte nur an Brautfackel und Vermhlung. Nun bist du ein Kind der Herde... Argos, der grausame Wchter, lie den jammernden Vater nicht vollenden, er ri Io von dem Vater hinweg und schleppte sie fort auf einsame Weiden. Dann klomm er selbst einen Berggipfel empor und versah sein Amt, indem er mit seinen hundert Augen wachsam nach allen vier Winden hinauslugte.

Zeus konnte das Leid der Inachostochter nicht lnger ertragen. Er rief seinem geliebten Sohne Hermes und befahl ihm, seine List zu brauchen und dem verhaten Wchter das Augenlicht auszulschen. Dieser beflgelte seine Fe, ergriff mit der mchtigen Hand seine einschlfernde Rute und setzte seinen Reisehut auf. So fuhr er von dem Palaste seines Vaters zur Erde nieder. Dort legte er Hut und Schwingen ab und behielt nur den Stab; so stellte er einen Hirten vor, lockte Ziegen an sich und trieb sie auf die abgelegenen Fluren, wo Io weidete und Argos die Wache hielt. Dort angekommen, zog er ein Hirtenrohr, das man Syrinx nennt, hervor und fing an, so anmutig und voll zu blasen, wie man von irdischen Hirten zu vernehmen nicht gewohnt ist. Der Diener Heras freute sich dieses ungewohnten Schalles, erhob sich von seinem Felsensitze und rief hernieder: Wer du auch sein magst, willkommener Rohrblser, du knntest wohl bei mir auf diesem Felsen hier ausruhen. Nirgends ist der Graswuchs ppiger fr das Vieh als hier, und du siehst, wie behaglich der Schatten dieser dicht gepflanzten Bume fr den Hirten ist! Hermes dankte dem Rufenden, stieg hinauf und setzte sich zu dem Wchter, mit welchem er eifrig zu plaudern anfing und sich so ernstlich ins Gesprch vertiefte, da der Tag herumging, ehe Argos sich dessen versah. Diesem begannen die Augen zu schlfern, und nun griff Hermes wieder zu seinem Rohre und versuchte sein Spiel, um ihn vollends in Schlummer zu wiegen. Aber Argos, der an den Zorn seiner Herrin dachte, wenn er seine Gefangene ohne Fesseln und Obhut liee, kmpfte mit dem Schlaf, und wenn sich auch der Schlummer in einen Teil seiner Augen einschlich, so wachte er doch fortdauernd mit dem andern Teile, nahm sich zusammen, und da die Rohrpfeife erst krzlich erfunden worden war, so fragte er seinen Gesellen nach dem Ursprunge dieser Erfindung. Das will ich dir gerne erzhlen, sagte Hermes, wenn du in dieser spten Abendstunde Geduld und Aufmerksamkeit genug hast, mich anzuhren. In den Schneegebirgen Arkadiens wohnte eine berhmte Hamadryade (Baumnymphe), mit Namen Syrinx. Die Waldgtter und Satyrn, von ihrer Schnheit bezaubert, verfolgten sie schon lange mit ihrer Werbung, aber immer wute sie ihnen zu entschlpfen. Denn sie scheute das Joch der Vermhlung und wollte, umgrtet und jagdliebend wie Artemis, gleich dieser in jungfrulichem Stande verharren. Endlich wurde auf seinen Streifereien durch jene Wlder auch der mchtige Gott Pan der Nymphe ansichtig, nherte sich ihr und warb um ihre Hand, dringend und im stolzen Bewutsein seiner Hoheit. Aber die Nymphe verschmhte sein Flehen und flchtete vor ihm durch unwegsam Steppen, bis sie zuletzt an das Wasser des versandeten Flusses Ladon kam, dessen Wellen doch noch tief genug waren, der Jungfrau den bergang zu wehren. Hier beschwor sie ihre Schwestern, die Nymphen, ehe sie in die Hand des Gottes fiele, ihrer sich zu erbarmen und sie zu verwandeln. Indem kam der Gott herangeflogen und umfate die am Ufer Zgernde; aber wie staunte er, als er, statt eine Nymphe zu umarmen, nur ein Schilfrohr umfat hielt; seine lauten Seufzer zogen vervielfltigt durch das Rohr und wiederholten sich mit tiefem, klagendem Gesusel. Der Zauber dieses Wohllautes trstete den getuschten Gott. Wohl denn, verwandelte Nymphe, rief er mit schmerzlicher Freude, auch so soll unsre Verbindung unauflslich sein! Und nun schnitt er sich von dem geliebten Schilfe ungleichfrmige Rhren, verknpfte sie mit Wachs untereinander und nannte die lieblich tnende Flte nach dem Namen der holden Hamadryade; und seitdem heit dieses Hirtenrohr Syrinx...

So lautete die Erzhlung des Gtterboten, bei welcher er den hundertugigen Wchter unausgesetzt im Auge behielt. Die Mre war noch nicht zu Ende, als er sah, wie ein Auge um das andere sich unter der Decke geborgen hatte und endlich alle die hundert Leuchten in dichtem Schlaf erloschen waren. Nun hemmte der Gtterbote seine Stimme, berhrte mit seinem Zauberstabe nacheinander die hundert eingeschlferten Augenlider und verstrkte ihre Betubung. Whrend nun der hundertugige Argos in tiefem Schlafe nickte, griff Hermes schnell zu dem Sichelschwerte, das er unter seinem Hirtenrocke verborgen trug, und hieb ihm den gesenkten Nacken, da wo der Hals zunchst an den Kopf grenzt, durch und durch. Kopf und Rumpf strzten nacheinander vom Felsen herab und frbten das Gestein mit einem Strome von Blut.

Nun war Io befreit, und obwohl noch unverwandelt, rannte sie ohne Fesseln davon. Aber den durchdringenden Blicken Heras entging nicht, was in der Tiefe geschehen war. Sie dachte auf eine ausgesuchte Qual fr ihre Nebenbuhlerin und sandte ihr eine Bremse, die das unglckliche Geschpf durch ihren Stich zum Wahnsinn trieb. Diese Qual jagte die Gengstigte mit ihrem Stachel landflchtig ber den ganzen Erdkreis, zu den Skythen, an den Kaukasus, zum Amazonenvolke, zum Kimmerischen Isthmos und an die Motische See; dann hinber nach Asien, und endlich nach langem, verzweiflungsvollem Irrlaufe nach gypten. Hier am Strande des Nilufers angelangt, sank Io auf ihre Vorderfe nieder und hob, den Hals rcklings gebogen, ihre stummen Augen zum Olymp empor, mit einem Blicke voll Haders gegen Zeus. Den jammerte dieses Anblickes; er eilte zu seiner Gemahlin Hera, umfing ihren Hals mit den Armen, flehte um Barmherzigkeit fr das arme Mdchen, das schuldlos an seiner Verirrung war, und schwor ihr beim Wasser der Unterwelt, bei dem die Gtter schwren, von seiner Neigung zu ihr hinfort ganz abzulassen. Hera hrte whrend dieser Bitte das flehentliche Brllen der Kuh, das zum Olymp emporstieg. Da lie sich die Gttermutter erweichen und gab dem Gemahle Vollmacht, der Migestalteten den menschlichen Leib zurckzugeben. Zeus eilte zur Erde nieder und an den Nil. Hier strich er der Kuh mit der Hand ber den Rcken. Da war es wunderbar anzuschauen: die Zotteln flohen vom Leibe des Tieres, das Gehrn schrumpfte zusammen, die Scheibe der Augen verengte sich, das Maul zog sich zu Lippen zusammen, Schultern und Hnde kehrten wieder, die Klauen verschwanden, nichts blieb von der Kuh brig als die schne weie Farbe. In ganz verwandelter Gestalt erhob sich Io vom Boden und stand aufrecht, in menschlicher Schnheit leuchtend. Am Nilstrome gebar sie dem Zeus den Epaphos, und weil das Volk die wunderbar Verwandelte und Errettete gttergleich ehrte, so herrschte sie lange mit Frstengewalt ber jene Lande. Doch blieb sie auch so nicht ganz von Heras Zorne verschont. Diese stiftete das wilde Volk der Kureten auf, ihren jungen Sohn Epaphos zu entfhren, und nun trat sie aufs neue eine lange vergebliche Wanderung an, den Geraubten aufzusuchen. Endlich, nachdem Zeus die Kureten mit dem Blitz erschlagen, fand sie den entfhrten Sohn an der Grenze thiopiens wieder, kehrte mit ihm nach gypten zurck und lie ihn an ihrer Seite herrschen. Er heiratete die Memphis, und diese gebar ihm Libya, von der das Land Libyen den Namen erhielt. Mutter und Sohn wurden von dem Nilvolke nach beider Tode mit Tempeln geehrt und erhielten, sie als Isis, er als Apis, gttliche Verehrung.



Phaton

Auf herrlichen Sulen erbaut stand die Knigsburg des Sonnengottes, von blitzendem Gold und glhendem Karfunkel schimmernd; den obersten Giebel umschlo blendendes Elfenbein, gedoppelte Tren strahlten in Silberglanz, darauf in erhabener Arbeit die schnsten Wundergeschichten zu schauen waren. In diesen Palast trat Phathon, der Sohn des Sonnengottes Phbos, und verlangte den Vater zu sprechen. Doch stellte er sich nur von ferne hin, denn in der Nhe war das strahlende Licht nicht zu ertragen. Der Vater Phbos, von Purpurgewand umhllt, sa auf seinem frstlichen Stuhle, der mit glnzenden Smaragden besetzt war; zu seiner Rechten und seiner Linken stand sein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat, das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz mit seinem Bltenkranze, der Sommer mit hrengewinden bekrnzt, weinfarben der Herbst, der eisige Winter mit schneeweien Haaren. Phbos, in ihrer Mitte sitzend, wurde mit seinen allschauenden Augen bald den Jngling gewahr, der ber so viele Wunder staunte. Was ist der Grund deiner Wallfahrt, sprach er, was fhrt dich in den Palast deines gttlichen Vaters, mein Sohn? Phathon antwortete: Erlauchter Vater, man spottet mein auf Erden und beschimpft meine Mutter Klymene. Sie sprechen, ich heuchle nur himmlische Abkunft und sei der Sohn eines dunklen Vaters. Darum komme ich, von dir ein Unterpfand zu erbitten, das mich vor aller Welt als deinen wirklichen Sprling darstelle. So sprach er; da legte Phbos die Strahlen, die ihm rings das Haupt umleuchteten, ab und hie ihn nher herantreten; dann umarmte er ihn und sprach: Deine Mutter Klymene hat die Wahrheit gesagt, mein Sohn, und ich werde dich vor der Welt nimmermehr verleugnen. Damit du aber ja nicht ferner zweifelst, so erbitte dir ein Geschenk! Ich schwre beim Styx, dem Flusse der Unterwelt, bei welchem alle Gtter schwren, deine Bitte, welche sie auch sei, soll erfllt werden! Phathon lie den Vater kaum ausreden. So erflle mir denn, sprach er, meinen glhendsten Wunsch, und vertraue mir nur auf einen Tag die Lenkung deines geflgelten Sonnenwagens.

Schrecken und Reue ward sichtbar auf dem Angesichte des Gottes. Drei-, viermal schttelte er sein umleuchtetes Haupt und rief endlich: O Sohn, du hast mich ein sinnloses Wort sprechen lassen! O drfte ich dir doch meine Verheiung nimmermehr gewhren! Du verlangst ein Geschft, dem deine Krfte nicht gewachsen sind; du bist zu jung; du bist sterblich, und was du wnschest, ist ein Werk der Unsterblichen! Ja, du erstrebest sogar mehr, als den brigen Gttern zu erlangen vergnnt ist. Denn auer mir vermag keiner von ihnen auf der glutensprhenden Achse zu stehen. Der Weg, den mein Wagen zu machen hat, ist gar steil, mit Mhe erklimmt ihn in der Frhe des Morgens mein noch frisches Rossegespann. Die Mitte der Laufbahn ist zuoberst am Himmel. Glaube mir, wenn ich auf meinem Wagen in solcher Hhe stehe, da kommt mich oft selbst ein Grausen an, und mein Haupt droht ein Schwindel zu erfassen, wenn ich so herniederblicke in die Tiefe und Meer und Land weit unter mir liegt. Zuletzt ist dann die Strae ganz abschssig, da bedarf es gar sicherer Lenkung. Die Meeresgttin Thetis selbst, die mich in ihren Fluten aufzunehmen bereit ist, pflegt alsdann zu befrchten, ich mchte in die Tiefe geschmettert werden. Dazu bedenke, da der Himmel sich in bestndigem Umschwunge dreht und ich diesem reienden Kreislaufe entgegenfahren mu. Wie vermchtest du das, wenn ich dir auch meinen Wagen gbe? Darum, geliebter Sohn, verlange nicht ein so schlimmes Geschenk und bessere deinen Wunsch, solange es noch Zeit ist. Sieh mein erschrecktes Gesicht an. O knntest du durch meine Augen in mein sorgenvolles Vaterherz eindringen! Verlange, was du sonst willst von alle Gtern des Himmels und der Erde! Ich schwre dir beim Styx, du sollst es haben!  Was umarmst du mich mit solchem Ungestm?

Aber der Jngling lie mit Flehen nicht ab, und der Vater hatte den heiligen Schwur geschworen. So nahm er denn seinen Sohn bei der Hand und fhrte ihn zu dem Sonnenwagen, Hephaistos' herrlicher Arbeit. Achse, Deichsel und der Kranz der Rder waren von Gold, die Speichen Silber; vom Joche schimmerten Chrysolithen und Juwelen. Whrend Phathon die herrliche Arbeit beherzt anstaunte, tat im gerteten Osten die erwachte Morgenrte ihr Purpurtor und ihren Vorsaal, der voll Rosen ist, auf. Die Sterne verschwanden allmhlich, der Morgenstern ist der letzte, der seinen Posten am Himmel verlt, und die uersten Hrner des Mondes verlieren sich am Rande. Jetzt gibt Phbos den geflgelten Horen den Befehl, die Rosse zu schirren; und diese fhren die glutsprhenden Tiere, von Ambrosia gesttigt, von den erhabenen Krippen und legen ihnen herrliche Zume an. Whrend dies geschah, bestrich der Vater das Antlitz seines Sohnes mit einer heiligen Salbe und machte es dadurch geschickt, die glhende Flamme zu ertragen. Um das Haupthaar legte er ihm seine Strahlensonne, aber er seufzte dazu und sprach warnend: Kind, schone mir die Stacheln, brauche wacker die Zgel; denn die Rosse rennen schon von selbst, und es kostet Mhe, sie im Fluge zu halten; die Strae geht schrg in weit umbiegender Krmmung; den Sdpol wie den Nordpol mut du meiden. Du erblickst deutlich die Gleise der Rder. Senke dich nicht zu tief, sonst gert die Erde in Brand; steige nicht zu hoch, sonst verbrennst du den Himmel. Auf, die Finsternis flieht, nimm die Zgel zur Hand; oder  noch ist es Zeit; besinne dich, liebes Kind; berla den Wagen mir, la mich der Welt das Licht schenken, und bleibe du Zuschauer!

Der Jngling schien die Worte des Vaters gar nicht zu hren, er schwang sich mit einem Sprung auf den Wagen, ganz erfreut, die Zgel in den Hnden zu haben, und nickte dem unzufriedenen Vater einen kurzen, freundlichen Dank zu. Mittlerweile fllten die vier Flgelrosse mit glutatmendem Wiehern die Luft, und ihr Huf stampfte gegen die Barren. Ohne etwas vom Lose ihres Enkels zu ahnen, ffnete Thetis, die Mutter Klymenes, die Schranken; die Welt lag in unendlichem Raume vor den Blicken des Knaben, die Rosse flogen die Bahn aufwrts und spalteten die Morgennebel, die vor ihnen lagen.

Inzwischen fhlten die Rosse wohl, da sie nicht die gewohnte Last trugen und das Joch leichter sei als gewhnlich; und wie Schiffe, wenn sie das rechte Gewicht nicht haben, im Meere schwanken, so machte der Wagen Sprnge in der Luft, ward hoch emporgestoen und rollte dahin, als wre er leer. Als das Rossegespann dies merkte, rannte es, die gebahnten Rume verlassend, und lief nicht mehr in der vorigen Ordnung. Phathon fing an zu erbeben, er wute nicht, wohin die Zgel lenken, wute den Weg nicht, wute nicht, wie er die wilden Rosse bndigen sollte. Als nun der Unglckliche hoch vom Himmel abwrts sah, auf die tief, tief unter ihm sich hinstreckenden Lnder, wurde er bla, und seine Knie zitterten von pltzlichem Schrecken. Er sah rckwrts; schon lag viel Himmel hinter ihm, aber noch mehr vor seinen Augen. Beides erma er in seinem Geiste. Unwissend, was beginnen, starrte er in die Weite, lie die Zgel nicht nach, zog sie auch nicht weiter an; er wollte den Rossen rufen, aber er kannte ihre Namen nicht. Mit Grauen sah er die mannigfaltigen Sternbilder an, die in abenteuerlichen Gestalten am Himmel herumhingen. Da lie er, von kaltem Entsetzen gefat, die Zgel fahren, und wie diese herabschlotternd den Rcken der Pferde berhrten, so verlieen die Rosse ihre Spur, schweiften seitwrts in fremde Luftgebiete, gingen bald hoch empor, bald tief hernieder; jetzt stieen sie an den Fixsternen an, jetzt wurden sie auf abschssigem Pfade in die Nachbarschaft der Erde herabgerissen. Schon berhrten sie die erste Wolkenschicht, die bald entzndet aufdampfte. Immer tiefer strzte der Wagen, und unversehens war er einem Hochgebirge nahe gekommen. Da lechzte vor Hitze der Boden, spaltete sich, und weil pltzlich alle Sfte austrockneten, fing er an zu glimmen; das Heidegras wurde weigelb und welkte hinweg; weiter unten loderte das Laub der Waldbume auf, bald war die Glut bei der Ebene angekommen; nun wurde die Saat weggebrannt; ganze Stdte loderten in Flammen auf, Lnder mit all ihrer Bevlkerung wurden versengt; rings brannten Hgel, Wlder und Berge. Damals sollen auch die Mohren schwarz geworden sein. Die Strme versiegten oder flohen erschreckt nach ihrer Quelle zurck, das Meer selbst wurde zusammengedrngt, und was jngst noch See war, wurde trockenes Sandfeld.

An allen Seiten sah Phathon den Erdkreis entzndet; ihm selbst wurde die Glut bald unertrglich; wie tief aus dem Innern einer Feueresse atmete er siedende Luft ein und fhlte unter seinen Sohlen, wie der Wagen erglhte. Schon konnte er den Dampf und die vom Erdbrand emporgeschleuderte Asche nicht mehr ertragen; Qualm und pechschwarzes Dunkel umgab ihn; das Flgelgespann ri ihn nach Willkr fort; endlich ergriff die Glut seine Haare, er strzte aus dem Wagen, und brennend wurde er durch die Luft gewirbelt, wie zuweilen ein Stern bei heiterer Luft durch den Himmel zu schieen scheint. Ferne von der Heimat nahm ihn der breite Strom Eridanos auf und besplte ihm sein schumendes Angesicht. Phbos, der Vater, der dies alles mit ansehen mute, verhllte sein Haupt in brtender Trauer. Damals, sagt man, sei ein Tag der Erde ohne Sonnenlicht vorbergeflogen. Der ungeheure Brand leuchtete allein.



Europa

Im Lande Tyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Knigs Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des vterlichen Palastes. Zu dieser ward nachmitternchtlicherweile, wo untrgliche Trume die Sterblichen besuchen, ein seltsames Traumbild vom Himmel gesendet. Es kam ihr vor, als erschienen zwei Weltteile in Frauengestalt, Asien und der gegenberliegende, und stritten um ihren Besitz. Die eine der Frauen hatte die Gestalt einer Fremden; die andere  und dies war Asien  glich an Aussehen und Gebrde einer Einheimischen. Diese wehrte sich mit zrtlichem Eifer fr ihr Kind Europa, sprechend, da sie es sei, welche die geliebte Tochter geboren und gesugt htte. Das fremde Weib aber umfate sie wie einen Raub mit gewaltigen Armen und zog sie mit sich fort, ohne da Europa im Innern zu widerstreben vermochte. Komm nur mit mir, Liebchen, sprach die Fremde, ich trage dich als Beute dem giserschtterer Zeus entgegen; so ist dir's vom Geschicke beschieden. Mit klopfendem Herzen erwachte Europa und richtete sich vom Lager auf, denn das Nachtgesicht war hell wie ein Anblick des Tages gewesen. Lange Zeit sa sie unbeweglich aufrecht im Bette, vor sich hinstarrend, und vor ihren weit aufgetanen Augensternen standen noch die beiden Weiber. Erst spt ffneten sich ihre Lippen zum bangen Selbstgesprche: Welcher Himmlische, sprach sie, hat mir diese Bilder zugeschickt? Was fr wunderbare Trume haben mich aufgeschreckt, die ich im Vaterhause s und sicher schlummerte? Wer war doch die Fremde, die ich im Traume gesehen? Welch eine wunderbare Sehnsucht nach ihr regt sich in meinem Herzen? Und wie ist sie selbst mir so liebreich entgegengekommen, und auch als sie mich gewaltsam entfhrte, mit welchem Mutterblicke hat sie mich angelchelt! Mgen die seligen Gtter mir den Traum zum besten kehren!

Der Morgen war herangekommen; der helle Tagesschein vermischte den nchtlichen Schimmer des Traumes aus der Seele der Jungfrau, und Europa erhub sich zu den Beschftigungen und Freuden ihres jungfrulichen Lebens. Bald sammelten sich um sie ihre Altergenossinnen und Gespielinnen, Tchter der ersten Huser, welche sie zu Chortnzen, Opfern und Lustgesngen zu begleiten pflegten. Auch jetzt kamen sie, ihre Herrin zu einem Gange nach den blumenreichen Wiesen des Meeres einzuladen, wo sich die Mdchen der Gegend scharenweise zu versammeln und am ppigen Wuchse der Blumen und am rauschenden Halle des Meeres zu erfreuen pflegten. Alle Mdchen fhrten einen Korb zum Blumensammeln in den Hnden. Europa selbst trug einen goldenen Korb, geschmckt mit glnzenden Bildern aus der Gttersage; er war ein Werk des Hephaistos, ein uraltes Gttergeschenk des Erderschtterers Poseidon, das dieser der Libya geschenkt hatte, als er um sie warb. Aus ihrem Besitze war es von Hand zu Hand als Erbstck in das Haus des Agenor gekommen. Mit diesem Brautschmuck angetan, eilte die holdselige Europa an der Spitze ihrer Gespielinnen den Meereswiesen zu, die voll der buntesten Blumen standen. Jubelnd zerstreute sich die Schar der Mdchen da- und dorthin, jede suchte sich eine Blume auf, die nach ihrem Sinne war. Die eine pflckte die glnzende Narzisse, die andere wandte sich der Balsam ausstrmenden Hyazinthe zu, eine dritte erwhlte sich das sanfter duftende Veilchen, andern gefiel der gewrzige Quendel, wieder andere brachen den gelben, lockenden Krokus. So flogen die Gespielinnen hin und her; Europa aber hatte bald ihr Ziel gefunden, sie stand, wie unter den Grazien die schaumgeborne Liebesgttin, alle ihre Genossinnen berragend, und hielt hoch in der Hand einen vollen Strau von glhenden Rosen.

Als sie genug Blumen gesammelt, lagerten sich die Jungfrauen, ihre Frstin in der Mitte, harmlos auf dem Rasen und fingen an, Krnze zu flechten, die sie, den Nymphen der Wiese zum Dank, an grnenden Bumen aufhngen wollten. Aber nicht lange sollten sie ihren Sinn an den Blumen ergtzen, denn in das sorglose Jugendleben Europas griff unversehens das Schicksal ein, das ihr der Traum der verschwundenen Nacht geweissagt hatte. Zeus, der Kronide, war von den Geschossen der Liebesgttin, die allein auch den unbezwungenen Gttervater zu besiegen vermochten, getroffen und von der Schnheit der jungen Europa ergriffen worden. Weil er aber den Zorn der eiferschtigen Hera frchtete, auch nicht hoffen durfte, den unschuldigen Sinn der Jungfrau zu betren, so sann der verschlagene Gott auf eine neue List. Er verwandelte seine Gestalt und wurde ein Stier. Aber welch ein Stier! Nicht, wie er auf gemeiner Wiese geht oder unters Joch gebeugt den schwerbeladenen Wagen zieht; nein, gro, herrlich von Gestalt, mit schwellenden Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug; seine Hrner waren zierlich und klein, wie von Hnden gedrechselt, und durchsichtiger als reine Juwelen; goldgelb war die Farbe seines Leibes, nur mitten auf der Stirne schimmerte ein silberweies Mal, dem gekrmmten Horne des wachsenden Mondes hnlich; blulichte, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.

Ehe Zeus diese Verwandlung mit sich vornahm, rief er zu sich auf den Olymp den Hermes und sprach, ohne ihm etwas von seinen Absichten zu enthllen: Spute dich, lieber Sohn, getreuer Vollbringer meiner Befehle! Siehst du dort unten das Land, das links zu uns emporblickt? Es ist Phnizien; dieses betritt und treibe mir das Vieh des Kniges Agenor, das du auf den Bergtriften weidend finden wirst, gegen das Meeresufer hinab. In wenigen Augenblicken war der geflgelte Gott, dem Winke seines Vaters gehorsam, auf der sidonischen Bergweide angekommen und trieb die Herde des Kniges, unter die sich auch, ohne da Hermes es geahnt htte, der verwandelte Zeus als Stier gemischt hatte, vom Berge herab nach dem angewiesenen Strande, eben auf jene Wiesen, wo die Tochter Agenors, von lyrischen Jungfrauen umringt, sorglos mit Blumen tndelte. Die brige Herde nun zerstreute sich ber die Wiesen ferne von den Mdchen; nur der schne Stier, in welchem der Gott verborgen war, nherte sich dem Rasenhgel, auf welchem Europa mit ihren Gespielinnen sa. Schmuck wandelte er im ppigen Grase einher, ber seiner Stirne schwebte kein Drohen, sein funkelndes Auge flte keine Furcht ein, sein ganzes Aussehen war voll Sanftmut. Europa und ihre Jungfrauen bewunderten die edle Gestalt des Tieres und seine friedlichen Gebrden, ja sie bekamen Lust, ihn recht in der Nhe zu besehen und ihm den schimmernden Rcken zu streicheln. Der Stier schien dies zu merken, denn er kam immer nher und stellte sich endlich dicht vor Europa hin. Diese sprang auf und wich anfangs einige Schritte zurck; als aber das Tier sogar zahm stehenblieb, fate sie sich ein Herz, nherte sich wieder und hielt ihm ihren Blumenstrau vor das schumende Maul, aus dem sie ein ambrosisches Atem anwehte. Der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jungfrauenhand, die ihm den Schaum abwischte und ihn liebreich zu streicheln begann. Immer reizender kam der herrliche Stier der Jungfrau vor, ja sie wagte es und drckte einen Ku auf seine glnzende Stirne. Da lie das Tier ein freudiges Brllen hren, nicht wie andere gemeine Stiere brllen, sondern es tnte wie der Klang einer lydischen Flte, die ein Bergtal durchhallt. Dann kauerte es sich zu den Fen der schnen Frstin nieder, blickte sie sehnschtig an, wandte ihr den Nacken zu und zeigte ihr den breiten Rcken. Da sprach Europa zu ihren Freundinnen, den Jungfrauen: Kommt doch auch nher, liebe Gespielinnen, da wir uns auf den Rcken dieses schnen Stieres setzen und unsere Lust haben; ich glaube, er knnte unserer viere aufnehmen und beherbergen. Er ist so zahm und sanftmtig anzuschauen, so holdselig; er gleicht gar nicht anderen Stieren; wahrhaftig, er hat Verstand wie ein Mensch, und es fehlt ihm gar nichts als die Rede! Mit diesen Worten nahm sie ihren Gespielinnen die Krnze, einen nach dem andern, aus den Hnden und behngte damit die gesenkten Hrner des Stieres, dann schwang sie sich lchelnd auf seinen Rcken, whrend ihre Freundinnen zaudernd und unschlssig zusahen.

Der Stier aber, als er die geraubt, die er gewollt hatte, sprang vom Boden auf. Anfangs ging er ganz sachte mit der Jungfrau davon, doch so, da ihre Genossinnen nicht gleichen Schritt mit seinem Gange halten konnten. Als er die Wiesen im Rcken und den kahlen Strand vor sich hatte, verdoppelte er seinen Lauf und glich nun nicht mehr einem trabenden Stiere, sondern einem fliegenden Ro. Und ehe sich Europa besinnen konnte, war er mit einem Satz ins Meer gesprungen und schwamm mit seiner Beute dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eins seiner Hrner umklammert, mit der Linken sttzte sie sich auf den Rcken; in ihre Gewnder blies der Wind wie ein Segel; ngstlich blickte sie nach dem verlassenen Lande zurck und rief umsonst den Gespielinnen; das Wasser umwallte den segelnden Stier, und seine hpfenden Wellen scheuend, zog sie furchtsam die Fersen hinauf Aber das Tier schwamm dahin wie ein Schiff; bald war das Ufer verschwunden, die Sonne untergegangen, und im Helldunkel der Nacht sah die unglckliche Jungfrau nichts um sich her als Wogen und Gestirne. So ging es fort, auch als der Morgen kam; den ganzen Tag schwamm sie auf dem Tiere durch die unendliche Flut dahin; doch wute dieses so geschickt die Wellen zu durchschneiden, da kein Tropfen seine geliebte Beute benetzte. Endlich gegen Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der Stier schwang sich ans Land, lie die Jungfrau unter einem gewlbten Baume sanft vom Rcken gleiten und verschwand vor ihren Blicken. An seine Stelle trat ein herrlicher, gttergleicher Mann, der ihr erklrte, da er der Beherrscher der Insel Kreta sei und sie schtzen werde, wenn er durch ihren Besitz beglckt wrde. Europa in ihrer trostlosen Verlassenheit reichte ihm ihre Hand als Zeichen der Einwilligung; und Zeus hatte das Ziel seiner Wnsche erreicht.

Aus langer Betubung erwachte Europa, als schon die Morgensonne am Himmel stand. Sie fand sich einsam, sah mit verirrten Blicken um sich her, als wollte sie die Heimat suchen. Vater, Vater! rief sie mit durchdringendem Wehelaut, besann sich eine Weile und rief wieder: Ich verworfene Tochter, wie darf ich den Vaternamen nur aussprechen? Welcher Wahnsinn hat mich die Kindesliebe vergessen lassen! Dann sah sie wieder, wie sich besinnend, umher und fragte sich selbst: Woher, wohin bin ich gekommen?  Zu leicht ist ein Tod fr die Schuld der Jungfrau! Aber wache ich denn auch und beweine einen wirklichen Schimpf? Nein, ich bin gewi unschuldig an allem, und es neckt meinen Geist nur ein nichtiges Traumbild, das der Morgenschlaf wieder entfhren wird! Wie wre es auch mglich, da ich mich htte entschlieen knnen, lieber auf dem Rcken eines Untieres durch unendliche Fluten zu schwimmen, als in holder Sicherheit frische Blumen zu pflcken!  So sprach sie und fuhr mit der flachen Hand ber die Augenlider, als wollte sie den verhaten Traum verwischen. Als sie aber um sich blickte, blieben die fremden Gegenstnde unverrckt vor ihren Augen; unbekannte Bume und Felsen umgaben sie, und eine unheimliche Meeresflut schumte, an starren Klippen sich brechend, empor am niegeschauten Gestade. Ach, wer mir jetzt den Stier auslieferte, rief sie verzweifelnd, wie wollte ich ihn zerfleischen; nicht ruhen wollte ich, bis ich die Hrner des Ungeheuers zerbrochen, das mir jngst noch so liebenswrdig erschien! Eitler Wunsch! Nachdem ich schamlos die Heimat verlassen, was bleibt mir brig als zu sterben? Wenn mich nicht alle Gtter verlassen haben, so sendet mir, ihr Himmlischen, einen Lwen, einen Tiger! Vielleicht reizt sie die Flle meiner Schnheit, und ich mu nicht warten, bis der entsetzliche Hunger an diesen blhenden Wangen zehrt! Aber kein wildes Tier erschien; lchelnd und friedlich lag die fremde Gegend vor ihr, und vom unumwlkten Himmel leuchtete die Sonne. Wie von Furien bestrmt, sprang die verlassene Jungfrau auf Elende Europa, rief sie, hrst du nicht die Stimme deines abwesenden Vaters, der dich verflucht, wenn du deinem schimpflichen Leben nicht ein Ende machst! Zeigt er dir nicht jene Esche, an welche du dich mit deinem Grtel aufhngen kannst? Deutet er nicht hin auf jenes spitze Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird? Oder willst du lieber einem Barbarenfrsten als Nebenweib dienen und als Sklavin von Tag zu Tag die zugeteilte Wolle abspannen, du, eines hohen Kniges Tochter? So qulte sich das unglckliche verlassene Mdchen mit Todesgedanken und fhlte doch nicht den Mut in sich, zu sterben. Da vernahm sie pltzlich ein heimliches spottendes Flstern hinter sich, glaubte sich belauscht und blickte erschrocken rckwrts. In berirdischem Glanze sah sie da die Gttin Aphrodite vor sich stehen, ihren kleinen Sohn, den Liebesgott, mit gesenktem Bogen zur Seite. Noch schwebte ein Lcheln auf den Lippen der Gttin, dann sprach sie: La deinen Zorn und Hader, schnes Mdchen! Der verhate Stier wird kommen und dir die Hrner zum Zerreien darreichen; ich bin es, die dir im vterlichen Hause jenen Traum gesendet. Trste dich, Europa! Zeus ist es, der dich geraubt hat; du bist die irdische Gattin des unbesiegten Gottes; unsterblich wird dein Name werden, denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heit hinfort Europa!



Kadmos

Kadmos war ein Sohn des phnizischen Kniges Agenor, ein Bruder der Europa. Als Zeus, in einen Stier verwandelt, diese entfhrt hatte, sandte ihr Vater den Kadmos und dessen Brder aus, sie zu suchen, und ohne sie erlaubte er ihnen nicht wieder zurckzukommen. Lange hatte Kadmos vergebens die Welt durchirrt, ohne des Zeus Schliche entdecken zu knnen. Als er die Hoffnung verloren hatte, seine Schwester wieder aufzufinden, scheute er seines Vaters Zorn, wandte sich an das Orakel des Phbos Apollo und forschte, welches Land er insknftige bewohnen sollte. Apollo gab ihm die Weisung: Du wirst ein Rind auf einsamen Auen treffen, das noch kein Joch geduldet hat. Von diesem sollst du dich leiten lassen, und an dem Platze, wo es im Grase ruhen wird, erbaue Mauern und nenne die Stadt Theben. Kaum hatte Kadmos die Kastalische Hhle verlassen, wo Apolls Orakel war, als er schon auf der grnen Weide eine Kuh sich bedchtig ergehen sah, die noch kein Zeichen der Dienstbarkeit um den Nacken trug. Lautlos zu Phbos betend, folgte er mit langsamen Schritten den Spuren des Tieres. Schon hatte er die Furt des Kephissos durchwatet und war ber eine gute Strecke Landes gekommen, als auf einmal das Rind stillestand, sein Gehrn gen Himmel streckte und die Luft mit Brllen erfllte; dann schaute es rckwrts nach der Schar der Mnner, die ihm folgte, und kauerte sich endlich im schwellenden Grase nieder.

Voll Dankes warf sich Kadmos auf der fremden Erde nieder und kte sie. Hierauf wollte er dem Zeus opfern und hie die Diener sich aufmachen, um ihm Wasser aus lebendigem Quell zum Trankopfer zu holen. Dort war ein altes Gehlz, das noch von keinem Beile jemals ausgehauen worden war; mitten darin bildete durch zusammengefgtes Felsgestein, mit Gestrppe und Strauchwerk verwachsen, eine Kluft, reich an Quellwasser, ein niedriges Gewlbe. In dieser Hhle versteckt ruhte ein grausamer Drache. Weithin sah man seinen roten Kamm schimmern, aus den Augen sprhte Feuer, sein Leib schwoll von Gift, mit drei Zungen zischte er und mit drei Reihen Zhne war sein Rachen bewaffnet. Wie nun die Phnizier den Hain betreten hatten und der Krug, niedergelassen, in den Wellen pltscherte, streckte der bluliche Drache pltzlich sein Haupt weit aus der Hhle und erhub ein entsetzliches Zischen. Die Schpfurnen entglitten der Hand der Diener, und vor Schrecken stockte ihnen das Blut im Leibe. Der Drache aber verwickelte seine schuppigen Ringe zum schlpfrigen Knuel, dann krmmte er sich im Bogensprunge, und ber die Hlfte aufgerichtet schaute er auf den Wald herab. Darauf reckte er sich gegen die Phnizier aus, ttete die einen durch seinen Bi, die andern erdrckte er mit seiner Umschlingung, noch andere erstickte sein bloer Anhauch, und wieder andere brachte sein giftiger Geifer um.

Kadmos wute nicht, warum seine Diener solange zauderten. Zuletzt machte er sich auf, selbst nach ihnen zu schauen. Er deckte sich mit dem Felle, das er einem Lwen abgezogen hatte, nahm Lanze und Wurfspie mit sich, dazu ein Herz, das besser war als jede Waffe. Das erste, was ihm beim Eintritt in den Hain aufstie, waren die Leichen seiner getteten Diener, und ber ihnen sah er den Feind mit geschwollenem Leibe triumphieren und mit der blutigen Zunge die Leichname belecken. Ihr armen Genossen, rief Kadmos voll Jammer aus, entweder bin ich euer Rcher oder der Gefhrte eures Todes! Mit diesen Worten ergriff er ein Felsstck und sandte es gegen den Drachen. Mauern und Trme htte wohl der Stein erschttert, so gro war er. Aber der Drache blieb unverwundet, sein harter schwarzer Balg und die Schuppenhaut schirmten ihn wie ein eherner Panzer. Nun versuchte es der Held mit dem Wurfspie. Diesem hielt der Leib des Ungeheuers nicht stand, die sthlerne Spitze stieg tief in sein Eingeweide nieder. Wtend vor Schmerz drehte der Drache den Kopf gegen seinen Rcken und zermalmte dadurch die Stange des Wurfspiees, aber das Eisen blieb im Leibe stecken. Ein Streich vom Schwerte steigerte noch seine Wut, der Schlund schwoll ihm auf, und weier Schaum flo aus dem giftigen Rachen. Aufrechter als ein Baumstamm scho der Drache hinaus, dann rannte er mit der Brust wieder gegen die Waldbume. Agenors Sohn wich dem Anfalle aus, deckte sich mit der Lwenhaut und lie die Drachenzhne an der Lanzenspitze sich abmden. Endlich fing das Blut an, denn Untier aus dem Halse zu flieen, und rtete die grnen Kruter umher; aber die Wunde war nur leicht, denn der Drache wich jedem Sto und Stiche aus und verstattete den Streichen nicht, fest zu sitzen. Zuletzt jedoch stie ihm Kadmos das Schwert in die Gurgel, so tief, da es hinterwrts in einen Eichbaum fuhr und mit dem Nacken des Ungeheuers zugleich der Stamm durchbohrt wurde. Der Baum wurde von dem Gewichte des Drachen krummgebogen und seufzte, weil er seinen Stamm von der Spitze des Schweifes gepeitscht fhlte. Nun war der Feind berwltigt.

Kadmos betrachtete den erlegten Drachen lange; als er sich wieder umsah, stand Pallas Athene, die vom Himmel herniedergefahren war, zu seiner Seite und befahl ihm, sofort die Zhne des Drachens als Nachwuchs knftigen Volkes in aufgelockertes Erdreich zu sen. Er gehorchte der Gttin, ffnete mit dem Pflug eine breite Furche auf dem Boden und fing an, die Drachenzhne, wie ihm befohlen war, die ffnung entlang auszustreuen. Auf einmal begann die Scholle sich zu rhren, und aus den Furchen hervor blickte zuerst nur die Spitze einer Lanze, dann kam ein Helm hervor, auf welchem ein farbiger Busch sich schwenkte, bald ragten Schulter und Brust und bewaffnete Arme aus dem Boden, und endlich stand ein gersteter Krieger da, vom Kopf bis zum Fue der Erde entwachsen. Dies geschah an vielen Orten zugleich, und eine ganze Saat bewaffneter Mnner wuchs vor den Augen des Phniziers empor.

Agenors Sohn erschrak und war gefat darauf, einen neuen Feind bekmpfen zu mssen. Aber einer von dem erdentsprossenen Volke rief ihm zu: Nimm die Waffen nicht, menge dich nicht in innere Kriege! Sofort holte dieser auf einen der ihm zunchst aus der Furche hervorgekommenen Brder mit einem Schwertstreich aus; ihn selbst streckte zu gleicher Zeit ein Wurfspie nieder, der aus der Ferne geflogen kam. Auch der, welcher ihm den Tod gegeben, verhauchte unter einer Wunde den kaum empfangenen Lebensatem bald wieder. Der ganze Mnnerschwarm tobte in frchterlichem Wechselkampfe; fast alle lagen mit zuckender Brust auf dem Boden, und die Mutter Erde trank das Blut ihrer eben erst geborenen Shne. Nur fnf waren briggeblieben. Einer davon  er ward spter Echion genannt  warf zuerst auf Athenes Gehei die Waffen zur Erde und erbot sich zum Frieden; ihm folgten die anderen.

Mit dieser fnf erdentsprossenen Krieger Hilfe baute der phnizische Fremdling Kadmos die neue Stadt, dem Orakel des Phbos gehorsam, und nannte sie, wie ihm befohlen war, Theben.



Pentheus

Zu Theben ward Bakchos oder Dionysos, der Sohn des Zeus und der Semele, der Enkel des Kadmos, wunderbar geboren, der Gott der Fruchtbarkeit, der Erfinder des Weinstocks. In Indien erzogen, verlie er bald die Nymphen, seine Pflegerinnen, und durchreiste die Lnder, um allenthalben die Menschen zu bilden, den Bau des herzerfreuenden Weines zu lehren und die Verehrung seiner Gottheit zu grnden. So gtig er gegen seine Freunde war, so hart bestrafte er diejenigen, die seinen Gottesdienst nicht anerkennen wollten. Schon war sein Ruhm durch die Stdte Griechenlands und bis zur Stadt seiner Geburt, nach Theben, gedrungen. Dort aber herrschte Pentheus, welchem Kadmos das Knigreich bergeben hatte, der Sohn des erdentsprossenen Echion und der Agave, einer Mutterschwester des Bakchos. Dieser war ein Verchter der Gtter und zumeist seines Verwandten, des Dionysos. Als nun der Gott mit seinem jauchzenden Gefolge von Bakchanten herannahte, um sich dem Knige von Theben als Gott zu offenbaren, hrte dieser nicht auf die Warnung des blinden, greisen Sehers Tiresias, und als ihm die Nachricht zu Ohren kam, da auch aus Theben Mnner, Frauen und Jungfrauen zur Verehrung des neuen Gottes hinausstrmten, fing er an ergrimmt zu schelten: Welch ein Wahnsinn hat euch betrt, ihr drachenentsprossenen Thebaner, da euch, die kein Schlachtschwert, keine Trompete jemals geschreckt hat, jetzt ein weichlicher Zug von berauschten Toren und Weibern besiegt? Und ihr Phnizier, die ihr weit ber Meere hierher gefahren seid und euren alten Gttern eine Stadt gegrndet, habt ihr ganz vergessen, aus welchem Heldengeschlecht ihr gezeugt seid? Wollt ihr es dulden, da ein wehrloses Knblein Theben erobere, ein Weichling mit balsamtriefendem Haar, auf dem ein Kranz aus Weinlaub sitzt, in Purpur und Gold anstatt in Stahl gekleidet, der kein Ro tummeln kann, dem keine Wehr, keine Fehde behagt? Wenn nur ihr wieder zur Besinnung kommet, so will ich ihn bald ntigen, einzugestehen, da er ein Mensch ist, wie ich, sein Vetter, da nicht Zeus sein Vater und alle diese prchtige Gottesverehrung erlogen ist! Dann wandte er sich zu seinen Dienern und befahl ihnen, den Anfhrer dieser neuen Raserei, wo sie ihn antrfen, zu fassen und in Fesseln herzuschleppen.

Seine Freunde und Verwandte, die um den Knig waren, erschraken ber diesen frechen Befehl; sein Ahnherr Kadmos, der in hohem Greisenalter noch lebte, schttelte das Haupt und mibilligte das Tun des Enkels; aber durch Ermahnungen wurde seine Wut nur gestachelt, sie schumte ber alle Hindernisse hin, wie ein rasender Flu ber das Wehr.

Unterdessen kamen die Diener mit blutigen Kpfen zurck. Wo habt ihr den Bakchos? rief ihnen Pentheus zornig entgegen. Den Bakchos, antworteten sie, haben wir nirgends gesehen. Dafr bringen wir hier einen Mann aus seinem Gefolge. Er scheint noch nicht lange bei ihm zu sein. Pentheus starrte den Gefangenen mit grimmigen Augen an und schrie dann: Mann des Todes! denn auf der Stelle mut du, den andern zu einem warnenden Beispiele, sterben! Sag an, wie heit dein und deiner Eltern Name, wie dein Land, und, sag auch, warum verehrst du die neuen Gebruche?

Frei und ohne Furcht erwiderte jener: Mein Name ist Aktes, meine Heimat Monien, meine Eltern sind aus dem gemeinen Volke. Keine Fluren, keine Herden lie mir der Vater zum Erbteil, er lehrte mich nur die Kunst, mit der Angelrute zu fischen; denn diese Kunst war all sein Reichtum. Bald lernte ich auch ein Schiff regieren, die leitenden Gestirne, die Winde, die wohlgelegenen Hfen kennen und fing an, Schiffahrt zu treiben. Einst, auf einer Fahrt nach Delos, geriet ich an eine unbekannte Kste, wo wir anlegten. Ein Sprung brachte mich auf den feuchten Sand, und ich bernachtete hier noch ohne die Gefhrten am Ufer. Des andern Tages machte ich mich mit der ersten Morgenrte auf und bestieg einen Hgel, um zu sehen, was der Wind uns verspreche. Inzwischen hatten auch meine Gefhrten gelandet, und auf dem Rckwege nach dem Schiffe begegnete ich ihnen, wie sie gerade einen Jngling mit sich schleppten, den sie am verlassenen Gestade geraubt hatten. Der Knabe, von jungfrulicher Schnheit, schien vom Weine betubt, taumelnd wie von Schlfrigkeit, und hatte Mhe, ihnen zu folgen. Als ich Angesicht, Haltung, Bewegung des Jnglings nher ins Auge fate, schien sich mir an demselben etwas berirdisches zu offenbaren. Was fr ein Gott in dem Jngling sei, so sprach ich zu der Mannschaft, Wei ich noch nicht recht; aber so viel ist mir gewi, da ein Gott in ihm ist.  Wer du auch seiest, sprach ich weiter, sei uns hold und frdere unsre Arbeit! Verzeih auch diesen, die dich geraubt! Was fllt dir ein, rief ein anderer, la du das Beten! Auch die brigen lachten ber mich, von Raubgier verblendet, und somit faten sie den Knaben, um ihn in das Schiff zu schleppen. Vergebens stellte ich mich entgegen; der Jngste und Krftigste unter der Rotte, aus einer tyrrhenischen Stadt wegen eines Mordes flchtig, packte mich an der Gurgel und schleuderte mich hinaus. Ich wre im Meere ertrunken, wenn mich das Takelwerk nicht aufgefangen htte. Inzwischen lag der Knabe wie im tiefen Schlummer auf dem Schiffe, wohin man ihn gebracht hatte. Pltzlich, wie vom Geschrei erwacht und vom Rausche zurckgekehrt, raffte er sich auf, trat unter die Schiffer und riefWelcher Lrm? Sprecht, ihr Mnner, durch welches Geschick kam ich hierher? Wohin wollt ihr mich bringen? Frchte dich nicht, Knabe, sprach einer der falschen Schiffer, nenne uns nur den Hafen, nach welchem du gebracht zu werden wnschest; gewi, wir setzen dich ab, wo du es verlangst. Nun wohl, sprach der Knabe, so richtet den Lauf nach der Insel Naxos, dort ist meine Heimat! Die Betrger versprachen es ihm bei allen Gttern und hieen mich die Segel richten. Uns zur rechten Seite lag Naxos. Wie ich nun die Segel rechtshin spanne, winken und murmeln sie mir alle zu: Unsinniger, was machst du? Was fr ein Wahnwitz plagt dich? Fahr links! Ich erstaunte darber und begriff sie nicht. Nehme sich ein anderer des Schiffes an! sprach ich und trat auf die Seite. Als ob das Heil unserer Fahrt allein auf dir beruhte! schrie mir ein roher Geselle zu und verrichtete das Geschft anstatt meiner. So lieen sie Naxos liegen und steuerten in der entgegengesetzten Richtung. Hohnlchelnd, als ob er den Trug jetzt erst bemerkte, schaute der Gtterjngling vom Hinterverdeck in die See, und endlich, mit verstellten Trnen, sprach er: Wehe, nicht diese Gestade verhieet ihr mir, Schiffer, dies ist nicht das erbetene Land! Ist es auch recht, da ihr alten Mnner ein Kind auf diese Weise tuschet? Aber die gottesvergessene Rotte spottete seiner und meiner Trnen und ruderte eilig davon. Pltzlich aber, als umschlsse sie eine trockene Schiffswerft, stand die Barke mitten im Meere still. Vergebens schlagen ihre Ruder die See, ziehen sie die Segel herab, streben fort mit doppelter Kraft. Efeu fngt an, die Ruder zu umschlingen, kriecht rckwrts in geschlngelter Windung herauf, streift mit seinen schwellenden Trubchen schon die Segel; Bakchos selbst  denn er war es  steht herrlich da, die Stirn mit beerenbelasteten Trauben bekrnzt, den mit Weinlaub umschlungenen Thyrsosstab schwingend. Tiger, Luchse, Panther erschienen um ihn gelagert, ein duftiger Strom von Wein ergo sich durch das Schiff. Jetzt sprangen die Mnner scheu empor, in Furcht und Wahnsinn. Dem ersten, der aufschreien wollte, krmmte sich Mund und Nase zum Fischmaul, und ehe die andern sich darber entsetzen konnten, war auch ihnen das gleiche geschehen; ihr Leib senkte sich, von blauen Schuppen umgeben; das Rckgrat wurde hochgewlbt; die Arme schrumpften zu Flofedern ein; die Fe vereinigten sich zu einem Schwanze. Sie waren alle zu Fischen geworden, sprangen in das Meer und tauchten auf und nieder. Ich von zwanzigen war allein briggeblieben, aber ich zitterte an allen Gliedern und erwartete jeden Augenblick dieselbe Verwandlung. Bakchos jedoch sprach mir freundlich zu, weil ich ihm ja nur Gutes erwiesen habe. Frchte dich nicht, sagte er, und steure mich gen Naxos. Als wir dort gelandet hatten, weihte er mich an seinem Altar zum feierlichen Dienste seiner Gottheit ein.

Schon zu lange horchen wir deinem Geschwtz, schrie jetzt der Knig Pentheus, auf, ergreifet ihn, ihr Diener, peinigt ihn mit tausend Martern und schickt ihn zur Unterwelt hinab! Die Knechte gehorchten und warfen den Schiffer gefesselt in einen tiefen Kerker. Aber eine unsichtbare Hand befreite ihn.

Nun begann erst die ernstliche Verfolgung der Bakchosfeier. Des Pentheus eigene Mutter, Agave und ihre Schwestern, hatten teil an dem rauschenden Gottesdienste genommen. Der Knig sandte nach ihnen aus und lie alle Bakchantinnen in den Stadtkerker werfen. Aber ohne Hilfe eines Sterblichen werden auch sie ihrer Bande ledig; die Pforten ihres Gefngnisses tun sich auf, und sie rennen in bakchischer Begeisterung frei in den Wldern umher. Der Diener, der abgesandt worden, mit bewaffneter Macht den Gott selbst einzufangen, kam ganz bestrzt zurck, denn jener hatte sich willig und lchelnd den Fesseln dargeboten. So stand er jetzt gefangen vor dem Knige, der selber nicht umhinkonnte, seine jugendliche gttliche Schnheit zu bewundern. Und doch beharrte er in seiner Verblendung und behandelte ihn als einen Betrger, der den Namen Bakchos flschlich fhre. Er lie den gefangenen Gott mit Fesseln belasten und im hintersten und tiefsten Teile seines Palastes, in der Nhe der Pferdekrippen, in einem dunkeln Loche verwahren. Auf des Gottes Gehei spaltete jedoch ein Erdbeben das Gemuer, seine Bande verschwanden. Er trat unversehrt und herrlicher als zuvor in die Mitte seiner Verehrer.

Ein Bote ber den andern kam vor den Knig Pentheus und meldete ihm, welche Wundertaten die Chre begeisterter Frauen, von seiner Mutter und ihren Schwestern angefhrt, verrichteten. Ihr Stab durfte nur an Felsen schlagen, so sprang Wasser oder sprudelnder Wein heraus; die Bche flossen unter seinem Zauberschlage mit Milch; aus den hohlen Bumen trufelte Honig. Ja, fgte einer der Boten hinzu, wrest du zugegen gewesen, o Herr, und httest den Gott, den du jetzt schiltst, selbst gesehen, du wrdest dich in Gebeten vor ihm niedergeworfen haben!

Pentheus, immer entrsteter, bot auf diese Nachrichten alle schwerbewaffneten Krieger, alle Reiter, alle Leichtbeschildeten gegen das rasende Weiberheer auf Da erschien Bakchos selbst wieder und trat als sein eigener Abgeordneter vor den Knig. Er versprach, ihm die Bakchantinnen entwaffnet vorzufhren, wenn nur der Knig selbst die Frauentracht anlegen wolle, damit er nicht als Mann und Uneingeweihter von ihnen zerrissen werde. Ungerne und mit sehr natrlichem Mitrauen ging Pentheus auf den Vorschlag ein; doch folgte er endlich dem Gotte zur Schlachtbank. Aber als er hinausschritt zur Stadt, war er schon vom Wahnsinne, den ihm der mchtige Gott zugesandt hatte, besessen. Ihm deuchte es, als schaue er zwei Sonnen, ein gedoppeltes Theben und jedes seiner Tore zwiefach. Bakchos selbst kam ihm vor wie ein Stier, der mit groen Hrnern an dem Kopfe vor ihm herschreite. Er selbst wurde wider Willen von bakchischer Begeisterung ergriffen, verlangte und erhielt einen Thyrsosstab und strmte in Raserei dahin. So gelangten sie in ein tiefes, quellenreiches, von Fichten beschattetes Tal, wo die Bakchospriesterinnen ihrem Gotte Hymnen sangen, andere ihre Thyrsosstbe mit frischem Efeu bekleideten. Des Pentheus Augen aber waren mit Blindheit geschlagen, oder sein Fhrer Bakchos hatte ihn so zu leiten gewut, da sie die Versammlung der begeisterten Frauen nicht gewahr wurden. Der Gott fate nun mit seiner wunderbar in die Hhe reichenden Hand den Gipfel eines Tannenbaumes, beugte ihn hernieder, wie man einen Weidenzweig biegt, setzte den wahnsinnigen Pentheus darauf und lie den Baum sachte und vorsichtig allmhlich wieder in seine vorige Lage zurckkehren. Wie durch ein Wunder blieb der Knig fest sitzen und erschien auf einmal, hoch auf dem Tannenwipfel hingepflanzt, den Bakchantinnen im Tale, ohne da er sie erblickte. Dann rief Dionysos mit lauter Stimme ins Tal hinab: Ihr Mgde, schauet hier den, der unsere heiligen Feste verspottet; bestrafet ihn! Der ther schwieg, kein Blatt im Walde regte sich, kein Schrei eines Wildes ertnte. Auf richteten sich die Bakchantinnen, ihre Augen leuchteten in irrem Glanz; so horchten sie auf der Stimme Hall, die zum zweitenmal ertnte. Als sie in dem Wort ihren Meister erkannt, schossen sie dahin, schneller denn Tauben; wilder Wahnsinn, vom Gotte gesandt, trieb sie mitten durch die angeschwollenen Waldbche. Endlich waren sie nahe genug gekommen, um ihren Herrn und Verfolger auf dem Tannenwipfel sitzen zu sehen. Schnell flogen Kiesel, abgerissene Tannenste, Thyrsosstbe gegen den Unglcklichen empor, ohne die Hhe zu erreichen, in der er zitternd schwebte. Endlich durchwhlten sie mit harten Eichensten den Boden rings um den Tannenbaum, bis die Wurzel blo war und Pentheus unter lautem Jammergeschrei mit der strzenden Tanne aus der Hhe zu Boden fiel. Seine Mutter Agave, vom Gotte geblendet, da sie den Sohn nicht wiedererkannte, gab das erste Zeichen zum Morde. Dem Knige selbst hatte die Angst seine volle Besinnung wiedergegeben. Mutter, rief er, sie umhalsend, kennst du deinen Sohn nicht mehr, deinen Sohn Pentheus, den du im Hause Echions geboren? Hab Erbarmen mit mir, sei du es nicht, Mutter, die meine Snden am eigenen Kinde straft! Aber die wahnsinnige Bakchospriesterin, schumend und mit weit aufgesperrten Augen, sah nicht ihren Sohn in Pentheus, sondern glaubte einen Berglwen in ihm zu erblicken, fate ihn an der Schulter und ri ihm den rechten Arm vom Leibe; die Schwestern verstmmelten den linken; die ganze wtende Rotte strmte auf ihn ein, jede ergriff ein Glied des Zerrissenen; Agave selbst umklammerte das entrissene Haupt mit blutigen Fingern und trug es als ein Lwenhaupt auf einen Thyrsosstab gesteckt durch die Wlder des Kithairon.

So rchte der mchtige Gott Bakchos sich an dem Verchter seines Gottesdienstes.



Perseus

Perseus, der Sohn des Zeus, wurde mit seiner Mutter Danae von dem Grovater Akrisios, Knige von Argos, dem ein Orakelspruch gesagt hatte, da ein Enkel ihm Leben und Thron rauben wrde, in einen Kasten eingeschlossen und ins Meer geworfen; Zeus behtete sie in den Strmen des Meeres, und sie schwammen bei der Insel Seriphos ans Land. Dort herrschten zwei Brder, Diktys und Polydektes. Diktys fischte eben, als der Kasten angeschwommen kam, und zog ihn ans Land. Beide Brder nahmen sich der Verlassenen liebreich an; Polydektes erhob die Mutter zu seiner Gemahlin, und der Sohn des Zeus, Perseus, wurde von ihm sorgfltig erzogen.

Als Perseus herangewachsen war, berredete ihn sein Stiefvater, auf Taten auszuziehen und etwas Groes zu unternehmen. Der mutige Jngling zeigte sich willig, und bald waren sie einig darber, da Perseus der Medusa ihr furchtbares Haupt abschlagen und dem Knige nach Seriphos bringen sollte. Perseus machte sich auf den Weg und kam unter Leitung der Gtter in die ferne Gegend, wo Phorkys, der Vater vieler entsetzlicher Ungeheuer, hauste. Zuerst traf er auf drei seiner Tchter, die Graien oder Grauen; diese waren grauhaarig von Geburt an; alle drei miteinander hatten sie nur ein Auge und einen Zahn, den sie einander gegenseitig abwechslungsweise zum Gebrauche liehen. Perseus nahm ihnen beides weg, und als sie ihn flehentlich baten, das Unentbehrlichste ihnen doch wiederzugeben, zeigte er sich zur Zurckerstattung nur unter der Bedingung bereit, da sie ihm den Weg zu den Nymphen zeigen sollten. Diese waren andere Wundergeschpfe, die Flgelschuhe, einen Schubsack als Tasche und einen Helm von Hundefell besaen. Wer sich damit bekleidete, konnte fliegen, wohin er wollte, sah, wen er wollte, und wurde von niemand gesehen. Die Tchter des Phorkys zeigten dem Perseus den Weg zu den Nymphen und erhielten Zahn und Auge von ihm zurck. Bei den Nymphen fand und nahm er, was er wollte, warf den Schubsack um, schnallte die Flgelschuhe an seine Knchel und setzte den Helm aufs Haupt. Dazu erhielt er von Hermes eine eherne Sichel, und so ausgerstet flog er zu dem Ozean, wo die andern drei Tchter des Phorkys, die Gorgonen, hausten. Die dritte, die Medusa hie, war allein sterblich; darum war auch Perseus ausgesandt worden, ihr Haupt zu holen. Er fand die Ungeheuer schlafend, ihre Hupter waren mit Drachenschuppen berset, mit Schlangen statt Haaren bedeckt; groe Hauzhne hatten sie, wie Schweine, eherne Hnde und goldene Flgel, mit welchen sie flogen. Jeden, der sie ansah, verwandelte dieser Anblick in Stein. Das wute Perseus. Mit abgewandtem Gesicht stellte er sich deswegen vor die Schlafenden und fing nur in seinem ehernen, glnzenden Schilde ihr dreifaches Bild auf So erkannte er die Gorgo Medusa heraus, Athene fhrte ihm die Hand, und schnitt dem schlafenden Ungeheuer ohne Gefhrde das Haupt ab. Kaum war dies vollbracht, so entsprang dem Rumpfe ein geflgeltes Ro, der Pegasus, und ein Riese, Chrysaor. Beides waren Geschpfe des Poseidon oder Neptunus. Perseus schob nun das Haupt der Medusa in den Schubsack und entfernte sich rcklings, wie er gekommen war. Indessen hatten sich die Schwestern Medusas vom Lager erhoben. Sie erblickten den Rumpf der getteten Schwester und erhoben sich auf ihren Fittichen, den Ruber zu verfolgen. Diesen aber verbarg der Nymphenhelm vor ihren Augen, und sie konnten ihn nirgends innewerden. In der Luft faten inzwischen den Perseus die Winde und schleuderten ihn, wie Regengewlk, bald da-, bald dorthin. Als er ber den Sandwsten Libyens schwebte, rieselten blutige Tropfen vom Medusenhaupte auf die Erde nieder, welche sie auffing und zu bunten Schlangen belebte. Seitdem ist jenes Erdreich an feindseligen Nattern so ergiebig. Perseus flog nun weiter westwrts und senkte sich endlich im Reiche des Kniges Atlas nieder, um ein wenig zu rasten. Dieser htete einen Hain voll goldener Frchte mit einem gewaltigen Drachen. Umsonst bat der Besieger der Gorgone ihn um ein Obdach. Fr sein goldenes Besitztum bange, stie ihn Atlas unbarmherzig von seinem Palaste fort. Da ergrimmte Perseus und sprach: Du willst mir nichts gnnen; empfange du wenigstens ein Geschenk von mir. Er holte die Gorgo aus seinem Schubsacke hervor, wandte sich ab und streckte sie dem Knig Atlas entgegen. Gro wie der Knig war, wurde er augenblicklich zu Stein und in einen Berg verwandelt; Bart und Haupthaar dehnten sich zu Wldern aus; Schultern, Hnde und Gebein wurden Felsrcken; sein Haupt wuchs als hoher Gipfel in die Wolken. Perseus nahm seine Fittiche wieder und schnallte sie sich an die Sohlen, hngte sich den Schubsack um, setzte den Helm auf und schwang sich in die Lfte. Auf seinem Fluge kam er an eine Kste thiopiens, wo der Knig Kepheus regierte. Hier sah er an eine hervorragende Meeresklippe eine Jungfrau angebunden. Wenn nicht ihr Haupthaar ein Lftchen bewegt htte und in ihren Augen Trnen gezittert, so wrde er sie fr ein Marmorbild gehalten haben. Fast htte er in der Luft die Flgel zu bewegen vergessen, so bezaubert war er von dem Reize ihrer Schnheit. Sprich, schne Jungfrau, redete er sie an, du, die du ganz anderes Geschmeide verdientest, warum bist du hier in Banden? Nenne mir doch den Namen deines Landes, nenne mir deinen eigenen Namen! Das gefesselte Mdchen schwieg verschmt; sie scheute sich, den fremden Mann anzureden, und htte gern ihr Angesicht mit den Hnden bedeckt, wenn sie sich htte regen knnen. So aber konnte sie nur ihre Augen mit quellenden Trnen fllen. Endlich, damit der Fremdling nicht glauben mchte, sie habe eine eigene Schuld vor ihm zu verbergen, erwiderte sie: Ich bin Kepheus', des Knigs der thiopier, Tochter und heie Andromeda. Meine Mutter hatte gegen die Tchter des Nereus, die Meeresnymphen, geprahlt, schner zu sein als sie alle. Darber zrnten die Nereiden, und ihr Freund, der Meeresgott, lie eine berschwemmung und einen alles verschlingenden Haifisch ber das Land kommen. Ein Orakelspruch versprach uns Befreiung von der Plage, wenn ich, die Tochter der Knigin, dem Fische zum Frae hingeworfen wrde. Das Volk drang in meinen Vater, dieses Rettungsmittel zu ergreifen, und die Verzweiflung zwang ihn, mich an diesen Felsen zu binden.

Sie hatte die letzten Worte noch nicht ausgesprochen, als die Wogen aufrauschten und aus der Tiefe des Meeres ein Scheusal auftauchte, das mit seiner breiten Brust die ganze Wasserflche umher einnahm. Das Mdchen jammerte laut auf; zugleich sah man Vater und Mutter herbeieilen, beide trostlos, doch in der Mutter Zgen drckte sich noch dazu das Bewutsein der Schuld aus. Sie umarmten die gefesselte Tochter, aber sie brachten ihr nichts mit als Trnen und Wehklagen. Jetzt begann der Fremdling: Zum Jammern wird euch noch Zeit genug brigbleiben; die Stunde der Rettung ist kurz. Ich bin Perseus, der Sprling des Zeus und der Danae; ich habe die Gorgone besiegt; und wunderbare Flgel tragen mich durch die Luft. Selbst wenn die Jungfrau frei wre und zu whlen htte, wre ich kein verchtlicher Eidam! Jetzt werbe ich um sie mit dem Erbieten, sie zu retten. Nehmet ihr meine Bedingung an? Wer htte in solcher Lage gezaudert? Die erfreuten Eltern versprachen ihm nicht nur die Tochter, sondern auch ihr eigenes Knigreich zur Mitgift.

Whrend sie dieses verhandelten, war das Untier wie ein schnellruderndes Schiff herangeschwommen und nur noch einen Schleuderwurf von dem Felsen entfernt. Da pltzlich, das Land mit dem Fue abstoend, schwang sich der Jngling hoch empor in die Wolken. Das Tier sah den Schatten des Mannes auf dem Meere. Whrend es tobend auf diesen losging, als auf einen Feind, der ihm die Beute zu entreien drohte, fuhr Perseus aus der Luft wie ein Adler herunter, trat schwebend auf den Rcken des Tieres und senkte das Schwert, mit dem er die Meduse gettet hatte, dem Haifisch unter dem Kopf in den Leib, bis an den Knauf. Kaum hatte er es wieder herausgezogen, so sprang der Fisch bald hoch in die Lfte, bald tauchte er wieder unter in die Flut, bald tobte er nach beiden Seiten wie ein von Hunden verfolgter Eber. Perseus brachte ihm Wunde um Wunde bei, bis ein dunkler Blutstrom sich aus seinem Rachen ergo. Indessen troffen die Flgel des Halbgotts, und Perseus wagte nicht lnger, sich dem wasserschweren Gefieder anzuvertrauen. Glcklicherweise erblickte er ein Felsriff, dessen oberste Spitze aus dem Meere hervorragte. Auf diese Felswand sttzte er sich mit der Linken und stie das Eisen drei- bis viermal in das Gekrse des Ungetms. Das Meer trieb die ungeheure Leiche fort, und bald war sie in den Fluten verschwunden. Perseus hatte sich indessen ans Land geschwungen, hatte den Felsen erklommen und die Jungfrau, die ihn mit den Blicken des Dankes und der Liebe begrte, der Fesseln entledigt. Er brachte sie den glcklichen Eltern, und der goldene Palast empfing ihn als Brutigam. Noch dampfte das Hochzeitsmahl, und die Stunden strichen dem Vater und der Mutter, dem Brutigam und der geretteten Braut in sorgenfreier Eile dahin, als pltzlich die Vorhfe der Knigsburg mit einem dumpfen, brausenden Getmmel sich fllten. Phineus, der Bruder des Knigs Kepheus, der frher um seine Nichte Andromeda geworben, aber in der letzten Not sie verlassen hatte, nahte mit einer Schar von Kriegern und erneuerte seine Ansprche. Den Speer schwingend, trat er in den Hochzeitssaal und rief dem erstaunten Perseus zu: Sieh mich hier, der ich komme, die mir entrissene Gattin zu rchen; weder deine Flgel noch dein Vater Zeus sollen dich mir entreien! So rief er, schon zum Speerwurfe sich anschickend: da hub sich Kepheus, der Knig, vom Mahle. Rasender Bruder, rief er, welcher Gedanke treibt dich zur Untat? Nicht Perseus raubt dir die Geliebte; sie wurde dir schon damals entrissen, als wir sie dem Tode preisgaben, als du zusahest, wie sie gefesselt wurde, und weder als Oheim noch als Geliebter ihr deinen Beistand liehest. Warum hast du nicht selbst dir den Preis von dem Felsen geholt, an den er geschmiedet war? So la wenigstens den, der ihn sich errungen hat, der mein Alter durch die Rettung meiner Tochter getrstet, in Ruhe!

Phineus antwortete ihm nichts, er betrachtete nur abwechselnd mit grimmigen Blicken bald seinen Bruder, bald seinen Nebenbuhler, als besnne er sich, auf wen er zuerst zielen sollte. Endlich nach kurzem Verzuge schwang er mit aller Kraft, die der Zorn ihm gab, den Speer gegen Perseus; aber er tat einen Fehlwurf, und die Waffe blieb im Polster hngen. Jetzt fuhr Perseus vom Lager empor und schleuderte seinen Spie nach der Tre, durch welche Phineus eingedrungen war, und er wrde die Brust seines Todfeindes durchbohrt haben, wenn dieser sich nicht mit einem Sprunge hinter den Hausaltar geflchtet htte. Das Gescho hatte die Stirne eines seiner Begleiter getroffen, und jetzt kam das Gefolge des Eingedrungenen mit den lngst von der Tafel aufgestrten Gsten ins Handgemenge. Lang und mrderisch war der Kampf; aber der Eingebrochenen war die Mehrzahl. Zuletzt wurde Perseus, an dessen Seite sich umsonst die Schwiegereltern und die Braut schutzflehend stellten, von Phineus und seinen Tausenden umringt. Die Pfeile flogen an ihnen von allen Seiten vorbei wie Hagelkrner im Sturme. Perseus hatte die Schultern an einen Pfeiler gelehnt und sich so den Rcken gedeckt. Von da zur Heerschar der Feinde gewendet, hielt er den Anlauf der Feinde ab und streckte einen um den andern nieder. Erst als er sah, da die Tapferkeit der Menge erliegen msse, entschlo er sich, das letzte, aber untrgliche Mittel, das ihm zu Gebote stand, zu gebrauchen. Weil ihr mich gentigt, sprach er, will ich mir die Hilfe bei meinem alten Feinde holen! Wende sein Antlitz ab, wer noch mein Freund ist! Mit diesen Worten zog er aus der Tasche, die ihm immer an der Seite hing, das Gorgonenhaupt und streckte es dem ersten Gegner zu, der jetzt eben auf ihn eindrang. Suche andere, rief dieser verchtlich beim ersten flchtigen Blicke, die du mit deinen Mirakeln erschttern kannst. Aber als seine Hand sich heben wollte, den Wurfspie abzusenden, blieb er mitten in dieser Gebrde versteinert wie eine Bildsule. Und so widerfuhr es einem nach dem andern. Zuletzt waren nur noch zweihundert brig. Da hub Perseus das Gorgonenhaupt hoch in die Luft empor, da alle es erblicken konnten, und verwandelte die zweihundert auf einmal in starres Gestein. Jetzt erst bereut Phineus den unrechtmigen Krieg. Rechts und links erblickt er nichts als Steinbilder in der mannigfaltigsten Stellung. Er ruft seine Freunde mit Namen, er berhrt unglubig die Krper der Zunchststehenden: alles ist Marmor. Entsetzen fate ihn, und sein Trotz verwandelte sich in demtiges Flehen. La mir nur das Leben, dein sei das Reich und die Braut! rief er und kehrte sein verzagendes Angesicht seitwrts. Aber Perseus, ber den Tod seiner neuen Freunde erbittert, kannte kein Erbarmen. Verrter, schrie er zornig, ich will dir fr alle Ewigkeit ein bleibendes Denkmal in meines Schwhers Hause stiften! Und sosehr Phineus bemht war, dem Anblicke zu entgehen, so traf doch bald das ausgestreckte Schreckensbild sein Auge: sein Hals erstarrte, sein feuchter Blick erharschte zu Stein. So blieb er stehen mit furchtsamer Miene, die Hnde gesenkt, in knechtischer, demtiger Stellung. Ohne Hindernis fhrte jetzt Perseus seine Geliebte, Andromeda, heim. Lange glckliche Tage erwarteten ihn, und er fand auch seine Mutter Danae wieder. Doch sollte er an seinem Grovater Akrisios das Verhngnis erfllen. Dieser war aus Furcht vor dem Orakelspruche zu einem fremden Knige ins Pelasgerland geflohen. Hier half er Kampfspiele feiern, als eben Perseus ankam, der auf der Fahrt nach Argos begriffen war, wo er seinen Grovater begren wollte. Ein unglcklicher Wurf mit der Scheibe traf den Grovater von des Enkels Hand, ohne da dieser jenen kannte oder treffen wollte. Nicht lange blieb ihm verborgen, was er getan. In tiefer Trauer begrub er den Akrisios auerhalb der Stadt und vertauschte das Knigreich, das ihm durch des Grovaters Tod zugefallen war. Doch verfolgte ihn der Neid des Geschickes nicht lnger. Andromeda gebar ihm viele herrliche Shne, und der Ruhm des Vaters lebte in ihnen fort.



Ion

Der Knig Erechtheus von Athen erfreute sich einer schnen Tochter, die Krusa hie. Mit dieser hatte sich, ohne Wissen ihres Vaters, Apollo vermhlt, und sie hatte ihm einen Sohn geboren, welchen sie aus Furcht vor dem Zorn ihres Vaters in eine Kiste verschlo und in der Hhle aussetzte, wo sie ihre heimlichen Zusammenknfte mit dem Gotte gehalten hatte, in der Hoffnung, da sich die Gtter des Verlassenen erbarmen wrden. Um aber den neugeborenen Knaben nicht ohne Erkennungszeichen zu lassen, hing sie ihm den Schmuck um, den sie als Jungfrau zu tragen pflegte. Apollo, dem als einem Gotte die Geburt seines Sohnes nicht verborgen geblieben war und der weder seine Geliebte verraten noch den Knaben ohne Hilfe lassen wollte, wandte sich an seinen Bruder Hermes, welcher als Gtterbote, ohne Aufsehen zu erregen, zwischen Himmel und Erde zu verkehren hatte. Lieber Bruder, sprach er, eine Sterbliche hat mir ein Kind geboren, es ist die Tochter des Kniges Erechtheus zu Athen. Aus Furcht vor ihrem Vater hat sie es in einem hohlen Felsen verborgen; hilf mir es retten, bring es in der Kiste, in der es liegt, und mit den Windeln, in die es gewickelt ist, nach meinem Orakel zu Delphi und lege es dort auf die Schwelle des Tempels. Das brige la meine Sorge sein, denn es ist mein Kind. Hermes, der geflgelte Gott, eilte nach Athen, fand den Knaben an der bezeichneten Stelle und trug ihn in dem geflochtenen Weidenkorbe, in welchem er verschlossen lag, nach Delphi, wo er ihn vor den Pforten des Tempels niedersetzte und den Deckel des Korbes ffnete, damit das Kind bemerklich wrde. Dies geschah bei Nacht. Am andern Morgen, als schon die Sonne emporstieg, kam die delphische Priesterin nach dem Tempel geschritten, und als sie ihn betreten wollte, fiel ihr Auge auf das neugeborne Kind, das in der Kiste schlummerte. Sie hielt dasselbe fr die Frucht irgendeines Verbrechens und war schon geneigt, es von der heiligen Schwelle fortzustoen, als das Mitleid doch in ihrer Seele die Oberhand gewann; denn der Gott wandte ihr Herz und sprach in demselben fr seinen Sohn. Die Prophetin nahm also das Kind aus dem Korbe und zog es auf, ohne seinen Vater und seine Mutter zu kennen. Der Knabe erwuchs, um den Altar seines Vaters spielend, und wute nichts von seinen Eltern. Er wurde ein stattlicher Jngling. Die Bewohner von Delphi, die ihn schon als kleinen Tempelhter gewohnt worden waren, setzten ihn zum Schatzmeister ber alle Geschenke, die der Gott erhielt, und so brachte er fortwhrend ein ehrbares und heiliges Leben im Tempel seines Vaters zu.

Inzwischen hatte Krusa von dem Gotte nichts mehr erfahren und mute wohl glauben, da er ihrer und ihres Sohnes vergessen habe. Um diese Zeit gerieten die Athener in einen Krieg mit den Bewohnern der Nachbarinsel Euba, der bis zur Vertilgung gefhrt wurde und in welchem die letzteren unterlagen. In diesem Kampfe war den Athenern besonders wirksam ein Fremdling aus Achaja beigestanden. Es war dies Xuthos, ein Sohn des olos, der selbst ein Sohn des Zeus war. Zum Lohne seiner Hilfe begehrte und erhielt er die Hand der Knigstochter Krusa; aber es war, als ob der ihr heimlich angetraute Gott die Geliebte seinen Zorn empfinden liee, da sie sich einem andern vermhlt hatte; denn ihre Ehe war nicht mit Kindern gesegnet. Nach langer Zeit verfiel Krusa auf den Gedanken, sich an das Orakel zu Delphi zu wenden und von ihm Kindersegen zu erflehen. Dies war es, was Apollo gewollt; denn er hatte seines Sohnes keineswegs vergessen. So brach die Frstin mit ihrem Gemahl und einem kleinen Gefolge von Dienerinnen auf und wallfahrtete zu dem Tempel nach Delphi. Als sie vor dem Gotteshause ankamen, trat gerade der junge Sohn Apollos ber die Schwelle, um gewohnterweise das Tor und den Vorhof mit Lorbeerzweigen zu fegen. Da fiel sein Auge auf die edle Matrone, welche auf die Tore des Tempels zugewandelt kam und der beim Anblicke des Heiligtums Trnen ber die Wangen rollten. Er wagte es, die Frau, deren wrdige Gestalt ihm auffiel, bescheiden um die Ursache ihres Kummers zu befragen. Es wundert mich nicht, o Jngling, erwiderte sie seufzend, da meine Traurigkeit deinen Blick auf sich zieht; habe ich doch Geschicke zu beweinen, die man mir wohl ansehen mag. Die Gtter verfahren oft hart mit uns Sterblichen! Ich will deinen Kummer nicht weiter stren, sprach der Jngling, aber sage mir, wenn es zu wissen erlaubt ist, wer du bist und von wannen du kommst. Ich bin Krusa, antwortete die Frstin, mein Vater heit Erechtheus, mein Vaterland ist Athen. Mit unschuldiger Freude rief der Jngling: Ei, aus welchem berhmten Lande, aus welch berhmtem Geschlechte stammst du! Aber sage mir, ist es wahr, wie man es auf Bildern bei uns sieht, da deines Vaters Grovater Erichthonios aus der Erde wie ein anderes Gewchs emporgesprossen ist, da die Gttin Athene den erdgeborenen Knaben in eine Kiste eingeschlossen, ihm zwei Drachen als Wchter beigegeben und das Kistchen den Tchtern des Kekrops zur Bewahrung berlassen habe; da diese aus Neugierde dasselbe erffnet und beim Anblicke des Knaben in Wahnsinn geraten und sich von dem Felsen der Kekropischen Burg herabgestrzt? Krusa bejahte die Frage schweigend, denn das Schicksal ihres Urahns erinnerte sie an das Geschick ihres verlorenen Sohnes. Dieser aber, der vor ihr stand, fuhr fort, unbefangen weiter zu fragen: Sage mir auch, hohe Frstin, ist es wahr, da dein Vater Erechtheus seine Tchter, deine Schwestern, auf den Ausspruch eines Orakels und mit ihrem freien Willen dem Tode geopfert, um ber die Feinde zu siegen? Und wie kam es, da du allein gerettet worden bist? Ich war, sprach Krusa, ein neugeborenes Kind und lag in den Armen der Mutter. Und ist es auch wahr, so fragte der Jngling weiter, da dein Vater Erechtheus von einem Erdspalt verschlungen worden ist, da der Dreizack Poseidons ihn verderbt hat und da in der Nhe seines Erdgrabes eine Grotte ist, die mein Herr, der pythische Apollo, so lieb hat? O schweige mir von jener Grotte, Fremdling, unterbrach ihn seufzend Krusa, in ihr ist eine Treulosigkeit und ein groer Frevel begangen worden. Die Frstin schwieg eine Weile, sammelte sich wieder und erzhlte dem Jngling, in welchem sie den Tempelhter des Gottes erkannte, da sie die Gemahlin des Frsten Xuthos und mit diesem nach Delphi gewallfahrtet sei, um fr ihre unfruchtbare Ehe den Segen Gottes zu erflehen. Phbos Apollo, sprach sie mit einem Seufzer, kennt die Ursache meiner Kinderlosigkeit; er allein kann mir helfen. So bist du kinderlos, Unglckliche? sagte betrbt der Jngling. Ich bin es lngst, erwiderte Krusa, und ich mu deine Mutter beneiden, guter Jngling, die sich eines so holdseligen Sohnes erfreut. Ich wei nichts von einer Mutter und von einem Vater, gab der junge Mann betrbt zur Antwort, ich lag nie an eines Weibes Brust; ich wei auch nicht, wie ich hierhergekommen bin; nur so viel wei ich aus dem Munde meiner Pflegemutter, der Priesterin dieses Tempels, da sie sich meiner erbarmt und mich grogezogen hat; das Haus des Gottes ist seitdem meine Wohnung, und ich bin sein Knecht. Bei diesen Mitteilungen wurde die Frstin sehr nachdenklich, doch drngte sie ihre Gedanken in die Brust zurck und sprach die traurigen Worte: Mein Sohn, ich kenne eine Frau, der es gegangen ist wie deiner Mutter; um ihretwillen bin ich hierhergekommen und soll das Orakel befragen. So will ich denn dir, als dem Diener des Gottes, ihr Geheimnis anvertrauen, bevor ihr jetziger Gatte, der diese Wallfahrt auch gemacht, aber unterwegs abgelenkt ist, um das Orakel des Trophonios zu hren, den Tempel betritt. Jene Frau behauptet, vor ihrer jetzigen Ehe mit dem groen Gotte Phbos Apollo vermhlt gewesen zu sein und ihm ohne Wissen ihres Vaters einen Sohn geboren zu haben. Diesen setzte sie aus und wei seitdem nichts mehr von ihm, nicht, ob er das Sonnenlicht schaut oder nicht. ber sein Leben oder seinen Tod den Gott auszuforschen, bin ich im Namen meiner Freundin hierhergekommen. Wie lang ist es her, da der Knabe tot ist? fragte der Jngling. Wenn er noch lebte, so htte er dein Alter, o Knabe, sprach Krusa. O wie hnlich ist das Schicksal deiner Freundin und das meine!rief mit dem Ausdrucke des Schmerzes der junge Mann; sie sucht ihren Sohn, und ich suche meine Mutter. Doch ist, was ihr geschehen ist, fern von diesem Lande geschehen, und leider sind wir beide einander ganz fremd. Hoffe auch nicht, da der Gott von seinem Dreifue dir die gewnschte Antwort erteilen wird. Bist du doch gekommen, ihn im Namen deiner Freundin einer Treulosigkeit anzuklagen; er wird nicht ber sich selbst Richter sein wollen! Halt ein, Jngling, rief jetzt Krusa, dort sehe ich den Gatten jener Frau herannahen; la dir nichts von dem merken, was ich dir, vielleicht allzu vertraulich, vorgeplaudert habe.

Xuthos kam frhlich in den Tempel und auf seine Gemahlin zugeschritten. Frau, rief er ihr entgegen, Trophonios hat einen glcklichen Ausspruch getan: ich soll nicht ohne Kinder von hinnen ziehen! Aber sage mir, wer ist dieser junge Prophet des Gottes? Der Jngling trat dem Frsten bescheiden entgegen und erzhlte ihm, wie er nur der Tempeldiener Apollos sei und im innersten Heiligtume die vornehmsten Delphier selbst, durchs Los ausgewhlt, den Dreifu umlagern, von dem jetzt eben die Priesterin Orakel zu geben bereit sei. Als der Frst dieses hrte, befahl er Krusen, sich mit den Zweigen zu schmcken, welche Bittflehende zu tragen pflegen, und an dem Altare des Gottes, der mit Lorbeer umwunden unter freiem Himmel stand, zu Apollo zu beten, da er ihnen ein gnstiges Orakel senden mge. Er selbst eilte nach dem Heiligtume des Tempels, indes der junge Schatzmeister des Gottes im Vorhofe seine Wache fortsetzte. Es hatte nicht sehr lange gedauert, so hrte dieser die Tren des innersten Heiligtums gehen und sich drhnend wieder schlieen, dann sah er den Xuthos in freudiger Bestrzung herauseilen; dieser warf sich mit Ungestm dem Jngling um den Hals, nannte ihn zu wiederholten Malen seinen Sohn und verlangte seinen Handschlag und Kindesku. Der junge Mann aber, der von alledem nichts begriff, hielt den Alten fr wahnsinnig und stie ihn mit jugendlicher Kraft von sich. Doch Xuthos lie sich nicht abweisen. Der Gott selbst hat es mir geoffenbart, sprach er; sein Spruch lautete: Der erste, der mir drauen begegnen wrde, der sei mein Sohn und ein Gttergeschenk. Wie das mglich ist, wei ich zwar nicht, denn meine Gattin hat mir nie zuvor Kinder geboren. Doch trau ich dem Gotte; mag er selbst sein Geheimnis enthllen. Jetzt gab sich auch der Jngling der Freude hin; doch halb nur, und mitten unter den Kssen und Umarmungen seines Vaters mute er seufzen: O geliebte Mutter, wer bist du, wo bist du? wann wird es mir vergnnt sein, auch dein teures Antlitz zu schauen? Dazu kamen ihm groe Zweifel, wie die kinderlose Gemahlin des Xuthos, die er nicht zu kennen glaubte, ihn als unerwarteten Stiefsohn aufnehmen, wie die Stadt Athen den nicht gesetzlichen Erben ihres Frsten empfangen wrde. Sein Vater hie ihn aber guten Mutes sein; er versprach ihm, ihn den Athenern und seiner Gattin als einen Fremdling und nicht als seinen Sohn vorzustellen, und gab ihm den Namen Ion, das heit Gnger, weil er im Tempel den ihm Entgegengehenden als seinen Sohn erkannt hatte.

Krusa war indessen von dem Altare Apollos, vor dem sie sich betend niedergeworfen, nicht gewichen. Sie wurde endlich in ihrem brnstigen Flehen von ihren Dienerinnen unterbrochen, welche sich ihr unter Wehklagen nahten. Unglckliche Herrin, riefen sie ihr entgegen, dein Gatte zwar ist in groe Freude versetzt, du aber wirst nie ein eigenes Kind in deine Arme nehmen und an deine Brust legen. Ihm freilich hat Apollo einen Sohn gegeben, einen erwachsenen Sohn, den ihm vor Zeiten wer wei welch ein Nebenweib geboren hat; als er aus dem Tempel trat, kam ihm dieser entgegen. Er wird sich seines wiedergefundenen Kindes freuen, du aber wirst wie zuvor einer Witwe gleich im den Hause wohnen. Die arme Frstin, deren Geist der Gott selbst mit Blindheit geschlagen zu haben schien, da sich ein so naheliegendes Geheimnis ihr nicht enthllte, brtete ber ihrem traurigen Schicksal eine Weile fort. Endlich fragte sie nach der Person und dem Namen des Stiefsohnes, den sie so unvermutet erhalten hatte. Es ist der junge Tempelhter, den du schon kennst, erwiderten die Dienerinnen; sein Vater hat ihm den Namen Ion gegeben; wer seine Mutter ist, wissen wir nicht; jetzt ist dein Gatte zu dem Altare des Bakchos gegangen, um heimlich fr seinen Sohn zu opfern und dann mit ihm den Erkennungsschmaus zu feiern. Uns hat er unter Androhung des Todes verboten, dir, o Herrin, die Geschichte zu entdecken; nur unsre groe Liebe zu dir hat uns vermocht dieses Verbot zu bertreten. Du wirst uns ja nicht bei ihm verraten! Jetzt trat aus dem Gefolge ein alter Diener hervor, der dem Stamme der Erechthiden mit blinder Treue anhing und seiner Gebieterin mit groer Liebe zugetan war. Dieser schalt den Frsten Xuthos einen treulosen Ehebrecher und lie sich von seinem Eifer so weit verleiten, da er ihr das Anerbieten machte, den Bastard, der das Erbe der Erechthiden unrechtmigerweise an sich bringen wrde, aus dem Wege zu rumen. Krusa glaubte sich von ihrem Gatten und von ihrem frheren Geliebten, dem Gott Apollo, verlassen, und betubt von ihrem Kummer, lieh sie den frevelhaften Anschlgen des Greisen allmhlich ihr Ohr und machte ihn auch zum Vertrauten ihres Verhltnisses zu dem Gott.

Als Xuthos mit Ion, in welchem er unbegreiflicherweise einen Sohn gefunden zu haben meinte, den Tempel des Gottes verlassen hatte, begab er sich mit ihm nach dem doppelten Gipfel des Berges Parnassos, wo der Gott Bakchos, nicht weniger heilig als Apollo selbst, von den Delphiern verehrt und mit seinem wilden Orgiendienste von den Frauen gefeiert wurde. Nachdem er hier ein Trankopfer ausgegossen, zum Danke fr den gefundenen Sohn, errichtete Ion im Freien mit Hilfe der Diener, die ihn begleitet hatten, ein herrliches und gerumiges Zelt, das er mit schn gewirkten Teppichen bedeckte, die er aus Apollos Tempel hatte herbeischaffen lassen. In dem Zelte wurden lange Tafeln aufgestellt und mit silbernen Schsseln voll kstlicher Speisen und goldenen Bechern voll des edelsten Weines belastet; dann sandte der Athener Xuthos seinen Herold in die Stadt Delphi und lud smtliche Einwohner ein, an seiner Freude teilzunehmen. Bald fllte sich das groe Zelt mit bekrnzten Gsten, und sie tafelten in Herrlichkeit und Freude. Beim Nachtische trat ein alter Mann, dessen sonderbare Gebrden den Gsten zur Belustigung dienten, mitten in den Saal des Zeltes und mate sich das Amt des Mundschenken an. Xuthos erkannte in ihm jenen greisen Diener seiner Gemahlin Krusa, lobte den Gsten seinen Eifer und seine Treue und lie ihn arglos schalten. Der Alte stellte sich an den Schenktisch und fing an, sich der Becher anzunehmen und die Gste zu bedienen. Als nun gegen Schlu des Mahles die Flten ertnten, befahl er den Knechten, die kleinen Becher von der Tafel wegzunehmen und den Gsten groe silberne und goldene Trinkgefe vorzusetzen. Er selbst ergriff das herrlichste Gef und trat, als wollte er damit seinen neuen jungen Herrn ehren, an den Schenktisch, fllte es zuoberst mit kstlichem Weine, schttete aber zugleich unvermerkt ein tdliches Gift in den Becher. Indem er sich nun damit dem Ion nherte und einige Tropfen des Weines als Trankopfer auf den Boden go, entfuhr zuflligerweise einem der nahestehenden Knechte ein Fluch. Ion, der unter den heiligen Gebruchen des Tempels aufgewachsen war, erkannte darin eine bse Vorbedeutung und befahl, indem er den vollen Becher auf den Boden schttete, da ihm ein neuer Becher gereicht wrde, aus welchem er selbst feierlich das Trankopfer ausgo, whrend alle Gste aus ihren Bechern dasselbe taten. Whrend dies geschah, flatterte eine Schar heiliger Tauben, die im Tempel des Apollo unter dem Schirme des Gottes aufgefttert wurden, lustig in das Zelt herein. Als sie die Strme Weines sahen, die von allen Seiten ausgegossen wurden, lieen sie sich, lstern gemacht, auf den Boden nieder und fingen an, von dem herumschwimmenden Weine mit ausgereckten Schnbeln zu nippen. Und allen brigen schadete das Trankopfer nicht; nur die eine Taube, die sich an die Stelle gesetzt hatte, wo Ion seinen ersten Becher ausgegossen, schttelte, sowie sie den Trank gekostet hatte, krampfhaft ihre Flgel, fing, zum Staunen aller Gste, zu chzen und zu toben an und starb unter Flgelschlag und Zuckungen. Da erhub sich Ion von seinem Sitze, streifte sein Gewand zrnend von den Armen, ballte die Fuste und rief. Wo ist der Mensch, der mich tten wollte? Rede, Alter! denn du hast deine Hand dazu geliehen, du hast mir den Trank gemischt! Damit fate er den Greis bei der Schulter, um ihn nicht wieder loszulassen. Dieser, berrascht und erschrocken, gestand die ganze Freveltat als von Krusen herrhrend. Da verlie der durch Apollos Orakel fr des Xuthos Sohn erklrte Ion das Zelt, und alle Gste folgten ihm in wilder Aufregung nach. Als er drauen im Freien stand, erhub er die Hnde, umringt von den vornehmsten Delphiern, und sprach: Heilige Erde, du bist mein Zeuge, da dieses fremde Erechthidenweib mich mit Gift aus dem Wege rumen will! Steiniget, steiniget sie! erscholl es von der Versammlung der Delphier wie aus einem Munde; und die ganze Stadt brach mit Ion auf, die Verbrecherin zu suchen. Xuthos selbst, dem die schreckliche Entdeckung seine Besinnung geraubt hatte, wurde von dem Strome mit fortgerissen, ohne zu wissen, was er tat.

Krusa hatte am Altar Apollos die Frchte ihrer verzweifelten Tat erwartet. Diese aber keimten ganz anders auf, als sie vermutet hatte. Ein Tosen aus der Ferne schreckte sie aus ihrer Versunkenheit auf, und noch ehe es ganz nahe kam, war dem heranstrmenden Haufen einer der Knechte ihres Gemahls, der ihr selbst vor andern getreu war, vorangeeilt und hatte kaum Zeit gehabt, die Entdeckung ihres Frevels und den Beschlu, den das Volk von Delphi gefat hatte, ihr zu melden. Ihre Dienerinnen scharten sich um sie. Halte dich fest am Altare, Gebieterin, riefen sie, denn sollte dich auch der heilige Ort nicht vor deinen Mrdern schtzen, so werden sie doch durch deine Ermordung eine unshnbare Blutschuld auf sich laden! Indessen kam die tobende Schar der Delphier, von Ion angefhrt, dem Altare immer nher. Noch ehe sie bei demselben angelangt waren, hrte man des Jnglings zrnende Worte, die der Wind durch die Lfte fhrte: Die Gtter haben es gut mit mir gemeint, rief er in lautem Grimme, da dieser Frevel mich von der Stiefmutter befreien sollte, die mich zu Athen erwartete. Wo ist die Verruchte, die Viper mit der Giftzunge, der Drache mit dem todspeienden Flammenauge? Auf, da die Mrderin vom hchsten Felsen in den Abgrund gestrzt werde! Das ihn begleitende Volk brllte Beifall.

Jetzt waren sie am Altare angekommen, und Ion zerrte an der Frau, die seine Mutter war und in der er nur seine Todfeindin erkannte, um sie von dem Asyl, auf dessen Heiligkeit und Unverletzlichkeit sie sich berief, hinwegzureien. Aber Apollo wollte nicht, da sein eigener Sohn der Mrder seiner Mutter wrde. Auf seinen gttlichen Wink war das Gercht von dem gedrohten Verbrechen Krusens und der Strafe, welche sie dafr erwartete, schnell bis in den Tempel und zu den Ohren der Priesterin gedrungen, und der Gott hatte ihren Sinn erleuchtet, so da sie einen raschen Blick in den Zusammenhang aller Ereignisse warf und ihr pltzlich klar wurde, da ihr Pflegling Ion nicht des Xuthos, wie sie selbst nebelhaft prophezeit hatte, sondern Apollos und Krusas Sohn sei. Sie verlie den Dreifu und suchte das Kistchen hervor, in welchem der neugeborene Knabe samt einigen Erkennungszeichen, die sie gleichfalls sorgsam aufbewahrt hatte, einst zu Delphi vor dem Tempeltor ausgesetzt worden war. Mit diesem im Arme, eilte sie ins Freie und nach dem Altare, wo Krusa gegen den eindringenden Ion um ihr Leben kmpfte. Als Ion die Priesterin herannahen sah, lie er sogleich von seiner Beute ab, ging ihr ehrerbietig entgegen und rief. Sei mir willkommen, liebe Mutter, denn so mu ich dich nennen, obgleich du mich nicht geboren hast! Hrst du, welchen Nachstellungen ich entgangen bin? Kaum habe ich einen Vater gefunden, so sinnt auch schon die bse Stiefmutter auf meinen Tod! Nun sage mir, Mutter, was soll ich tun; denn deiner Mahnung will ich folgen! Die Priesterin erhob warnend ihren Finger und sprach: Ion, geh mit unbefleckter Hand und unter gnstigen Vogelzeichen nach Athen! Ion besann sich eine Weile, eh er antwortete. Ist denn der nicht fleckenlos, sprach er endlich, der seine Feinde ttet? Tue du nicht also, bist du mich gehrt hast, sagte die ehrwrdige Frau. Siehst du dies alte Krbchen, das ich, mit frischen Krnzen umwunden, in meinen Armen trage? In diesem bist du einst ausgesetzt worden, aus ihm habe ich dich hervorgezogen. Ion staunte. Davon Mutter, sprach er, hast du mir nie etwas gesagt. Warum hast du es so lange vor mir verborgen? Weil der Gott, antwortete die Priesterin, dich bis hierher zu seinem Priester haben wollte. Jetzt, wo er dir einen Vater gegeben hat, entlt er dich nach Athen. Was soll mir aber dieses Kistchen helfen? fragte Ion weiter. Es enthlt die Windeln, in welchen du ausgesetzt worden bist, lieber Sohn! antwortete die Priesterin. Meine Windeln? sprach Ion heftig. Nun, das ist ja eine Spur, die mich auf meine rechte Mutter fhren kann. O erwnschte Entdeckung! Die Priesterin hielt ihm nun das offene Kistchen hin, und Ion griff gierig hinein und zog die reinlich zusammengewickelte Leinwand heraus. Whrend er seine betrnten Augen auf die kostbaren berbleibsel heftete, hatte sich Krusas Angst allmhlich verloren und ein Blick auf das Kistchen ihr die ganze Wahrheit entdeckt. Mit einem Sprunge verlie sie den Altar, und mit dem Freudenrufe: Sohn! hielt sie den staunenden Ion umschlungen. Diesem schlich sich aufs neue Mitrauen ins Herz, er frchtete die Umarmungen der Fremden als eine Hinterlist und wollte sich unwillig losmachen. Aber Krusa selbst raffte sich zusammen, trat einige Schritte zurck und sprach: Diese Leinwand soll fr mich zeugen, Kind! Wickle sie getrost auseinander; du wirst die Zeichen finden, die ich dir angebe. Die Stickerei, die sie schmckt, ist das Werk meiner mdchenhaften Nadel. In der Mitte des Gewebes mu sich das Gorgonenhaupt finden, umringt von Schlangen, wie auf dem gisschilde! Unglubig entfaltete Ion die Windeln, aber mit einem pltzlichen Freudenschrei rief er aus: O groer Zeus, hier ist die Gorgone, hier sind die Schlangen! Noch nicht genug, sprach Krusa, es mssen in dem Kistchen auch kleine goldne Drachen sein, zur Erinnerung an die Drachen in der Kiste des Erichthonios; ein Halsschmuck fr das neugeborene Knbchen. Ion durchforschte den Korb weiter, und mit wonnigem Lcheln zog er bald auch die Drachenbilder hervor. Das letzte Zeichen, rief Krusa, mu ein Kranz aus den unverwelklichen Oliven sein, die vom erstgepflanzten lbaume Athenes stammen und den ich meinem neugeborenen Knaben aufgesetzt. Ion durchsuchte den Grund des Kistchens, und seine Hand brachte einen schnen grnen Olivenkranz hervor. Mutter, Mutter! rief er mit einer von schluchzenden Trnen unterbrochenen Stimme, fiel Krusen um den Hals und bedeckte ihre Wangen mit Kssen. Endlich ri er sich von ihrem Halse los und verlangte nach seinem Vater Xuthos. Da entdeckte ihm Krusa das Geheimnis seiner Geburt und wie er des Gottes Sohn sei, dem er so lang und getreu im Tempel gedient habe. Auch die frheren Verwicklungen und die letzte Verirrung Krusens wurden ihm jetzt klar, und er fand selbst den verzweifelten Anschlag seiner Mutter auf des unerkannten Sohnes Leben verzeihlich. Xuthos nahm den Ion, obgleich nur als Stiefsohn, doch auch so als ein teures Gttergeschenk in seine Arme, und alle drei erschienen wieder im Tempel, dem Gotte zu danken. Die Priesterin aber weissagte von ihrem Dreifu herab, da Ion der Vater eines groen Stammes werden sollte, Ionier nach seinem Namen genannt; auch dem Xuthos weissagte sie Nachkommenschaft von Krusen, einen Sohn, der Doros heien und der weltberhmten Dorier Vater werden sollte. Mit so freudigen Erfllungen und Hoffnungen brach das Frstenpaar von Athen mit dem glcklich gefundenen Sohn nach der Heimat auf, und alle Einwohner Delphis gaben ihm das Geleite.



Ddalos und Ikaros

Auch Ddalos aus Athen war ein Erechthide, ein Sohn des Metion, ein Urenkel des Erechtheus. Er war der kunstreichste Mann seiner Zeit, Baumeister, Bildhauer und Arbeiter in Stein. In den verschiedensten Gegenden der Welt wurden Werke seiner Kunst bewundert, und von seinen Bildsulen sagte man, sie leben, gehen und sehen und seien fr kein Bild, sondern fr ein beseeltes Geschpf zu halten. Denn whrend an den Bildsulen der frheren Meister die Augen geschlossen waren und die Hnde, von den Seiten des Krpers nicht getrennt, schlaff herunterhingen, war er der erste, der seinen Bildern offene Augen gab, sie die Hnde ausstrecken und auf schreitenden Fen stehen lie. Aber so kunstreich Ddalos war, so eitel und eiferschtig war er auch auf seine Kunst, und diese Untugend verfhrte ihn zum Verbrechen und trieb ihn ins Elend. Er hatte einen Schwestersohn namens Talos, den er in seinen eigenen Knsten unterrichtete und der noch herrlichere Anlagen zeigte als sein Oheim und Meister. Noch als Knabe hatte Talos die Tpferscheibe erfunden; den Kinnbacken einer Schlange, auf den er irgendwo gestoen, gebrauchte er als Sge und durchschnitt mit den gezackten Zhnen ein kleines Brettchen; dann ahmte er dieses Werkzeug in Eisen nach, in dessen Schrfe er eine Reihe fortlaufender Zhne einschnitt, und wurde so der gepriesene Erfinder der Sge. Ebenso erfand er das Drechseleisen, indem er zuerst zwei eiserne Arme verband, von welchen der eine stillestand, whrend der andere sich drehte. Auch andere knstliche Werkzeuge ersann er, alles ohne die Hilfe seines Lehrers, und erwarb sich damit hohen Ruhm. Ddalos fing an zu befrchten, der Name des Schlers mchte grer werden als der des Meisters; der Neid bermannte ihn, und er brachte den Knaben hinterlistig um, indem er ihn von Athenes Burg herabstrzte. Whrend Ddalos mit seinem Begrbnisse beschftigt war, wurde er berrascht; er gab vor, eine Schlange zu verscharren. Dennoch wurde er vor dem Gerichte des Areopagos wegen eines Mordes angeklagt und schuldig befunden. Er entwich nun und irrte anfangs flchtig in Attika umher, bis er weiter nach der Insel Kreta floh. Hier fand er bei dem Knige Minos eine Freisttte, ward dessen Freund und als berhmter Knstler hoch angesehen. Er wurde von ihm auserwhlt, um dem Minotauros, einem Ungeheuer von abscheulicher Abkunft, der ein Doppelwesen war, das vom Kopfe bis an die Schultern die Gestalt eines Stieres hatte, im brigen aber einem Menschen glich, einen Aufenthalt zu schaffen, wo das Ungetm den Augen der Menschen ganz entrckt wrde. Der erfindsame Geist des Ddalos erbaute zu dem Ende das Labyrinth, ein Gebude voll gewundener Krmmungen, welche Augen und Fe des Betretenden verwirrten. Die unzhligen Gnge schlangen sich ineinander wie der verworrene Lauf des geschlngelten phrygischen Flusses Mander, der in verzweifelndem Gange bald vorwrts-, bald zurckfliet und oft seinen eigenen Wellen entgegenkommt. Als der Bau vollendet war und Ddalos ihn durchmusterte, fand sich der Erfinder selbst mit Mhe zur Schwelle zurck, ein so trgerisches Irrsal hatte er gegrndet. Im innersten dieses Labyrinthes wurde der Minotauros gehegt, und seine Speisen waren sieben Jnglinge und sieben Jungfrauen, die, vermge alter Zinsbarkeit, alle neun Jahre von Athen dem Knige Kretas zugesandt werden muten.

Indessen wurde dem Ddalos die lange Verbannung aus der geliebten Heimat doch allmhlich zur Last, und es qulte ihn, bei dem tyrannischen und selbst gegen seinen Freund mitrauischen Knige sein ganzes Leben auf einem vom Meere rings umschlossenen Eilande zubringen zu sollen. Sein erfinderischer Geist sann auf Rettung. Nachdem er lange gebrtet, rief er endlich ganz freudig aus: Die Rettung ist gefunden; mag mich Minos immerhin von Land und Wasser aussperren, die Luft bleibt mir doch offen; soviel Minos besitzt, ber sie hat er keine Herrschergewalt. Durch die Luft will ich davongehen! Gesagt, getan. Ddalos berwltigte mit seinem Erfindungsgeiste die Natur. Er fing an, Vogelfedern von verschiedener Gre so in Ordnung zu legen, da er mit der kleinsten begann und zu der krzeren Feder stets eine lngere fgte, so da man glauben konnte, sie seien von selbst ansteigend gewachsen. Diese Federn verknpfte er in der Mitte mit Leinfden, unten mit Wachs. Die so vereinigten beugte er mit kaum merklicher Krmmung, so da sie ganz das Ansehen von Flgeln bekamen. Ddalos hatte einen Knaben namens Ikaros. Dieser stand neben ihm und mischte seine kindischen Hnde neugierig unter die knstliche Arbeit des Vaters; bald griff er nach dem Gefieder, dessen Flaum von dem Luftzuge bewegt wurde, bald knetete er das gelbe Wachs, dessen der Knstler sich bediente, mit Daumen und Zeigefinger. Der Vater lie es sorglos geschehen und lchelte zu den unbeholfenen Bemhungen seines Kindes. Nachdem er die letzte Hand an seine Arbeit gelegt hatte, pate sich Ddalos selbst die Flgel an den Leib, setzte sich mit ihnen ins Gleichgewicht und schwebte leicht wie ein Vogel empor in die Lfte. Dann, nachdem er sich wieder zu Boden gesenkt, belehrte er auch seinen jungen Sohn Ikaros, fr den ein kleineres Flgelpaar gefertigt und bereit lag. Flieg immer, lieber Sohn, sprach er, auf der Mittelstrae, damit nicht, wenn du den Flug zu sehr nach unten senktest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und von Feuchtigkeit beschwert dich in die Tiefe der Wogen hinabziehen, oder wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und pltzlich Feuer fange. Zwischen Wasser und Sonne fliege dahin, immer nur meinem Pfade durch die Luft folgend. Unter solchen Ermahnungen knpfte Ddalos auch dem Sohne das Flgelpaar an die Schultern, doch zitterte die Hand des Greisen, whrend er es tat, und eine bange Trne tropfte ihm auf die Hand. Dann umarmte er den Knaben und gab ihm einen Ku, der auch sein letzter sein sollte.

Jetzt erhoben sich beide mit ihren Flgeln. Der Vater flog voraus, sorgenvoll wie ein Vogel, der eine zarte Brut zum erstenmal aus dem Neste in die Luft fhrt. Doch schwang er besonnen und kunstvoll das Gefieder, damit der Sohn es ihm nachtun lernte, und blickte von Zeit zu Zeit rckwrts, um zu sehen, wie es diesem gelnge. Anfangs ging es ganz gut. Bald war ihnen die Insel Samos zur Linken, bald Delos und Paros, die Eilande, vorberflogen. Noch mehrere Ksten sahen sie schwinden, als der Knabe Ikaros, durch den glcklichen Flug zuversichtlich gemacht, seinen vterlichen Fhrer verlie und in verwegenem bermute mit seinem Flgelpaar einer hheren Zone zusteuerte. Aber die gedrohte Strafe blieb nicht aus. Die Nachbarschaft der Sonne erweichte mit allzukrftigen Strahlen das Wachs, das die Fittiche zusammenhielt, und ehe es Ikaros nur bemerkte, waren die Flgel aufgelst und zu beiden Seiten den Schultern entsunken. Noch ruderte der unglckliche Jngling und schwang seine nackten Arme; aber er bekam keine Luft zu fassen, und pltzlich strzte er in die Tiefe. Er hatte den Namen seines Vaters als Hilferuf auf den Lippen; doch ehe er ihn aussprechen konnte, hatte ihn die blaue Meeresflut verschlungen. Das alles war so schnell geschehen, da Ddalos, hinter sich nach seinem Sohne, wie er von Zeit zu Zeit zu tun gewohnt war, blickend, nichts mehr von ihm gewahr wurde. Ikaros, Ikaros! rief er trostlos durch den leeren Luftraum: Wo, in welchem Bezirke der Luft soll ich dich suchen? Endlich sandte er die ngstlich forschenden Blicke nach der Tiefe. Da sah er im Wasser die Federn schwimmen. Nun senkte er seinen Flug und ging, die Flgel abgelegt, ohne Trost am Ufer hin und her, wo bald die Meereswellen den Leichnam seines unglcklichen Kindes ans Gestade splten. Jetzt war der ermordete Talos gercht. Der verzweifelnde Vater sorgte fr das Begrbnis des Sohnes. Es war eine Insel, wo er sich niedergelassen und wo der Leichnam ans Ufer geschwemmt worden war. Zum ewigen Gedchtnis an das jammervolle Ereignis erhielt das Eiland den Namen Ikaria.

Als Ddalos seinen Sohn begraben hatte, fuhr er von dieser Insel weiter nach der groen Insel Sizilien. Hier herrschte der Knig Kokalos. Wie einst bei Minos auf Kreta fand er bei ihm gastliche Aufnahme, und seine Kunst setzte die Einwohner in Erstaunen. Noch lange zeigte man da einen knstlichen See, den er gegraben und aus dem ein breiter Flu sich in das benachbarte Meer ergo; auf den steilsten Felsen, der nicht zu erstrmen war und wo kaum ein paar Bume Platz zu haben schienen, setzte er eine feste Stadt und fhrte zu ihr einen so engen und knstlich gewundenen Weg empor, da drei oder vier Mnner hinreichten, die Feste zu verteidigen. Diese unbezwingliche Burg whlte dann der Knig Kokalos zur Aufbewahrung seiner Schtze. Das dritte Werk des Ddalos auf der Insel Sizilien war eine tiefe Hhle. Hier fing der den Dampf unterirdischen Feuers so geschickt auf, da der Aufenthalt in einer Grotte, die sonst feucht zu sein pflegte, so angenehm war wie in einem gelinde geheizten Zimmer und der Krper allmhlich in einen wohlttigen Schwei kam, ohne dabei von der Hitze belstigt zu werden. Auch den Aphroditentempel auf dem Vorgebirge Eryx erweiterte er und weihte der Gttin eine goldene Honigzelle, die mit der grten Kunst ausgearbeitet war und einer wirklichen Honigwabe tuschend hnlich sah.

Nun erfuhr aber Knig Minos, dessen Insel der Baumeister heimlich verlassen hatte, da Ddalos sich nach Sizilien geflchtet habe, und fate den Entschlu, ihn mit einem gewaltigen Kriegsheere zu verfolgen. Er rstete eine ansehnliche Flotte aus und fuhr damit von Kreta nach Agrigent. Hier schiffte er seine Landtruppen aus und schickte Botschaften an den Knig Kokalos, welche die Auslieferung des Flchtlings verlangen sollten. Aber Kokalos war ber den Einfall des fremden Tyrannen entrstet und sann auf Mittel und Wege, ihn zu verderben. Er stellte sich an, als ginge er auf die Absichten des Kreters ganz ein, versprach ihm in allem zu willfahren, und lud ihn zu dem Ende zu einer Zusammenkunft ein. Minos kam und wurde mit groer Gastfreundschaft von Kokalos aufgenommen. Ein warmes Bad sollte ihn von der Ermdung des Weges heilen. Als er aber in der Wanne sa, lie Kokalos diese so lange heizen, bis Minos in dem siedenden Wasser erstickte. Die Leiche berlie der Knig von Sizilien den Kretern, die mit ihm gekommen waren, unter dem Vorgeben, der Knig sei im Bade ausgeglitten und in das heie Wasser gefallen. Hierauf wurde Minos von seinen Kriegern mit groer Pracht bei Agrigent bestattet und ber seinem Grabmal ein offener Aphroditentempel erbaut. Ddalos blieb bei dem Knige Kokalos in ununterbrochener Gunst; er zog viele und berhmte Knstler und wurde der Grnder seiner Kunst auf Sizilien. Glcklich aber war er seit dem Sturze seines Sohnes Ikaros nicht mehr, und whrend er dem Lande, das ihm Zuflucht gewhrt hatte, ein heiteres und lachendes Ansehen durch die Werke seiner Hand verlieh, durchlebte er selbst ein kummervolles und trbsinniges Alter. Er starb auf der Insel Sizilien und wurde dort begraben.


 Die Argonautensage
Iason und Pelias

Von Aison, dem Sohne des Kretheus, stammte Iason ab. Sein Grovater hatte in einer Bucht des Landes Thessalien die Stadt und das Knigreich Iolkos gegrndet und dasselbe seinem Sohne Aison hinterlassen. Aber der jngere Sohn, Pelias, bemchtigte sich des Thrones; Aison starb, und Iason, sein Kind, war zu Chiron dem Zentauren, dem Erzieher vieler groer Helden, geflchtet worden, wo er in guter Heldenzucht aufwuchs. Als Pelias schon alt war, wurde er durch einen dunkeln Orakelspruch gengstigt, welcher ihn warnte, er solle sich vor dem Einschuhigen hten. Pelias grbelte vergeblich ber dem Sinne dieses Worts, als Iason, der jetzt zwanzig Jahre den Unterricht und die Erziehung des Chiron genossen hatte, sich heimlich aufmachte, nach Iolkos in seine Heimat zu wandern und das Thronrecht seines Geschlechtes gegen Pelias zu behaupten. Nach Art der alten Helden war er mit zwei Speeren, dem einen zum Werfen, dem andern zum Stoen, ausgerstet; er trug ein Reisekleid und darber die Haut von einem Panther, den er erwrgt hatte; sein unbeschorenes Haar hing lang ber die Schultern herab. Unterwegs kam er an einen breiten Flu, an dem er eine alte Frau stehen sah, die ihn flehentlich bat, ihr ber den Strom zu helfen. Es war die Gttermutter Hera, die Feindin des Kniges Pelias. Iason erkannte sie in ihrer Verwandlung nicht, er nahm sie mitleidig auf die Arme und watete mit ihr durch den Flu. Auf diesem Wege blieb ihm der eine Schuh im Schlamme stecken. Dennoch wanderte er weiter und kam zu Iolkos an, als sein Oheim Pelias gerade mitten unter dem Volke auf dem Marktplatze der Stadt dem Meeresgotte Poseidon ein feierliches Opfer brachte. Alles Volk verwunderte sich ber seine Schnheit und seinen majesttischen Wuchs. Sie meinten, Apollo oder Ares sei pltzlich in ihre Mitte getreten. Jetzt fielen auch die Blicke des opfernden Kniges auf den Fremdling, und mit Entsetzen bemerkte er, da nur der eine Fu desselben beschuhet sei. Als die heilige Handlung vorber war, trat er dem Ankmmling entgegen und fragte ihn mit verheimlichter Bestrzung nach seinem Namen und seiner Heimat. Iason antwortete mutig, doch sanft: er sei Aisons Sohn, sei in Chirons Hhle erzogen worden und komme jetzt, das Haus seines Vaters zu schauen. Der kluge Pelias empfing ihn auf diese Mitteilung freundlich und ohne seinen Schrecken merken zu lassen. Er lie ihn berall im Palaste herumfhren, und Iason weidete seine Augen mit Sehnsucht an dieser ersten Wohnsttte seiner Jugend. Fnf Tage lang feierte er hierauf das Wiedersehen mit seinen Vettern und Verwandten in frhlichen Festen. Am sechsten Tage verlieen sie die Zelte, die fr die Gste aufgeschlagen waren, und traten miteinander vor den Knig Pelias. Sanft und bescheiden sprach Iason zu seinem Oheim: Du weit, o Knig, da ich der Sohn des rechtmigen Kniges bin und alles , was du besitzest, mein Eigentum ist. Dennoch lasse ich dir die Schaf- und Rinderherden und alles Feld, das du meinen Eltern entrissen hast; ich verlange nichts von dir zurck als den Knigzepter und den Thron, auf welchem einst mein Vater sa. Pelias war in seinem Geiste schnell besonnen. Er erwiderte freundlich: Ich bin willig, deine Forderung zu erfllen, dafr sollst aber auch du mir eine Bitte gewhren und eine Tat fr mich ausrichten, die deiner Jugend wohl ansteht und deren mein Greisenalter nicht mehr fhig ist. Denn mir erscheint seit lange in nchtlichen Trumen der Schatten des Phrixos und verlangt von mir, ich solle seine Seele zufriedenstellen, nach Kolchis zum Knige Aietes reisen und von da seine Gebeine und das Vlies des goldenen Widders zurckholen. Den Ruhm dieser Unternehmung habe ich dir zugedacht. Wenn du mit der herrlichen Beute zurckkehrst, sollst du Reich und Zepter in Besitz nehmen.


Anla und Beginn des Argonautenzuges

Mit dem Goldenen Vliese aber verhielt es sich also: Phrixos, ein Sohn des botischen Knigs Athamas, hatte viel von der Nebengattin seines Vaters, seiner bsen Stiefmutter Ino, zu dulden. Um ihn vor ihren Nachstellungen zu bewahren, raubte ihn, mit Hilfe seiner Schwester Helle, die eigene Mutter Nephele. Sie setzte die Kinder auf einen geflgelten Widder, dessen Vlies oder Fell von gediegenem Golde war und welchen sie von dem Gotte Hermes zum Geschenk erhalten hatte. Auf diesem Wundertiere ritten Bruder und Schwester durch die Luft ber Land und Meere hin. Unterwegs wurde das Mgdlein von Schwindel berwltigt. Sie fiel in die Tiefe und fand ihren Tod in dem Meere, das von ihr den Namen Helles Meer oder Hellespontos erhielt. Phrixos kam glcklich in das Land der Kolchier an der Kste des Schwarzen Meeres. Hier wurde er von dem Knige Aietes gastfreundlich aufgenommen, der ihm eine seiner Tchter zur Gattin gab. Den Widder opferte Phrixos dem Zeus, dem Befrderer der Flucht; sein Vlies gab er dem Knige Aietes zum Geschenk. Dieser weihte dasselbe dem Ares und befestigte es mit Ngeln im einem Haine, der diesem Gott geheiligt war. Zur Bewachung des Goldenen Vlieses bestellte Aietes einen ungeheuren Drachen; denn ein Schicksalsspruch hatte sein Leben vom Besitze dieses Widderfelles abhngig gemacht. Das Vlies wurde in der ganzen Welt als ein groer Schatz betrachtet, und lange trug man sich auch in Griechenland mit der Nachricht von demselben. Manchen Helden und Frsten gelstete es darnach; so hatte Pelias nicht falsch gerechnet, wenn er hoffte, seinen Neffen Iason durch die Aussicht auf eine so herrliche Beute zu reizen. Iason lie sich auch bereitwillig finden; er durchschaute nicht die Absicht seines Oheims, ihn in den Gefahren dieses Zuges untergehen zu lassen, und verpflichtete sich feierlich, das Abenteuer zu bestehen. Die berhmtesten Helden Griechenlands wurden zu dem khnen Unternehmen aufgefordert. Am Fue des Berges Pelion, aus einer Holzart, die im Meere nicht fault, wurde unter Athenes Leitung von dem geschicktesten Baumeister Griechenlands ein herrliches Schiff mit fnfzig Rudern erbaut und nach seinem Erbauer Argos, dem Sohne des Arestor, Argo genannt. Es war das erste lange Schiff, auf welchem sich Griechen in die offene See wagten. Die Gttin Athene hatte dazu das weissagende Brett von einer redenden Eiche des Orakels zu Dodona gestiftet, das eine Stelle in dem Tafelwerke fand. Das Schiff war auswendig mit vielen geschnitzten Arbeiten geziert und gleichwohl so leicht, da es die Helden zwlf Tagesreisen weit auf der Achsel tragen konnten. Als das Fahrzeug fertig und die Helden versammelt waren, wurden die Pltze der Argoschiffer (Argonauten) verlost. Iason war Befehlshaber des ganzen Zuges; Tiphys war der Steuermann; Lynkeus, der Scharfblickende, machte den Lotsen des Schiffs. Im Vorderteile des Schiffs sa der herrliche Held Herakles, im Hinterteil Peleus, der Vater des Achilles, und Telamon, der Vater des Ajax. Im innern Raume befanden sich unter andern Kastor und Pollux, die Zeusshne, Neleus, der Vater Nestors, Admetos, der Gemahl der frommen Alkestis, Meleager, der Besieger des kalydonischen Ebers, Orpheus, der wundervolle Snger, Mentios, der Vater des Patroklos, Theseus, nachher Knig von Athen, und sein Freund Peirithoos, Hylas, der junge Gefhrte des Herakles, Poseidons Sohn Euphemos und Oleus, der Vater des kleineren Ajax. Iason hatte seinen Schild dem Poseidon gewidmet, und vor der Abfahrt wurde ihm und allen Meeresgttern ein feierliches Opfer mit Gebeten dargebracht.

Als alle im Schiffe Platz genommen, wurden die Anker gelichtet; die fnfzig Ruderer begannen ihren regelmigen Taktschlag; ein gnstiger Wind schwellte die Segel, und bald hatte das Schiff den Hafen von Iolkos hinter sich. Orpheus mit lieblichen Harfentnen und begeisterndem Gesang belebte den Mut der Argoschiffer; lustig fuhren sie an Vorgebirgen und Inseln vorbei; erst am zweiten Tage erhob sich ein Sturm und trieb sie in den Hafen der Insel Lemnos.



Die Argonauten zu Lemnos

Auf dieser Insel hatten das Jahr zuvor die Weiber alle ihre Mnner, ja das ganze mnnliche Geschlecht, vom Zorn Aphroditens verfolgt und von Eifersucht getrieben, weil jene sich Nebenweiber aus Thrakien geholt hatten, ausgerottet. Nur Hypsipyle hatte ihren Vater, den Knig Thoas, verschont und in einer Kiste dem Meere zur Rettung bergeben. Seitdem frchteten sie unaufhrlich einen Angriff von seiten der Thrakier, der Verwandten ihrer Nebenbuhlerinnen, und blickten oft mit ngstlichen Augen nach der hohen See hinaus. Auch jetzt, wo sie das Schiff Argo heranrudern sahen, strzten sie alle miteinander aufgeschreckt aus den Toren und strmten, mit Waffen angetan, wie Amazonen ans Ufer. Die Helden verwunderten sich hchlich, als sie das ganze Gestade voll von bewaffneten Weibern und keinen Mann erblickten. Sie fertigten in einem Nachen einen Herold mit dem Friedensstabe an die seltsame Versammlung ab, der von den Frauen vor die unvermhlte Knigin Hypsipyle gebracht wurde und in bescheidenen Worten die Bitte der Argoschiffer um gastliche Rast vorbrachte. Die Knigin versammelte ihr Frauenvolk auf dem Marktplatze der Stadt; sie selbst setzte sich auf den steinernen Thron ihres Vaters; ihr zunchst lagerte sich, auf einen Stab gesttzt, die greise Amme; dieser zur Rechten und zur Linken saen je zwei blondhaarige, zarte Jungfrauen. Nachdem sie der Versammlung das friedliche Ansinnen der Argonauten vorgelegt, sprach sie aufgerichtet: Liebe Schwestern, wir haben eine groe Freveltat begangen und in der Torheit uns mnnerlos gemacht; wir sollten gute Freunde, wenn sie sich uns darbieten, nicht zurckstoen. Aber wir mssen auch dafr sorgen, da sie nichts von unserer Untat erfahren. Darum ist mein Rat, den Fremden Speise, Wein und alle Notdurft in ihr Schiff tragen zu lassen und durch solche Bereitwilligkeit sie ferne von unsern Mauer zu halten.

Die Knigin hatte sich wieder niedergesetzt und dagegen die alte Amme sich erhoben. Mit Mhe richtete sie ihren Kopf aus den Schultern auf und sprach: Sendet immerhin den Fremdlingen Geschenke: dies ist wohlgetan. Denket aber auch daran, was euch bevorsteht, wenn die Thrakier kommen. Und wenn ein gndiger Gott diese fernehlt, seid ihr darum vor allem bel sicher? Zwar die alten Weiber, wie ich, knnen ruhig sein; wir werden sterben, ehe die Not dringend wird, ehe alle unsere Vorrte zu Ende sind. Ihr Jngeren aber, wie wollet ihr alsdann leben? Werden sich die Ochsen fr euch von selbst ins Joch spannen und den Pflug durchs Ackerfeld ziehen? Werden sie an eurer Statt, wenn das Jahr herum ist, die reifen hren abschneiden? Denn ihr selbst werdet diese und andere harte Arbeiten nicht verrichten wollen. Ich rate euch, weiset den erwnschen Schutz nicht ab, der sich euch darbietet; vertrauet Gut und Habe den edelgeborenen Fremdlingen an und lat sie eure schne Stadt verwalten! Dieser Rat gefiel allen Weibern von Lemnos wohl. Die Knigin schickte eine der beisitzenden Jungfrauen mit dem Herold auf das Schiff, um den Argonauten den gnstigen Beschlu der Frauenversammlung kundzutun. Die Helden waren ber die Nachricht hocherfreut, sie glaubten nicht anders, als Hypsipyle sei ihrem Vater nach dessen Tode in friedlicher bernahme der Herrschaft gefolgt. Iason warf den purpurnen Mantel, ein Geschenk der Athene, ber seine Schultern und wandelte der Stadt zu, einem schimmernden Sterne hnlich. Als er in die Tore einzog, strmten ihm die Frauen mit lautem Grue nach und erfreuten sich des Gastes. Er aber heftete mit sittsamer Scheu die Augen auf den Boden und eilte dem Palaste der Knigin zu. Dienende Mgde taten die hohen Pforten weit vor ihm auf, die Jungfrau fhrte ihn in das Gemach ihrer Herrin. Hier nahm er dieser gegenber auf einem prachtvollen Stuhle Platz. Hypsipyle schlug die Augen nieder, und ihre jungfrulichen Wangen rteten sich. Verschmt wandte sie sich an ihn mit den schmeichelnden Worten: Fremdling, warum weilet ihr so scheu auerhalb unserer Tore? Diese Stadt wird ja nicht von Mnnern bewohnt, da ihr euch zu frchten httet. Unsere Gatten sind uns treulos geworden; sie sind mit thrakischen Weibern, die sie im Kriege erbeutet, in das Land ihrer Nebenweiber gezogen und haben ihre Shne und mnnlichen Diener mit sich genommen; wir aber sind hilflos zurckgeblieben. Darum, wenn es euch gefllt, kehret hier, bei unsrem Volke, ein, und magst du, sollst du an meines Vaters Thoas Statt die Deinigen und uns beherrschen. Du wirst das Land nicht tadeln, es ist bei weitem die fruchtbarste Insel in diesem Meere. Geh daher, guter Fhrer, melde deinen Genossen unsern Vorschlag und bleibet nicht lnger auerhalb der Stadt. So sprach sie und verhehlte nur die Ermordung der Mnner. Ihr erwiderte Iason: Knigin, die Hilfe, die du uns Hilfsbedrftigen anbietest, nehmen wir mit dankbarem Herzen an; wenn ich meinen Genossen die Nachricht zurckgebracht habe, will ich in eure Stadt zurckkehren, aber den Zepter und die Insel behalte du selbst! Nicht als ob ich sie verachte; aber mich erwarten schwere Kmpfe im fernen Lande. Iason reichte der kniglichen Jungfrau die Hand zum Abschiedsgrue, dann eilte er zurck ans Ufer. Bald kamen auch die Frauen auf schnellen Wagen nach, mit vielen Gastgeschenken. Ohne Mhe berredeten sie die Helden, die ihres Fhrers Botschaft schon vernommen hatten, die Stadt zu betreten und in ihren Husern einzukehren. Iason nahm seine Wohnung in der Knigsburg selbst, die andern da und dort; nur Herakles, der Feind weibischen Lebens, blieb mit wenigen auserlesenen Genossen zurck auf dem Schiffe. Jetzt fllten frhliche Mahlzeiten und Tnze die Stadt; duftiger Opferdampf stieg zum Himmel; Einwohnerinnen und Gste ehrten den Schutzgott der Insel, Hephaistos, und Aphrodite, seine Gemahlin. Von Tag zu Tag wurde die Abfahrt verschoben; und noch lange htten die Helden bei den freundlichen Wirtinnen verweilt, wenn nicht Herakles vom Schiffe herbeigekommen wre und die Genossen, ohne der Weiber Wissen, um sich versammelt htte. Ihr Elenden, schalt er, hattet ihr nicht genug Frauen im eigenen Lande? Seid ihr der Hochzeit bedrftig hierhergekommen? Wollt ihr als Bauern zu Lemnos das Feld pflgen? Freilich! ein Gott wird fr uns das Vlies holen und es uns zu Fen legen! Lieber lasset uns jeden in seine Heimat zurckkehren; jener mag sich mit Hypsipyle vermhlen, die Insel Lemnos mit seinen Shnen bevlkern und von fremden Heldentaten hren!

Keiner wagte gegen den Helden, der so sprach die Augen aufzuheben oder ihm zu widersprechen. Von der Versammlung weg rsteten sie sich zur Abfahrt. Aber die Lemnierinnen, ihre Absicht erratend, umschwrmten sie wie summende Bienen mit Klagen und Bitten. Doch ergaben sie sich zuletzt in den Entschlu der Helden. Hypsipyle trat mit trnenden Augen aus der Schar hervor, nahm Iason bei der Hand und sprach: Geh, und mgen dir die Gtter samt deinen Genossen, wie du es wnschest, das Goldene Vlies verleihen! Wenn du je zu uns zurckkehren willst, so erwartet dich diese Insel und das Zepter meines Vaters. Aber ich wei es wohl, du hast diese Absicht nicht. So gedenke denn wenigstens meiner in der Ferne! Iason schied mit Bewunderung von der edlen Knigin und bestieg zuerst das Schiff, nach ihm die andern Helden alle. Sie lsten die Taue, mit welchen das Fahrzeug ans Land gebunden war, die Ruderer setzten sich in Bewegung, und in kurzer Zeit hatten sie den Hellespont hinter sich.



Die Argonauten im Lande der Dolionen

Thrakische Winde trieben hier das Schiff in die Nhe der phrygischen Kste, wo auf dem Eilande Kyzikos die erdgeborenen Riesen in ungezhmter Wildheit und die friedlichen Dolionen nebeneinander wohnten. Jenen hingen sechs Arme vom Leibe herunter, zwei an den mchtigen Schultern und vier an den beiden Seiten. Die Dolionen stammten vom Meeresgotte ab, der sie auch gegen jene Ungeheuer schirmte. Ihr Knig war der fromme Kyzikos. Dieser und sein ganzes Volk, als sie von der Ankunft des Schiffes und dem Geschlechte der Mnner gehrt, gingen den Argonauten liebreich entgegen, empfingen sie gastfreundlich und berredeten sie, noch weiter zu rudern und das Schiff im Hafen der Stadt vor Anker zu legen. Der Knig hatte lngst einen Orakelspruch erhalten: Wenn die gttliche Schar der Heroen kme, so sollte er sie liebreich aufnehmen und ja nicht bekriegen. Er versah sie deswegen reichlich mit Wein und Schlachtvieh. Er selbst war noch ganz jung, und kaum erst war ihm der Bart gewachsen. Im Knigshause wartete sein die junge Gattin, die er eben erst aus ihres Vaters Hause heimgefhrt hatte; dennoch verlie er sie, um, dem Gtterspruche folgsam, das Mahl mit den Fremden zu teilen. Hier erzhlten sie ihm von dem Ziel und Zweck ihrer Fahrt, und er unterrichtete sie ber den Weg, den sie zu nehmen htten. Am andern Morgen bestiegen sie einen hohen Berg, um selbst die Lage der Insel und das Meer zu berschauen. Inzwischen waren von der andern Seite des Eilands die Riesen hervorgebrochen und hatten den Hafen mit Felsblcken gesperrt. In diesem lag das Schiff Argo, von Herakles, der auch diesmal nicht an das Land gestiegen war, bewacht. Als dieser die Ungeheuer das boshafte Werk unternehmen sah, scho er ihrer viele mit seinen Pfeilen zu Tode. Zu gleicher Zeit kamen auch die brigen Helden zurck und richteten mit Pfeilen und Speeren unter den Riesen eine furchtbare Niederlage an, so da sie in dem engen Hafen wie ein umgehauener Wald dalagen, die einen mit Kopf und Brust im Wasser, mit den Fen auf dem Ufersande, die andern mit den Fen im Meere, mit Kopf und Brust am Ufer; beide Fischen und Vgeln zur Beute bestimmt. Nachdem die Helden diesen glcklichen Kampf bestanden hatten, lsten sie unter gnstigem Winde die Ankertaue und segelten hinaus in die offene See. Aber in der Nacht legte sich der Wind; bald erhob sich ein Sturm von der entgegengesetzten Seite, und so wurden sie gentigt, noch einmal am gastlichen Lande der Dolionen vor Anker zu gehen, ohne da sie es wuten; denn sie glaubten sich an der phrygischen Kste. Ebensowenig erkannten die Dolionen, die bei dem Gerusche der Landung sich aus ihrer nchtlichen Ruhe erhoben hatten, die Freunde wieder, mit denen sie gestern so frhlich gezecht hatten. Sie griffen zu den Waffen, und eine unglckselige Schlacht entspann sich zwischen Gastfreunden. Iason selbst stie dem gtigen Knige Kyzikos den Speer mitten in die Brust, ohne ihn zu kennen und von ihm gekannt zu sein. Die Dolionen wurden endlich in die Flucht geschlagen und schlossen sich in die Mauern ihrer Stadt ein. Am andern Morgen wurde beiden der Irrtum offenbar.

Bitterer Schmerz ergriff den Argonautenfhrer Iason mit allen seinen Helden, als sie den guten Dolionenknig in seinem Blute liegen sahen. Drei Tage lang trauerten in friedlicher Vermischung die Helden und die Dolionen, rauften sich die Haare und stellten den Gebliebenen zu Ehren gemeinschaftlich Trauerkampfspiele an; dann schifften die fremden Helden weiter, Klite aber, die Gemahlin des gefallenen Dolionenkniges, erdrosselte sich mit dem Stricke; sie hatte den Tod ihres Gatten nicht berleben wollen.


Herakles zurckgelassen

Nach einer strmevollen Fahrt landeten die Helden in einem Meerbusen Bithyniens bei der Stadt Kios. Die Mysier, die hier wohnten, empfingen sie gar freundlich, trmten drres Holz zum wrmenden Feuer auf, machten den Ankmmlingen aus grnem Laub eine weiche Streu und setzten ihnen noch in der Abenddmmerung Wein und Speise zur Genge vor. Herakles, der alle Bequemlichkeiten der Reise verschmhte, lie seine Genossen beim Mahle sitzen und machte einen Streifzug in den Wald, um sich aus einem Tannenbaum ein besseres Ruder fr den kommenden Morgen zu schnitzen. Bald fand er eine Tanne, die ihm gerecht war, nicht zu sehr mit sten beladen, in der Gre und im Umfang wie der Ast einer schlanken Pappel. Sogleich legte er Kcher und Bogen auf die Erde, warf sein Lwenfell ab, seine eherne Keule daneben und zog den Stamm, den er mit beiden Hnden gefat, mitsamt den Wurzeln und der daranhngenden Erde heraus, so da die Tanne dalag, nicht anders denn, als htte sie ein Sturm entwurzelt. Inzwischen hatte sich sein junger Gefhrte Hylas auch vom Tische der Genossen verloren. Er war mit dem ehernen Kruge aufgestanden, um Wasser fr seinen Herrn und Freund zum Mahle zu schpfen und auch alles andere ihm fr seine Rckkehr vorzubereiten. Herakles hatte auf seinem Zuge gegen die Dryopen seinen Vater im Wortwechsel erschlagen, den Knaben aber aus dem Hause des Vaters mit sich genommen und sich zum Diener und Freunde erzogen. Als dieser schne Jngling an dem Quelle Wasser schpfte, leuchtete der Vollmond. Wie er sich nun eben mit dem Kruge nach dem Wasserspiegel neigte, erblickte ihn die Nymphe des Quelles. Von seiner Schnheit betrt, schlang sie den linken Arm um ihn, mit der Rechten ergriff sie seinen Ellenbogen und zog ihn so hinunter in die Tiefe. Einer der Helden, Polyphemos mit Namen, der die Rckkehr des Herakles nicht ferne von jenem Quell erwartete, hrte den Hilfeschrei des Knaben. Aber er fand ihn nicht mehr, dagegen begegnete er dem Herakles, der aus dem Walde zurckkam. Unglcklicher, rief er ihm entgegen, mu ich der erste sein, der dir die Trauerbotschaft melde? Dein Hylas ist zum Quelle gegangen und nicht wieder zurckgekehrt; Ruber fahren ihn gefangen davon oder wilde Tiere zerreien ihn; ich selbst habe seinen Angstruf gehrt. Dem Herakles flo der Schwei vom Haupte, als er es hrte, und das Blut wallte ihm gegen die Brust. Zornig warf er die Tanne auf den Boden und rannte, wie ein von der Bremse gestochener Stier Hirten und Herde verlt, mit durchdringendem Rufe durch das Dickicht der Quelle zu.

Jetzt stand der Morgenstern ber dem Bergesgipfel; gnstiger Wind erhub sich. Der Steuermann ermahnte die Helden, ihn zu bentzen und das Schiff zu besteigen. Schon fuhren sie im Morgenlichte frhlich dahin, als ihnen zu spt einfiel, da zwei ihrer Genossen, Polyphemos und Herakles, von ihnen am Ufer zurckgelassen worden. Ein strmischer Streit erhob sich unter den Helden, ob sie ohne die tapfersten Begleiter weitersegeln sollten. Iason sprach kein Wort, stille sa er, und der Kummer fra ihm am Herzen; den Telamon aber bermannte der Zorn: Wie kannst du so ruhig sitzen? rief er dem Fhrer zu; gewi frchtetest du, Herakles mchte deinen Ruhm verdunkeln! Doch was helfen da Worte? Und wenn alle Genossen mit dir einverstanden wren, so will ich allein zu dem verlassenen Helden umkehren. Mit diesen Worten fate er den Steuermann Tiphys an der Brust, seine Augen funkelten wie Feuerflammen, und gewi htte er sie gezwungen, nach dem Gestade der Mysier zurckzukehren, wenn nicht die beiden Shne des Boreas, Kalais und Zetes, ihm in den Arm gefallen wren und mit scheltenden Worten zurckgehalten htten. Zugleich stieg aus der schumenden Flut Glaukos, der Meergott, hervor, fate mit starker Hand das Ende des Schiffes und rief den Eilenden zu: Ihr Helden, was streitet ihr euch? Was begehret ihr, wider den Willen des Zeus den mutigen Herakles mit euch in das Land des Aietes zu fhren? Ihm sind ganz andere Arbeiten zu verrichten vom Schicksale bestimmt. Den Hylas hat eine liebende Nymphe geraubt, und aus Sehnsucht nach ihm ist er zurckgeblieben. Nachdem er ihnen solches geoffenbart, tauchte Glaukos wieder in die Tiefe nieder, und das dunkle Wasser schumte in Wirbeln um ihn. Telamon war beschmt, er ging auf Iason zu, legte seine Hand in des Helden Hand und sprach: Zrne mir nicht, Iason! Der Schmerz hat mich verfhrt, unvernnftige Worte zu reden! bergib meinen Fehler den Winden, und la uns Wohlwollen ben wie frher! Iason gab der Vershnung gerne Gehr, und so fuhren sie bei starkem und gnstigem Winde dahin. Polyphemos fand sich bei den Mysiern zurecht und baute ihnen eine Stadt. Herakles aber ging weiter, wohin ihn die Bestimmung des Zeus rief.



Pollux und der Bebrykenknig

Am andere Morgen legten sie mit Sonnenaufgang an einer weit ins Meer hinausgestreckten Landzunge vor Anker. Dort befanden sich die Stlle und das lndliche Wohnhaus des wilden Bebrykenkniges Amykos. Dieser hatte allen Fremdlingen das lstige Gesetz aufgelegt, da keiner sein Gebiet verlassen sollte, ehe er sich mit ihm im Faustkampf gemessen. Auf diese Weise hatte er schon viele Nachbarn umgebracht. Auch jetzt nherte er sich mit verchtlichen Worten dem gelandeten Schiffe: Hret, ihr Meervagabunden, rief er, was euch zu wissen not ist! Kein Fremdling darf mein Land verlassen, ohne mit mir gerungen zu haben. So suchet denn euren besten Helden aus und stellet ihn mir; sonst soll es euch bel ergehen! Nun war unter den Argoschiffern der beste Faustkmpfer Griechenlands, Pollux, der Leda Sohn. Diesen reizte die Ausforderung, und er rief dem Knige zu: Poltere nicht; wir wollen deinen Gesetzen gehorchen, und in mir hast du deinen Mann gefunden! Der Bebryke blickte den khnen Helden mit rollenden Augen an, wie ein verwundeter Berglwe den, der ihn zuerst getroffen hat. Pollux aber, der jugendliche Held, sah heiter aus wie ein Stern am Himmel; er schwang seine Hnde in der Luft, um sie zu versuchen, ob sie von der langen Ruderarbeit erstarrt seien. Als die Helden das Schiff verlassen, stellten die beiden Kmpfer sich einander gegenber. Ein Sklave des Kniges warf ein gedoppeltes Paar von Fechterhandschuhen zwischen sie auf den Boden. Whle, welches Paar du willst, sagte Amykos, ich will dich nicht lange losen lassen! Du wirst aus Erfahrung sagen knnen, da ich ein guter Gerber bin und blutige Backenstreiche zu erteilen verstehe! Pollux lchelte schweigend, nahm das Handschuhpaar, das ihm zunchst lag, und lie es sich von seinen Freunden an die Hnde festbinden. Dasselbe tat der Bebrykenknig. Jetzt begann der Faustkampf. Wie eine Meerwelle, die sich dem Schiff entgegenwlzt und welche die Kunst des Steuermanns mit Mhe abweist, strmte der fremde Ringer auf den Griechen ein und lie ihm keine Ruhe. Dieser aber wich seinem Angriffe immer kunstvoll und unverletzt aus. Er hatte die schwache Seite seines Gegners bald ausgekundschaftet und versetzte ihm manchen unabgewehrten Streich. Doch nahm auch der Knig seines Vorteils wahr, und nun krachten die Kinnbacken und knirschten die Zhne von gegenseitigem Schlgen, und sie ruhten nicht eher aus, als bis beide atemlos waren. Dann traten sie beiseite, frischen Atem zu schpfen und sich den strmenden Schwei abzutrocknen. Im erneuten Kampfe verfehlte Amykos seines Widerpartes Haupt, und sein Arm traf nur die Schulter; Pollux aber traf den Gegner ber das Ohr, da ihm die Knochen im Kopfe zerbrachen und er vor Schmerz in die Knie sank.

Da jauchzten die Argonauten laut auf; aber auch die Bebryken sprangen ihrem Knige bei, kehrten ihre Keulen und Jagdspiee gegen Pollux und strmten gegen ihn heran. Vor ihm stellten sich schirmend die Genossen mit blanken Schwertern auf. Ein blutiges Treffen entspann sich; die Bebryken wurden in die Flucht geschlagen und muten in das Innere des Landes weichen. Die Helden warfen sich auf ihre Stlle und Viehherden und machten reichliche Beute. Die Nacht ber blieben sie am Lande, verbanden die Wunden, opferten den Gttern und blieben beim Becher wach. Sie bekrnzten ihre Stirnen mit dem Uferlorbeer, an den auch das Schiff mit seinen Tauen angebunden war, und sangen zur Zither des Orpheus eine tnende Hymne. Das schweigende Ufer schien ihnen mit Lust zuzuhorchen, ihr Lied aber besang Pollux, den siegreichen Sohn des Zeus.



Phineus und die Harpyien

Der Morgen setzte dem Mahl ein Ziel, und sie fuhren weiter. Nach einigen Abenteuern warfen sie die Anker, gegenber dem bithynischen Lande, an einem Ufergebiete aus, wo der Knig Phineus, der Sohn des Helden Agenor, hauste. Dieser war von einem groen bel heimgesucht. Weil er die Wahrsagergabe, die ihm von Apollo verliehen worden, mibraucht hatte, war er im hohen Alter mit Blindheit geschlagen worden, und die Harpyien, die grlichen Wundervgel, lieen ihn keine Speise ruhig genieen. Was sie konnten, raubten sie; das Zurckgebliebene besudelten sie so, da man es nicht berhren, ja selbst die Nhe solcher Speisen nicht aushalten konnte. Doch war dem Phineus ein Trostspruch vom Orakel des Zeus gegeben: Wenn die Boreasshne mit den griechischen Schiffern kommen wrden, sollte er wieder Speise genieen knnen. So verlie denn der Greis, auf die erste Nachricht von des Schiffes Ankunft, sein Gemach. Bis auf die Knochen abgemagert, war er anzuschauen wie ein Schatten, seine Glieder zitterten vor Altersschwche, vor den Augen schwindelte ihm, ein Stab untersttzte seine schwankenden Tritte, und als er bei den Argonauten angekommen war, sank er erschpft zu Boden. Diese umringten den unglcklichen Greis und entsetzten sich ber sein Aussehen. Als der Frst ihre Nhe vernommen und seine Besinnung wieder zurckgekehrt war, brach er in flehende Bitten aus: O ihr teuren Helden, wenn ihr wirklich diejenigen seid, welche die Weissagung mir bezeichnet hat, so helfet mir; denn nicht nur meines Augenlichtes haben die Rachegttinnen sich bemchtigt, auch die Speisen entziehen sie meinem Alter durch die grlichen Vgel, die sie mir senden! Ihr leistet eure Hilfe keinem Fremdling; ich bin Phineus, Agenors Sohn, ein Grieche. Einst habe ich unter den Thrakiern geherrscht, und die Shne des Boreas, welche Teilnehmer eures Zuges sein mssen und mich retten sollen, sind die jungen Brder Kleopatras, die dort meine Gattin war. Auf diese Entdeckung warf sich ihm Zetes, des Boreas Sohn, in die Arme und versprach ihm, ihn mit Hilfe seines Bruders von der Qual der Harpyien zu befreien; und auf der Stelle bereiteten sie ihm ein Mahl, das der ruberischen Vgel letztes sein sollte. Kaum hatte der Knig die Speise berhrt, als die Vgel, wie ein pltzlicher Sturm, mit Flgelschlag aus den Wolken herabgestrzt kamen und sich gierig auf die Speisen setzten. Die Helden schrien laut auf; aber die Harpyien lieen sich nicht stren; sie blieben, bis sie alles aufgezehrt hatten, dann schwangen sie sich wieder in die Lfte und lieen einen unertrglichen Geruch zurck. Doch Zetes und Kalais, die Boreasshne, verfolgten sie mit gezcktem Schwert. Zeus verlieh ihnen Fittiche und unermdliche Kraft, die sie wohl brauchen konnten, denn die Harpyien kamen in ihrem Fluge dem schnellsten Westwinde zuvor. Aber die Boreasshne waren rstig hinter ihnen drein, und oft meinten sie, die Ungeheuer schon mit den Hnden greifen zu knnen. Endlich kamen sie ihnen so nahe, da sie dieselben ohne Zweifel erlegt htten, als pltzlich des Zeus Botin, Iris, sich aus dem ther herabsenkte und das Heldenpaar so anredete: Nicht ist's erlaubt, ihr Shne des Boreas, die Jagdhunde des groen Zeus, die Harpyien, mit dem Schwerte zu fllen. Doch schwre ich euch den groen Gttereid beim Styx, da die Raubvgel den Sohn des Agenor nicht mehr beunruhigen sollen. Die Shne des Boreas wichen dem Eide und kehrten nach dem Schiffe um.

Unterdessen pflegten die griechischen Helden den Leib des greisen Phineus, hielten eine Opfermahlzeit und luden den Ausgehungerten dazu ein. Dieser verzehrte gierig die reinen und reichlichen Speisen; es war ihm, als weidete sich sein Hunger im Traume. Whrend sie die Nacht ber auf die Rckkehr der Boreasshne warteten, teilte ihnen der alte Knig Phineus zum Danke von den Frchten seiner Wahrsagergabe mit. Vor allen Dingen, lautete seine Rede, werdet ihr in einem Engpasse des Meeres den Symplegaden begegnen; dies sind zwei steile Felseninseln, deren unterste Wurzeln nicht bis zum Meeresboden reichen, sondern die in der See schwimmen; oft treiben sie einander entgegen, und dann schwillt die Meeresflut in der Mitte mit frchterlichem Toben an. Wollet ihr nicht mit Mann und Maus zermalmt werden, so rudert zwischen ihnen durch, so schnell wie eine Taube fliegt. Dann werdet ihr ans Gestade der Mariandyner kommen, wo der Eingang zur Unterwelt ist. An vielen andern Vorgebirgen, Flssen und Ksten fahret ihr dann vorber, an Frauenstdten der Amazonen, am Lande der Chalyber, die in ihres Angesichtes Schwei das Eisen aus der Erde graben. Endlich werdet ihr zur kolchischen Kste gelangen, wo der Phasis seinen breiten Strudel ins Meer sendet. Hier werdet ihr die getrmte Burg des Kniges Aietes erblicken; hier htet der schlaflose Drache das Goldvlies, das ber dem Wipfel des Eichbaums ausgebreitet hngt.

Die Helden hrten dem Greise nicht ohne Grauen zu und wollten eben weiter fragen, als sich die Shne des Boreas aus den Lften in ihre Mitte herniedersenkten und den Knig mit der trstlichen Botschaft der Iris erfreuten.



Die Symplegaden

Phineus nahm dankbar und gerhrt Abschied von seinen Rettern, die weiter- und mancherlei neuen Schicksalen entgegenfuhren. Zuerst wurden sie durch vierzigtgige Nordwestwinde aufgehalten, bis Opfer und Gebet zu allen zwlf Gttern ihnen zu frischer Fahrt verhalf. Sie waren im besten Segeln begriffen, als ein lautes Tosen ihnen von ferne schon ans Ohr schlug. Es war das Krachen der immer zusammenstoenden und immer wieder zurckprallenden Symplegaden, der Widerhall der Ufer und das Zischen des zusammengepreten Meeres. Tiphys, der Steuermann, stellte sich wachsam ans Steuerruder. Euphemos, der Held, erhub sich im Schiffe und hielt auf der flachen Rechten eine Taube. Wenn diese, hatte Phineus ihnen geweissagt, furchtlos zwischen den Felsen hindurchflge, so drften auch sie kecklich die Durchfahrt wagen. Eben ffneten sich die Felsen: Euphemos lie die Taube fliegen; alle richteten ihre Hupter in Erwartung empor. Die Taube flog mitten hindurch, aber schon nherten sich die Felsen wieder, das schumende Meer wallte zischend einer Wolke gleich auf; ein Brausen erfllte Wasser und Luft; jetzt stieen die Felsen zusammen und klemmten der Taube die letzten Schwanzfedern ab, doch war sie glcklich hindurchgekommen. Mit lauter Stimme ermunterte Tiphys die Ruderer, dann aber ffneten sich die Felsen wieder, und die in den Zwischenraum strmende Flut zog das Schiff mit sich hinein. Jetzt hing das Verderben ber ihrem Haupte: eine turmhohe Woge wlzte sich ihnen entgegen, bei deren Anblick alle die Kpfe bckten. Aber Tiphys hie mit den Rudern innehalten, und die schumende Welle wlzte sich unschdlich unter dem Kiele hin und hob das Schiff hoch ber die zusammenschwimmenden Felsen empor. Die Helden arbeiteten, da die Ruder sich krmmten; jetzt ri der Strudel das Schiff wieder mitten in die Felsen hinab. Schon stieen die Felsen zu beiden Seiten an den Bauch des Schiffes; da gab ihm die Schutzgttin Athene einen unsichtbaren Sto, da es glcklich durchkam und die zusammenschlagenden Felsen nur eben noch die uersten Bretter des Hinterteiles zermalmten. Als erst die Helden den ther und die offene See wieder vor sich sahen, da atmeten sie von der Todesangst wieder auf, und es war ihnen, als wren sie aus der Unterwelt emporgetaucht. Das ist nicht durch unsre Kraft geschehen, rief Tiphys, wohl fhlte ich hinter mir die gttliche Hand Athenes, deren Schnellkraft das Schiff durch die Felsen stie! Nichts haben wir fortan zu frchten; alle andern Arbeiten nach dieser Gefahr hat uns Phineus als leicht geschildert. Aber Iason schttelte traurig sein Haupt und sprach: Guter Tiphys, ich habe die Gtter versucht, da ich dieses Unternehmen mir von Pelias auflegen lie; lieber htte ich mich von ihm in Stcke sollen hauen lassen! Jetzt bringe ich in Seufzen die Nchte nach den Tagen zu, nicht fr mich besorgt, nein, nur auf euer Leben und Heil bedacht, und wie ich aus so grlichen Gefahren euch der Heimat unverloren zurckgeben soll. So sprach der Held, seine Genossen zu versuchen. Diese aber jubelten ihm freudig zu und verlangten vorwrts.



Weitere Abenteuer

Unter mancherlei Schicksalen fuhren die Helden nun weiter. Auf der Fahrt erkrankte ihnen ihr treuer Steuermann Tiphys, starb und mute am fremden Ufer begraben werden. An seine Stelle whlten sie denjenigen von den Helden, der des Steuers am kundigsten war. Er hie Ankaios und weigerte sich lange, das schwierige Geschft zu bernehmen, bis ihm Hera, die Gttin, Mut und Zuversicht ins Herz gab. Dann aber stellte er sich ans Ruder und lenkte das Schiff so gut, als wenn Tiphys selbst noch am Steuer se. Unter seiner Fhrung gingen sie am zwlften Tage in See und kamen bald mit vollen Segeln an die Mndung des Flusses Kallichoros; hier sahen sie auf einem Hgel das Grabmal des Helden Sthenelos, der mit Herakles in den Amazonenkrieg gezogen und hier, von einem Pfeile getroffen, am Meeresufer verschieden war. Sie wollten eben weiterschiffen, als der klgliche Schatten dieses Helden, von Persephone aus der Unterwelt entlassen, sichtbar ward und sehnschtig nach den stammesverwandten Mnnern blickte. Er stand zuoberst auf seinem Grabhgel in der Gestalt, in welcher er in die Schlacht gegangen war: ein purpurner Busch mit vier schnen Federn wehte ihm vom Helme. Doch war er nur wenige Augenblicke zu schauen und tauchte bald wieder in die schwarze Tiefe hinunter. Erschrocken lieen die Helden die Ruder sinken. Nur Mopsos, der Wahrsager, verstand das Verlangen der abgeschiedenen Seele: er riet seinen Genossen, den Geist des Erschlagenen mit einem Trankopfer zu shnen. Schnell zogen sie die Segel ein, banden das Schiff am Strande an, und indem sie sich um den Grabhgel stellten, benetzten sie ihn mit Trankopfern und verbrannten geschlachtete Schafe. Dann fuhren sie weiter und weiter und gelangten endlich zur Mndung des Flusses Thermodon. Diesem glich kein anderer Strom auf der Erde: aus einer einzigen Quelle tief in den Bergen entsprungen, teilte er sich bald in eine Menge kleinerer Arme und strmte in so viel Ausflssen ins Meer, da nur viere zu einem Hundert fehlten. Sie wimmelten wie eine Menge Schlangen in die offene See. An dem breitesten Ausflusse wohnten die Amazonen. Dieses Weibervolk stammte vom Gotte Ares ab und liebte die Werke des Krieges. Htten die Argonauten hier gelandet, so wren sie ohne Zweifel in einen blutigen Krieg mit den Frauen geraten, denn diese waren den tapfersten Helden im Kampfe gewachsen. Sie wohnten nicht in einer Stadt vereinigt, sondern auf dem Lande zerstreut und in einzelne Stmme getrennt. Ein gnstiger Westwind hielt die Argonauten von diesem kriegerischen Weibervolke fern. Nach der Fahrt eines Tages und einer Nacht kamen sie, wie ihnen Phineus geweissagt hatte, an das Land der Chalyber. Diese pflgten nicht das Erdreich, pflanzten keine fruchttragenden Bume, weideten keine Herden auf der tauigen Wiese; sie gruben nur Erz und Eisen aus dem rauhen Boden und tauschten gegen dieses ihre Lebensmittel ein. Keine Sonne ging ihnen ohne schwere Arbeit auf, in schwarzer Nacht und dichtem Rauche verbrachten sie arbeitend ihren Tag.

Noch an mancherlei Vlkern kamen sie vorber. Als sie einer Insel, mit Namen Aretia oder Aresinsel, gegenber waren, flog ihnen ein Bewohner dieses Eilands, ein Vogel, mit krftigem Flgelschlage entgegen. Als er ber dem Schiffe schwebte, schttelte er seine Schwingen und lie eine spitze Feder fallen, die in der Schulter des Helden Oleus steckenblieb. Verwundet lie der Held das Ruder fahren; die Genossen staunten, als sie das geflgelte Gescho erblickten, das ihm in der Schulter steckte. Der, der ihm zunchst sa, zog die Feder heraus und verband die Wunde. Bald erschien ein zweiter Vogel; den scho Klytios, der den Bogen schon gespannt hielt, im Fluge, so da der Getroffene mitten in das Schiff herabfiel. Wohl ist die Insel in der Nhe, sagte da Amphidamas, ein erfahrener Held, aber trauet jenen Vgeln nicht. Gewi sind ihrer so viele, da, wenn wir landeten, wir nicht Pfeile genug htten, sie zu erlegen. Lasset uns auf ein Mittel sinnen, die kriegslustigen Tiere zu vertreiben. Setzet alle eure Helme mit hohen nickenden Bschen auf; alsdann rudert abwechslungsweise zur Hlfte, zur andern schmcket das Schiff mit blinkenden Lanzen und Schilden aus. Dann erheben wir alle ein entsetzliches Geschrei; wenn das die Vgel hren, dazu die wallenden Helmbsche, die starrenden Lanzen, die schimmernden Schilde sehen, so werden sie sich frchten und davonflattern. Der Vorschlag gefiel den Helden, und alles geschah, wie er ihnen geraten hatte. Kein Vogel lie sich blicken, solange sie heranruderten; und als sie der Insel nher gekommen, mit den Schilden klirrten, flogen ihrer unzhlige aufgeschreckt an der Kste auf und in strmischer Flucht ber das Schiff hin. Aber wie man die Fensterladen eines Hauses vor dem Hagel schliet, wenn man ihn kommen sieht, so hatten sich die Helden mit den Schilden gedeckt, da die Stachelfedern herabfielen, ohne ihnen zu schaden; die Vgel selbst, die furchtbaren Stymphaliden, flogen weit bers Meer den jenseitigen Ufern zu. Die Argonauten landeten auf dieser Insel nach dem Rate des wahrsagenden Kniges Phineus.

Sie sollten hier Freunde und Begleiter finden, die sie nicht erwartet. Kaum nmlich hatten sie die ersten Schritte am Ufer getan, als ihnen vier Jnglinge im armseligsten Aufzuge, von allem entblt, begegneten. Einer von diesen eilte den nahenden Helden entgegen und redete sie an. Wer ihr auch seid, gute Mnner, sprach er, kommt armen Schiffbrchigen zu Hilfe! Teilet uns Kleider mit, unsere Ble zu bedecken, und Speisen, unsern Hunger zu stillen! Iason versprach ihnen freundlich alle Hilfe und erkundigte sich nach ihrem Namen und Geschlecht. Ihr habt wohl von Phrixos gehrt, dem Sohne des Athamas, erwiderte der Jngling, der das Goldne Vlies nach Kolchis gebracht hat? Der Knig Aietes hat ihm seine ltere Tochter zur Ehe gegeben, wir sind seine Shne, und ich heie Argos. Unser Vater Phrixos ist vor kurzem gestorben, und nach seinem Letzten Willen hatten wir uns zu Schiffe gesetzt, die Schtze, die er in der Stadt Orchomenos gelassen, abzuholen. Die Helden waren hocherfreut, und Iason begrte sie als Vettern; denn die Grovter Athamas und Kretheus waren Brder gewesen. Die Jnglinge erzhlten weiter, wie ihr Schiff im wtenden Sturme zerbrochen sei und ein Brett sie an diese unwirtliche Insel getragen habe. Als ihnen aber die Helden ihr Vorhaben mitteilten und sie zur Teilnahme an dem Abenteuer aufforderten, da verbargen sie ihr Entsetzen nicht. Unser Grovater Aietes ist ein grausamer Mann, er soll der Sohn des Sonnengottes und deswegen mit bermenschlicher Macht begabt sein; unzhlige Kolcherstmme beherrscht er, und das Vlies htet ein entsetzlicher Drache. Manche der Helden wurden bei diesem Berichte bleich. Peleus jedoch, einer von ihnen, erhub sich und sprach: Glaube nicht, da wir dem Kolcherknige unterliegen mssen; auch wir sind Gttershne! Gibt er uns das Vlies nicht in Gte, so werden wir es ihm seinen Kolchern zum Trotz entreien! So sprachen sie miteinander noch lnger beim reichlichen Mahle. Am andern Morgen schifften sich die Shne des Phrixos, gekleidet und gestrkt, mit ihnen ein, und die Fahrt ging vorwrts. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gerudert, sahen sie die Spitzen des Kaukasusgebirges ber die Meeresflche hervorragen. Als es schon dunkelte, hrten sie ein Gerusch ber ihren Huptern: es war der Adler des Prometheus, der seinem Fra entgegen hoch ber das Schiff dahinflog; und doch war sein Flgelschlag so mchtig, da alle Segel von ihm wie im Winde sich bewegten. Denn es war ein Riesenvogel, und er schlug die Luft mit seinen Flgeln wie mit groen Segeln. Bald darauf hrten sie aus der Ferne das tiefe Sthnen des Prometheus, in dessen Leber der Vogel schon whlte. Nach einiger Zeit verhallten die Seufzer, und sie sahen den Adler wieder hoch ber sich durch die Lfte zurckrudern.

Noch in derselben Nacht gelangten sie ans Ziel und in die Mndung des Flusses Phasis. Freudig kletterten sie an den Segelstangen empor und takelten das Schiff ab; dann trieben sie es mit den Rudern in das breite Bett des Stromes, dessen Wellen vor der gewaltigen Masse des Fahrzeugs sich scheu zurckzuziehen schienen. Zur Linken hatten sie den hohen Kaukasus und Kytaia, die Hauptstadt des Kolcherlandes; zur Rechten breitete sich das Feld und der heilige Hain des Ares aus, wo der Drache das Goldne Vlies, das an den bltterreichen sten einer hohen Eiche hing, mit seinen scharfen Augen bewachte. Jetzt erhub sich Iason am Borde des Schiffes, er schwenkte hoch in der Hand einen goldenen Becher voll Weins und brachte dem Flusse, der Mutter Erde, den Gttern des Landes und den auf der Fahrt verstorbenen Heroen ein Trankopfer dar. Er bat sie alle, mit liebreicher Hilfe ihnen nahe zu sein und ber den Tauen des Schiffes, das sie eben anbinden wollten, zu wachen. So wren wir denn glcklich zum kolchischen Lande gelangt, sprach der Steuermann Ankaios: nun ist's Zeit, da wir uns ernstlich beraten, ob wir den Knig Aietes in Gte angehen oder auf irgendeine andere Weise unser Vorhaben ins Werk setzen wollen. Morgen, riefen die mden Helden. Und so befahl denn Iason, das Schiff in einer schattigen Bucht des Flusses vor Anker gehen zu lassen. Alle legten sich zu sem Schlummer nieder, der sie jedoch nur mit kurzer Rast erquickte, denn bald ffnete ihnen das Morgenrot die Augenlider.



Iason im Palaste des Aietes

Der frhe Morgen vereinigte die Helden zur Ratsversammlung. Iason erhub sich und sprach: Wenn euch meine Meinung gefllt, ihr Helden und Genossen, so sollt ihr brigen alle ruhig, doch die Waffen in der Hand, im Schiffe bleiben; nur ich, die Shne des Phrixos und zwei aus eurer Mitte wollen uns nach dem Palaste des Kniges Aietes aufmachen. Hier will ich es versuchen und ihn zuerst mit hflichen Worten fragen, ob er das Goldne Vlies in Gte uns berlassen wolle. Nun zweifle ich nicht: er wird die Bittenden, auf seine Strke trotzend, abweisen. Wir aber werden auf diese Weise aus seinem eigenen Munde die Gewiheit erhalten, was uns zu tun ist. Und wer kann es verbrgen, da unsere Worte nicht doch vielleicht ihn gnstig stimmen werden? Hat doch auch frher die Rede ber ihn vermocht, da er den unschuldigen Phrixos, der vor seiner Stiefmutter floh, in den Schutz seiner Gastfreundschaft aufnahm. Die jungen Helden billigten alle die Rede Iasons. So griff er selbst zum Friedensstabe des Hermes und verlie mit des Phrixos Shnen und mit seinen Genossen Telamon und Augeias das Schiff. Sie betraten ein mit Weiden bewachsenes Feld, das Kirkische genannt; hier sahen sie mit Schaudern eine Menge Leichen an Ketten aufgehngt. Doch waren es keine Verbrecher oder gemordete Fremdlinge; vielmehr galt es in Kolchis fr einen Frevel, die Mnner zu verbrennen oder in die Erde zu begraben, sondern sie hngten sie, in rohe Stierfelle gewickelt, in den Bumen auf, ferne von der Stadt, und berlieen sie der Luft zum Austrocknen. Nur die Weiber wurden, damit die Erde nicht zu kurz kme, in diese begraben.

Die Kolcher waren ein gar zahlreiches Volk. Damit nun Iason und seine Begleiter von ihnen und dem Mitrauen des Kniges Aietes keine Gefahr liefen, hngte Hera, die Beschirmerin der Argonauten, solange sie unterwegs waren, eine dichte Nebelwolke ber die Stadt und zerstreute sie erst wieder, als sie glcklich in dem Palaste des Kniges angekommen. Da standen sie denn in dem Vorhofe und bewunderten die dicken Mauern des Knigshauses, die hochgeschweiften Tore, die mchtigen Sulen, die hier und dort an den Mauern vorsprangen. Das ganze Gebude umgrtete ein hervorstehendes steinernes Gesimse, das mit ehernen Dreischlitzen abgekantet war. Schweigend traten sie ber die Schwelle des Vorhofes. Diese umgrnten hohe Rebenlauben, darunter perlten vier immerflieende Springquelle; der eine sandte Milch empor, der zweite Wein, der dritte duftendes l, der vierte Wasser, das im Winter warm, im Sommer eiskalt war. Der kunstreiche Hephaistos hatte diese kstlichen Werke geschaffen. Derselbe hatte dem Besitzer auch Stierbilder aus Erz gefertiget, aus deren Munde ein furchtbarer Feueratem ging, und einen Pflug aus lauterm Eisen geschaffen: alles dem Vater des Aietes, dem Sonnengotte, zu Dank, der den Hephaistos in der Gigantenschlacht einst auf seinen Wagen genommen und gerettet hatte. Aus diesem Vorhofe kam man zu dem Sulengange des Mittelhofes, der sich zur Rechten und zur Linken hinzog und hinter welchem viele Eingnge und Gemcher zu schauen waren. Querber standen die zwei Hauptpalste, in deren einem der Knig Aietes selbst, im andern sein Sohn Absyrtos wohnte. Die brigen Gemcher hielten die Dienerinnen und die Tchter des Kniges, Chalkiope und Medea, besetzt. Medea, die jngere Tochter, war sonst wenig zu schauen; fast alle Zeit brachte sie im Tempel der Hekate zu, deren Priesterin sie war. Diesmal aber hatte Hera, die Schutzgttin der Griechen, ihr in das Herz gegeben, im Palaste zu bleiben. Sie hatte eben ihr Gemach verlassen und wollte das Zimmer ihrer Schwester aufsuchen, als sie den unerwartet daherschreitenden Helden begegnete. Beim Anblicke der Herrlichen tat sie einen lauten Schrei. Auf ihren Ruf strzte Chalkiope mit allen ihren Dienerinnen aus ihrem Gemache hervor. Auch diese Schwester brach in einen lauten Jubelruf aus und streckte danksagend ihre Hnde gen Himmel; denn sie erkannte in vieren der jungen Helden ihre eigenen Kinder, die Shne des Phrixos. Diese sanken in die Arme ihrer Mutter, und lange nahm das Gren und Weinen kein Ende.



Medea und Aietes

Zuletzt kam auch Aites heraus mit seiner Gemahlin Eidyia, denn der Jubel und die Trnen ihrer Tochter hatten sie hervorgelockt. Sogleich fllte sich der ganze Vorhof mit Getmmel; hier waren Sklaven damit beschftigt, einen stattlichen Stier fr die neuen Gste zu schlachten; dort spalteten andere drres Holz fr den Herd; wieder andere wrmten Wasser in Becken am Feuer; da war keiner, der nicht im Dienste des Knigs etwas zu tun gefunden htte. Aber ihnen allen ungesehen schwebte hoch in der Luft Eros, zog einen schmerzbringenden Pfeil, senkte sich mit diesem unsichtbar zur Erde nieder, und hinter Iason zusammengekauert, schnellte er vom gespannten Bogen das Gescho auf die Knigstochter Medea, der bald der Pfeil, dessen Flug niemand und sie selbst nicht bemerkt hatte, unter der Brust wie eine Flamme brannte. Wie eine schwer Erkrankte mute sie einmal ber das andere hoch aufatmen; von Zeit zu Zeit warf sie heimliche Blicke auf den herrlichen Helden Iason; alles andere war aus ihrem Gedchtnisse geschwunden; ein einziger ser Kummer bemchtigte sich ihrer Seele; Blsse wechselte auf ihrem Antlitz mit Purpurrte.

In der frohen Verwirrung war niemand auf die Verwandlung aufmerksam, die mit der Jungfrau vorgegangen war. Die Knechte trugen die zubereiteten Speisen herbei; und die Argoschiffer, die sich vom Schweie der Ruderarbeit im warmen Bade gereinigt hatten, labten sich, frhlich zu Tische sitzend, an Speise und Trank. ber dem Mahle erzhlten dem Aietes seine Enkel das Schicksal, das sie unterwegs betroffen hatte, und nun fragte er sie auch leise nach den Fremdlingen. Ich will es dir nicht bergen, Grovater, flsterte ihm Argos zu, diese Mnner kommen, das Goldene Vlies unsers Vater Phrixos von dir zu erbitten. Ein Knig, der sie gern aus ihrem Vaterland und ihrem Eigentum vertreiben mchte, hat ihnen diesen gefhrlichen Auftrag erteilt. Er hofft, sie werden dem Zorne des Zeus und der Rache des Phrixos nicht entgehen, bevor sie mit dem Vlies in ihre Heimat zurckkommen. Ihr Schiff hat ihnen Pallas (Minerva) bauen helfen, kein solches, wie wir Kolcher sie gebrauchen, von denen wir, deine Enkel, freilich das schlechteste bekommen haben; denn im ersten Windstoe ging es zu Scheitern. Nein, diese Fremdlinge haben ein Schiff, so fest gezimmert, da alle Strme vergebens dagegen ankmpfen, und sie selbst sitzen unaufhrlich an dem Ruder. Die tapfersten Helden Griechenlands haben sich in diesem Schiffe versammelt. Und nun nannte er die Vornehmsten mit Namen, meldete ihm auch Iasons, ihres Vetters, Geschlecht.

Als der Knig dieses hrte, erschrak er in seinem Herzen und wurde zornig auf seine Enkel; denn durch sie veranlat, glaubte er, seien die Fremdlinge an seinen Hof gekommen. Seine Augen brannten unter den buschigen Brauen, und er sprach laut: Geht mir aus den Augen, ihr Frevler, mit euren Rnken! Nicht das Vlies zu holen, sondern mir Zepter und Krone zu entreien, seid ihr hierhergekommen! Set ihr nicht als Gste an meinem Tisch, so htte ich euch lngst die Zungen ausreien und die Hnde abhauen lassen und euch nur die Fe geschenkt, um davonzugehen! Als Telamon, des Aiakos Sohn, der zunchst sa, dieses hrte, ergrimmte er im Geist, wollte sich erheben und dem Knige mit gleichen Worten vergelten. Aber Iason hielt ihn zurck und antwortete selbst mit sanften Worten: Fasse dich, Aietes, wir sind nicht in deine Stadt und deinen Palast gekommen, dich zu berauben. Wer mchte ein so weites und gefhrliches Meer befahren, um fremdes Gut zu holen? Nur das Schicksal und der grausame Befehl eines bsen Kniges brachte mich zu diesem Entschlusse. Verleih uns das Goldene Vlies auf unsere Bitte als eine Wohltat; du sollst in ganz Griechenland dafr verherrlicht werden. Auch sind wir bereit, dir schnellen Dank abzustatten; gibt es einen Krieg in der Nhe, willst du ein Nachbarvolk unterjochen, so nimm uns zu Bundesgenossen an, wir wollen mit dir ziehen. So sprach Iason besnftigend; der Knig aber ward unschlssig in seinem Herzen, ob er sie auf der Stelle sollte umbringen lassen oder ihre Krfte vorher auf die Probe setzen. Nach einigem Besinnen deuchte ihm das letztere besser, und er erwiderte ruhiger als zuvor: Was braucht es der ngstlichen Worte, Fremdling? Seid ihr wirklich Gttershne oder sonst nicht schlechter als ich und habt Lust nach fremdem Gute, so mgt ihr das Goldene Vlies mit euch fortnehmen; denn tapfern Mnnern gnne ich alles. Aber vorher mt ihr mir eine Probe geben und eine Arbeit verrichten, die ich selbst zu tun pflege, so gefhrlich sie ist. Es weiden mir auf dem Felde des Ares zwei Stiere mit ehernen Fen, die Flammen speien. Mit diesen durchpflge ich das rauhe Feld, und wenn ich alles umgeackert, so se ich in die Furchen nicht der Demeter gelbes Korn, sondern die grlichen Zhne eines Drachen; daraus wachsen mir Mnner hervor, die mich von allen Seiten umringen und die ich mit meiner Lanze alle erlege. Mit dem frhen Morgen schirre ich die Stiere an, am spten Abend ruhe ich von der Ernte. Wenn du das gleiche vollbracht hast, o Fhrer, so magst du noch am selben Tage das Vlies mit dir fortnehmen nach deines Kniges Haus; eher aber nicht, denn es ist nicht billig, da der tapfere Mann dem schlechteren weiche. Iason sa bei diesen Reden stumm und unschlssig da; er wagte es nicht, ein so furchtbares Werk kecklich zu versprechen. Indessen fate er sich und antwortete: So gro diese Arbeit ist, so will ich sie doch bestehen, o Knig, und wenn ich darber umkommen sollte. Schlimmeres als der Tod kann auf einen Sterblichen doch nicht warten; ich gehorche der Notwendigkeit, die mich hierher gesendet hat. Gut, sprach der Knig, geh jetzt zu deiner Schar, aber besinne dich; gedenkst du nicht alles auszufhren, so berla es mir und meide mein Land.



Der Rat des Argos

Iason und seine zwei Helden erhoben sich von ihren Sitzen. Von den Shnen des Phrixos folgte ihnen allein Argos; denn er hatte den Brdern gewinkt, drinnen zu bleiben. Jene aber verlieen den Palast. Aisons Sohn leuchtete von Schnheit und Anmut. Die Jungfrau Medea lie ihre Augen durch den Schleier nach ihm schweifen, und ihr Sinn folgte seinen Fustapfen wie ein Traum. Als sie wieder allein in ihrem Frauengemach war, fing sie an zu weinen; dann sprach sie zu sich selbst: Was verzehre ich mich im Schmerz? Was geht mich jener Held an? Mag er der herrlichste von allen Halbgttern sein oder der schlechteste, wenn er zugrunde gehen soll, so mag er's! Und doch  o mchte er dem Verderben entrinnen! La ihn, ehrwrdige Gttin Hekate, nach Hause zurckkehren! Soll er aber von den Stieren berwltigt werden, so wisse er vorher, da ich wenigstens ber sein trauriges Los mich nicht freue!

Whrend Medea sich so hrmte, waren die Helden unterwegs nach dem Schiffe, und Argos sagte zu Iason: Du wirst meinen Rat vielleicht schelten; dennoch will ich ihn dir mitteilen. Ich kenne eine Jungfrau, die mit Zaubertrnken umzugehen versteht, welche Hekate, die Gttin der Unterwelt, sie brauen lehrt. Knnen wir diese auf unsere Seite bringen, so bezweifle ich nicht, da du siegreich aus dem Kampfe hervorgehen wirst. Willst du es, so gehe ich hin, sie fr uns zu gewinnen. Wenn es dir so gefllt, mein Lieber, erwiderte Iason, so widerstrebe ich nicht. Doch steht es schlecht um uns, wenn unsere Heimfahrt von den Weibern abhngt! Unter solchen Reden langten sie beim Schiffe und den Genossen an. Iason berichtete, was von ihm begehrt worden sei und was er dem Knige versprochen habe. Eine Zeitlang saen die Genossen stumm einander anblickend, endlich erhob sich Peleus und sprach: Held Iason, wenn du dein Versprechen erfllen zu knnen glaubst, so rste dich. Hast du aber nicht volle Zuversicht, so bleibe fern und sieh dich auch nach keinem von diesen Mnnern hier um; denn was htten sie anders zu erwarten als den Tod?

Bei diesem Worte sprang Telamon auf und vier andere Helden, alle voll kampflustigen Mutes. Aber Argos beruhigte sie und sprach: Ich kenne eine Jungfrau, die wei mit Zaubertrnken umzugehen: sie ist eine Schwester unsrer Mutter; nun lat mich zu meiner Mutter gehen und sie berreden, da sie die Jungfrau uns geneigt mache. Alsdann kann erst wieder von jenem Abenteuer, zu welchem sich Iason erboten hat, die Rede sein. Kaum hatte er ausgesprochen, so geschah ein Zeichen in der Luft. Eine Taube, der ein Habicht nachjagte, flchtete in Iasons Scho; der nachstrzende Raubvogel aber fiel auf den Boden des Hinterschiffes nieder. Jetzt erinnerte sich einer der Helden daran, da auch der alte Phineus ihnen geweissagt, Aphrodite, die Gttin, wrde ihnen zur Rckkehr verhelfen. Alle Helden stimmten darum dem Argos bei; nur Idas, der Sohn des Aphareus, erhob sich unwillig von seinem Sitze und sprach: Bei den Gttern, sind wir als Weiberknechte hierhergekommen, und anstatt uns an den Ares zu wenden, rufen wir die Aphrodite an? Soll der Anblick von Habichten und Tauben uns vom Kampfe abhalten? Wohl, so vergesset den Krieg und gehet hin, schwache Jungfrauen zu betrgen. So sprach er zornig; viele Helden murrten leise. Aber Iason entschied fr Argos. Das Schiff ward am Ufer angebunden, und die Helden harreten der Rckkehr ihres Boten.

Aietes hatte unterdessen auerhalb seines Palastes eine Versammlung der Kolcher gehalten. Er erzhlte ihnen von der Ankunft der Fremdlinge, ihrem Begehren und dem Untergang, den er ihnen bereitet htte. Sobald die Stiere den Fhrer umgebracht htten, wollte er einen ganzen Wald ausreien lassen und das Schiff mitsamt den Mnnern verbrennen. Auch seinen Enkeln, die diese Abenteurer herbeigefhrt htten, dachte er eine schreckliche Strafe zu.

Mittlerweile ging Argos seine Mutter mit bittenden Worten an, da sie ihre Schwester Medea zur Beihilfe bereden mchte. Chalkiope selbst hatte Mitleid mit den Fremdlingen gefhlt, aber nicht gewagt, dem grimmigen Zorn ihres Vaters entgegenzutreten. So kam ihr die Bitte des Sohns erwnscht, und sie versprach ihren Beistand.

Medea selbst lag in unruhigem Schlummer auf ihrem Lager und sah einen ngstigenden Traum. Ihr war, als htte der Held sich schon zu dem Kampfe mit den Stieren angeschickt. Er hatte aber diesen Kampf nicht um des Goldenen Vlieses willen unternommen, sondern um sie als Gattin in die Heimat zu fhren. Nun war es ihr im Traume, als ob sie selbst den Kampf mit den Stieren bestnde, die Eltern aber wollten ihr Versprechen nicht halten und dem Iason den Kampfpreis nicht geben, weil nicht sie, sondern er geheien war, die Stiere anzuschirren. Darber war ein heftiger Streit zwischen ihrem Vater und den Fremdlingen entbrannt, und beide Teile machten sie zur Schiedsrichterin. Da whlte sie im Traume den Fremdling; bitterer Schmerz bemchtigte sich der Eltern, sie schrien laut auf  und mit diesem Schrei erwachte Medea.

Der Traum trieb sie nach dem Gemach ihrer Schwester, aber lange hielt die Scham sie unschlssig im Vorhofe, dreimal verlie sie ihn, und dreimal kehrte sie wieder zurck; und endlich warf sie sich wieder weinend in ihrem eigenen Gemache nieder. So fand sie eine ihrer vertrauten jungen Dienerinnen. Diese hatte Mitleid mit der Herrin und meldete der Schwester Medeas, was sie gesehen hatte. Chalkiope empfing diese Botschaft im Kreis ihrer Shne, als sie eben sich mit ihnen beriet, wie die Jungfrau zu gewinnen wre. Sie eilte in das Gemach der Schwester und fand sie, die Wangen zerfleischend und in Trnen gebadet. Was ist dir geschehen, arme Schwester, sprach sie mit innigem Mitleid, welcher Schmerz peinigt deine Seele? Hat der Himmel dir eine pltzliche Krankheit gesendet? Hat der Vater ber mich und meine Shne Grausames zu dir gesprochen? O da ich ferne wre vom Elternhaus, und da, wo man den Namen der Kolcher nicht hrt!



Medea verspricht den Argonauten Hilfe

Die Jungfrau errtete bei diesen Fragen ihrer Schwester, und Scham verhinderte sie zu antworten; bald schwebte ihr die Rede zuuerst auf der Zunge, bald floh sie in die tiefste Brust zurck. Endlich machte sie die Liebe khn, und sie sprach mit verschlagenen Worten: Chalkiope, mein Herz ist betrbt um deine Shne, es mchte sie der Vater mit den fremden Mnnern auf der Stelle tten. Solches verkndet mir ein schwerer Traum; mge ein Gott ihm die Erfllung verweigern. Unertrgliche Angst bemchtigte sich der Schwester: Eben deswegen komme ich zu dir, sprach sie, und beschwre dich, mir gegen unsern Vater beizustehen. Weigerst du dich, so werde ich mit meinen ermordeten Shnen dich noch vom Orkus aus als Furie umschweben! Sie umfate mit beiden Hnden Medeens Knie und warf das Haupt in ihren Scho; beide Schwestern weinten bitterlich. Dann sprach Medea: Was redest du von Furien, Schwester? Beim Himmel und der Erde schwre ich dir: was ich tun kann, deine Shne zu retten, will ich gerne tun. Nun, fuhr die Schwester fort, so wirst du auch dem Fremdling um meiner Kinder willen irgendeinen Trug an die Hand geben, jenen furchtbaren Kampf glcklich zu bestehen; denn von ihm gesendet, fleht mein Sohn Argos mich an, dem Gastfreunde deine Hilfe zu erbitten.

Das Herz hpfte der Jungfrau vor Freuden im Leibe, als sie dieses hrte, ihr schnes Angesicht errtete, ihr funkelndes Auge umhllte einen Augenblick der Schwindel, und sie brach in die Worte aus: Chalkiope, das Morgenrot soll meinen Blicken nicht mehr leuchten, wenn dein und deiner Shne Leben nicht mein erstes ist. Hast du doch mich, wie mir so oft die Mutter erzhlte, zugleich mit ihnen gesugt, als ich ein kleines Kind war; so liebe ich dich nicht nur wie eine Schwester, sondern auch wie eine Tochter. Morgen in aller Frhe will ich zum Tempel der Hekate gehen und dort dem Fremdlinge die Zaubermittel holen, welche die Stiere besnftigen sollen. Chalkiope verlie das Gemach der Schwester und meldete den Shnen die erwnschte Botschaft.

Die ganze Nacht lag Medea in schwerem Streite mit sich selbst. Habe ich nicht zuviel versprochen, sagte sie in ihrem Innern, darf ich so viel fr den Fremdling tun? Ihn ohne Zeugen schauen, ihn anrhren, was doch geschehen mu, wenn der Trug gelingen soll? Ja, ich will ihn retten; er gehe frei hin, wohin er will: doch an dem Tage, wo er den Streit glcklich vollbracht haben wird, will ich sterben. Ein Strick oder Gift soll mich vom verhaten Leben befreien.  Aber wird mich dieses retten, wird mich nicht ble Nachrede durchs ganze Kolcherland verfolgen und sagen, da ich mein Haus beschimpft habe, da ich einem fremden Manne zulieb gestorben sei? Unter solchen Gedanken ging sie, ein Kstchen zu holen, in welchem heil- und todbringende Arzneien sich befanden. Sie stellte es auf ihre Knie und hatte es schon geffnet, um von den tdlichen Giften zu kosten; da schwebten ihr alle holden Lebenssorgen vor, alle Lebensfreuden, alle Gespielinnen; die Sonne kam ihr schner vor als vorher, eine unwiderstehliche Furcht vor dem Tode ergriff sie; sie stellte das Kstchen auf den Boden. Hera, die Beschtzerin Iasons, hatte ihr Herz verwandelt. Kaum konnte sie die Morgenrte erwarten, um die versprochenen Zaubermittel zu holen und mit ihnen vor den geliebten Helden zu treten.



Iason und Medea

Whrend Argos mit der glcklichen Nachricht zu dem Schiffe der Helden eilte, als kaum das Morgenrot den Himmel erhellte, war die Jungfrau schon vom Lager aufgesprungen, band ihr blondes Haar auf, das bisher in Trauerflechten heruntergehangen, wischte Trnen und Harm von den Wangen und salbte sich mit kstlichem Nektarl. Sie zog ein herrliches Gewand an, das schn gekrmmte, goldne Nadeln festhielten, und warf einen weien Schleier ber ihr strahlendes Haupt. Alle Schmerzen waren vergessen; mit leichten Fen durcheilte sie das Haus und befahl ihren jungen Dienerinnen, deren zwlfe in ihren Frauengemchern waren, schnell die Maultiere an den Wagen zu spannen, der sie nach dem Tempel der Hekate bringen sollte. Inzwischen holte Medea aus dem Kstchen die Salbe hervor, die man Prometheusl nannte; wer, nachdem er die Gttin der Unterwelt angefleht, seinen Leib damit salbte, konnte an jenem Tage von keinem Schwertstreiche verwundet, von keinem Feuer versehrt werden, ja er war den ganzen Tag an Krften jedem Gegner berlegen. Die Salbe war von dem schwarzen Saft einer Wurzel bereitet, die aus dem Blute emporgekeimt war, das von der zerfressenen Leber des Titanensohnes auf die Heiden des Kaukasus getrufelt war. Medea selbst hatte in einer Muschel den Saft dieser Pflanze als kostbares Heilmittel aufgefangen.

Der Wagen war gerstet; zwei Mgde bestiegen ihn mit der Herrin, sie selbst ergriff Zgel und Peitsche und fuhr, von den brigen Dienerinnen zu Fue begleitet, durch die Stadt. berall wich der Knigstochter das Volk ehrerbietig aus dem Wege. Als sie durchs freie Feld am Tempel angekommen war, flog sie mit gewandtem Sprunge vom Wagen und sprach zu ihren Mgden mit listigen, verstellten Worten: Freundinnen, ich habe wohl schwer gesndigt, da ich nicht ferne von den Fremdlingen geblieben bin, die in unserm Lande angekommen sind! Nun verlangt gar meine Schwester und ihr Sohn Argos, ich soll Geschenke von ihrem Fhrer annehmen, der die Stiere zu bndigen versprochen hat, und ihn mit Zaubermitteln unverwundlich machen! Ich aber habe zum Scheine zugesagt und ihn hierher in den Tempel bestellt, wo ich ihn allein sprechen soll. Da will ich die Geschenke nehmen, und wir wollen sie nachher untereinander verteilen. Ihm selbst aber werde ich eine verderbliche Arznei reichen, damit er um so gewisser zugrunde geht! Entfernet euch indessen, sobald er kommt, damit er keinen Verdacht schpfe und ich ihn allein empfangen kann, wie ich verheien habe. Den Mgden gefiel der schlaue Plan. Whrend diese im Tempel verweilten, machte sich Argos mit seinem Freunde Iason und dem Vogelschauer Mopsos auf. So schn war kein Sterblicher, ja keiner der Gttershne zuvor je gewesen, wie heute des Zeus Gemahlin ihren Schtzling Iason mit allen Gaben der Huldgttinnen ausgerstet hatte. Seine beiden Genossen selbst, sooft sie ihn unterwegs betrachteten, muten ber seine Herrlichkeit staunen. Medea war unterdessen mit ihren Mgden im Tempel, und obwohl sie sich die Zeit mit Singen verkrzten, so war doch der Frstin Geist in ganz andern Gedanken; und kein Lied wollte ihr lange gefallen. Ihre Augen weilten nicht im Kreise ihrer Dienerinnen, sondern schweiften durch die Tempelpforte verlangend ber die Strae hinaus. Bei jedem Futritt oder Windhauch richtete sich ihr Haupt begierig in die Hhe. Nicht lange, so trat Iason mit seinen Begleitern in den Tempel, hoch einherschreitend und schn, wie Sirius dem Ozean entsteigt. Da war's der Jungfrau, als fiele ihr das Herz aus der Brust. Nacht war vor ihren Augen, und mit heiem Rot bedeckte sich ihre Wange. Inzwischen hatten sie die Dienerinnen alle verlassen. Lange standen der Held und die Knigstochter einander stillschweigend gegenber, schlanken Eichen oder Tannen hnlich, die auf den Bergen tiefgewurzelt in Windstille regungslos beieinanderstehen; pltzlich aber kommt ein Sturm, und alle Bltter zittern in rauschender Bewegung; so sollten, vom Hauch der Liebe angeweht, sie bald vielbewegte Worte tauschen. Warum schauest du mich, so brach Iason zuerst das Schweigen, nun, da ich allein bei dir bin? Ich bin nicht wie andere prahlerische Mnner und war auch zu Hause nie so. Frchte dich nicht, zu fragen und zu sagen, was dir beliebt; aber vergi nicht, da wir an einem heiligen Orte sind, wo Betrgen ein Frevel wre: darum tusche mich nicht mit sen Worten; ich komme als ein Schutzflehender und bitte dich um die Heilmittel, die du deiner Schwester fr mich versprochen. Die harte Notwendigkeit zwingt mich, deine Hilfe zu suchen; verlange, welchen Dank du willst, und wisse, da du den Mttern und Frauen unserer Helden, die uns vielleicht schon, am Ufer sitzend, beweinen, durch deinen Beistand die schwarzen Sorgen zerstreuen und in ganz Griechenland Unsterblichkeit erlangen wirst.

Die Jungfrau hatte ihn ausreden lassen; sie senkte ihre Augen mit einem sen Lcheln; ihr Herz erfreute sich seines Lobes, ihr Blick erhub sich wieder, die Worte drngten sich auf ihre Lippen, und gern htte sie alles zumal gesagt. So aber blieb sie ganz sprachlos und wickelte nur die duftende Binde von dem Kstchen ab, das Iason ihr eilig und froh aus den Hnden nahm. Sie aber htte ihm auch freudig die Seele aus der Brust gegeben, wenn er sie verlangt htte, so se Flammen wehte ihr der Liebesgott von Iasons blondem Haupte zu; ihre Seele war durchwrmt, wie der Tau auf den Rosen von den Strahlen der Morgensonne durchglht wird. Beide blickten verschmt zu Boden, dann richteten sie ihre Augen wieder aufeinander und schickten sehnende Blicke unter den Wimpern hervor. Erst spt und mit Mhe hub die Jungfrau an: Hre nun, wie ich dir Hilfe schaffen will. Wenn dir mein Vater die verderblichen Drachenzhne zum Sen berliefert haben wird, dann bade dich einsam im Wasser des Flusses, bekleide dich mit schwarzen Gewndern und grabe eine kreisfrmige Grube. In dieser errichte einen Scheiterhaufen, schlachte ein weibliches Lamm und verbrenne es ganz darauf; dann trufle der Hekate ein Trankopfer sen Honigs aus der Schale und entferne dich wieder vom Scheiterhaufen. Auf keinen Futritt, auf kein Hundegebell kehre dich um, sonst wird das Opfer vereitelt. Am andern Morgen salbe dich mit diesem Zaubermittel, das ich hier dir gereicht habe; in ihm wohnt unermeliche Strke und hohe Kraft; du wirst dich nicht den Mnnern, sondern den unsterblichen Gttern gewachsen fhlen. Auch deine Lanze, dein Schwert und deinen Schild mut du salben, dann wird kein Eisen in Menschenhand, keine Flamme der Wunderstiere dir schaden oder widerstehen knnen. Doch wirst du so nicht lange sein, sondern nur an jenem einen Tage; dennoch entziehe dich auf keine Weise dem Streit. Ich will dir auch noch ein anderes Hilfsmittel an die Hand geben. Wenn du nmlich die gewaltigen Stiere eingespannt und das Blachfeld durchpflgt hast und schon die von dir ausgesete Drachensaat aufgegangen ist, so wirf unter sie einen mchtigen Stein: um diesen werden jene rasenden Gesellen kmpfen wie Hunde um ein Stck Brot; indessen kannst du auf sie einstrzen und sie niedermachen. Dann magst du das Goldene Vlies unangefochten aus Kolchis mit dir nehmen: dann magst du gehen; ja gehe nur, wohin dir zu gehen beliebt! So sprach sie, und heimliche Trnen rollten ihr ber die Wange hinab; denn sie dachte daran, da der edle Held weit fort ber die Meere ziehen werde. Traurig redete sie ihn an, indem sie ihn bei der Rechten fate, denn der Schmerz lie sie vergessen, was sie tat: Wenn du nach Hause kommst, so vergi nicht den Namen Medeas; auch ich will deiner, des Fernen, gedenken. Sage mir auch, wo dein Vaterland ist, nach welchem du auf diesem schnen Schiffe zurckkehren wirst. Mit diesen Reden der Jungfrau bemchtigte sich auch des Helden eine unwiderstehliche Neigung, und er brach in die Worte aus: Glaube mir, hohe Frstin, da ich, wenn ich dem Tode entrinne, keine Stunde bei Tag und bei Nacht dein vergessen werde. Meine Heimat ist Iolkos in Hmonien, da, wo der gute Deukalion, der Sohn des Prometheus, viele Stdte gegrndet und Tempel gebaut hat. Dort kennt man euer Land auch nicht mit Namen. So wohnest du in Griechenland, Fremdling, erwiderte die Jungfrau; dort sind die Menschen wohl gastlicher als hier bei uns; darum erzhle nicht, welche Aufnahme dir hier geworden, sondern gedenke nur in der Stille mein. Ich werde dein gedenken, wenn alles dich hier verge. Wrest du aber imstande, mein zu vergessen, o da dann der Wind einen Vogel aus Iolkos herbeifhrte, durch welchen ich dich daran erinnern knnte, da du durch meine Hilfe von hier entronnen bist! Ja, wre ich dann vielmehr selbst in deinem Hause und knnte dich mahnen! So sprach sie und weinte. O du Gute, antwortete Iason, la die Winde flattern und den Vogel dazu; denn du sprichst berflssiges! Aber wenn du selbst nach Griechenland und in meine Heimat kmest, o wie wrdest du von Frauen und Mnnern verehrt, ja wie eine Gottheit angebetet werden, weil ihre Shne, ihre Brder, ihre Gatten durch deinen Rat dem Tode entronnen und frhlich der Heimat zurckgegeben sind; und mir, mir wrdest du dann ganz gehren, und nichts sollte unsere Liebe trennen als der Tod. So sprach er, ihr aber zerflo die Seele, als sie solches hrte. Zugleich stand vor ihrem Geist alles Schreckliche, womit die Trennung vom Vaterlande drohte; und dennoch zog es sie mit wunderbarer Gewalt nach Griechenland, denn Hera hatte es ihr ins Herz gegeben. Diese wollte, da die Kolcherin Medea ihr Vaterland verlassen und zu des Pelias Verderben nach Iolkos kommen sollte.

Inzwischen harrten in der Ferne die Dienerinnen still und traurig; denn die Zeit war lngst da, wo die Frstin nach Hause zurckkehren sollte. Sie selbst htte die Heimkehr ganz vergessen, denn ihre Seele erfreute sich der trauten Rede, wenn nicht der vorsichtigere Iason, wiewohl auch dieser spt, so gesprochen htte: Es ist Zeit zu scheiden, da nicht das Sonnenlicht frher scheide als wir und die andern alles innewerden. La uns an diesem Orte wieder zusammenkommen.



Iason erfllt des Aietes Begehr

So schieden sie. Iason kehrte frhlich zu seinen Genossen und dem Schiffe zurck. Die Jungfrau begab sich zu ihren Dienerinnen. Diese eilten ihr alle entgegen; sie aber sah es nicht; denn ihre Seele schwebte hoch in den Wolken. Mit leichten Fen bestieg sie den Wagen, trieb die Maultiere an, die von selbst nach Hause rannten, und kam zum Palaste zurck. Hier hatte Chalkiope voll banger Sorge um ihre Shne lngst auf sie gewartet. Sie sa auf einem Schemel, das gebeugte Haupt mit der linken Hand gesttzt; ihre Augen waren feucht unter den Augenlidern; denn sie dachte daran, in welches bels Genossenschaft sie verstrickt wre.

Iason erzhlte unterdessen seinen Genossen, wie ihm die Jungfrau das herrliche Zaubermittel gereicht habe; zugleich hielt er ihnen die Salbe entgegen. Alle freuten sich; nur Idas, der Held, sa seitwrts und knirschte mit den Zhnen vor Zorn. Am andern Morgen sandten sie zwei Mnner ab, den Drachensamen von Aietes zu erbitten, der sich nicht lange weigerte. Er gab ihnen von desselben Drachen Zhnen, den Kadmos bei Theben umgebracht hatte. Er tat es ganz getrost; denn er hielt es gar nicht fr mglich, da Iason die Kampfprobe bestehen knnte, wenn es ihm gleich gelingen wrde, die Stiere unter das Joch zu spannen. In der Nacht, die auf diesen Tag folgte, badete sich Iason und opferte der Hekate, ganz wie Medea ihn geheien. Die Gttin selbst vernahm sein Gebet und kam aus ihren tiefen Hhlen hervor, die entsetzliche, umwunden von grlichen Nattern und flammenden Eichenzweigen. Hunde der Unterwelt schwrmten bellend um sie her. Der Anger zitterte unter ihrem Tritt, und die Nymphen des Flusses Phasis heulten. Selbst den Iason ergriff Entsetzen, als er heimkehrte, aber dem Gebote der Geliebten getreu, schaute er sich nicht um, bis er wieder bei seinen Genossen war: und schon schimmerte die Morgenrte ber dem Schneegipfel des Kaukasus.

Jetzt warf Aietes seinen starken Panzer ber, den Ares auf dem Felde von Phlegra dem Giganten Mimas geraubt; auf sein Haupt setzte er den goldnen Helm mit vier Bschen und griff zu dem vierhutigen Schilde, den auer Herakles kein anderer Held htte aufheben knnen. Sein Sohn hielt ihm die schnellen Rosse am Wagen; diesen bestieg er und flog, die Zgel in der Hand, aus der Stadt, ihm nach unzhliges Volk. Wie selbst zum Kampfe gerstet, wollte er dem Schauspiele beiwohnen. Iason aber hatte sich nach Medeas Anleitung mit dem Zauberle Lanze, Schwert und Schild gesalbt. Rings um ihn her versuchten die Genossen ihre Waffen an der Lanze, aber sie hielt stand, und jene vermochten es nicht, sie auch nur ein wenig zu krmmen: sie war in seiner festen Hand wie zu Stein geworden. Darber rgerte sich Idas, des Aphareus Sohn, und fhrte seinen Streich auf den Schaft unter der Spitze; aber der Stahl fuhr zurck wie der Hammer vom Ambo, und frhlich jubelten die Helden in der frohen Aussicht auf den Sieg. Jetzt erst salbte sich Iason auch den Leib; da fhlte er wunderbare Kraft in allen Gliedern, seine beiden Hnde schwollen auf von Strke und verlangten nach dem Kampf. Wie ein Kriegsro vor der Schlacht wiehernd den Boden stampft, sich aufrichtet und mit gespitzten Ohren den Kopf erhebt, so streckte sich der Aisonide im Gefhle seiner Streitbarkeit, hob die Fe, schwang den Erzschild und die Lanze mit der Hand. Dann ruderten die Helden mit ihrem Fhrer bis zum Aresfelde, wo sie den Knig Aietes und die Menge der Kolcher schon antrafen, jenen am Ufer und diese auf den Klippenvorsprngen des Kaukasus gelagert. Als das Schiff angebunden war, sprang Iason mit Lanze und Schild gerstet aus demselben und empfing sofort einen funkelnden Erzhelm voll spitzer Drachenzhne. Dann hngte er das Schwert mit einem Riemen um die Schultern und schritt vor, herrlich wie Ares oder Apollo. Auf dem Blachfeld umherblickend, sah er bald die ehernen Joche der Stiere auf dem Boden liegen, dabei Pflug und Pflugschar, alles ganz aus Eisen gehmmert. Als er sich das Gerte nher betrachtet hatte, schraubte er die Eisenspitze an den starken Schaft seiner Lanze und legte den Helm nieder. Hierauf schritt er von seinem Schilde gedeckt weiter, nach den Fustapfen der Tiere forschend. Diese aber brachen von einer andern Seite unvermutet aus einem unterirdischen Gewlbe hervor, wo ihre festen Stlle waren, beide Flammen schnaubend und in dicken Rauch gehllt. Iasons Freunde schraken zusammen, als ihr Blick auf die Ungeheuer fiel, er aber stand mit ausgespreizten Beinen, den Schild vorgehalten, und erwartete ihren Anlauf wie ein Meerfels die Fluten. Sie kamen auch wirklich, mit den Hrnern stoend, auf ihn angestrzt, und doch vermochte ihr Anlauf ihm nicht ein Glied zu verrcken. Wie in den Schmiedewerksttten die Blasblge brausen und bald mchtige Feuer sprhen machen, bald mit ihrem Atem innehalten, so wiederholten sie brllend und Flammen speiend ihre Ste, da den Helden die Glut wie lauter Blitzstrahlen umzckte. Ihn aber schirmte das Zaubermittel der Jungfrau. Endlich ergriff er den Stier zur Rechten am uersten Horn und zog ihn mit allen seinen Krften, bis er ihn an die Stelle geschleppt, wo das eherne Joch lag. Hier gab er seinen ehernen Fen einen Tritt und warf ihn mit gekrmmten Knien zu Boden. Auf dieselbe Weise zwang er auch den zweiten, der auf ihn losrannte, mit einem einzigen Streich auf die Erde nieder. Dann warf er seinen breiten Schild weg und hielt, von ihren Flammen bedeckt, die beiden niedergeworfenen Stiere mit beiden Hnden fest. Aietes mute die ungeheure Strke des Mannes bewundern. Inzwischen reichten ihm Kastor und Pollux, wie es unter ihnen verabredet war, die Joche, die auf dem Boden lagen, und er befestigte sie mit Sicherheit an dem Genick der Tiere. Dann erhub er die eherne Deichsel und fgte sie in den Ring des Joches. Die Zwillingsbrder verlieen nun schnell das Feuer, denn sie waren nicht gefeit wie Iason. Dieser aber nahm seinen Schild wieder auf und warf ihn am Riemen hinter den Rcken; dann griff er auch wieder zu dem Helme voll Drachenzhne, fate seine Lanze und zwang mit ihren Stichen die zornigen und Flammen sprhenden Stiere, den Pflug zu ziehen. Durch ihre Kraft und den mchtigen Pflger wurde der Boden tief aufgerissen, und die gewaltigen Erdschollen krachten in den Furchen. Iason selbst folgte mit festem Tritt und sete die Zhne in den aufgepflgten Boden, vorsichtig rckwrts blickend, ob die aufkeimende Saat der Drachenmnner sich nicht gegen ihn erhebe; die Tiere aber arbeiteten sich mit ihren ehernen Hufen vorwrts. Als noch der dritte Teil des Tages brig war, am hellen Nachmittage, war das ganze Blachfeld, obgleich es vier Jaucherte fate, von dem unermdlichen Pflger umgeackert, und nun wurden die Stiere vom Pflug erlst; diese schreckte der Held mit seinen Waffen, da sie ber das offene Feld hin flohen; er selbst kehrte zum Schiffe zurck, solange er die Furchen noch leer von Erdgebornen sah. Mit lautem Zuruf umringten ihn von allen Seiten die Genossen; er jedoch sprach nichts, sondern fllte seinen Helm mit Fluwasser und lschte seinen brennenden Durst. Dann prfte er die Gelenke seiner Knie und erfllte sein Herz mit neuer Streitlust, wie ein schumender Eber seine Zhne gegen die Jger wetzt. Denn schon war das ganze Feld entlang die Saat hervorgekeimt: der ganze Areshain starrte von Schilden und spitzen Lanzen und erglnzte von Helmen, so da der Schimmer durch die Luft bis zum Himmel emporblitzte. Da gedachte Iason an das Wort der schlauen Medea; er fate einen groen runden Stein auf dem Felde, vier krftige Mnner htten ihn nicht vom Boden heben knnen; er aber ergriff ihn leicht mit der Hand und warf ihn springend weithin mitten unter die bodenentsprossenen Krieger. Er selbst barg sich, ins Knie geworfen, khn und vorsichtig unter seinem Schilde. Die Kolcher schrien laut auf, wie das Meer braust, wenn es sich an spitzen Klippen bricht; Aietes selbst starrte voll Verwunderung dem Wurfe des ungeheuren Steines nach. Die Erdgeborenen aber fielen wie schnelle Hunde einander an und brachten sich gegenseitig mit dumpfem Knirschen um; speergetroffen sanken sie auf ihre Mutter Erde nieder, wie Tannenbume oder Eichen, welche Windwirbel umgerissen haben. Als sie mitten im Gefechte begriffen waren, strzte Iason unter sie wie ein fallender Stern, der als Wunderzeichen mitten durch die dunkle Nachtluft schiet. Jetzt zog er sein Schwert aus der Scheide, teilte hier und dort Wunden aus, hieb manche, die schon standen, nieder, mhte andere, die erst bis zu den Schultern hervorgewachsen waren, wie Gras ab; andern spaltete er das Haupt, als sie schon zum Kampfe rannten. Die Furchen strmten von Blute, wie ein Abzugsbach; die Verwundeten und Toten strzten nach allen Seiten hin, und viele sanken mit blutigen Kpfen wieder so tief in den Boden, als sie hervorgetaucht waren.

An der Seele des Kniges Aietes nagte zehrender rger; ohne ein Wort zu sprechen, drehte er sich um und kehrte zur Stadt zurck, nur darauf sinnend, auf welche Weise er wirksamer gegen Iason verfahren knnte. Unter diesen Begebenheiten war der Tag zu Ende gegangen, und der Held ruhte unter den Glckwnschen seiner Freunde von der Arbeit.



Medea raubt das goldene Vlies

Die ganze Nacht hindurch hielt der Knig Aietes die Hupter seines Volkes um sich im Palaste versammelt und ratschlagte, wie die Argonauten zu berlisten wren, denn er war es wohl innegeworden, da alles, was sich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mitwirkung seiner Tchter geschehen war. Hera, die Gttin, sah die Gefahr, in welcher Iason schwebte; deswegen erfllte sie das Herz Medeas mit zagender Furcht, da sie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagdhunde Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte sie, da ihre Hilfe dem Vater nicht verborgen sei; sie frchtete auch die Mitwissenschaft der Mgde; darum brannten ihre Augen von Trnen, und die Ohren sausten ihr. Ihr Haar lie sie wie in Trauer hngen, und wre das Schicksal nicht zuwider gewesen, so htte die Jungfrau durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht. Schon hatte sie die gefllte Schale in der Hand, als Hera ihr den Mut aufs neue beflgelte und sie mit verwandelten Gedanken das Gift wieder in seinen Behlter go. Jetzt raffte sie sich zusammen; sie war entschlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Trpfosten mit Abschiedskssen, berhrte mit den Hnden noch einmal die Wnde ihres Zimmers, schnitt sich eine Haarlocke ab und legte sie zum Andenken fr ihre Mutter aufs Bett. Lebe wohl, geliebte Mutter, sprach sie weinend lebe wohl, Schwester Chalkiope und das ganze Haus! O Fremdling! htte dich das Meer verschlungen, ehe du nach Kolchis gekommen wrest! Und so verlie sie ihre se Heimat, wie eine Gefangene fliehend den bittern Kerker der Sklaverei verlt. Die Pforten des Palastes taten sich vor ihren Zaubersprchen auf; durch enge Seitenwege rannte sie mit bloen Fen, mit der Linken den Schleier bis ber die Wangen herunterziehend, mit der Rechten den Saum ihres Gewandes vor der Befleckung des Weges schtzend. Bald war sie, unerkannt von den Wchtern, drauen vor der Stadt und schlug einen Fupfad nach dem Tempel ein; denn als Zauberweib und als Giftmischerin war sie vom Wurzelsuchen her aller Wege des Feldes wohl kundig. Selene, die Mondgttin, welche sie so wandeln sah, sprach zu sich selbst, lchelnd herniederscheinend: So qult doch auch andre die Liebe, wie mich die zum schnen Endymion! Oft hast du mich mit deinen Hexensprchen vom Himmel hinweggezaubert; jetzt leidest du selbst um einen Iason bittere Qualen. Nun, so geh nur, aber so schlau du bist, hoffe nicht, dem herbsten Schmerz zu entfliehen! So sprach Selene mit sich selber, jene aber trugen ihre Fe eilig davon; endlich bogen ihre Schritte gegen das Meeresufer ein, wo das Freudenfeuer, das die Helden dem Siege Iasons zu Ehren die ganze Nacht hindurch auflodern lieen, ihr zum Leitsterne diente. Dem Schiffe gegenber angekommen, rief sie laut ihren jngsten Schwestersohn, Phrontis; dieser, der mit Iason ihre Stimme erkannte, erwiderte dreimal den dreifachen Ruf. Die Helden, die dies alle hrten, staunten anfangs, dann ruderten sie ihr entgegen. Ehe das Schiff ans jenseitige Ufer gebunden war, sprang Iason vom Verdeck ans Land, Phrontis und Argos ihm nach. Rettet mich, rief das Mdchen, indem sie ihre Knie umfate, entreit mich und euch meinem Vater! Alles ist verraten und keine Hilfe mehr; lat uns zu Schiffe fliehen, eh er die schnellen Rosse besteigt; das Goldne Vlies will ich euch verschaffen, indem ich den Drachen einschlfere. Du aber, o Fremdling, schwre mir zu den Gttern vor deinen Genossen, da du mich Verwaiste in der Fremde nicht beschimpfen willst! So sprach sie traurig und erfreute Iasons Herz. Er hub die ins Knie Gesunkene sanft vom Boden auf, umfate sie und sprach: Geliebte, Zeus und Hera, die Beschirmerin der Ehe, seien meine Zeugen, da ich, nach Griechenland zurckgekehrt, dich als rechtmige Gattin in mein Haus einfhren will! So schwor er und legte seine Hand in die ihrige. Dann hie Medea die Helden noch in derselben Nacht nach dem heiligen Haine rudern, um dort das Goldne Vlies zu entfhren. Eifrig trieben die Griechen das Schiff vorwrts, das Iason und die Jungfrau bald und noch vor dmmerndem Tag verlieen, um ber den Pfad einer Wiese dem Haine zuzugehen. Dort suchten sie den hohen Eichbaum, an welchem das Goldne Vlies hing, strahlend durch die Nacht, einer Morgenwolke hnlich, die von der aufgehenden Sonne beschienen wird. Gegenber aber reckte der schlaflose Drache, aus scharfen Augen in die Ferne blickend, seinen langen Hals den Herannahenden entgegen und zischte frchterlich, da die Ufer des Flusses und der ganze groe Hain widerhallte. Wie ber einen angezndeten Wald die Flammen sich hinwlzen, so rollte das Untier mit leuchtenden Schuppen in unzhligen Krmmungen daher. Die Jungfrau aber ging ihm keck entgegen, sie rief mit ser Stimme den Schlaf, den mchtigsten der Gtter, an, das Ungeheuer einzulullen; sie rief zur mchtigen Knigin der Unterwelt, ihr Vorhaben zu segnen. Nicht ohne Furcht folgte ihr Iason. Aber schon durch den Zaubergesang der Jungfrau eingeschlfert, senkte der Drache die Wlbung des Rckens, und sein geringelter Leib dehnte sich der Lnge nach aus; nur mit dem grlichen Kopfe stand er noch aufrecht und drohte die beiden mit seinem aufgesperrten Rachen zu fassen. Da sprengte Medea ihm mit einem Wacholderstengel unter Beschwrungsformeln einen Zaubertrank in die Augen, dessen Duft ihn mit Schlummer bergo; jetzt schlo sich sein Rachen, und schlafend dehnte sich der Drache mit seinem ganzen Leibe durch den langen Wald hin.

Auf ihre Ermahnung zog nun Iason das Vlies von der Eiche, whrend das Mdchen fortwhrend den Kopf des Drachen mit dem Zauberl besprengte. Dann verlieen beide eilig den beschatteten Areshain, und Iason hielt von ferne schon freudig das groe Widdervlies entgegen, von dessen Widerschein seine Stirn und sein blondes Haar in goldenem Schimmer glnzten; auch beleuchtete sein Schein ihm weithin den nchtlichen Pfad. So ging er, es auf der linken Schulter tragend; die goldne Last hing ihm vom Hals bis auf die Fe herunter; dann rollte er es wieder auf, denn immer frchtete er, ein Mensch oder Gott mchte ihm begegnen und ihn des Schatzes berauben. Mit der Morgenrte traten sie ins Schiff, die Genossen umringten den Fhrer und staunten das Vlies an, das funkelte wie des Zeus Blitz; jeder wollte es mit den Hnden betasten; aber Iason litt es nicht, sondern warf einen neugefertigten Mantel darber. Die Jungfrau setzte er auf das Hinterverdeck des Schiffes und sprach dann so zu seinen Freunden: Jetzt, ihr Lieben, lat uns eilig ins Vaterland zurckkehren. Durch dieser Jungfrau Rat ist vollbracht, weswegen wir unsere Fahrt unternommen haben; zum Lohne fhre ich sie als meine rechtmige Gemahlin nach Hause; ihr aber helft mir sie als die Helferin ganz Griechenlands beschirmen. Denn ich zweifle nicht: bald wird Aietes dasein und mit allem seinem Volke unsere Ausfahrt aus dem Flusse hindern wollen! Deswegen soll von euch abwechslungsweise die eine Hlfte rudern, die andere, unsere mchtigen Schilde aus Rindshaut den Feinden entgegenhaltend, die Rckfahrt schirmen. Denn in unserer Hand steht jetzt die Heimkehr zu den Unsrigen und die Ehre oder Schande Griechenlands! Mit diesen Worten hieb er die Taue ab, mit denen das Schiff angebunden war, warf sich in volle Rstung und stellte sich so neben das Mgdlein, dem Steuermann Ankaios zur Seite. Das Schiff eilte unter den Rudern der Mndung des Flusses entgegen.



Die Argonauten, verfolgt, entkommen mit Medea

Inzwischen hatten Aietes und alle Kolcher Medeas Liebe, Taten und Flucht erfahren. Sie traten bewaffnet auf dem Markte zusammen, und bald sah man sie mit lautem Schalle das Ufer des Flusses hinabziehen: Aietes fuhr auf einem festgezimmerten Wagen, mit den Pferden, die ihm der Sonnengott verliehen; in der Linken trug er einen runden Schild, in der Rechten eine lange Pechfackel; an seiner Seite lehnte die gewaltige Lanze. Die Zgel der Rosse handhabte sein Sohn Absyrtos. Als sie aber an der Mndung des Flusses angekommen waren, da fuhr das Schiff, von den unermdlichen Ruderern getrieben, schon weit auf der hohen See. Fackel und Schild entsank dem Knig; er hub die Hnde gen Himmel, rief Zeus und den Sonnengott zu Zeugen der beltaten und erklrte grimmig seinen Untertanen: wenn sie ihm die Tochter nicht, zu Wasser oder zu Land ergriffen, herbeifhren wrden, so da er, seines Herzens Gelste folgend, Rache ben knnte, so sollten sie es alle mit ihren Huptern ben. Die erschrockenen Kolcher zogen noch an demselben Tage ihre Schiffe in die See, spannten die Segel aus und fuhren hinaus ins Meer; ihre Flotte, welche des Kniges Sohn Absyrtos befehligte, glich einer unabsehbaren Vogelschar, welche die Luft verdunkelnd ber die See dahinschwirrt.

In die Segel der Argonauten blies der gnstigste Wind; schon mit der dritten Morgenrte banden sie das Schiff beim Flusse Halys am Ufer der Paphlagonen an. Hier brachten sie auf Medeas Gehei der Gttin Hekate, die sie gerettet hatte, ein Opfer. Da fiel ihrem Fhrer und auch andern Helden bei, da der alte Wahrsager Phineus ihnen zur Rckfahrt auf einem neuen Wege geraten hatte; der Gegenden aber war keiner kundig. Nun belehrte sie Argos, der Sohn des Phrixos, der es aus Priesterschriften wute, da sie nach dem Isterflusse steuern sollten, dessen Quellen fern in den Rhipischen Bergen murmeln und der das Fllhorn seiner Wasser zur Hlfte ins Ionische, zur andern Hlfte ins Sizilische Meer ergiet. Als Argos dies geraten, erschien die breite Himmelsfurche eines Regenbogens in der Richtung, in welcher sie fahren sollten, und der gnstige Wind lie nicht ab zu wehen und das Himmelszeichen hrte nicht auf zu leuchten, bis sie glcklich an die ionische Mndung des Flusses Ister gelangt waren.

Die Kolcher lieen aber mit ihrer Verfolgung nicht nach und kamen, schneller segelnd, mit ihren leichten Schiffen noch vor den Helden an der Mndung des Isters an. Hier legten sie sich, an verschiedenen Buchten und Inseln des Ausflusses verteilt, in den Hinterhalt und verstellten den Helden, als diese sich in der Mndung des Stromes vor Anker gelegt, den Ausweg. Die Argonauten, die Menge der Kolcher frchtend, landeten und warfen sich auf eine Insel des Flusses; die Kolcher folgten, und ein Treffen bereitete sich vor. Da traten die bedrngten Griechen in Unterhandlung, und von beiden Teilen wurde verabredet, da jedenfalls die Griechen das Goldne Vlies, das der Knig dem Helden Iason fr seine Arbeit versprochen hatte, davontragen sollten; die Knigstochter Medea aber sollten sie auf einer zweiten Insel, im Tempel der Artemis, aussetzen, bis ein gerechter Nachbarknig als Schiedsrichter entschieden htte, ob sie zu ihrem Vater zurckkehren oder ob sie den Helden nach Griechenland folgen sollte. Bittere Sorgen bemchtigten sich der Jungfrau, als sie solches hrte; sie fhrte sogleich ihren Geliebten seitwrts an einen Ort, wo keiner seiner Genossen sie hren konnte; dann sprach sie unter Trnen: Iason, was habt ihr ber mich beschlossen? Hat das Glck alles bei dir in Vergessenheit gesenkt, was du mir mit heiligem Eide in der Not versprochen? In dieser Hoffnung habe ich Leichtsinnige, Ehrvergessene Vaterland, Haus und Eltern verlassen, was mein Hchstes war. Fr deine Rettung treibe ich auf dem Meere mit dir um; meine Vermessenheit hat dir das Goldne Vlies verschafft; fr dich habe ich Schmach auf den Frauennamen geladen, deswegen folge ich dir als dein Mdchen, als dein Weib, als deine Schwester ins griechische Land. Und darum beschirme mich auch, la mich nicht allein hier, berla mich nicht den Knigen zum Urteil. Wenn mich jener Richter meinem Vater zuspricht, so bin ich verloren; wie wre dir dann deine Rckkehr angenehm? Wie knnte des Zeus Gemahlin, Hera, dieses billigen, sie, deren du dich rhmest? Ja, wenn du mich verlssest, so wirst du einst, in Elend versunken, mein gedenken. Wie ein Traum soll dir das Goldne Vlies in den Hades entschwinden! Aus dem Vaterlande sollen dich meine Rachegeister treiben, wie ich durch deine Verkehrtheit aus meinem Vaterlande getrieben worden bin! So sprach sie in wilder Leidenschaft und gedachte Feuer in das Schiff zu legen, alles zu verbrennen und sich selbst hineinzustrzen. Bei ihrem Anblicke ward Iason scheu, das Gewissen schlug ihm, und er sprach mit begtigenden Worten: Fasse dich, Gute! Mir selbst ist jener Vertrag nicht Ernst! Suchen wir ja nur einen Aufschub der Schlacht, weil eine ganze Wolke von Feinden uns umringt, um deinetwillen. Denn alles, was hier wohnt, ist den Kolchern befreundet und will deinem Bruder Absyrtos helfen, da er dich als Gefangene dem Vater zurckbringe. Wir alle aber, wenn wir jetzt den Kampf beginnen, werden elendiglich umkommen, und deine Lage wird noch hoffnungsloser, wenn wir gestorben sind und dich den Feinden als Beute zurcklassen. Vielmehr soll jener Vertrag nur ein Hinterhalt sein, der den Absyrtos ins Verderben strzt; denn wenn ihr Fhrer tot ist, so werden den Kolchern die Nachbarn keine Hilfe mehr leisten wollen. So sprach er schmeichelnd, und Medea gab ihm den grlichen Rat: Hre mich. Ich habe einmal gesndigt und, vom Verhngnis verblendet, bles getan. Rckwrts kann ich nicht mehr, so mu ich vorwrtsschreiten im Frevel. Wehre du im Treffen die Lanzen der Kolcher ab; ich will den Bruder betren, da er sich in deine Hnde gibt. Du empfange ihn mit einem glnzenden Mahle; kann ich dann die Herolde berreden, da sie ihn zum Zwiegesprch allein mit mir lassen: alsdann  ich kann nicht widerstehen  magst du ihn tten und die Schlacht den Kolchern liefern. Auf diese Weise legten die beiden dem Absyrtos einen schweren Hinterhalt. Sie sandten ihm viele Gastgeschenke, darunter ein herrliches Purpurkleid, das die Knigin von Lemnos dem Iason gegeben hatte, welches einst die Huldgttinnen selbst dem Gotte Dionysos gefertiget und das mit himmlischem Dufte getrnkt war, seit der nektartrunkene Gott darauf geschlummert hatte. Den Herolden redete die schlaue Jungfrau zu, Absyrtos sollte im Dunkel der Nacht auf die andere Insel zum Artemistempel kommen; dort wollten sie eine List ausdenken, wie er das Goldne Vlies wiederbekme und es dem Knige, ihrem Vater, zurckbringen knnte; denn sie selbst, so heuchelte sie, sei von den Shnen des Phrixos mit Gewalt den Fremdlingen berliefert worden. Nachdem sie so die Friedensboten betrt hatte, spritzte sie von ihren Zauberlen in den Wind, so viel, da ihr Duft auch das wildeste Tier vom hchsten Berge herabzulocken krftig gewesen wre. Es geschah, wie sie gewnscht hatte. Absyrtos, durch die feierlichsten Versprechungen betrogen, schiffte in dunkler Nacht nach der heiligen Insel hinber. Dort allein mit der Schwester zusammengekommen, versuchte er das Gemt der Verschlagenen, ob sie wirklich eine List gegen die Fremdlinge hegte; aber es war, als wenn ein schwacher Knabe durch einen angeschwollenen Bergstrom waten wollte, ber den kein krftiger Mann ungestraft setzen kann. Denn als sie mitten im Gesprch waren und die Schwester ihm alles zusagte, da strzte pltzlich Iason aus dem verborgenen Hinterhalte hervor, das bloe Schwert in der Hand. Die Jungfrau aber wandte ihre Augen ab und bedeckte sich mit dem Schleier, um den Mord ihres Bruders nicht mit ansehen zu mssen. Wie ein Opfertier strzte der Knigssohn unter den Streichen Iasons und bespritzte Gewand und Schleier der abgekehrten Medea mit seinem Bruderblut. Aber die Rachegttin, die nichts bersieht, schaute aus ihrem Verstecke mit finsterem Auge die grliche Tat, die hier begangen ward. Nachdem Iason sich von dem Morde gereinigt und den Leichnam begraben hatte, gab Medea den Argonauten mit einer Fackel das verabredete Zeichen. Diese legten ihr Fahrzeug neben das Schiff, auf dem Absyrtos zur Artemisinsel gekommen war, und fielen, wie Habichte ber Taubenscharen oder Lwen ber Schafherden, ber die ihres Fhrers beraubten Begleiter des Absyrtos her. Keiner entging dem Tode. Iason, der den Seinigen zu Hilfe kommen wollte, erschien zu spt, denn schon war der Sieg entschieden.



Weitere Heimfahrt der Argonauten

Auf des Peleus Rat schifften die Helden aus der Mndung hervor und schleunig davon, ehe die zurckgelassenen Kolcher zur Besinnung kommen konnten. Diese, als sie innewurden, was geschehen war, gedachten anfangs die Feinde zu verfolgen, aber Hera schreckte sie mit warnenden Blitzen vom Himmel; und da sie zu Hause den Zorn des Kniges frchteten, wenn sie ihm Sohn und Tochter nicht zurckbrchten, so blieben sie auf den Artemisinseln in der Mndung des Ister zurck und siedelten sich hier an.

Die Argonauten aber schifften an mancherlei Gestaden und Inseln vorber, auch an dem Eilande, wo die Knigin Kalypso, die Tochter des Atlas, wohnte. Schon glaubten sie in der Ferne die hchsten Bergspitzen des heimischen Festlandes aufsteigen zu sehen, als Hera, welche die Plne des erzrnten Zeus frchtete, einen Sturm gegen sie erhob, der ihr Schiff mit Ungestm an die unwirtliche Insel Elektris trieb. Jetzt begann auch das weissagende Holz, das Athene mitten in den Kiel eingefgt hatte, zu sprechen, und entsetzliche Furcht ergriff die Horchenden. Ihr werdet dem Zorn des Zeus und den Irrfahrten des Meeres nicht entgehen, tnte das hohle Brett, bevor nicht die Zaubergttin Kirke euch den grausamen Mord des Absyrtos abgewaschen hat. Kastor und Pollux sollen zu den Gttern beten, da sie euch die Pfade des Meeres ffnen und ihr Kirke finden knnet, die Tochter des Sonnengottes und der Perse. So sprach der hlzerne Mund des Schiffes Argo um die Abenddmmerung. Schauder und Furcht ergriff die Helden, als sie den seltsamen Propheten so Schreckliches verknden hrten. Die Zwillinge Kastor und Pollux allein sprangen auf und hatten den Mut, zu den unsterblichen Gttern um Schutz zu beten; das Schiff aber scho weiter bis in die innerste Bucht des Eridanos, da wo einst Phathon verbrannt vom Sonnenwagen in die Flut gefallen war. Noch jetzt schickt er aus der Tiefe Rauch und Glut aus seiner brennenden Wunde hervor. Kein Schiff kann mit leichten Segeln ber dieses Gewsser hinfliegen, sondern es springt mitten in die Flamme hinein. Ringsumher am Ufer seufzen, in Pappeln verwandelt, Phathons Schwestern, die Heliaden, im Winde und trufeln lichte Trnen aus Bernstein auf den Boden, welche die Sonne trocknet und die Flut in den Eridanos hineinzieht. Den Argonauten half zwar ihr starkes Schiff aus dieser Gefahr, aber alle Lust nach Speise und Trank verging ihnen; denn bei Tage peinigte sie der unertrgliche Geruch, der aus den Fluten des Eridanos vom dampfenden Phathon aufstieg, und bei Nacht hrten sie ganz deutlich das Wehklagen der Heliaden und wie die Bernsteintrnen gleich ltropfen ins Meer rollten. An den Ufern des Eridanos hin kamen sie zu der Mndung des Rhodanos und wren hineingeschifft, von wannen sie nicht lebendig herauskommen sollten, wenn nicht Hera pltzlich auf einer Klippe erschienen wre und mit furchtbarer Gtterstimme sie abgemahnt htte. Diese hllte das Schiff schirmend in schwarze Nebel, und so fuhren sie an unzhligen Keltenvlkern viele Tage und Nchte vorbei, bis sie endlich das tyrrhenische Ufer erblickten und bald darauf glcklich in den Hafen der Insel Kirkes einliefen.

Hier fanden sie die Zaubergttin, wie sie, am Meergestade stehend, ihr Haupt in den Wellen badete. Ihr hatte getrumt, das Gemach und das ganze Haus strme ber von Blut, und die Flamme fresse alle Zaubermittel, mit welchen sie sonst die Fremdlinge behext hatte; sie aber schpfe mit hohler Hand das Blut und lsche das Feuer damit. Dieser entsetzliche Traum hatte sie mit der Morgenrte vom Lager aufgeschreckt und ans Meeresufer getrieben; hier wusch sie Kleidung und Haare, als ob sie blutbefleckt wren. Ungeheure Bestien, nicht andern Tieren hnlich, sondern aus den verschiedensten Gliedern zusammengesetzt, folgten herdenweise, wie das Vieh dem Hirten aus dem Stalle. Die Helden ergriff entsetzliches Grausen, zumal da sie der Kirke nur ins Angesicht zu sehen brauchten, um sich zu berzeugen, da sie die Schwester des grausamen Aietes sei. Die Gttin, als sie die nchtlichen Schrecken von sich entfernt hatte, kehrte schnell wieder um, lockte den Tieren und streichelte sie, wie man Hunde streichelt.

Iason hie die ganze Mannschaft im Schiffe bleiben, er selbst sprang mit Medea ans Land und zog das widerstrebende Mdchen mit sich fort, Kirkes Palaste zu. Kirke wute nicht, was die Fremden bei ihr suchten. Sie hie sie auf schnen Sesseln Platz nehmen. Jene aber flchteten still und traurig an den Herd und lieen sich dort nieder. Medea legte ihr Haupt in beide Hnde, und Iason stie das Schwert, mit welchem er den Absyrtos umgebracht hatte, in den Boden, legte die Hand auf dasselbe und sttzte sein Kinn darauf, ohne die Augen aufzuschlagen. Da merkte Kirke, da es Schutzflehende seien, und verstand sogleich, da es sich um den Jammer der Verbannung und die Shnung eines Mordes handle. Sie trug Scheu vor Zeus, dem Beschirmer der Flehenden, und brachte das verlangte Opfer dar, indem sie ein Ferkel einer noch lebenden Muttersau schlachtete und den reinigenden Zeus dazu anrief. Ihre Dienerinnen, die Najaden, muten all die Shnungsmittel aus dem Hause zusammentragen; sie selbst stellte sich an den Herd und verbrannte heilige Opferkuchen unter feierlichen Gebeten, um den Zorn der Erinnyen zu besnftigen und die Verzeihung des Gttervaters fr die Mordbefleckten anzurufen. Als alles vorber war, lie sie die Fremden erst auf die glnzenden Sthle setzen und setzte sich ihnen gegenber. Dann fragte sie dieselben ber ihr Geschft und ihre Schiffahrt, woher sie kmen, warum sie hier gelandet und wofr sie ihren Schutz begehrt htten; denn ihr blutiger Traum war ihr wieder in den Sinn gekommen. Als die Jungfrau nun ihr Haupt aufrichtete und ihr ins Angesicht sah, fielen ihr die Augen des Mdchens auf; denn Medea stammte ja wie Kirke selbst vom Sonnengotte; und alle Abkmmlinge dieses Gottes haben strahlende Augen voll Goldglanz. Nun verlangte sie die Muttersprache der Landesflchtigen zu hren, und die Jungfrau fing an, in kolchischer Mundart, alles, was mit Aietes, den Helden und ihr geschehen war, der Wahrheit nach zu erzhlen; nur die Ermordung ihres Bruders Absyrtos wollte sie nicht gestehen. Aber der Zaubergttin Kirke blieb nichts verborgen; doch jammerte sie ihrer Nichte und sie sprach: Arme, du bist unehrlich geflohen und hast einen groen Frevel begangen. Gewi wird dein Vater nach Griechenland kommen, den Mord seines Sohnes an dir zu rchen. Von mir jedoch sollst du kein weiteres bel leiden, weil du eine Schutzflehende und dazu meine Verwandte bist. Nur verlang auch keine Hilfe von mir. Entferne dich mit dem fremden Manne, wer es auch sein mag. Ich kann weder deine Plne noch deine schimpfliche Flucht billigen! Ein unendlicher Schmerz ergriff die Jungfrau bei diesen Worten. Sie warf den Schleier ber ihr Haupt und weinte bitterlich, bis der Held sie an der Hand ergriff und die Wankende mit sich aus Kirkes Palast hinausfhrte.

Doch Hera erbarmte sich ihrer Schtzlinge. Sie sandte ihre Botin Iris auf dem bunten Regenbogenpfade zur Meeresgttin Thetis hinab, lie diese zu sich rufen und empfahl das Heldenschiff ihrem Schirm. Sogleich mit Iasons und Medeas Ankunft an Bord fingen nun sanfte Zephire zu wehen an; froheren Mutes lichteten die Helden die Anker und spannten die hohlen Segel aus. Mit leichtem Winde wogte das Schiff weiter, und bald stellte sich ihnen eine schne blhende Insel dar, die der Sitz der trgerischen Sirenen war, welche die Vorberschiffenden durch ihre Gesnge anzulocken und zu verderben pflegten. Halb Vgel, halb Jungfrauen, saen sie immer auf ihrer Warte, und kein Fremder, der vorberfuhr, entging ihnen. Auch jetzt sangen sie den Argonauten die schnsten Lieder zu, und schon waren diese im Begriffe, die Taue nach dem Ufer zu werfen und anzulegen, als der thrakische Snger Orpheus sich von seinem Sitze erhob und seine gttliche Leier so mchtig zu schlagen begann, da sie die Stimmen der Jungfrauen bertnte; zugleich blies ein tnender gottgesandter Zephir in den Rcken des Schiffes, so da der Sirenengesang ganz in den Lften verhallte. Nur einer der Genossen, Butes, der Sohn des Teleon, hatte der hellen Stimme der Sirenen nicht zu widerstehen vermocht, sprang von der Ruderbank ins Meer und schwamm dem verfhrerischen Hall entgegen. Er wre verloren gewesen, wenn ihn nicht die Beherrscherin des Berges Eryx in Sizilien, Aphrodite, erblickt htte. Sie ri ihn mitten aus den Wirbeln heraus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser Insel, wo er hinfort wohnen blieb. Die Argonauten betrauerten ihn fr tot und schifften neuen Gefahren entgegen; denn sie kamen in eine Meerenge, wo auf der einen Seite der steile Fels der Skylla in die Fluten hinausragte und das Schiff zu zerbrechen, auf der andern Seite der Strudel der Charybdis die Wasser in die Tiefe ri und das Schiff zu verschlingen drohte. Dazwischen irrten unter der Flut vom Grunde losgerissene Felsen, wo sonst die glhende Werksttte des Hephaistos ist; jetzt aber rauchte sie nur und erfllte den ther mit Finsternis. Hier begegneten ihnen von allen Seiten die Meernymphen, des Nereus Tchter; im Rcken des Schiffes fate die Frstin derselben, Thetis selbst, das Steuerruder. Alle miteinander umgaukelten das Schiff, und wenn es sich den schwimmenden Felsen nhern wollte, so stie es eine Nymphe der andern zu, wie Jungfrauen, die Ball spielen. Bald stieg es mit den Wellen hoch empor zu den Wolken, bald flog es wieder in den Abgrund hinab. Auf dem Gipfel einer Klippe sah, den Hammer auf die Schulter gelehnt, Hephaistos dem Schauspiele zu und vom gestirnten Himmel herab des Zeus Gemahlin, Hera; diese aber ergriff Athenes Hand; denn sie konnte es ohne Schwindel nicht mit ansehen. Endlich waren sie den Gefahren glcklich entgangen und fuhren weiter auf der offenen See, bis sie zu einer Insel kamen, wo die guten Phaken und ihr frommer Knig Alkinoos wohnten.



Neue Verfolgung der Kolcher

Hier waren sie aufs gastliche aufgenommen worden und wollten sich eben recht gtlich tun, als pltzlich an der Kste ein furchtbares Heer der Kolcher erschien, deren Flotte auf einem andern Wege bis hierher vorgedrungen war. Sie verlangten die Knigstochter Medea, um sie in das vterliche Haus zurckzufhren, oder bedrohten die Griechen mit einer mrderischen Schlacht schon jetzt, und noch mehr, wenn Aietes selbst mit einem noch gewaltigeren Heere nachkommen wrde. Ja, sie waren schon im Begriff, den Kampf zu beginnen, da gelang es dem weisen Knig Alkinoos noch, sie zurckzuhalten; er wnsche den Zwist ohne Blutvergieen zu lsen. Medea aber umfate die Knie seiner Gemahlin Arete: Herrin, ich flehe dich an, sprach sie, la mich nicht zu meinem Vater bringen; wenn du anders dem menschlichen Geschlechte angehrst, das allzumal durch leichten Irrtum in schnelles Unglck strzt. So ist auch mir die Besonnenheit entschwunden. Doch nicht Leichtsinn, sondern nur entsetzliche Furcht hat mich zur Flucht mit diesem Manne bewogen. Als Jungfrau fhrt er mich in seine Heimat. Darum erbarme dich meiner, und die Gtter mgen dir langes Leben und Kinder und deiner Stadt unsterbliche Zier gewhren. Auch den einzelnen Helden warf sie sich flehend zu Fen: ein jeder aber, den sie anrief, hie sie guten Mutes sein, schttelte die Lanze, zog sein Schwert und versprach, ihr beizustehen, wenn Alkinoos sie ausliefere wollte.

In der Nacht ratschlagte der Knig mit seiner Gemahlin ber das kolchische Mdchen. Arete bat fr sie und erzhlte ihm, da der groe Held Iason sie zu seiner rechtmigen Gemahlin machen wolle. Alkinoos war ein sanfter Mann, und sein Gemt wurde noch weicher, als er dieses hrte. Gerne wrde ich, erwiderte er seiner Gemahlin, die Kolcher den Helden und der Jungfrau zulieb auch mit den Waffen vertreiben, aber ich frchte das Gastrecht des Zeus zu verletzen; auch ist es nicht klug, den mchtigen Knig Aietes zu reizen, denn so ferne er wohnt, wre er doch imstande, Griechenland mit einem Kriege zu berziehen. Hre daher den Ratschlag, den ich gefat habe: Ist das Mdchen noch eine freie Jungfrau, so soll sie dem Vater zurckgegeben werden; ist sie aber des Helden Gemahlin, so werde ich sie dem Gatten nicht rauben, denn dann gehrt sie diesem vor dem Vater. Arete erschrak, als sie diesen Entschlu des Kniges hrte. Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu Iason, der ihm alles hinterbrachte und ihm riet, sich noch vor Anbruch des Morgens mit Medea zu vermhlen. Die Helden, welchen Iason den unerwarteten Vorschlag mitteilte, waren es alle zufrieden, und so wurde unter den Liedern des Orpheus, einer heiligen Grotte, die Jungfrau feierlich zur Gattin Iasons eingeweiht.

Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das tauige Feld von den ersten Sonnenstrahlen schimmerten, rhrte sich alles Phakenvolk auf den Straen der Stadt; und am andern Ende der Ufer standen die Kolcher auch schon unter den Waffen. Alkinoos trat versprochenermaen hervor aus seinem Palaste, das goldene Zepter in der Hand, zu richten ber das Mdchen; hinter ihm gingen scharenweise die edelsten Phaken einher; auch die Frauen waren zusammengekommen, um die herrlichen Helden der Griechen zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt, denn Zeus hatte das Gercht weit und breit ausgestreut. So war alles vor den Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor. Schon lange harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun der Knig auf seinem Throne Platz genommen hatte, trat Iason hervor und erklrte mit eidlicher Bekrftigung die Knigstochter Medea fr seine rechtmige Gemahlin. Sobald Alkinoos dieses hrte und Zeugen der Vermhlung aufgetreten waren, tat er mit einem feierlichen Schwure den Ausspruch, da Medea nicht ausgeliefert werden sollte, und schirmte seine Gste. Vergebens widersetzten sich die Kolcher; der Knig hie sie entweder als friedliche Gste in seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus seinem Hafen entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn frchteten, wenn sie ohne seine Tochter zurckkehrten, whlten das erstere. Am siebenten Tage brachen die Argonauten, ungern von Alkinoos entlassen und herrlich beschenkt, zur Weiterfahrt auf.



Letzte Abenteuer der Helden

Wieder waren sie an mancherlei Ufern und Inseln vorbergesegelt, und schon erblickten sie in der Ferne die heimische Kste des Pelopslandes (Peloponnesos), als ein grausamer Nordstrom das Schiff erfate und mitten durchs Libysche Meer neun volle Tage und Nchte auf ungewissem Pfade dahinjagte. Endlich wurden sie an das Sandwstenufer der afrikanischen Syrten verschlagen, in eine Bucht, deren Gewsser, mit dichtem Seegras und trgem Schaume bedeckt, wie ein Sumpf in starrer Ruhe brtete. Ringsum breiteten sich Sandflchen aus, auf denen kein Tier, kein Vogel sichtbar ward. Hier wurde das Schiff von der Flut so dicht aufs Gestade geschwemmt, da der Kiel ganz auf dem Sande aufsa. Mit Schrecken sprangen die Helden aus dem Fahrzeug, und mit Entsetzen erblickten sie den breiten Erdrcken, der sich, der Luft hnlich, ohne Abwechslung ins Unendliche ausdehnte. Kein Wasserquell, kein Pfad, kein Hirtenhof zeigte sich. Alles ruhte in totem Schweigen. Weh uns, wie heit dieses Land? Wohin haben uns die Strme verschlagen? So fragten einander die Genossen. Wren wir doch lieber mitten in die schwimmenden Felsen hineingefahren! Htten wir lieber etwas gegen den Willen des Zeus unternommen und wren in einem groen Versuch untergegangen! Ja, sagte der Steuermann Ankaios, die Flut hat uns sitzenlassen und wird uns nicht wieder abholen. Alle Hoffnung der Fahrt und Heimkehr ist abgeschnitten; steure, wer da kann und will! Damit lie er das Steuerruder aus der Hand gleiten und setzte sich weinend im Schiffe nieder. Wie Mnner in einer verpesteten Stadt unttig, Gespenstern gleich, dem Verderben entgegensehen, so trauerten die Helden, dem den Ufer entlangschleichend. Als der Abend gekommen war, gaben sie einander traurig die Hnde zum Abschiede, warfen sich, ohne Nahrung genommen zu haben, der eine da, der andere dort im Sande nieder und erwarteten, in ihre Mntel gehllt, eine schlaflose Nacht hindurch, den Tag und den Tod. Auf einer andern Seite seufzten die phakischen Jungfrauen, welche Medea vom Knig Alkinoos zum Geschenke bekommen hatte, um ihre Herrin gedrngt; sie sthnten wie sterbende Schwne, ihren letzten Gesang in die Lfte verhauchend; und gewi wren sie alle, Mnner und Frauen, untergegangen, ohne da jemand sie betrauert htte, wenn sich nicht die Beherrscherinnen Libyens, welche drei Halbgttinnen waren, ihrer erbarmt htten. Diese erschienen, mit Ziegenfellen vom Hals bis an die Knchel bedeckt, um die heie Mittagsstunde dem Iason und zogen ihm den Mantel, mit dem er sein Haupt bedeckt hatte, leise von den Schlfen. Erschrocken sprang er auf und wandte den Blick voll Ehrfurcht von den Gttinnen ab. Unglcklicher, sprachen sie, wir kennen alle deine Mhsale. Aber traure nicht lnger! Wenn die Meeresgttin den Wagen des Poseidon losgeschirret hat, so zollet eurer Mutter Dank, die euch lang im Leibe getragen; dann mget ihr ins glckselige Griechenland zurckkehren. Die Gttinnen verschwanden, und Iason erzhlte seinen Genossen das trstliche, doch rtselhafte Orakel. Whrend alle sich noch darber staunend besannen, ereignete sich ein ebenso seltsames Wunderzeichen. Ein ungeheuerer Hengst, dem von beiden Seiten goldne Mhnen ber den Nacken wollten, sprang vom Meer ans Land, schttelte den Wasserschaum ab und strmte davon wie mit Windesflgeln. Freudig erhub jetzt der Held Peleus seine Stimme und rief. Die eine Hlfte des Rtselwortes ist erfllt: die Meeresgttin hat ihren Wagen abgeschirrt, den dieses Ro gezogen hat; die Mutter aber, die uns lang im Leibe getragen, das ist unser Schiff Argo; dem sollen wir jetzt den schuldigen Dank bezahlen. Lat es uns auf unsere Schultern nehmen und ber den Sand hintragen, den Spuren des Meerpferdes nach. Dieses wird ja nicht in den Boden schlpfen, sondern uns den Weg zu irgendeinem Stapelplatze zeigen. Gesagt, getan. Die Gttershne nahmen das Schiff auf ihre Schultern und seufzten zwlf Tage und zwlf Nchte wandernd unter der Last. Immer ging es ber de, wasserlose Sandflchen hin; htte sie ein Gott nicht wunderbar gestrkt, sie wren, Mnner und Frauen, am ersten Tage erlegen. So aber kamen sie endlich glcklich an die tritonische Meerbucht; hier lieen sie ihre Last von den Schultern gleiten und suchten, vom Durste gepeinigt wie wtende Hunde, nach einem Quell. Unterwegs begegnete der Snger Orpheus den Hesperiden, den lieblich singenden Nymphen, welche auf dem heiligen Felde saen, wo der Drache Ladon die goldenen pfel gehtet hatte. Diese flehte der Snger an, den Schmachtenden eine Wasserquelle zu zeigen. Die Nymphen erbarmten sich, und die vornehmste unter ihnen, Aigle, fing an zu erzhlen: Gewi ist der khne Ruber, der gestern hier erschienen ist, dem Drachen das Leben und uns die goldenen pfel genommen hat, euch zum Heile gekommen, ihr Fremdlinge. Es war ein wilder Mann, seine Augen funkelten unter der zornigen Stirne; eine rohe Lwenhaut hing ihm ber die Schultern, in der Hand trug er eine Keule von Olivenholz und die Pfeile, mit welchen er das Ungeheuer erlegt hat. Auch er kam durstig von der Sandwste her; da er nirgends Wasser fand, stie er mit seiner Ferse an einen Felsen. Wie von einem Zauberschlag entflo diesem reichliches Wasser, und der schreckliche Mann legte sich bis an die Brust auf den Boden, stemmte sich mit beiden Hnden an den Felsen und trank nach Herzenslust, bis er wie ein gesttigter Stier sich auf die Erde legte. So sprach Aigle und zeigte ihnen den Felsquell, um den bald alle Helden sich drngten. Der erfrischende Trunk machte sie wieder frhlich, und: Wahrlich, sprach einer, nachdem er die brennenden Lippen noch einmal genetzt, auch getrennt von uns hat Herakles seine Genossen noch gerettet! Mchten wir ihm doch auf unserer ferneren Wanderung noch begegnen! So machten sie sich auf, der eine da-, der andere dorthin, den Helden zu suchen. Als sie wieder zurckgekommen waren, glaubte ihn nur der scharfblickende Lynkeus von ferne gesehen zu haben, aber nur etwa so, wie ein Bauer den Neumond hinter Wolken erblickt zu haben meint, und er versicherte, da niemand den Schweifenden erreichen werde. Endlich, nachdem sie durch unglckliche Zuflle zwei Genossen verloren und betrauert hatten, bestiegen sie das Schiff wieder. Lange suchten sie vergebens aus der tritonischen Bucht in die offene See zu gelangen; der Wind blies ihnen entgegen, und das Schiff kreuzte unruhig in dem Hafen hin und her wie eine Schlange, die vergebens aus ihrem Versteck hervorzudringen strebt und zischend mit funkelnden Augen ihr Haupt da- und dorthin kehrt. Auf den Rat des Sehers Orpheus stiegen sie daher noch einmal ans Land und weihten den einheimischen Gttern den grten Opferdreifu, den sie im Schiffe besaen und den sie am Gestade zurcklieen. Auf dem Rckwege begegnete ihnen der Meeresgott Triton in Jnglingsgestalt. Er hub eine Erdscholle vom Boden auf und reichte sie als Zeichen der Gastfreundschaft dem Helden Euphemos, der sie in seinem Busen barg. Mich hat der Vater, sprach der Meergott, zum Beschirmer dieser Meeresgegend gesetzt. Sehet, dort, wo das Wasser in unbewegter Tiefe dunkelt, dort ist der schmale Ausweg aus der Bucht ins offene Meer: dorthin rudert; guten Wind will ich euch schicken. Dann seid ihr nicht mehr ferne von der Pelopsinsel! Lustig stiegen sie ins Schiff; Triton nahm den Dreifu auf die Schulter und verschwand damit in den Fluten. Nun kamen sie, nach einer Fahrt von wenigen Tagen, unangefochten nach der Felseninsel Karpathos und wollten von da nach dem herrlichen Eilande Kreta hinberschiffen. Der Wchter dieser Insel war aber der schreckliche Riese Talos. Er war allein noch brig aus dem ehernen Geschlechte der Menschen, welche einst Buchen entsprossen waren, und Zeus hatte ihn Europa als Schwellenhter geschenkt, da er dreimal des Tages mit seinen ehernen Fen die Runde auf der Insel machen sollte. Dieser war am ganzen Leibe von Erz und deswegen unverwundlich, nur am einen Knchel hatte er eine fleischerne Sehne und eine Ader, darin Blut flo. Wer diese Stelle wute und sie treffen konnte, durfte gewi sein, ihn zu tten; denn er war nicht unsterblich. Als die Helden auf die Insel zuruderten, stand er auf einer der uersten Klippen mit seiner Wacht beschftigt; sobald er ihrer ansichtig ward, brckelte er Felsblcke los und fing an, sie gegen das herannahende Schiff zu schleudern. Erschrocken ruderten die Argonauten rckwrts; sie htten, obwohl aufs neue von Durst geplagt, das schne Kreta auf der Seite gelassen, htte sich nicht Medea erhoben und den Erschrockenen zugeredet: Hret mich, Mnner! Ich wei, wie dieses Ungeheuer zu bndigen ist. Haltet das Schiff nur auerhalb der Steinwurfweite! Dann hob sie die Falten ihres purpurnen Gewandes empor und bestieg die Schiffsgnge, ber welche Iasons Hand sie hinleitete. Mit schauerlicher Zauberformel rief sie dreimal die lebenraubenden Parzen an, die schnellen Hunde der Unterwelt, die, durch die Lfte schweifend, allenthalben nach den Lebendigen jagen. Hierauf verzauberte sie die Augenlider des ehernen Talos, da sie sich schlossen, und lie schwarze Traumbilder vor seine Seele treten. Betubt stie er  sich nach Steinblcken bckend, um damit den Hafen zu verteidigen  den fleischernen Knchel an eine spitze Felsenkante, da das Blut wie flssiges Blei aus der Wunde quoll. Wie eine halb angehauene Fichte der erste Windsto erschttert und sie endlich krachend in die Tiefe strzt, so taumelte auch Talos noch eine kurze Zeit auf seinen Fen und strzte dann entseelt mit ungeheurem Schall in die Meerestiefe.

Jetzt konnten die Genossen ungefhrdet landen und erholten sich auf dem gesegneten Eilande bis zum Morgen. Kaum ber Kreta hinausgeschifft, erschreckte sie ein neues Abenteuer. Eine entsetzliche Nacht brach ein, die kein Strahl des Mondes, kein Stern erleuchtete; als wre alle Finsternis aus dem Abgrunde losgelassen, so schwarz war die Luft; sie wuten nicht, ob sie auf dem Meere oder in den Fluten des Tartaros schifften. Mit aufgehobenen Hnden flehte Iason zu Phbos Apollo, sie aus diesem grlichen Dunkel zu befreien; Angsttrnen strzten ihm von den Wangen, und er versprach dem Gotte die herrlichsten Weihgeschenke. Dieser vernahm sein Flehen, er kam vom Olymp hernieder, sprang auf einen Meerfels, und den goldenen Bogen hoch in den Hnden haltend, scho er silberne Lichtpfeile ber die Gegend hin. In dem pltzlichen Lichtglanze zeigte sich ihnen eine kleine Insel, auf welche sie zusteuerten und wo, vor Anker gelegt, sie die trstliche Morgenrte erwarteten. Als sie wieder im heitersten Sonnenglanze auf der hohen See dahinfuhren, da gedachte der Held Euphemos eines nchtlichen Traumes. Ihm hatte gedeucht, die Erdscholle des Triton, die er an der Brust liegen hatte, trnke sich voll Milch, beginne sich zu beleben und gestalte sich zu einer lieben Jungfrau, die sprach: Ich bin die Tochter des Triton und der Libya, vertraue mich den Tchtern des Nereus an, da ich im Meere wohne bei Anaphe; dann werde ich wieder ans Sonnenlicht hervorkommen und deinen Enkeln bestimmt sein. An diesen Traum erinnerte sich jetzt Euphemos, denn Anaphe hatte die Insel geheien, bei der sie den Morgen erwartet hatten. Iason, dem der Held den Traum erzhlte, verstand seinen Sinn alsbald: er riet dem Freunde, die Erdscholle, die er auf dem Herzen trug, in die See zu werfen. Dieser tat es, und siehe da, vor den Augen der Schiffenden erwuchs aus dem Meeresgrund eine blhende Insel mit fruchtbarem Rcken. Man nannte sie Kalliste, das heit die Schnste, und Euphemos bevlkerte sie in der Folge mit seinen Kindern.

Dies war das letzte Wunder, das die Helden erlebten. Bald darauf nahm sie die Insel gina auf. Von dort der Heimat zusteurend, lief ohne weiteren Unfall das Schiff Argo mit seinen Helden glcklich in den Hafen von Iolkos ein. Iason weihte das Schiff auf der korinthischen Meerenge dem Poseidon, und als es lngst in Staub zerfallen war, glnzte es, in den Himmel erhoben, am sdlichen Firmament als ein leuchtendes Gestirn.



Iasons Ende

Iason gelangte nicht zu dem Throne von Iolkos, um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden, Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos einen schndlichen Mord begangen hatte. Er mute das Knigreich dem Sohne des Pelias, Akastos, berlassen und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flchten. Hier wohnte er zehn Jahre lang mit ihr, und sie gebar ihm drei Shne. Die beiden ltesten waren Zwillinge und hieen Thessalos und Alkimenes; der dritte, Tisander, war viel jnger. Whrend jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schnheit willen, sondern auch wegen ihres edlen Sinnes und ihrer brigen Vorzge von ihrem Gatten geliebt und geehrt. Als aber spter die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmhlich vertilgte, wurde Iason von der Schnheit eines jungen Mdchens, der Tochter des Korintherknigs Kreon, mit Namen Glauke, entzndet und betrt. Ohne da seine Gattin darum wute, warb er um die Jungfrau, und nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er erst seine Gemahlin zu bewegen, da sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte. Er versicherte sie auch, da er die neue Heirat nicht schlieen wolle, weil er ihrer Liebe berdrssig sei, sondern aus Frsorge fr seine Kinder suche er in Verwandtschaft mit dem hohen Knigshause zu treten. Aber Medea ward entrstet ber diesen Antrag und rief zrnend die Gtter an, als Zeugen seiner Schwre. Iason achtete dies nicht und vermhlte sich mit der Knigstochter. Verzweifelnd irrte Medea in dem Palaste ihres Gatten umher. Wehe mir, rief sie, mchte die Flamme des Himmels auf mein Haupt herniederzcken! Was soll ich lnger leben? Mchte der Tod sich meiner erbarmen! O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe! O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt ber mich kommt! Aber nicht an meinem Gatten Iason war es, mich zu strafen; fr ihn habe ich gesndigt! Gttin der Gerechtigkeit, mgest du ihn und sein junges Kebsweib verderben!

Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater, im Palaste ihr begegnete. Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte, redete er sie an, nimm deine Shne an der Hand und verla mir mein Land auf der Stelle; ich werde nicht nach Hause kehren, ehe ich dich ber meine Grenzen gejagt. Medea, ihren Zorn unterdrckend, sprach mit gefater Stimme: Warum frchtest du ein bel von mir, Kreon? Was hast du mir Bses getan, was warest du mir schuldig? Du hast deine Tochter dem Manne gegeben, der dir gefallen hat. Was ging ich dich an? Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist. Doch das ist geschehen; mgen sie als Gatten leben. Mich aber lat in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekrnkt bin, so will ich doch schweigen und den Mchtigeren mich unterwerfen. Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr nicht, obgleich sie seine Knie umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen, ihr so verhaten Tochter Glauke beschwor. Geh, erwiderte er, und befreie mich von Sorgen! Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub, um einen Weg zur Flucht und ein Asyl fr ihre Kinder whlen zu knnen. Meine Seele ist nicht tyrannisch, sprach da der Knig; schon viel trichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu gebt. Auch jetzt fhle ich, da ich nicht weise handle; dennoch sei es dir gestattet, Weib.

Als Medea die gewnschte Frist erhalten hatte, bemchtigte sich ihrer der Wahnsinn, und sie schritt zur Vollfhrung einer Tat, die ihr wohl bisher dunkel im Geiste vorgeschwebt, an deren Mglichkeit sie jedoch selbst nicht geglaubt hatte. Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch, ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu berzeugen. Sie trat vor ihn und sprach zu ihm: O du schlimmster aller Mnner, du hast mich verraten, hast einen neuen Ehebund eingegangen, whrend du doch Kinder hast. Wrest du kinderlos, so wollte ich dir verzeihen; du httest eine Ausrede. So bist du unentschuldbar; ich wei nicht, meinst du, die Gtter, die damals herrschten, als du mir Treue versprachest, regieren nicht mehr, oder es seien den Menschen neue Gesetze fr ihre Handlungen gegeben worden, da du glaubst, meineidig werden zu drfen? Sage mir, ich will dich fragen, als wenn du mein Freund wrest: wohin rtst du mir zu gehen? Schickst du mich zurck in meines Vaters Haus, den ich verraten, dem ich den Sohn gettet habe, dir zulieb? Oder welche andere Zuflucht weit du fr mich? Frwahr, es wird ein herrlicher Ruhm fr dich, den Neuvermhlten, sein, wenn deine erste Gattin mit deinen eigenen Shnen in der Welt betteln geht! Doch Iason war verhrtet. Er versprach ihr, sie und die Kinder, mit reichlichem Gelde und Briefen an seine Gastfreunde versehen, zu entlassen. Sie aber verschmhte alles: Geh, vermhle dich, sprach sie; du wirst eine Hochzeit feiern, die dich schmerzen wird! Als sie ihren Gemahl verlassen hatte, reuten sie die letzten Worte wieder, nicht, weil sie anderen Sinnes geworden war, sondern weil sie frchtete, er mchte ihre Schritte beobachten und sie an der Ausbung ihres Frevels verhindern. Sie lie daher um eine zweite Unterredung mit ihm bitten und sprach zu ihm mit vernderter Miene: Iason, verzeih mir, was ich gesprochen; der blinde Zorn hat mich verfhrt, ich sehe jetzt ein, da alles, was du getan hast, zu unserm eigenen Besten gereichen soll. Arm und verbannt sind wir hierhergekommen; du willst durch deine neue Heirat fr dich, fr deine Kinder, zuletzt auch fr mich selbst sorgen. Wenn sie eine Weile ferne gewesen sind, wirst du deine Shne zurckberufen, wirst sie teilnehmen lassen an dem Glcke der Geschwister, die sie erhalten sollen. Kommt herbei, kommt herbei, Kinder, umarmet euren Vater, vershnet euch mit ihm, wie ich mich mit ihm vershnet habe! Iason glaubte an diese Sinnesnderung und war hocherfreut darber, er versprach ihr und den Kindern das Beste; und Medea fing an, ihn noch sicherer zu machen. Sie bat ihn, die Kinder bei sich zu behalten und sie allein ziehen zu lassen. Damit die neue Gattin und ihr Vater dieses dulde, lie sie aus ihrer Vorratskammer kstliche goldene Gewnder holen und reichte sie dem Iason als Brautgeschenk fr die Knigstochter. Nach einigem Bedenken lie dieser sich berreden, und ein Diener ward abgesandt, die Gaben der Braut zu bringen. Aber diese kstlichen Kleider waren mit Zauberkraft getrnkte giftige Gewande, und als Medea heuchlerischen Abschied von ihrem Gatten genommen hatte, harrte sie von Stunde zu Stunde des Boten, der ihr die Nachricht vom Empfang ihrer Geschenke bringen sollte. Dieser kam endlich und rief ihr entgegen: Steig in dein Schiff, Medea, fliehe! fliehe! Deine Feindin und ihr Vater sind tot. Als deine Shne mit ihrem Vater das Haus der Braut betraten, freuten wir Diener uns alle, da die Zwietracht verschwunden und die Vershnung vollkommen sei. Die junge Knigin empfing deinen Gatten mit heiterem Blick; als sie aber die Kinder sah, bedeckte sie ihre Augen, wandte das Antlitz ab und verabscheute ihre Gegenwart. Doch Iason besnftigte ihren Zorn, sprach ein gutes Wort fr dich und breitete die Geschenke vor ihr aus. Als sie die herrlichen Gewande sah, wurde ihr Herz von der Pracht gereizt, es wandte sich, und sie versprach ihrem Brutigam, in alles zu willigen. Als dein Gemahl mit den Shnen sie verlassen hatte, griff sie mit Begierde nach dem Schmuck, legte den Goldmantel um, setzte den goldenen Kranz sich ins Haar und betrachtete sich vergngt in einem hellen Spiegel. Dann durchwandelte sie die Gemcher und freute sich wie ein kindisches Mdchen ihrer Herrlichkeit. Bald aber wechselte das Schauspiel. Mit verwandelter Farbe, an allen Gliedern zitternd, wankte sie rckwrts, und bevor sie ihren Sitz erreicht hatte, strzte sie auf den Boden nieder, erbleichte, begann die Augensterne zu verdrehen, und Schaum trat ihr ber den Mund. Wehklagen ertnte in dem Palaste, die einen Diener eilten zu ihrem Vater, die andern zu ihrem knftigen Gatten. Inzwischen flammte der verzauberte Kranz auf ihrem Haupte in Feuer auf; Gift und Flamme zehrten an ihr um die Wette; und als ihr Vater jammernd herbeigestrzt kam, fand er nur noch den entstellten Leichnam der Tochter. Er warf sich in Verzweiflung auf sie; von dem Gifte des mrderischen Gewandes ergriffen, hat auch er sein Leben geendet. Von Iason wei ich nichts.

Die Erzhlung dieser Greuel, statt die Wut Medeas zu dmpfen, entflammte sie vielmehr; und ganz zur Furie der Rachsucht geworden, rannte sie fort, ihrem Gatten und sich selbst den tdlichsten Schlag zu versetzen. Sie eilte nach der Kammer, wo ihre Shne schliefen; denn die Nacht war herbeigekommen. Waffne dich, mein Herz, sprach sie unterwegs zu sich selber, was zgerst du, das Grliche und Notwendige zu vollbringen? Vergi, Unglckliche, da es deine Kinder sind, da du sie geboren hast. Nur diese eine Stunde vergi es! Nachher beweine sie dein ganzes Leben lang. Du tust ihnen selbst einen Dienst. Ttest du sie nicht, so sterben sie von einer feindseligen Hand.

Als Iason in sein Haus geflogen kam, die Mrderin seiner jungen Braut aufzusuchen und sie seiner Rache zu opfern, scholl ihm das Jammergeschrei seiner Kinder entgegen, die unter dem Mordstahl bluteten; er trat in die aufgestoene Kammer und fand seine Shne wie Schuldopfer hingewrgt; Medea aber war nicht zu erblicken. Als er in Verzweiflung sein Haus verlie, hrte er in der Luft ein Gerusch ber seinem Haupte. Emporschauend ward er hier die frchterliche Mrderin gewahr, wie sie auf einem mit Drachen bespannten Wagen, den ihre Kunst herbeigezaubert hatte, durch die Lfte davonfuhr und den Schauplatz ihrer Rache verlie. Iason hatte die Hoffnung verloren, sie fr ihren Frevel zu strafen; die Verzweiflung kam ber ihn, der Mord des Absyrtos wachte wieder auf in seiner Seele; er strzte sich in sein Schwert und fiel auf der Schwelle seines Hauses.


Meleager und die Eberjagd

neus, der Knig von Kalydon, brachte die Erstlinge eines mit besonderer Flle gesegneten Jahres den Gttern dar; der Demeter Feldfrchte, dem Bakchos Wein, l der Athene und so jeder Gottheit die ihr willkommene Frucht, nur Artemis wurde von ihm vergessen, und ihr Altar blieb ohne Weihrauch. Dies erzrnte die Gttin, und sie beschlo, Rache an ihrem Verchter zu nehmen. Ein verheerender Eber wurde von ihr auf die Fluren des Kniges losgelassen. Glut sprhten seine roten Augen, sein Nacken starrte; aus dem schumenden Rachen scho es ihm wie ein Blitzstrahl, und seine Hauer waren gleich riesigen Elefantenzhnen. So stampfte er durch Saaten und Kornfelder hin; Tenne und Scheuer warteten vergeblich auf die versprochene Ernte; die Trauben fra er mitsamt den Ranken, die Olivenbeeren mitsamt den Zweigen ab; Schfer und Schferhunde vermochten ihre Herden, die trotzigsten Stiere ihre Rinder nicht gegen das Ungeheuer zu verteidigen. Endlich erhub sich der Sohn des Kniges, der herrliche Held Meleager, und versammelte Jger und Hunde, den grausamen Eber zu erlegen. Die berhmtesten Helden aus ganz Griechenland kamen, zu der groen Jagd eingeladen, unter ihnen auch die heldenmtige Jungfrau Atalante aus Arkadien, die Tochter des Iason. In einem Walde ausgesetzt, von einer Brin gesugt, von Jgern gefunden und erzogen, brachte die schne Mnnerfeindin ihr Leben im Walde zu und lebte von der Jagd. Alle Mnner wehrte sie von sich ab, und zwei Zentauren, die ihr in dieser Einsamkeit nachstellten, hatte sie mit ihren Pfeilen erlegt. Jetzt lockte sie die Liebe zur Jagd hervor in die Gemeinschaft der Helden. Sie kam, ihr einfaches Haar in einen Knoten gebunden, ber den Schultern hing ihr der elfenbeinerne Kcher, die Linke hielt den Bogen; ihr Antlitz wre an Knaben ein Jungferngesicht, an Jungfrauen ein Knabengesicht gewesen. Als Meleager sie in ihrer Schnheit erblickte, sprach er bei sich selbst: Glcklich der Mann, den diese wrdiget, ihr Gatte zu sein! Mehr zu denken erlaubte ihm die Zeit nicht, denn die gefhrliche Jagd durfte nicht lnger aufgeschoben werden.

Die Schar der Jger ging einem Gehlze mit uralten Stmmen zu, das, in der Ebene anfangend, sich einen Bergesabhang hinanzog. Als die Mnner hier angekommen waren, stellten die einen Netze, die andern lieen die Hunde von der Fessel los, wieder andere folgten schon der Fhrte. Bald gelangte man in ein abschssiges Tal, das die geschwollenen Waldbche ausgehhlt; Binsen, Sumpfgras, Weidengebsch und Schilfrohr wucherten unten im Abgrunde. Hier hatte das Schwein im Versteck gelegen, und von den Hunden aufgejagt, durchbrach es das Gehlz wie ein Blitzstrahl die Wetterwolke und strzte sich wtend mitten unter die Feinde. Jnglinge schrien laut auf und hielten ihm die eisernen Spitzen ihrer Speere vor; aber der Eber wich aus und durchbrach eine Koppel von Hunden. Gescho um Gescho flog ihm nach, aber die Wunden streiften ihn nur und vermehrten seinen Grimm. Mit funkelndem Auge und dampfender Brust kehrte er um, flog wie ein vom Wurfgeschosse geschleuderter Felsblock auf die rechte Flanke der Jger und ri ihrer drei, tdlich verwundet, zu Boden. Ein vierter, es war Nestor, der nochmals so berhmte Held, rettete sich auf die ste eines Eichbaumes, an dessen Stamm der Eber grimmig seine Hauer wetzte. Hier htten ihn die Zwillingsbrder Kastor und Pollux, die hoch auf schneeweien Rossen saen, mit ihren Speeren erreicht, wenn das borstige Tier sich nicht ins unzugngliche Dickicht geflchtet htte. Jetzt legte Atalante einen Pfeil auf ihren Bogen und sandte ihn dem Tier in das Gebsch nach. Das Rohr traf den Eber unter dem Ohr, und zum erstenmal rtete Blut seine Borsten. Meleager sah die Wunde zuerst und zeigte sie jubelnd seinen Gefhrten: Frwahr, o Jungfrau, rief er, der Preis der Tapferkeit gebhret dir! Da schmten sich die Mnner, da ein Weib ihnen den Sieg streitig machen sollte, und alle zumal warfen ihre Speere; aber gerade dieser Schwarm von Geschossen verhinderte die Wrfe, das Tier zu treffen. Mit stolzen Worten erhob jetzt der Arkadier Ankaios die doppelte Streitaxt mit seinen beiden Hnden und stellte sich, zum Hieb ausholend, auf die Zehen. Aber der Eber stie ihm die beiden Hauer in die Weichen, ehe er den Streich vollfhren konnte, und er strzte, von Blut gebadet, mit entbltem Gedrmen auf den Boden. Dann warf Iason [Funote] seinen Speer; allein diesen lenkte der Zufall in den Leib des Keladon. Endlich scho Meleager zwei Speere hintereinander ab. Der erste fuhr in den Boden, der zweite dem Eber mitten in den Rcken. Das Tier fing an zu toben und sich im Kreise zu drehen. Schaum und Blut quoll aus seinem Munde, Meleager versetzte ihm mit dem Jagdspie eine neue Wunde in den Hals, und nun fuhren ihm von allen Seiten die Spiee in den Leib. Der Eber, weit auf der Erde ausgestreckt, wlzte sich sterbend in seinem Blute. Meleager stemmte seinen Fu auf den Kopf des Getteten, streifte mit Hilfe seines Schwertes die borstige Hlle seines Rckens vom Leibe des Tieres nieder und reichte sie mitsamt dem abgehauenen Haupte, aus dem die mchtigen Hauer hervorschimmerten, der tapferen Arkadierin Atalante. Nimm die Beute hin, sprach er, die von Rechts wegen mir gehrte; ein Teil des Ruhmes soll auch auf dich kommen! Diese Ehre mignnten die Jger dem Weibe, und rings in der Schar erhob sich ein Gemurmel. Mit geballten Fusten und lauter Stimme traten vor Atalante die Shne des Thestios hin, Meleagers Muttersbrder. Auf der Stelle, riefen sie, lege die Beute nieder, Weib, und erschleiche nicht, was uns zugehrt; deine Schnheit drfte dir sonst wenig helfen, und dein verliebter Gabenspender auch nicht! Mit diesen Worten nahmen sie ihr das Geschenk weg und sprachen dem Helden das Recht ab, darber zu verfgen. Dies ertrug Meleager nicht. Vor Jhzorn knirschend, schrie er: Ihr Ruber fremden Verdienstes! Lernet von mir, wieweit Drohungen von Taten verschieden sind! Und damit stie er dem einen, und eh der sich besinnen konnte, auch dem andern Oheim den Stahl in die Brust.

Althaia, die Mutter Meleagers, war auf dem Wege nach dem Gttertempel, um Dankopfer fr den Sieg ihres Sohnes darzubringen, als sie die Leichen ihrer Brder herbeibringen sah. Sie zerschlug sich wehklagend die Brust, eilte in ihren Palast zurck, legte statt der goldenen Freudengewnder schwarze Kleidung an und erfllte die Stadt mit Jammergeschrei. Aber als sie erfuhr, da der Urheber des Mordes ihr eigener Sohn Meleager sei, da versiegten ihre Trnen, ihre Trauer ward in Mordlust verwandelt, und sie schien sich pltzlich auf etwas zu besinnen, das ihrem Gedchtnis lngst entschwunden war. Denn als Meleager nur erst wenige Tage zhlte, da waren die Parzen bei dem Wochenbette seiner Mutter Althaia erschienen. Aus deinem Sohne wird ein tapferer Held, verkndigte ihr die erste; dein Sohn wird ein gromtiger Mann sein, sprach die zweite; dein Sohn wird so lange leben, schlo die dritte, als der eben jetzt auf dem Herde glhende Brand vom Feuer nicht verzehrt wird. Kaum hatten sich die Parzen entfernt, so nahm die Mutter das hell auflodernde Brandscheit aus dem Feuer, lschte es in Wasserflut, und liebevoll fr das Leben ihres Sohnes besorgt, verwahrte sie es im geheimsten ihrer Gemcher. Entflammt von Rache, dachte sie jetzt wieder an dieses Holz und eilte in die Kammer, wo es in einem heimlichen Verschlusse sorgsam aufbewahrt lag. Sie hie Kienholz auf Reisig legen und fachte einen lodernden Brand an. Dann ergriff sie das hervorgesuchte Holzscheit. Aber in ihrem Herzen bekmpfte sich Mutter und Schwester, blasse Angst und glhender Zorn wechselten auf ihrem Angesichte; viermal wollte sie den Ast auf die Flammen legen, viermal zog sie die Hand zurck. Endlich siegte die Schwesterliebe ber das Muttergefhl. Wendet eure Blicke hierher, sprach sie, ihr Strafgttinnen, zu diesem Furienopfer! Und ihr, krzlich geschiedene Geister meiner Brder, fhlet, was ich fr euch tue, sieget und nehmet als teuer erkauftes Totengeschenk die unselige Frucht meines eigenen Leibes an! Mir selbst bricht das Herz von Mutterliebe, und bald werde ich dem Troste, den ich euch sende, selbst nachfolgen. So sprach sie, und mit abgewendetem Blick und zitternder Hand legte sie das Holz mitten in die Flammen hinein.

Meleager, der inzwischen auch in die Stadt zurckgekehrt war und ber seinem Siege, seiner Liebe und seiner Mordtat in wechselnden Empfindungen brtete, fhlte pltzlich, ohne zu wissen, woher, seinen innersten Leib von einer heimlichen Fieberglut ergriffen, und verzehrende Schmerzen warfen ihn auf das Lager. Er besiegte sie mit Heldenkraft; aber es jammerte ihn tief, eines unrhmlichen und unblutigen Todes sterben zu mssen. Er beneidete die Genossen, die unter den Streichen des Ebers gefallen waren; er rief den Bruder, die Schwestern, den greisen Vater und mit sthnendem Munde auch die Mutter herbei, die noch immer am Feuer stand und mit starren Augen dem sich verzehrenden Brande zusah. Der Schmerz ihres Sohnes wuchs mit dem Feuer, aber als allmhlich die Kohle sich in der bleichenden Asche verbarg, erlosch auch seine Qual, und er verhauchte seinen Geist mit dem letzten Funken in die Luft. ber seiner Leiche wehklagten Vater und Schwestern, und ganz Kalydon trauerte; nur die Mutter war ferne. Den Strick um den Hals gewunden, fand man ihre Leiche vor dem Hause niedergestreckt, auf welchem die verglommene Asche des Feuerbrandes ruhte.


Tantalos

Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien und war auerordentlich reich und berhmt. Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Gtter geehrt haben, so war es dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten Freundschaft erhoben; zuletzt durfte er an der Tafel des Zeus speisen und alles mit anhren, was die Unsterblichen unter sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist vermochte das berirdische Glck nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig gegen die Gtter zu freveln. Er verriet den Sterblichen die Geheimnisse der Himmlischen; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und verteilte den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den kstlichen goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel des Zeus zu Kreta gestohlen hatte; und als dieser ihn zurckforderte, leugnete er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich lud er im bermute die Gtter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit auf die Probe zu setzen, lie er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops schlachten und zurichten. Nur Demeter verzehrte von dem grlichen Gericht ein Schulterblatt, die brigen Gtter aber merkten den Greuel, warfen die zerstckelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die Parze Klotho zog ihn mit erneuter Schnheit hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne eingesetzt.

Jetzt hatte Tantalos das Ma seiner Frevel erfllt und wurde von den Gttern in die Hlle gestoen. Hier wurde er von qulenden Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche, und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals erreichen. Sooft er sich bckte und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte, entschwand vor ihm die Flut versiegend; der dunkle Boden erschien zu seinen Fen; ein Dmon schien den See ausgetrocknet zu haben. So litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hinter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Fruchtbume empor und wlbten ihre ste ber seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete, so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige pfel, glhende Granaten, liebliche Feigen und grne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauflangte, sie mit seiner Hand zu fassen, so ri ein Sturmwind, der pltzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Hllenpein gesellte sich bestndige Todesangst; denn ein groes Felsenstck hing ber seinem Haupte in der Luft und drohte unaufhrlich, auf ihn herabzustrzen.

So ward dem Verchter der Gtter, dem ruchlosen Tantalos, dreifache Qual, niemals endend, in der Unterwelt beschieden.



Pelops

So schwer der Vater an den Gttern sich versndigt hatte, so fromm ehrte sie sein Sohn Pelops. Er war nach der Verbannung seines Vaters in die Unterwelt in einem Kriege mit dem benachbarten Knige Trojas aus seinem phrygischen Reiche vertrieben worden und wanderte nach Griechenland aus. Eben erst bekleidete sich das Kinn des Jnglings mit dunklem Flaum, aber schon hatte er sich im Herzen eine Gattin ausersehen. Es war dies die schne Tochter des Kniges nomaos von Elis, mit Namen Hippodameia. Sie war ein Kampfpreis, der nicht leicht zu erringen war. Das Orakel hatte nmlich ihrem Vater vorhergesagt, er werde sterben, wenn seine Tochter einen Gatten erhielte. Deswegen wandte der erschrockene Knig alles an, um jeden Freier von ihr zu entfernen. Er lie eine Verkndigung in alle Lande hinausgehen, da derjenige seine Tochter zur Gemahlin erhalten sollte, der ihn selbst im Wagenrennen berwinden wrde. Wen aber er, der Knig, besiegte, der solle sein Leben lassen. Der Wettlauf geschah von Pisa aus nach dem Altare des Poseidon auf der Meerenge bei Korinth, und die Zeit zur Abfahrt der Wagen bestimmte der Vater also: er selbst wollte erst gemchlich dem Zeus einen Widder opfern, whrend der Freier mit dem vierspnnigen Wagen vorausfhre; erst wenn er das Opfer beendigt htte, sollte nomaos den Lauf beginnen und auf seinem von dem Wagenlenker Myrtilos geleiteten Wagen, mit einem Spie in der Hand, den Freier verfolgen. Gelnge es ihm, den vorauseilenden Wagen einzuholen, so sollte er das Recht haben, den Freier mit seinem Spiee zu durchbohren. Als die vielen Freier, welche Hippodameia wegen ihrer Schnheit zhlte, dieses vernahmen, waren sie alle getrosten Mutes. Sie hielten den Knig nomaos fr einen altersschwachen Greis, der, im Bewutsein, mit Jnglingen doch nicht in die Wette rennen zu knnen, ihnen absichtlich einen so groen Vorsprung bewilligte, um seine wahrscheinliche Niederlage aus dieser Gromut erklren zu knnen. Daher kam einer um den andern nach Elis gezogen, stellte sich dem Knige vor und begehrte seine Tochter zum Weibe. Dieser empfing sie jedesmal freundlich, berlie ihnen ein schnes Viergespann zur Fahrt und ging hin, dem Zeus seinen Widder zu opfern, wobei er sich gar nicht beeilte. Dann erst bestieg er einen leichten Wagen, vor welchen seine beiden Rosse Phylla und Harpinna gespannt waren, die geschwinder liefen als der Nordwind. Mit ihnen holte sein Wagenlenker die Freier jedesmal noch lange vor Ende der Bahn ein, und unversehens durchbohrte sie der Speer des grausamen Knigs. Auf diese Art hatte er schon mehr als zwlf Freier erlegt, denn immer holte er sie mit seinen schnellen Pferden ein.

Nun war Pelops auf seiner Fahrt nach der Geliebten an der Halbinsel, die spter seinen Namen fhren sollte, gelandet. Bald hrte er, was sich zu Elis mit den Freiern zutrage. Da trat er nchtlicherweise ans Meeresufer und rief seinen Schutzgott, den mchtigen Dreizackschwinger Poseidon, an, der ihm zu Fen aus der Meeresflut emporrauschte. Mchtiger Gott, rief Pelops ihn an, wenn dir selbst die Geschenke der Liebesgttin willkommen sind, so lenke den ehernen Speer des nomaos von mir ab, entsende mich auf dem schnellsten Wagen gen Elis und fhre mich zum Siege. Denn schon hat er dreizehn liebende Mnner ins Verderben gestrzt, und noch schiebt er die Hochzeit der Tochter auf. Eine groe Gefahr duldet keinen unkriegerischen Mann. Ich bin entschlossen, sie zu bestehen. Wer doch einmal sterben mu, was soll er ein namenloses Alter in Finsternis dasitzend erwarten, alles Edlen unteilhaftig? Darum will ich den Kampf bestehen: du gib mir erwnschten Erfolg!

So betete Pelops, und sein Flehen war nicht vergebens. Denn abermals rauschte es in den Wassern, und ein schimmernder goldner Wagen mit vier pfeilschnellen Flgelrossen stieg aus den Wellen empor. Auf ihn schwang sich Pelops und flog, die Gtterpferde nach Gefallen lenkend, mit dem Wind in die Wette nach Elis. Als nomaos ihn kommen sah, erschrak er; denn auf den ersten Blick erkannte er das gttliche Gespann des Meergottes. Doch verweigerte er dem Fremdlinge den Wettkampf nach den gewohnten Bedingungen nicht; auch verlie er sich auf die Wunderkraft seiner eigenen Rosse, die es dem Winde zuvortaten. Nachdem die Pferde des Pelops von der Reise durch die Halbinsel gerastet, betrat er mit ihnen die Laufbahn. Schon war er dem Ziele ganz nahe, als der Knig, der das Widderopfer wie gewhnlich verrichtet hatte, mit seinen luftigen Rossen pltzlich ihm auf den Nacken kam und schon den Speer schwang, dem khnen Freier den tdlichen Sto zu versetzen. Da fgte es Poseidon, der den Pelops beschirmte, da mitten im Laufe die Rder des kniglichen Wagens aus den Fugen gingen und dieser zusammenbrach. nomaos strzte zu Boden und gab vom Falle den Geist auf. In demselben Augenblicke hielt Pelops mit seinem Viergespann am Ziele. Als er hinter sich blickte, sah er den Palast des Knigs in Flammen stehen; ein Blitzstrahl hatte ihn angezndet und zerstrte ihn von Grund aus, da nichts als eine Sule davon stehenblieb. Pelops aber eilte mit seinem Flgelgespann dem brennenden Hause zu und holte sich die Braut aus den Flammen.



Niobe

Niobe, die Knigin von Theben, war auf vieles stolz. Amphion, ihr Gemahl, hatte von den Musen die herrliche Leier erhalten, nach deren Spiel sich die Steine der thebischen Knigsburg von selbst zusammengesetzt hatten; ihr Vater war Tantalos, der Gast der Gtter; sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst voll Hoheit des Geistes und von majesttischer Schnheit; nichts aber von allem diesem schmeichelte ihr so sehr als die stattliche Zahl ihrer vierzehn blhenden Kinder, die zur einen Hlfte Shne und zur andern Tchter waren. Auch hie Niobe unter allen Mttern die glcklichste, und sie wre es gewesen, wenn sie nur sich selbst nicht dafr gehalten htte; so aber wurde das Bewutsein ihres Glckes ihr Verderben.

Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahrsagers Tiresias, von gttlicher Regung angetrieben, mitten in den Straen die Frauen Thebens zur Verehrung Latonas und ihrer Zwillingskinder, Apollos und der Artemis, auf, hie sie die Haare mit Lorbeeren bekrnzen und frommes Gebet unter Weihrauchopfer darbringen. Als nun die Thebanerinnen zusammenstrmten, kam auf einmal Niobe im Schwarm eines kniglichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten Gewande angetan, prunkend einhergerauscht. Sie strahlte von Schnheit, soweit es der Zorn zulie, ihr schmuckes Haupt bewegte sich zugleich mit dem ber beide Schultern herabwallenden Haar. So stand sie in der Mitte der unter freiem Himmel mit dem Opfer beschftigten Frauen, lie die Augen voll Hoheit auf dem Kreise der Versammelten ruhen und rief. Seid ihr nicht wahnsinnig, Gtter zu ehren, von denen man euch fabelt, whrend vom Himmel begnstigtere Wesen mitten unter euch weilen? Wenn ihr der Latona Altre errichtet, warum bleibt mein gttlicher Name ohne Weihrauch? Ist doch mein Vater Tantalos der einzige Sterbliche, der am Tische der Himmlischen gesessen hat, meine Mutter Dione, die Schwester der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn am Himmel glnzen; mein einer Ahn Atlas, der Gewaltige, der das Gewlbe des Himmels auf dem Nacken trgt; mein Vatersvater Zeus, der Vater der Gtter; selbst Phrygiens Vlker gehorchen mir, mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmos, sind die Mauern untertan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefgt haben; jeder Teil meines Palastes zeigt mir unermeliche Schtze; dazu kommt ein Antlitz, wie es einer Gttin wert ist, dazu eine Kinderschar, wie keine Mutter sie aufweisen kann: sieben blhende Tchter, sieben starke Shne, bald ebenso viele Eidame und Schwiegertchter. Fraget nun, ob ich auch Grund habe, stolz zu sein! Waget es noch ferner, mir Latona, die unbekannte Titanentochter, vorzuziehen, welcher einst die breite Erde keinen Raum gegnnt hat, wo sie dem Zeus gebren konnte, bis die schwimmende Insel Delos der Umherschweifenden aus Mitleid ihren unbefestigten Sitz darbot. Dort wurde sie Mutter zweier Kinder, die Armselige. Das ist der siebente Teil meiner Mutterfreude! Wer leugnet, da ich glcklich bin, wer zweifelt, da ich glcklich bleibe? Die Schicksalsgttin htte viel zu tun, wenn sie grndlich meinem Besitze schaden wollte! Nhme sie mir dies oder jenes, selbst von der Schar meiner Gebornen, wann wird je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Latonens heruntersinken? Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem Lorbeer! Zerstreuet euch in eure Huser und lat euch nicht wieder ber so trichtem Beginnen treffen!

Erschrocken nahmen die Frauen die Krnze vom Haupte, lieen die Opfer unvollendet und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten die gekrnkte Gottheit verehrend.

Auf dem Gipfel des delischen Berges Kynthos stand mit ihren Zwillingen Latona und schaute mit ihrem Gtterauge, was in dem fernen Theben vorging. Seht, Kinder, ich, eure Mutter, die auf eure Geburt so stolz ist, die keiner Gttin auer Hera weicht, werde von einer frechen Sterblichen geschmht; ich werde von den alten heiligen Altren hinweggestoen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine Kinder! Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem Kinderhaufen von ihr nachgesetzt! Latona wollte zu ihrer Erzhlung noch Bitten hinzufgen, aber Phbos unterbrach sie und sprach: La die Klage, Mutter, sie hlt die Strafe nur auf! Ihm stimmte seine Schwester bei; beide hllten sich in eine Wolkendecke, und mit einem raschen Schwung durch die Lfte hatten sie die Stadt und Burg des Kadmos erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein gerumiges Blachfeld aus, das nicht fr die Saat bestimmt, sondern den Wettlufen und bungen zu Ro und Wagen gewidmet war. Da belustigten sich eben die sieben Shne Amphions: die einen bestiegen mutige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspieles. Der lteste, Ismenos, trieb eben sein Tier im Viertelstrabe sicher im Kreise um, das schumende Maul ihm bndigend, als er pltzlich: Wehe mir! ausrief, den Zaum aus den erschlaffenden Hnden fahren lie und, einen Pfeil mitten ins Herz geheftet, langsam rechts am Buge des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylos, der ihm zunchst sich tummelte, hatte das Gerassel des Kchers in den Lften gehrt und floh mit verhngtem Zgel, wie ein Steuermann vor dem Wetter jedes Lftchen in den Segeln auffngt, um in den Hafen einzulaufen. Dennoch holte ihn ein durch die Luft schwirrender Pfeil ein, zitternd haftete ihm der Schaft hoch im Genick, und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. ber die Mhne des galoppierenden Pferdes herab glitt der tdlich Getroffene zu Boden und besprengte die Erde mit seinem rauchenden Blut. Zwei andere, der eine hie wie sein Grovater, Tantalos, der andere Phaidimos, lagen miteinander ringend, in fester Umschlingung Brust an Brust verschrnkt. Da tnte der Bogen aufs neue, und wie sie vereinigt waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich auf, krmmten die schmerzdurchzuckten Glieder auf dem Boden, verdrehten die erlschenden Augen und hauchten mit einem Atem die Seelen im Staub aus. Ein fnfter Sohn, Alphenor, sah diese fallen; die Brust sich schlagend, flog er herbei und wollte die erklteten Glieder der Brder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber unter diesem frommen Geschfte sank er auch dahin, denn Phbos Apollo sandte ihm das tdliche Eisen tief in die Herzkammer hinein, und als er es wieder herauszog, drngte sich mit dem Atem das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon, den sechsten, einen zarten Jngling mit langen Locken, traf ein Pfeil in das Kniegelenk; und whrend er sich rckwrts bog, das unerwartete Gescho mit der Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer Pfeil bis ans Gefieder durch den offenen Mund hinab in den Hals, und ein Blutstrahl scho wie ein Springbrunnen hoch aus dem Schlunde empor. Der letzte und jngste Sohn, der Knabe Ilioneus, der dies alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Knie nieder, breitete die Arme aus und fing an zu flehen: O all ihr Gtter miteinander, verschont mich! Der furchtbare Bogenschtze selbst wurde gerhrt, aber der Pfeil war nicht mehr zurckzurufen. Der Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten Wunde, die kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war.

Der Ruf des Unglckes verbreitete sich bald in die Stadt. Amphion, der Vater, als er die Schreckenskunde hrte, durchbohrte sich die Brust mit dem Stahl. Der laute Jammer seiner Diener und alles Volks drang bald auch in die Frauengemcher. Niobe vermochte lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben, da die Himmlischen so viel Vorrechte htten, da sie es wagten, da sie es vermochten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie unhnlich war die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk von den ltren der mchtigen Gttin zurckscheuchte und mit hohem Nacken durch die Stadt einherschritt! Jene erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswert, diese des Mitleids wrdig selbst dem Feinde! Sie kam herausgestrzt auf das Feld, sie warf sich auf die erklteten Leichname, sie verteilte ihre letzten Ksse an die Shne, bald an diesen, bald an jenen. Dann hub sie die zerschlagenen Arme gen Himmel und rief. Weide dich nun an meinem Jammer, sttige dein grimmiges Herz, du grausame Latona, der Tod dieser sieben wirft mich in die Grube; triumphiere, siegende Feindin!

Jetzt waren auch ihre sieben Tchter, schon in Trauergewande gekleidet, herbeigekommen und standen mit fliegenden Haaren um die gefallenen Brder her. Ein Strahl der Schadenfreude zuckte bei ihrem Anblick um Niobes blasses Gesicht. Sie verga sich, warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: Siegerin! nein, auch in meinem Unglcke bleibt mir mehr als dir in deinem Glck. Auch nach so vielen Leichen bin ich noch berwinderin! Kaum hatte sie's gesprochen, als man eine Sehne ertnen hrte, wie von einem straff angezogenen Bogen. Alles erschrak, nur Niobe bebte nicht; das Unglck hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr pltzlich eine der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus, der ihr im Innersten haftete. Ohnmchtig zu Boden gesunken, senkte sie ihr sterbendes Antlitz ber den nchstgelegenen Bruder. Eine andere Schwester eilt auf die unglckselige Mutter zu, sie zu trsten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt, verstummte sie pltzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, andere fallen, ber die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch brig, die sich in den Scho der Mutter geflchtet und an diese, von ihrem faltigen Gewande zugedeckt, sich kindisch anschmiegte. Nur die einzige lat mir, schrie Niobe wehklagend zum Himmel, nur die jngste von so vielen! Aber whrend sie noch flehte, strzte schon das Kind aus ihrem Schoe nieder, und einsam sa Niobe zwischen ihres Gatten, ihrer Shne und ihrer Tchter Leichen. Da erstarrte sie vor Gram; kein Lftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus dem Gesichte wich das Blut; die Augen standen unbewegt in den traurigen Wangen; im ganzen Bilde war kein Leben mehr; die Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte, der Arm regte, der Fu bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes war zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr als die Trnen; diese rannen unaufhrlich aus den steinernen Augen hervor. Jetzt fate den Stein eine gewaltige Windsbraut, fhrte ihn fort durch die Lfte und ber das Meer und setzte ihn erst in der alten Heimat Niobes, in Lydien, im den Gebirge, unter den Steinklippen des Sipylos nieder. Hier haftete Niobe als ein Marmorfelsen am Gipfel des Berges, und noch jetzt zerfliet der Marmor in Trnen.



Salmoneus

Salmoneus, der Herrscher in Elis, war ein reicher, ungerechter und in seinem Herzen bermtiger Frst. Er hatte eine herrliche Stadt, Salmonia genannt, gegrndet und ging in seinem Stolze so weit, da er von seinen Untertanen gttliche Ehren und Opfer forderte und fr Zeus gehalten sein wollte. Als Zeus durchzog er auch sein Land und die griechischen Vlkerschaften auf einem Wagen, der dem Wagen des Donnerers gleichen sollte. Er ahmte dabei des Gottes Blitz durch emporgeworfene Fackeln, seinen Donner durch den Hufschlag wilder Rosse nach, die er ber eherne Brcken trieb. Menschen lie er niedermachen und gab vor, der Blitz habe sie gettet. Zeus sah vom Olymp herab das trichte Beginnen. Aus dichten Wolken griff er einen echten Blitz heraus und schleuderte ihn wirbelnd auf den im wahnsinnigen bermute dahinfahrenden Sterblichen herunter. Der Donnerstrahl zerschmetterte den Knig und vertilgte die von ihm erbaute Stadt samt allen ihren Bewohnern.


 Aus der Heraklessage
Herakles der Neugeborne

Herakles war ein Sohn des Zeus und der Alkmene, Alkmene eine Enkelin des Perseus; der Stiefvater des Herakles hie Amphitryon, auch er war ein Enkel des Perseus und Knig von Tiryns, hatte jedoch diese Stadt verlassen, um in Theben zu wohnen. Hera, die Gemahlin des Zeus, hate ihre Nebenbuhlerin Alkmene und gnnte ihr den Sohn nicht, von dessen Zukunft Zeus den Gttern selbst Groes verkndet hatte. Als daher Alkmene den Herakles geboren, glaubte sie ihn vor der Gttermutter in dem Palaste nicht sicher und setzte ihn an einem Platze aus, der noch in spten Zeiten das Heraklesfeld hie. Hier wre das Kind ohne Zweifel verschmachtet, wenn nicht ein wunderbarer Zufall seine Feindin Hera selbst, von Athene begleitet, des Weges gefhrt htte. Athene betrachtete die schne Gestalt des Kindes mit Verwunderung, erbarmte sich sein und bewog die Begleiterin, dem Kleinen ihre gttliche Brust zu reichen. Aber der Knabe sog viel krftiger an der Brust, als sein Alter erwarten lie; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig zu Boden. Jetzt hob Athene dasselbe voll Mitleid wieder auf, trug es in die nahe Stadt und brachte es der Knigin Alkmene als ein armes Findelkind, das sie aus Barmherzigkeit aufzuziehen bat. So war die leibliche Mutter, aus Angst vor der Stiefmutter, bereit gewesen, die Pflicht der natrlichen Liebe verleugnend, ihr Kind umkommen zu lassen; und die Stiefmutter, die von natrlichem Hasse gegen dasselbe erfllt ist, mu, ohne es zu wissen, ihren Feind vom Tode erretten. Ja noch mehr: Herakles hatte nur ein paar Zge an Heras Brust getan, aber die wenigen Tropfen Gttermilch waren gengend, ihm Unsterblichkeit einzuflen.

Alkmene hatte indessen ihr Kind auf den ersten Blick erkannt und es freudig in die Wiege gelegt. Aber auch der Gttin blieb nicht verborgen, wer an ihrer Brust gelegen und wie leichtsinnig sie den Augenblick der Rache vorbergelassen habe. Sogleich schickte sie zwei entsetzliche Schlangen aus, die, das Kind zu tten bestimmt, durch die offenen Pforten in Alkmenes Schlafgemach geschlichen kamen und, ehe die Dienerinnen des Gemaches und die schlummernde Mutter selbst es innewurden, sich an der Wiege emporringelten und den Hals des Knaben zu umstricken anfingen. Der Knabe erwachte mit einem Schrei und richtete seinen Kopf auf. Das ungewohnte Halsband war ihm unbequem. Da gab er die erste Probe seiner Gtterkraft: er ergriff mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erstickte die beiden mit einem einzigen Druck. Die Wrterinnen hatten die Schlangen jetzt wohl bemerkt; aber unbezwingbare Furcht hielt sie ferne. Alkmene war auf den Schrei ihres Kindes erwacht; mit bloen Fen sprang sie aus dem Bett und strzte Hilfe rufend auf die Schlangen zu, die sie schon von den Hnden ihres Kindes erwrgt fand. Jetzt traten auch die Frsten der Thebaner, durch den Hilferuf aufgeschreckt, bewaffnet in das Schlafgemach; der Knig Amphitryon, der den Stiefsohn als ein Geschenk des Zeus betrachtete und liebhatte, eilte erschrocken herbei, das bloe Schwert in der Hand. Da stand er vor der Wiege, sah und hrte, was geschehen war; Lust, mit Entsetzen gemischt, durchbebte ihn ber die unerhrte Kraft des kaum gebornen Sohnes. Er betrachtete die Tat als ein groes Wunderzeichen und rief den Propheten des groen Zeus, den Wahrsager Tiresias, herbei. Dieser weissagte dem Knige, der Knigin und allen Anwesenden den Lebenslauf des Knaben: wie viele Ungeheuer auf Erden, wie viele Ungetme des Meeres er hinwegrumen, wie er mit den Giganten selbst im Kampfe zusammenstoen und sie besiegen werde und wie ihm am Ende seines mhevollen Erdenlebens das ewige Leben bei den Gttern und Hebe, die ewige Jugend, als himmlische Gemahlin erwarte.


Die Erziehung des Herakles

Als Amphitryon das hohe Geschick des Knaben aus dem Munde des Sehers vernahm, beschlo er, ihm eine wrdige Heldenerziehung zu geben, und Heroen aller Gegenden versammelten sich, den jungen Herakles in allen Wissenschaften zu unterrichten. Sein Vater selbst unterwies ihn in der Kunst; einen Wagen zu regieren; den Bogen spannen und mit Pfeilen zielen lehrte ihn Eurytos, die Knste der Ringer und Faustkmpfer Harpalykos. Kastor, der Zeuszwilling, unterrichtete ihn in der Kunst, schwerbewaffnet und geordnet im Felde zu fechten. Linos aber, der greise Sohn Apollos, lehrte ihn den Gesang und den zierlichen Schlag der Leier. Herakles zeigte sich als gelehrigen Knaben; aber Hrte konnte er nicht ertragen; der alte Linos war ein grmlicher Lehrer. Als er ihn einst mit ungerechten Schlgen zurechtwies, griff der Knabe nach seinem Zitherspiel und warf es dem Hofmeister an den Kopf, da dieser tot zu Boden fiel. Herakles, obgleich voll Reue, wurde dieser Mordtat halber vor Gericht gefordert; aber der berhmte gerechte Richter Rhadamanthys sprach ihn frei und stellte das Gesetz auf, da, wenn ein Totschlag Folge der Selbstverteidigung gewesen, Blutrache nicht stattfinde. Doch frchtete Amphitryon, sein berkrftiger Sohn mchte sich wieder hnliches zuschulden kommen lassen, und schickte ihn deswegen auf das Land zu seinen Ochsenherden. Hier wuchs er auf und tat sich durch Gre und Strke vor allen hervor. Als ein Sohn des Zeus war er furchtbar anzusehen. Er war vier Ellen lang, und Feuerglanz entstrmte seinen Augen. Nie fehlte er im Schieen des Pfeils und im Werfen des Spiees. Als er achtzehn Jahre alt geworden, war er der schnste und strkste Mann Griechenlands, und es sollte sich jetzt entscheiden, ob er diese Kraft zum Guten oder zum Schlimmen anwenden werde.



Herakles am Scheidewege

Herakles selbst begab sich um diese Zeit von Hirten und Herden weg in eine einsame Gegend und berlegte bei sich, welche Lebensbahn er einschlagen sollte. Als er so sinnend dasa, sah er auf einmal zwei Frauen von hoher Gestalt auf sich zukommen. Die eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren Leib schmckte Reinlichkeit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sittsam, fleckenlos wei ihr Gewand. Die andere war wohlgenhrt und von schwellender Flle, das Wei und Rot ihrer Haut durch Schminke ber die natrliche Farbe gehoben, ihre Haltung so, da sie aufrechter schien als von Natur, ihr Auge war weit geffnet und ihr Anzug so gewhlt, da ihre Reize soviel als mglich durchschimmerten. Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann wieder um sich, ob nicht auch andere sie erblickten; und oft schaute sie nach ihrem eigenen Schatten. Als beide nher kamen, ging die erste ruhig ihren Gang fort, die andere aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jngling zu und redete ihn an: Herakles! ich sehe, da du unschlssig bist, welchen Weg durch das Leben du einschlagen sollst. Willst du nun mich zur Freundin whlen, so werde ich dich die angenehmste und gemchlichste Strae fuhren; keine Lust sollst du ungekostet lassen, jede Unannehmlichkeit sollst du vermeiden. Um Kriege und Geschfte hast du dich nicht zu bekmmern, darfst nur darauf bedacht sein, mit den kstlichsten Speisen und Getrnken dich zu laben, deine Augen, Ohren und brigen Sinne durch die angenehmsten Empfindungen zu ergtzen, auf einem weichen Lager zu schlafen und den Genu aller dieser Dinge dir ohne Mhe und Arbeit zu verschaffen. Solltest du jemals um die Mittel dazu verlegen sein, so frchte nicht, da ich dir krperliche oder geistige Anstrengungen aufbrden werde; im Gegenteil, du wirst nur die Frchte fremden Fleies zu genieen und nichts auszuschlagen haben, was dir Gewinn bringen kann. Denn meinen Freunden gebe ich das Recht, alles zu bentzen.

Als Herakles diese lockenden Anerbietungen hrte, sprach er verwundert: O Weib, wie ist denn aber dein Name? Meine Freunde, antwortete sie nennen mich die Glckseligkeit; meine Feinde hingegen, die mich herabsetzen wollen, geben mir den Namen der Liederlichkeit.

Mittlerweile war auch die andere Frau herzugetreten. Auch ich, sagte sie, komme zu dir, lieber Herakles, denn ich kenne deine Eltern, deine Anlagen und deine Erziehung. Dies alles gibt mir die Hoffnung, du wrdest, wenn du meine Bahn einschlagen wolltest, ein Meister in allem Guten und Groen werden. Doch will ich dir keine Gensse vorspiegeln, will dir die Sache darstellen, wie die Gtter sie gewollt haben. Wisse also, da von allem, was gut und wnschenswert ist, die Gtter den Menschen nichts ohne Arbeit und Mhe gewhren. Wnschest du, da die Gtter dir gndig seien, so mut du die Gtter verehren; willst du, da deine Freunde dich lieben, so mut du deinen Freunden ntzlich werden; strebst du, von einem Staate geehrt zu werden, so mut du ihm Dienste leisten; willst du, da ganz Griechenland dich um deiner Tugend willen bewundere, so mut du Griechenlands Wohltter werden; willst du ernten, so mut du sen; willst du kriegen und siegen, so mut du die Kriegskunst erlernen; willst du deinen Krper in der Gewalt haben, so mut du ihn durch Arbeit und Schwei abhrten. Hier fiel ihr die Liederlichkeit in die Rede. Siehst du wohl, lieber Herakles, sprach sie, was fr einen langen, mhseligen Weg dich dieses Weib zur Zufriedenheit fhrt? Ich hingegen werde dich auf dem krzesten und bequemsten Pfade zur Seligkeit leiten. Elende, erwiderte die Tugend, wie kannst du etwas Gutes besitzen? Oder welches Vergngen kennst du, die du jeder Lust durch Sttigung zuvorkommst? Du issest, ehe dich hungert, und trinkest, ehe dich drstet. Um die Elust zu reizen, suchst du Kche auf; um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare Weine an, und des Sommers gehst du umher und suchest nach Schnee; kein Bett kann dir weich genug sein, deine Freunde lssest du die Nacht durchprassen und den besten Teil des Tages verschlafen: darum hpfen sie auch sorglos und geputzt durch die Jugend dahin und schleppen sich mhselig und im Schmutze durch das Alter, beschmt ber das, was sie getan, und fast erliegend unter der Last dessen, was sie tun mssen. Und du selbst, obwohl unsterblich, bist gleichwohl von den Gttern verstoen und von guten Menschen verachtet. Was dem Ohre am lieblichsten klingt, dein eigenes Lob, hast du nie gehrt; was das Auge mehr als alles erfreut, ein eigenes gutes Werk, hast du nie gesehen.  Ich hingegen habe mit den Gttern, habe mit allen guten Menschen Verkehr. An mir besitzen die Knstler eine willkommene Gehilfin, an mir die Hausvter eine treue Wchterin, an mir hat das Gesinde einen liebreichen Beistand. Ich bin eine redliche Teilnehmerin an den Geschften des Friedens, eine zuverlssige Mitkmpferin im Kriege, die treueste Genossin der Freundschaft. Speise, Trank und Schlaf schmeckt meinen Freunden besser als den Trgen. Die Jngeren freuen sich des Beifalls der Alten, die lteren der Ehre bei den Jungen; mit Vergngen erinnern sie sich an ihre frheren Handlungen und fhlen sich bei ihrem jetzigen Tun glcklich, durch mich sind sie geliebt von den Gttern, geliebt von den Freunden, geachtet vom Vaterland. Und kommt das Ende, so liegen sie nicht ruhmlos in Vergessenheit begraben, sondern gefeiert von der Nachwelt, blhen sie fort im Angedenken aller Zeiten. Zu solchem Leben, Herakles, entschliee dich: vor dir liegt das seligste Los.



Des Herakles erste Taten

Die Gestalten waren verschwunden und Herakles wieder allein. Er war entschlossen, den Weg der Tugend zu gehen. Auch fand er bald Gelegenheit, etwas Gutes zu tun. Griechenland war damals noch voll von Wldern und Smpfen, von grimmigen Lwen, wtenden Ebern und andern Ungeheuern durchstreift. Das Land von diesen Untieren zu subern und von den Rubern zu befreien, die dem Wanderer in den Einden auflauerten, war der alten Helden grtes Verdienst. Auch dem Herakles war dieser Beruf angewiesen. Zu den Seinigen zurckgekehrt, hrte er, da auf dem Berge Kithairon, an dessen Fue die Herden des Knigs Amphitryon weideten, ein entsetzlicher Lwe hause. Der junge Held war, nach den Worten, die er soeben gehrt, bald entschlossen. Er stieg bewaffnet hinauf ins wilde Waldgebirge, bezwang den Lwen, warf seine Haut um sich und setzte den Rachen als Helm auf.

Whrend er von dieser Jagd heimkehrte, begegneten ihm Herolde des Minyerkniges Erginos, welche einen schimpflichen und ungerechten Jahrestribut von den Thebanern in Empfang nehmen sollten. Herakles, der sich von der Tugend zum Anwalt aller Unterdrckten geweiht fhlte, ward mit den Boten, die sich allerhand Mihandlungen des Landes erlaubt hatten, bald fertig und schickte sie, mit Stricken um den Nacken, verstmmelt ihrem Knige zurck. Erginos verlangte die Auslieferung des Tters, und Kreon, der Knig der Thebaner, aus Furcht vor der drohenden Gewalt, war geneigt, seinen Willen zu tun. Da beredete Herakles eine Menge mutiger Jnglinge, mit ihm dem Feinde entgegenzugehen. Nun war aber in keinem Brgerhause eine Waffe zu finden; denn die Minyer hatten die ganze Stadt entwaffnet, damit den Thebanern kein Gedanke an einen Aufstand kommen sollte. Da rief Athene den Herakles in ihren Tempel und rstete ihn mit ihren eigenen Waffen aus, die Jnglinge aber griffen zu den in den Tempeln aufgehngten Waffenrstungen, welche die Vorfahren erbeutet und den Gttern geweiht hatten. So ausgerstet, zog der Held mit seiner kleinen Mannschaft den herannahenden Minyern bis zu einem Engpasse entgegen. Hier konnte dem Feind die Gre seiner Kriegsmacht nichts ntzen: Erginos selbst fiel in der Schlacht, und fast sein ganzes Heer wurde aufgerieben. Aber in dem Gefechte war auch Amphitryon, des Herakles Stiefvater, der wacker mitgekmpft hatte, umgekommen. Herakles rckte nach der Schlacht schnell gegen Orchomenos, die Hauptstadt der Minyer, vor, drang zu den Toren ein, verbrannte die Knigsburg und zerstrte die Stadt.

Ganz Griechenland bewunderte die auerordentliche Tat, und der Thebanerknig Kreon, das Verdienst des Jnglings zu ehren, gab ihm seine Tochter Megara zur Ehe, die dem Helden drei Shne gebar. Seine Mutter Alkmene aber vermhlte sich zum zweiten Male mit dem Richter Rhadamanthys. Die Gtter selbst beschenkten den siegreichen Halbgott: Hermes gab ihm ein Schwert, Apoll Pfeile, Hephaistos einen goldenen Kcher, Athene einen Waffenrock.



Herakles im Gigantenkampfe

Der Held fand bald eine Gelegenheit, den Gttern fr so groe Auszeichnungen einen glnzenden Dank abzustatten. Die Giganten, Riesen mit schrecklichen Gesichtern, langen Haaren und Brten, geschuppten Drachenschwnzen statt der Fe, Ungeheuer, welche die Gaia oder Erde dem Uranos, dem Himmel, geboren, wurden von ihrer Mutter gegen Zeus, den neuen Weltbeherrscher, aufgewiegelt, weil dieser ihre ltern Shne, die Titanen, in den Tartaros verstoen hatte. Sie brachen aus dem Erebos (der Unterwelt) auf dem weiten Gefilde von Phlegra in Thessalien hervor. Aus Furcht vor ihrem Anblick erblaten die Gestirne, und Phbos drehte den Sonnenwagen um. Gehet hin und rchet mich und die alten Gtterkinder, sprach die Mutter Erde. An Prometheus frit der Adler, an Tityos zehrt der Geier, Atlas mu den Himmel tragen, die Titanen liegen in Banden. Geht, rcht, rettet sie! Braucht meine eigenen Glieder, die Berge zu Stufen, zu Waffen! Ersteiget die gestirnten Burgen! Du, Typhoeus, rei dem Gewaltherrscher Zepter und Blitz aus der Hand; Enkelados, du bemchtige dich des Meeres und verjage Poseidon! Rhtos soll dem Sonnengotte die Zgel entreien, Porphyrion das Orakel zu Delphi erobern! Die Riesen jubelten bei diesen Worten auf, als htten sie den Sieg schon errungen, als schleppten sie schon den Poseidon oder den Ares im Triumphe daher und zerrten den Apollo am herrlichen Lockenhaar; der eine nannte schon Aphrodite sein Weib, ein andrer wollte Artemis, ein dritter Athene freien. So zogen sie den thessalischen Bergen zu, um von dort aus den Himmel zu strmen.

Indessen rief Iris, die Gtterbotin, alle Himmlischen zusammen, alle Gtter, die in Wasser und Flssen wohnen; selbst die Manen aus der Unterwelt beschwor sie herauf; Persephone verlie ihr schattiges Reich, und ihr Gemahl, der Knig der Schweigenden, fuhr mit seinen lichtscheuen Rossen zum strahlenden Olymp empor. Wie in einer belagerten Stadt die Bewohner von allen Seiten zusammenlaufen, ihre Burg zu schirmen, so kamen die vielgestalteten Gottheiten am Vaterherde zusammen. Versammelte Gtter, redete sie Zeus an, ihr sehet, wie die Mutter Erde mit einer neuen Brut sich gegen uns verschworen hat. Auf, und sendet ihr so viele Leichen hinunter, als sie uns Shne heraufschickt! Als der Gttervater geendet, ertnte die Wetterposaune vom Himmel, und Gaia drunten antwortete mit einem donnernden Erdbeben. Die Natur geriet in Verwirrung wie bei der ersten Schpfung; denn die Giganten rissen einen Berg nach dem andern aus seinen Wurzeln, schleppten den Ossa, den Pelion, den ta, den Athos herbei, brachen den Rhodope mit der Hlfte des Hebrosquelles ab, und auf dieser Leiter von Gebirgen zum Gttersitz emporgeklommen, fingen sie an, mit Feuerbrnden von Eichen und ungeheuren Felsenstcken den Olymp zu strmen.

Nun war den Gttern ein Orakelspruch erteilt worden, da von den Himmlischen keiner der Giganten vernichtet werden knnte und diese nur dann sterben wrden, wenn ein Sterblicher mitkmpfte. Gaia hatte dies in Erfahrung gebracht und suchte deswegen nach einem Arzneimittel, das ihre Shne auch Sterblichen gegenber unverletzlich mache. Und es war wirklich ein solches Kraut gewachsen; aber Zeus kam ihr zuvor; er verbot der Morgenrte, dem Mond und der Sonne zu scheinen, und whrend Gaia in der Finsternis herumsuchte, schnitt er die Arzneikruter eilig selbst ab und lie seinen Sohn Herakles durch Athene zur Teilnahme am Kampfe auffordere.

Auf dem Olymp war inzwischen der Streit schon entbrannt. Ares hatte seinen Kriegswagen mit den wiehernden Rossen mitten in die dichteste Schar der heranstrzenden Feinde gelenkt. Sein goldner Schild brannte heller als Feuer, schimmernd flatterte die Mhne seines Helmes. Im Kampfgetmmel durchbohrte er den Giganten Peloros, dessen Fe zwei lebendige Schlangen waren. Dann fuhr er ber die sich krmmenden Glieder des Gefallenen zermalmend mit seinem Wagen hin; aber erst bei des sterblichen Herakles Anblick, der eben die letzte Stufe des Olymps erstiegen hatte, hauchte das Ungeheuer seine drei Seelen aus. Herakles sah sich auf dem Schlachtfelde um und erkor sich ein Ziel seines Bogens; sein Pfeilschu streckte den Alkyoneus nieder, der alsbald in die Tiefe strzte, aber sobald er seinen Heimatboden berhrt hatte, mit erneuter Lebenskraft sich wieder erhob. Auf den Rat der Athene stieg auch Herakles hinab und schleppte ihn ber die Grenze seines Geburtslandes hinaus; und sowie der Riese auf fremder Erde angekommen war, entfuhr ihm der Atem.

Jetzt ging der Gigant Porphyrion in drohender Stellung auf Herakles und Hera zugleich los, um einzeln mit ihnen zu kmpfen. Aber Zeus flte ihm schnell ein Verlangen ein, das himmlische Antlitz der Gttin zu schauen, und whrend er an Heras umhllendem Schleier zerrte, traf ihn Zeus mit dem Donner, und Herakles ttete ihn vollends mit einem Pfeile. Bald rannte aus der Schlachtreihe der Giganten Ephialtes mit funkelnden Riesenaugen hervor. Das sind helle Zielscheiben fr unsere Pfeile! sprach lachend Herakles zu dem neben ihm kmpfenden Phbos Apollo, und nun scho ihm der Gott das linke und der Halbgott das rechte Auge aus dem Kopf. Den Eurytos schlug Dionysos (Bakchos) mit seinem Thyrsosstabe nieder; ein Hagel glhender Eisenschlacken aus des Hephaistos Hand warf den Klytios zu Boden; auf den fliehenden Enkelados schleuderte Pallas Athene die Insel Sizilien; der Riese Polybotes, von Poseidon ber das Meer verfolgt, flchtete sich nach Kos, aber der Meergott ri ein Stck dieser Insel ab und bedeckte ihn damit. Hermes, den Helm des Pluton auf dem Kopfe, erschlug den Hippolytos, zwei andere trafen der Parzen eherne Keulen. Die brigen schmetterte Zeus mit seinem Donner nieder, und Herakles erscho sie mit seinen Pfeilen.

Fr diese Tat wurde dem Halbgott hohe Gunst von den Himmlischen zuteil. Zeus nannte diejenigen unter den Gttern, welche den Kampf mit ausfechten geholfen, Olympier, um durch diesen Ehrennamen die Tapferen von den Feigen zu unterscheiden. Dieser Benennung wrdigte er nun auch zwei Shne sterblicher Weiber, den Dionysos und den Herakles.



Herakles und Eurystheus

Vor des Herakles Geburt hatte Zeus im Rate der Gtter erklrt, der erste Perseusenkel, welcher geboren werden wrde, sollte der Beherrscher aller brigen Nachkommen des Perseus werden. Diese Ehre war seinem und Alkmenens Sohne zugedacht. Aber Heras Hinterlist, welche dieses Glck dem Sohne der Nebenbuhlerin nicht gnnte, kam ihm zuvor und lie den Eurystheus, der auch ein Enkel des Perseus war, obwohl er spter als Herakles zur Welt kommen sollte, frher geboren werden. Dadurch war Eurystheus Knig zu Mykene im Argiverlande und der spter geborene Herakles ihm unterworfen. Jener sah mit Besorgnis den steigenden Ruhm seines jungen Verwandten und berief ihn, als seinen Untertan, zu sich, um ihm verschiedene Arbeiten aufzutragen. Da Herakles nicht gehorchte, so lie Zeus selbst, der seinem Ratschlusse nicht zuwiderhandeln wollte, seinem Sohne befehlen, dem Argiverknige seine Dienste zu widmen. Aber der Halbgott entschlo sich ungerne, der Diener eines Sterblichen zu sein; er ging nach Delphi und befragte das Orakel darber. Dieses gab ihm zur Antwort: die von Eurystheus erschlichene Oberherrschaft sei von den Gttern dahin gemildert, da Herakles zehn Arbeiten, welche jener ihm auflegen wrde, zu vollbringen habe. Wenn solches geschehen sei, sollte er der Unsterblichkeit teilhaftig werden.

Herakles fiel hierber in tiefe Schwermut; einem Geringeren zu dienen widerstrebte seinem Selbstgefhl und deuchte ihm unter seiner Wrde; aber Zeus, dem Vater, nicht zu gehorchen, erschien ihm unheilbringend und unmglich zugleich. Diesen Augenblick ersah sich Hera, aus deren Seele die Verdienste des Herakles um die Gtter den Ha nicht zu tilgen vermocht hatten, und verwandelte seinen dstern Unmut in wilde Raserei. Er kam so ganz von Sinnen, da er seinen geliebten Neffen Iolaos ermorden wollte, und als dieser entfloh, erscho er seine eigenen Kinder, die ihm Megara geboren hatte, im Wahne, sein Bogen ziele nach Giganten. Es whrte lange, bis er von diesem Wahnsinne wieder frei wurde; als er zur Erkenntnis seines Irrtums kam, bekmmerte er sich tief ber sein schweres Unglck, verschlo sich in sein Haus und vermied allen Verkehr mit den Menschen. Als endlich die Zeit seinen Kummer linderte, entschlo er sich, die Auftrge des Eurystheus zu bernehmen, und kam zu diesem nach Tiryns, das auch zu dessen Knigreiche gehrte.



Die drei ersten Arbeiten des Herakles

Die erste Arbeit, welche dieser Knig ihm auferlegte, bestand darin, da Herakles ihm das Fell des Nemeischen Lwen herbeibringen sollte. Dieses Ungeheuer hauste auf dem Peloponnes, in den Wldern zwischen Kleonai und Nemea in der Landschaft Argolis. Der Lwe konnte mit keinen menschlichen Waffen verwundet werden. Die einen sagten, er sei ein Sohn des Riesen Typhon und der Schlange Echidna, die andern, er sei vom Mond auf die Erde herabgefallen. Also zog Herakles gegen den Lwen aus, den Kcher auf dem Rcken, den Bogen in der einen Hand, in der andern eine Keule aus dem Stamme eines wilden lbaumes, den er selbst auf dem Helikon angetroffen und mitsamt den Wurzeln ausgerissen hatte. Als er in den Wald von Nemea kam, lie Herakles seine Augen nach allen Seiten schweifen, um das reiende Tier zu entdecken, ehe er von ihm erblickt wrde. Es war Mittag, und nirgends konnte er die Spur des Lwen bemerken, nirgends den Pfad zu seinem Lager erkunden; denn keinen Menschen traf er auf dem Felde bei den Stieren oder im Walde bei den Bumen an: alle hielt die Furcht in ihre fernen Gehfte verschlossen. Den ganzen Nachmittag durchstreifte er den dichtbelaubten Hain, entschlossen, seine Kraft zu erproben, sobald er des Ungeheuers ansichtig wrde. Endlich gegen Abend kam der Lwe auf einem Waldwege gelaufen, um vom Fang in seinen Erdspalt zurckzukehren: er war von Fleisch und Blut gesttigt, Kopf, Mhne und Brust troffen von Mord, mit der Zunge leckte er sich das Kinn. Der Held, der ihn von ferne kommen sah, rettete sich in einen dichten Waldbusch, wartete, bis der Lwe nher kam, und scho ihm dann einen Pfeil in die Flanken zwischen Rippen und Hfte. Aber das Gescho drang nicht ins Fleisch, es prallte wie von einem Steine ab und flog zurck auf den moosigen Waldboden. Das Tier hob seinen zur Erde gekehrten blutigen Kopf empor, lie die Augen forschend nach allen Seiten rollen und im aufgesperrten Rachen die entsetzlichen Zhne sehen. So streckte es dem Halbgotte die Brust entgegen, und dieser sandte schnell einen zweiten Pfeil ab, um ihn mitten in den Sitz des Atems zu treffen; aber auch diesmal drang das Gescho nicht bis unter die Haut, sondern prallte von der Brust ab und fiel zu den Fen des Ungetms nieder. Herakles griff eben zum dritten Pfeile, als der Lwe, die Augen seitwrts drehend, ihn erblickte; er zog seinen langen Schweif an sich bis zu den hinteren Kniekehlen, sein ganzer Nacken schwoll von Zorn auf, unter Murren strubte sich seine Mhne, sein Rcken wurde krumm wie ein Bogen. Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung auf seinen Feind los. Herakles aber warf seine Pfeile aus der Hand und seine eigene Lwenhaut vom Rcken, mit der Rechten schwang er ber dem Haupte des Tieres die Keule und versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken, da es mitten im Sprunge wieder zu Boden strzte und auf zitternden Fen zu stehen kam, mit dem Kopfe wackelnd. Eh es wieder aufatmen konnte, kam ihm Herakles zuvor; er warf auch noch Bogen und Kcher zu Boden, um ganz ungehindert zu sein, nahte dem Untier von hinten, schlang die Arme um seinen Nacken und schnrte ihm die Kehle zu, bis es erstickte und seine grauenvolle Seele zum Hades zurcksandte. Lange versuchte er vergebens, die Haut des Gefallenen abzuweiden; sie wich keinem Eisen, keinem Steine. Endlich kam ihm in den Sinn, sie mit den Klauen des Tiers selbst abzuziehen, was auch sogleich gelang. Spter verfertigte er sich aus diesem herrlichen Lwenfell einen Panzer und aus dem Rachen einen neuen Helm; fr jetzt aber nahm er Kleid und Waffen, in denen er gekommen war, wieder zu sich und machte sich, das Fell des Nemeischen Lwen ber den Arm gehngt, auf den Rckweg nach Tiryns. Als der Knig Eurystheus ihn mit der Hlle des grlichen Tieres daherkommen sah, geriet er ber die gttliche Kraft des Helden in solche Angst, da er in einen ehernen Topf kroch. Auch lie er forthin den Herakles nicht mehr unter seine Augen kommen, sondern ihm seine Befehle nur auerhalb der Mauern durch Kopreus, einen Sohn des Pelops, zufertigen.

Die zweite Arbeit des Helden war, die Hydra zu erlegen, die ebenfalls eine Tochter des Typhon und der Echidna war. Sie war zu Argolis, im Sumpfe von Lerna aufgewachsen und pflegte aufs Land herauszukommen, die Herden zu zerreien und das Feld zu verwsten; dabei war sie unmig gro, eine Schlange mit neun Huptern, von denen acht sterblich, das in der Mitte stehende aber unsterblich war. Herakles ging auch diesem Kampfe mutig entgegen; er bestieg sofort einen Wagen; sein geliebter Neffe Iolaos, der Sohn seines Stiefbruders Iphikles, der lange Zeit sein unzertrennlicher Gefhrte blieb, setzte sich als Rosselenker ihm an die Seite, und so ging es im Fluge Lerna zu. Endlich wurde die Hyder auf einem Hgel bei den Quellen der Amymone sichtbar, wo sich ihre Hhle befand. Hier lie Iolaos die Pferde halten; Herakles sprang vom Wagen und zwang durch Schsse mit brennenden Pfeilen die vielkpfige Schlange, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Die kam zischend hervor, und ihre neun Hlse schwankten emporgerichtet auf dem Leibe, wie die ste eines Baumes im Sturm. Herakles ging unerschrocken ihr entgegen, packte sie krftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Fe, ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an, mit seiner Keule ihr die Kpfe zu zerschmettern. Aber er konnte nicht zum Ziele kommen. War ein Haupt zerschlagen, so wuchsen deren zwei hervor. Zugleich kam der Hyder ein Riesenkrebs zu Hilfe, der den Helden empfindlich am Fue fate. Den ttete er jedoch mit seiner Keule und rief dann den Iolaos zu Hilfe. Dieser hatte schon eine Fackel gerstet; er zndete damit einen Teil des nahen Waldes an, und mit den Brnden berfuhr er die neu wachsenden Hupter der Schlange bei ihrem ersten Emporkeimen und hinderte sie so, hervorzutreiben. Auf diese Weise wurde der Held der emporwachsenden Kpfe Meister und schlug nun der Hyder auch das unsterbliche Haupt ab; dieses begrub er am Wege und wlzte einen schweren Stein darber. Den Rumpf der Hyder spaltete er in zwei Teile, seine Pfeile aber tauchte er in ihr Blut, das giftig war. Seitdem schlug des Helden Gescho unheilbare Wunden.

Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirschkuh Kerynitis lebendig zu fangen; dies war ein herrliches Tier, hatte goldene Geweihe und eherne Fe und weidete auf einem Hgel Arkadiens. Sie war eine der fnf Hindinnen gewesen, an welchen die Gttin Artemis ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein von den fnfen hatte sie wieder in die Wlder laufen lassen, weil es vom Schicksal beschlossen war, da Herakles sich einmal daran mde jagen sollte. Ein ganzes Jahr verfolgte er sie, kam auf dieser Jagd zu den Hyperboreern und an die Quellen des Isterflusses und holte die Hindin endlich am Flusse Ladon, unweit der Stadt noe, am artemisischen Berge, ein. Doch wute er des Tieres nicht auf andere Weise Meister zu werden, als da er es durch einen Pfeilschu lhmte und dann auf seinen Schultern durch Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Gttin Artemis (Diana) mit Apoll, schalt ihn, da er das Tier, das ihr geheiligt war, habe tten wollen, und machte Miene, ihm die Beute zu entreien. Nicht Mutwille hat mich bewogen, groe Gttin, sprach Herakles zu seiner Rechtfertigung, die Notwendigkeit hat mich gezwungen, es zu tun; wie knnte ich sonst vor Eurystheus bestehen? So besnftigte er den Zorn der Gttin und brachte das Tier lebendig nach Mykene.



Die vierte Arbeit des Herakles bis zur sechsten

Sofort ging es an die vierte Unternehmung. Sie bestand darin, den Erymanthischen Eber, der, gleichfalls der Artemis geheiligt, die Gegend des Berges Erymanthos verwstete, lebendig nach Mykene zu liefern. Auf seiner Wanderung nach diesem Abenteuer kehrte Herakles unterwegs bei Pholos, dem Sohne des Silenos, ein. Dieser, der wie alle Zentauren halb Mensch, halb Ro war, empfing seinen Gast sehr freundlich und setzte ihm das Fleisch gebraten vor, whrend er selbst es roh verzehrte. Aber Herakles begehrte zu der feinen Mahlzeit auch einen guten Trunk. Lieber Gast, sprach Pholos, es liegt wohl ein Fa in meinem Keller, dieses aber gehrt allen Zentauren gemeinschaftlich zu, und ich trage Bedenken, es ffnen zu lassen, weil ich wei, wie wenig die Zentauren nach Gsten fragen. ffne es nur guten Muts, erwiderte Herakles; ich verspreche dir, dich gegen alle ihre Anflle zu verteidigen; mich drstet! Es hatte aber dieses Fa Bakchos, der Gott des Weines, selbst einem Zentauren mit dem Befehle bergeben, dasselbe nicht eher zu erffnen, als bis nach vier Menschenaltern Herakles in dieser Gegend einkehren wrde. So ging denn Pholos in den Keller; kaum hatte er das Fa erffnet, so rochen die Zentauren den Duft des starken alten Weines und umringten, haufenweise herbeistrmend, mit Felsstcken und Fichtenstmmen bewaffnet, die Hhle des Pholos. Die ersten, die es wagten, einzudringen, jagte Herakles mit geschleuderten Feuerbrnden zurck; die brigen verfolgte er mit Pfeilschssen bis nach Malea, wo der gute Zentaur Chiron, des Herakles alter Freund, wohnte. Zu diesem flchteten seine Stammesbrder. Aber Herakles hatte, als sie eben mit ihm zusammentrafen, mit dem Bogen auf sie gezielt und scho einen Pfeil ab, der, durch den Arm eines andern Zentauren dringend, unglcklicherweise in das Knie Chirons fuhr und dort steckenblieb. Jetzt erst erkannte Herakles den Freund seiner frheren Tage, lief bekmmert hinzu, zog den Pfeil heraus und legte ein Heilmittel auf, das der arzneikundige Chiron selbst hergegeben hatte. Aber die Wunde, vom Gifte der Hyder durchdrungen, war unheilbar; der Zentaur lie sich in seine Hhle bringen und wnschte, hier in den Armen seines Freundes zu sterben. Vergeblicher Wunsch! Der Arme hatte nicht daran gedacht, da er zu seiner Qual unsterblich sei. Herakles nahm von dem Gequlten unter vielen Trnen Abschied und versprach ihm, es koste, was es wolle, den Tod, den Erlser, zu senden. Wir wissen aus der Sage von Prometheus, da er Wort gehalten hat. Als Herakles von der Verfolgung der brigen Zentauren in seines Freundes Hhle zurckkehrte, fand er Pholos, seinen liebreichen Wirt, auch tot. Dieser hatte aus einem Zentaurenleichnam den Todespfeil gezogen; whrend er sich nun wunderte, wie ein so kleines Ding so groe Geschpfe hatte niederwerfen knnen, entglitt das vergiftete Gescho seiner Hand, fuhr ihm in den Fu und ttete ihn auf der Stelle. Herakles war sehr betrbt, er bestattete ihn ehrenvoll, indem er ihn unter den Berg legte, der seitdem Pholo genannt ward. Dann ging er weiter, den Eber zu jagen; er trieb denselben mit Geschrei aus dem Dickicht des Waldes heraus, verfolgte ihn ins tiefe Schneefeld, fing hier das erschpfte Tier mit einem Stricke und brachte es, wie ihm befohlen war, lebendig nach Mykene.

Darauf schickte ihn der Knig Eurystheus zur fnften Arbeit fort, die eines Helden wenig wrdig war. Er sollte den Viehhof des Augias in einem einzigen Tage ausmisten. Augias war Knig in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein Vieh stand nach Art der Alten in einer groen Verzunung vor dem Palaste. Dreitausend Rinder hatten da geraume Zeit gestanden, und so hatte sich seit vielen Jahren eine unendliche Menge Mist angehuft, den nun Herakles zur Schmach und, was unmglich schien, in einem einzigen Tage hinausschaffen sollte.

Als der Held vor den Knig Augias trat und, ohne etwas von dem Auftrage des Eurystheus zu erwhnen, sich zu dem genannten Dienste erbot, ma dieser die herrliche Gestalt in der Lwenhaut und konnte kaum das Lachen unterdrcken, wenn er dachte, da einen so edlen Krieger nach so gemeinem Knechtsdienste gelsten knne. Indessen dachte er bei sich: Der Eigennutz hat schon manchen wackern Mann verfhrt; es mag sein, da er sich an mir bereichern will. Das wird ihm wenig helfen. Ich darf ihm immerhin einen groen Lohn versprechen, wenn er mir den ganzen Stall ausmistet, denn er wird in dem einen Tage wenig genug hinaustragen. Darum sprach er getrost: Hre, Fremdling, wenn du das kannst und mir an einem Tage all den Mist herausschaffest, so will ich dir den zehnten Teil meines ganzen Viehbestandes zur Belohnung berlassen. Herakles ging die Bedingung ein, und der Knig dachte nun nicht anders, als da er zu schaufeln anfangen wrde. Herakles aber, nachdem er zuvor den Sohn des Augias, Phyleus, zum Zeugen jenes Vertrages genommen hatte, ri den Grund des Viehhofs auf der einen Seite auf, leitete die nicht weit davon flieenden Strme Alpheios und Peneios durch einen Kanal herzu und lie sie den Mist wegsplen und durch eine andere ffnung wieder ausstrmen. So vollzog er einen schmachvollen Auftrag, ohne zu einer Handlung sich zu erniedrigen, die eines Unsterblichen unwrdig gewesen wre. Als aber Augias erfuhr, da dies von Herakles als Auftrag des Eurystheus geschehen sei, verweigerte er den Lohn und leugnete geradezu, ihn versprochen zu haben; doch erklrte er sich bereit, die Streitsache einem richterlichen Spruche anheimzustellen. Als die Richter beisammensaen, das Urteil zu fllen, trat Phyleus, von Herakles aufgefordert, auf, zeugte gegen seinen eigenen Vater und erklrte, da dieser allerdings ber einen Lohn mit Herakles bereingekommen sei. Augias wartete den Spruch nicht ab, er ergrimmete und befahl dem Sohne wie dem Fremdling, sein Reich auf der Stelle zu verlassen.

Herakles kehrte nun unter neuen Abenteuern zu Eurystheus zurck. Dieser aber wollte die eben vollbrachte Arbeit nicht gltig sein lassen, weil Herakles Lohn dafr gefordert habe. Dennoch schickte er ihn sogleich wieder auf ein sechstes Abenteuer aus und gab ihm auf, die Stymphaliden zu verjagen. Dies waren ungeheure Raubvgel, so gro wie Kraniche, mit eisernen Flgeln, Schnbeln und Klauen versehen. Sie hausten um den See Stymphalos in Arkadien und besaen die Macht, ihre Federn wie Pfeile abzudrcken und mit ihren Schnbeln selbst eherne Panzer zu durchbrechen; dadurch richteten sie in der Umgebung unter Menschen und Vieh groe Verwstungen an, und wir kennen sie schon vom Argonautenzuge her. Herakles, des Wanderns gewohnt, langte nach kurzer Reise bei dem See an, der von einem groen Gehlze dicht umschattet ruhte. In diesen Wald hatte sich eben eine unermeliche Schar jener Vgel geflchtet, aus Furcht, von den Wlfen geraubt zu werden. Herakles stand ratlos da, als er die ungeheure Menge erblickte, und wute nicht, wie er ber so viele Feinde Meister werden sollte. Auf einmal fhlte er einen leichten Schlag auf der Schulter; hinter sich blickend, ward er Athenes Riesenerscheinung gewahr, die ihm zwei mchtige eherne Klappern in die Hnde gab, welche Hephaistos ihr verfertigt hatte; sie bedeutete ihm, diese gegen die Stymphaliden anzuwenden, und verschwand wieder. Herakles bestieg nun eine Anhhe in der Nhe des Sees und schreckte die Vgel, indem er die Klappern zusammenschlug. Diese hielten das gellende Getse nicht aus, sondern flogen furchtsam aus dem Walde hervor. Darauf griff Herakles zum Bogen, legte Pfeil um Pfeil an und scho ihrer viele im Fluge weg. Die andern verlieen die Gegend und kamen nicht wieder.



Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herakles

Der Knig Minos in Kreta hatte dem Gotte Poseidon (Neptun) versprochen, ihm zu opfern, was zuerst aus dem Meere auftauchen wrde; denn Minos hatte behauptet, da er kein Tier besitze, das wrdig sei, zu einem so hohen Opfer zu dienen. Darum lie der Gott einen ausnehmend schnen Stier aus dem Meere aufsteigen; den Knig aber verleitete die herrliche Gestalt des Tieres, das sich seinen Blicken darbot, dasselbe heimlich unter seine Herde zu stecken und dem Poseidon einen andern Stier als Opfer unterzuschieben. Hierber erzrnt, hatte der Meergott zur Strafe den Stier rasend werden lassen, und dieser richtete nun auf der Insel Kreta groe Verwstungen an. Ihn zu bndigen und vor Eurystheus zu bringen, wurde dem Herakles als siebente Arbeit aufgetragen. Als er mit seinem Ansinnen nach Kreta und vor Minos kam, war dieser nicht wenig erfreut ber die Aussicht, den Verderber der Insel loszuwerden, ja er half ihm selbst das wtende Tier einzufangen, und die Heldenkraft des Herakles bndigte den rasenden Ochsen so grndlich, da, um den Stier nach dem Peloponnese zu schaffen, er sich von demselben auf dem ganzen Wege nach der See wie von einem Schiffe tragen lie. Mit dieser Arbeit war Eurystheus zufrieden, lie jedoch das Tier, nachdem er es eine kurze Zeit mit Wohlgefallen betrachtet, sofort wieder frei. Als der Stier nicht mehr im Banne des Herakles war, kehrte seine alte Raserei zurck, er durchirrte ganz Lakonien und Arkadien, streifte ber den Isthmus nach Marathon in Attika und verheerte hier das Land wie vordem auf der Insel Kreta. Erst dem Theseus gelang es spter, Meister ber ihn zu werden.

Als achte Arbeit trug nun sein Vetter dem Herakles auf, die Stuten des Thrakiers Diomedes nach Mykene zu bringen. Dieser war ein Sohn des Ares und Knig der Bistonen, eines sehr kriegerischen Volkes. Er besa Stuten, die so wild und stark waren, da man sie an eherne Krippen und mit eisernen Ketten band. Ihr Futter bestand nicht aus Hafer, sondern die Fremdlinge, welche das Unglck hatten, in die Stadt des Kniges zu kommen, wurden ihnen vorgeworfen, und das Fleisch derselben diente den Rossen zur Nahrung. Als Herakles ankam, war sein erstes, den unmenschlichen Knig selbst zu fassen und ihn seinen eigenen Stuten vorzuwerfen, nachdem er die bei den Krippen aufgestellten Wchter bermannt hatte. Durch diese Speise wurden die Tiere zahm, und er trieb sie nun ans Gestade des Meeres. Aber die Bistonen kamen unter Waffen hinter ihm her, so da Herakles sich umwenden und gegen sie kmpfen mute. Er gab die Tiere seinem Liebling und Begleiter Abderos, dem Sohne des Hermes, zu bewachen. Als Herakles fort war, kam die Stuten wieder ein Gelste nach Menschenfleisch an, und Herakles fand, als er die Bistonen in die Flucht geschlagen hatte und zurckgekehrt war, seinen Freund von den Rossen zerrissen. Er betrauerte den Getteten und grndete ihm zu Ehren eine Stadt seines Namens, Abdera. Dann bndigte er die Stuten wieder und gelangte glcklich mit ihnen zu Eurystheus. Dieser weihte die Pferde der Hera. Ihre Nachkommenschaft dauerte noch lange fort, ja der Knig Alexander von Makedonien ritt noch auf einem Abkmmling derselben. Nachdem Herakles diese Arbeit ausgefhrt, schiffte er sich mit dem Heere des Iason, der das Goldne Vlies holen sollte, nach Kolchis ein, wovon wir schon erzhlt haben.

Von langer Irrfahrt zurckgekehrt, unternahm der Held den Zug gegen die Amazonen, um das neunte Abenteuer zu bestehen und das Wehrgehenk der Amazone Hippolyte dem Eurystheus zu bringen. Die Amazonen bewohnten die Gegend um den Flu Thermodon in Pontus und waren ein groes Frauenvolk, das einzig Mnnerwerk trieb. Von ihren Kindern erzogen sie nur diejenigen, die weiblichen Geschlechts waren. In Scharen vereinigt, zogen sie zu Kriegen aus. Hippolyte, ihre Knigin, trug als Zeichen ihrer Herrscherwrde den genannten Grtel, den sie vom Kriegsgotte selbst zum Geschenk erhalten hatte. Herakles sammelte zu seinem Zuge freiwillige Kampfgenossen auf einem Schiffe, fuhr nach mancherlei Ereignissen ins Schwarze Meer und lief endlich in die Mndung des Flusses Thermodon und in den Hafen der Amazonenstadt Themiskyra ein. Hier kam ihm die Knigin der Amazonen entgegen. Das herrliche Ansehen des Helden flte ihr Hochachtung ein, und als sie die Absicht seines Kommens erkundet, versprach sie ihm das Wehrgehenk. Aber Hera, die unvershnliche Feindin des Herakles, nahm die Gestalt einer Amazone an, mischte sich unter die Menge der brigen und breitete das Gercht aus, da ein Fremder ihre Knigin entfhre. Augenblicklich schwangen sich alle Mnninnen zu Pferde und griffen den Halbgott in dem Lager an, das er vor der Stadt aufgeschlagen hatte. Die gemeinen Amazonen fochten mit den Kriegern des Helden, die vornehmsten aber stellten sich ihm selbst gegenber und bereiteten ihm einen schweren Kampf. Die erste, die den Streit mit ihm begann, hie von ihrer Schnelligkeit Alla oder Windsbraut, aber sie fand an Herakles einen noch schnelleren Gegner, mute weichen und ward auf windschneller Flucht von ihm eingeholt und niedergemacht. Eine zweite fiel auf den ersten Angriff, dann Protho, die dritte, die siebenmal im Zweikampf gesiegt hatte. Nach ihr erlagen acht andere, darunter drei Jagdgefhrtinnen der Artemis, die sonst immer so sicher mit dem Wurfspiee getroffen hatten, nur diesmal ihr Ziel verfehlten und, vergebens unter ihren Schilden sich deckend, den Pfeilen des Heros erlagen. Auch Alkippe fiel, die geschworen hatte, ihr Leben lang unvermhlt zu bleiben; den Schwur hielt sie, aber am Leben blieb sie nicht. Nachdem auch Melanippe, die tapfere Fhrerin der Amazonen, gefangen war, griffen alle zur wilden Flucht, und Hippolyte, die Knigin, gab das Wehrgehenk heraus, wie sie auch vor der Schlacht versprochen hatte. Herakles nahm es als Lsegeld an und gab Melanippe dafr frei. Auf der Rckfahrt bestand der Held ein neues Abenteuer an der trojanischen Kste. Hier war Hesione, Laomedons Tochter, an einen Felsen gebunden und einem Ungeheuer zum Fra ausgesetzt. Ihrem Vater hatte Poseidon die Mauern von Troja erbaut und den Lohn nicht erhalten; dafr verwstete ein Seeuntier Trojas Gebiet so lange, bis der verzweifelte Laomedon ihm seine eigene Tochter preisgab. Als Herakles vorberfuhr, rief ihn der jammernde Vater zu Hilfe und versprach, ihm fr die Rettung der Tochter die herrlichen Rosse zu geben, die sein Vater von Zeus zum Geschenke bekommen hatte. Herakles legte an und erwartete das Ungetm. Als es kam und den Rachen aufsperrte, die Jungfrau zu verschlingen, sprang er in den Rachen des Tieres, zerschnitt ihm alle Eingeweide und stieg aus dem Getteten, wie aus einer Mrdergrube, wieder hervor. Aber Laomedon hielt auch diesmal sein Wort nicht, und Herakles fuhr unter Drohungen davon.



Die drei letzten Arbeiten des Herakles

Als der Held das Wehrgehenk der Knigin Hippolyte zu Eurystheus Fen niedergelegt hatte, gnnte dieser ihm keine Rast, sondern schickte ihn sogleich wieder aus, die Rinder des Riesen Geryones herbeizuschaffen. Dieser besa auf der Insel Erythia, im Meerbusen von Gadira (Cadix), eine Herde schner braunroter Rinder, die ein anderer Riese und ein zweikpfiger Hund ihm hteten. Geryones selbst war ungeheuer gro, hatte drei Leiber, drei Kpfe, sechs Arme und sechs Fe. Kein Erdensohn hatte sich je an ihn gewagt; Herakles sah wohl, wie viele Vorbereitungen dieses beschwerliche Unternehmen erfordere. Es war weltbekannt, da des Geryones Vater, Chrysaor, der den Namen Goldschwert von seinem Reichtum hatte, Knig von ganz Iberien (Spanien) war, da auer Geryones noch drei tapfere und riesige Shne fr ihn stritten und jeder Sohn ein zahlreiches Heer von streitbaren Mnnern unter seinem Befehle hatte. Eben darum hatte Eurystheus dem Herakles jene Arbeit aufgetragen; denn er hoffte, auf einem Kriegszug in ein solches Land werde er sein verhates Leben doch endlich lassen mssen. Doch Herakles ging den Gefahren nicht erschrockener entgegen als allen seinen frheren Taten. Er sammelte seine Heere auf der Insel Kreta, die er von wilden Tieren befreit hatte, und landete zuerst in Libyen. Hier rang er mit dem Riesen Antaios, der neue Krfte erhielt, sooft er seine Mutter, die Erde, berhrte; aber Herakles hielt ihn in die freie Luft und drckte ihn da zu Tode. Auch reinigte er Libyen von den Raubtieren; denn er hate wilde Tiere und ruchlose Menschen, weil er in ihnen allen das Bild des bermtigen und ungerechten Herrschers erblickte, dem er so lange dienstbar gewesen war.

Nach einer langen Wanderung durch wasserlose Gegenden kam er endlich in ein fruchtbares, von Flssen durchstrmtes Gebiet. Hier grndete er eine Stadt von ungeheurer Gre und nannte sie Hekatompylos (Hunderttor). Zuletzt gelangte er an den Atlantischen Ozean, gegenber von Gadira; hier pflanzte er die beiden berhmten Heraklessulen auf. Die Sonne brannte entsetzlich; Herakles ertrug es nicht lnger, er richtete seine Augen nach dem Himmel und drohte mit aufgehobenem Bogen, den Sonnengott niederzuschieen. Dieser bewunderte seinen Mut und lieh ihm, um weiterzukommen, die goldne Schale, in welcher der Sonnengott selbst seinen nchtlichen Weg vom Niedergange bis zum Aufgange zurcklegt. Auf dieser fuhr Herakles mit seiner nebenher segelnden Flotte nach Iberien hinber. Hier fand er die drei Shne des Chrysaor mit drei groen Heeren, einen nicht weit vom andern gelagert; er aber ttete die Anfhrer alle im Zweikampfe und eroberte das Land. Dann kam er nach der Insel Erythia, wo Geryones mit seinen Herden hauste. Sobald der doppelkpfige Hund seine Ankunft innewurde, fuhr er auf ihn los; allein Herakles empfing ihn mit dem Knittel, erschlug ihn und darauf auch den riesigen Rinderhirten, der dem Hunde zu Hilfe gekommen war. Dann eilte er mit den Rindern davon; aber Geryones holte ihn ein, und es kam zu einem schweren Kampfe. Hera selbst erschien, dem Riesen beizustehen; jedoch Herakles scho ihr einen Pfeil in die Brust, da die Gttin verwundet entfliehen mute. Auch der dreifache Leib des Riesen, der in der Gegend des Magens zusammenlief, fing hier den tdlichen Pfeil auf und mute erliegen. Unter glorreichen Taten vollbrachte Herakles seinen Rckweg, indem er zu Lande die Rinder durch Iberien und Italien trieb. Bei Rhegium in Unteritalien entlief ihm einer seiner Ochsen, setzte ber die Meerenge und entkam so nach Sizilien. Sogleich trieb er auch die andern Ochsen ins Wasser und schwamm, indem er einen Stier am Horn fate, nach Sizilien hinber. Unter mancherlei Taten kam der Held nun glcklich ber Italien, Illyrien und Thrakien nach Griechenland zurck und auf dem Isthmus an.

Jetzt hatte Herakles zehn Arbeiten vollbracht, weil aber Eurystheus zwei nicht gelten lie, so mute er sich bequemen, noch zwei weitere zu verrichten.

Einst, bei der feierlichen Vermhlung des Zeus mit Hera, als alle Gtter dem erhabenen Paar ihre Hochzeitsgeschenke darbrachten, wollte auch Gaia (die Erde) nicht zurckbleiben; sie lie am Westgestade des groen Weltmeeres einen stereichen Baum voll goldener pfel hervorwachsen. Vier Jungfrauen, Hesperiden genannt, Tchter der Nacht, waren die Wrterinnen dieses heiligen Gartens, den auerdem noch ein hundertkpfiger Drache bewachte, Ladon, ein Sprling des Phorkys, des berhmten Vaters so vieler Ungeheuer, und der erdgeborenen Keto. Kein Schlaf kam je ber die Augen dieses Drachen, und ein frchterliches Gezisch verkndete seine Nhe; denn jede seiner hundert Kehlen lie eine andere Stimme hren. Diesem Ungeheuer, so lautete der Befehl des Eurystheus, sollte Herakles die goldenen pfel der Hesperiden entreien. Der Halbgott machte sich auf den langen und abenteuervollen Weg, auf welchem er sich dem blinden Zufall berlie, denn er wute nicht, wo die Hesperiden wohnten. Zuerst gelangte er nach Thessalien, wo der Riese Termeros hauste, der alle Reisenden, denen er begegnete, mit seinem harten Hirnkasten zu Tode rannte. Aber an des gttlichen Herakles Schdel zersplitterte das Haupt des Riesen. Weiter vorwrts, am Flusse Echedoros, kam dem Helden ein anderes Ungetm in den Weg, Kyknos, der Sohn des Ares und der Pyrene. Dieser, von dem Halbgotte nach den Grten der Hesperiden befragt, forderte statt aller Antwort den Wanderer zum Zweikampf heraus und wurde von Herakles erschlagen. Da erschien Ares, der Gott, selbst, den getteten Sohn zu rchen, und Herakles sah sich gezwungen, mit ihm zu kmpfen. Aber Zeus wollte nicht, da seine Shne Bruderblut vergssen, und ein pltzlich mitten zwischen beide geschleuderter Blitz trennte die Kmpfer. Herakles schritt nun weiter durchs illyrische Land, eilte ber den Flu Eridanos und kam zu den Nymphen des Zeus und der Themis, die an den Ufern dieses Stromes wohnten. Auch an sie richtete der Held seine Frage. Geh zu dem alten Stromgotte Nereus, war ihre Antwort, der ist ein Wahrsager und wei alle Dinge. berfall ihn im Schlafe und binde ihn, so wird er, gezwungen, den rechten Weg dir angeben. Herakles befolgte diesen Rat und bemeisterte sich des Flugottes, obgleich dieser nach seiner Gewohnheit sich in allerlei Gestalten verwandelte. Er lie ihn nicht eher los, bis er erkundet hatte, in welcher Weltgegend er die goldenen pfel der Hesperiden antreffen werde. Hierber belehrt, durchzog er weiter Libyen und gypten. ber das letztere Land herrschte Busiris, der Sohn des Poseidon und der Lysianassa. Ihm war bei einer neunjhrigen Teurung durch einen Wahrsager aus Zypern das grausame Orakel geworden, da die Unfruchtbarkeit aufhren sollte, wenn dem Zeus jhrlich ein fremder Mann geschlachtet wrde. Zum Danke machte Busiris den Anfang mit dem Wahrsager selbst; allmhlich fand der Barbar ein Gefallen an dieser Gewohnheit und schlachtete alle Fremdlinge, welche nach gypten kamen. So wurde denn auch Herakles ergriffen und zu den Altren des Zeus geschleppt. Er aber ri die Bande, die ihn fesselten, entzwei und erschlug den Busiris mitsamt seinem Sohn und dem priesterlichen Herold. Unter mancherlei Abenteuern zog der Held weiter, befreite, wie schon erzhlt worden ist, den an den Kaukasus geschmiedeten Titanen Prometheus und gelangte endlich, nach der Anweisung des Entfesselten, in das Land, wo Atlas die Last des Himmels trug und in dessen Nhe der Baum mit den goldenen pfeln von den Hesperiden gehtet wurde. Prometheus hatte dem Halbgotte geraten, sich nicht selbst dem Raube der goldenen Frchte zu unterziehen, sondern den Atlas auf diesen Fang auszusenden. Er selbst erbot sich dafr diesem, solange das Tragen des Himmels auf sich zu nehmen. Atlas bezeigte sich willig, und Herakles stemmte die mchtigen Schultern dem Himmelsgewlbe unter. Jener dagegen machte sich auf, schlferte den um den Baum sich ringelnden Drachen ein, ttete ihn, berlistete die Hterinnen und kam mit drei pfeln, die er gepflckt, glcklich zu Herakles. Aber, sprach er, meine Schultern haben nun einmal empfunden, wie es schmeckt, wenn der eherne Himmel nicht auf ihnen lastet. Ich mag ihn frder nicht wieder tragen. So warf er die pfel vor dem Halbgott auf den Rasen und lie diesen mit der ungewohnten, unertrglichen Last stehen. Herakles mute auf eine List sinnen, um loszukommen. La mich, sprach er zu dem Himmelstrger, nur einen Bausch von Stricken um den Kopf winden, damit mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt. Atlas fand die Forderung billig und stellte sich, nach seiner Meinung auf wenige Augenblicke, dem Himmel wieder unter. Aber er konnte lange warten, bis Herakles ihn wieder ablste, und der Betrger wurde zum Betrogenen. Denn jener nahm die Frchte vom Rasen auf und ging davon. Er brachte sie dem Eurystheus, der sie, da sein Zweck, den Herakles aus dem Wege zu rumen, doch nicht erreicht war, dem Helden wieder als Geschenk zurckgab. Der legte sie auf dem Altare Athenes nieder; die Gttin aber wute, da es der heiligen Bestimmung dieser gttlichen Frchte zuwider war, irgendwo anders aufbewahrt zu werden, und so trug sie die pfel wieder in den Garten der Hesperiden zurck.

Statt den verhaten Nebenbuhler zu vernichten, hatten die bisher ihm von Eurystheus aufgetragenen Arbeiten den Herakles nur in dem Berufe verherrlicht, der ihm vom Schicksal angewiesen war; sie hatten ihn als Vertilger jener Unmenschlichkeit auf Erden, als den echt menschlichen Wohltter der Sterblichen dargestellt. Das letzte Abenteuer aber sollte er in einer Region bestehen, wohin ihn  so hoffte der arglistige Knig  seine Heldenkraft nicht begleiten wrde; ein Kampf mit den finsteren Mchten der Unterwelt stand ihm bevor: er sollte Kerberos, den Hllenhund, aus dem Hades heraufbringen. Dies Untier hatte drei Hundskpfe mit grlichen Rachen, aus denen unaufhrlich giftiger Geifer trufte, ein Drachenschwanz hing ihm vom Leibe herunter, und das Haar der Kpfe und des Rckens bildeten zischende, geringelte Schlangen. Sich fr diese Grausen erregende Fahrt zu befhigen, ging Herakles in die Stadt Eleusis im attischen Gebiete, wo eine Geheimlehre ber gttliche Dinge der Ober- und Unterwelt von kundigen Priestern gehegt wurde, und lie sich von dem Priester Eumolpos in die dortigen Geheimnisse einweihen, nachdem er an heiliger Sttte vom Morde der Zentauren entsndigt worden war. So mit geheimer Kraft, den Schrecken der Unterwelt zu begegnen, ausgerstet, wanderte er in den Peloponnes und nach der lakonischen Stadt Tainaron, wo sich die Mndung der Unterwelt befand. Hier stieg er, von Hermes, dem Begleiter der Seelen, geleitet, die tiefe Erdkluft hinab und kam zur Unterwelt vor die Stadt des Kniges Pluto. Die Schatten, die vor den Toren der Hadesstadt traurig lustwandelten  denn in der Unterwelt ist kein heiteres Leben wie im Sonnenlichte , ergriffen die Flucht, als sie Fleisch und Blut in lebendiger Menschengestalt erblickten; nur die Gorgone Medusa und der Geist Meleagers hielten stand. Nach jeder wollte Herakles einen Schwertstreich fhren, aber Hermes fiel ihm in den Arm und belehrte ihn, da die Seele der Abgeschiedenen leere Schattenbilder und vom Schwerte nicht verwundbar seien. Mit der Seele Meleagers dagegen unterhielt sich der Halbgott freundlich und empfing von ihm sehnschtige Gre fr die Oberwelt an seine geliebte Schwester Deianira. Ganz nahe zu den Pforten des Hades gekommen, erblickte er seine Freunde Theseus und Peirithoos, der letzte hatte sich in der Unterwelt, vom andern begleitet, als Freier der Persephone eingefunden, und beide waren wegen dieses frechen Unterfangens von Pluto an den Stein, auf den die Ermdeten sich niedergelassen hatten, gefesselt worden. Als beide den befreundeten Halbgott erblickten, streckten sie flehend die Hnde nach ihm aus und zitterten vor Hoffnung, durch seine Kraft die Oberwelt wieder erklimmen zu knnen. Den Theseus ergriff auch Herakles wirklich bei der Hand, befreite ihn von seinen Banden und richtete ihn vom Boden, an den er gefesselt gelegen hatte, wieder auf. Ein zweiter Versuch, auch den Peirithoos zu befreien, milang, denn die Erde fing an, ihm unter den Fen zu beben. Vorschreitend erkannte Herakles auch den Askalaphos, der einst verraten hatte, da Persephone von den Rckkehr verwehrenden Granatpfeln des Hades gegessen; er wlzte den Stein ab, den Demeter in Verzweiflung ber den Verlust ihrer Tochter auf ihn gewlzt hatte. Dann fiel er unter die Herden des Pluto und schlachtete eines der Rinder, um die Seelen mit Blute zu trnken; dies wollte der Hirte dieser Rinder, Mentios, nicht gestatten und forderte deswegen den Helden zum Ringkampfe auf. Herakles aber fate ihn mitten um den Leib, zerbrach ihm die Rippen und gab ihn nur auf Bitten der Unterweltsfrstin Persephone selbst wieder frei. Am Tore der Totenstadt stand der Knig Pluto und verwehrte ihm den Eintritt. Aber das Pfeilgescho des Heroen durchbohrte den Gott an der Schulter, da er Qualen der Sterblichen empfand und, als der Halbgott nun bescheidentlich um Entfhrung des Hllenhundes bat, sich nicht lnger widersetzte. Doch forderte er als Bedingung, da Herakles desselben mchtig werden sollte, ohne die Waffen zu gebrauchen, die er bei sich fhre. So ging der Held, einzig mit seinem Brustharnische bedeckt und mit der Lwenhaut umhangen, aus, das Untier zu fahen. Er fand ihn an der Mndung des Acheron hingekauert, und ohne auf das Bellen des Dreikopfs zu achten, das wie ein sich in Widerhallen vervielfltigender dumpfer Donner tnte, nahm er die Kpfe zwischen die Beine, umschlang den Hals mit den Armen und lie ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Tieres, der eine lebendige Schlange war, sich vorwrts bumte und der Drache ihn in die Weiche bi. Er hielt den Nacken des Ungetmes fest und schnrte ihn so lange zu, bis er ber das ungebrdige Tier Meister ward, da er es dann aufhob und durch eine andere Mndung des Hades bei Trzen im argoischen Lande glcklich wieder zur Oberwelt auftauchte. Als der Hllenhund das Tageslicht erblickte, entsetzte er sich und fing an, den Geifer von sich zu speien; davon wuchs der giftige Eisenhut aus dem Boden hervor. Herakles brachte das Ungeheuer in Fesseln sofort nach Tiryns und hielt es dem staunenden Eurystheus, der seinen eigenen Augen nicht traute, entgegen. Jetzt verzweifelte der Knig daran, jemals des verhaten Zeussohnes loszuwerden, ergab sich in sein Schicksal und entlie den Helden, der den Hllenhund zurck in die Unterwelt brachte.



Herakles und Eurytos

Herakles, nach allen diesen Mhsalen endlich vom Dienste des Eurystheus befreit, kehrte nach Theben zurck. Mit seiner Gemahlin Megara, der er im Wahnsinne die Kinder umgebracht hatte, konnte er nicht mehr leben; er trat sie daher mit ihrem Willen seinem geliebten Vetter Iolaos zur Gattin ab und dachte selbst auf eine neue Vermhlung. Seine Neigung wandte sich der schnen Iole zu, der Tochter des Kniges Eurytos zu chalia auf der Insel Euba, der den Herakles einst als Knaben in der Kunst des Bogenschieens unterrichtet hatte. Dieser Knig hatte seine Tochter demjenigen Wettkmpfer versprochen, der ihn und seine Shne im Bogenschieen bertreffen wrde. Auf diese Bekanntmachung eilte Herakles nach chalia und trat unter der Schar der Bewerber auf. Er bewies in diesem Wettkampfe, da er kein unwrdiger Schler des alten Eurytos gewesen; denn er besiegte ihn und seine Shne. Der Knig hielt seinen Gast in allen Ehren; im Herz aber erschrak er gewaltig ber dessen Sieg, denn er mute an das Schicksal der Megara denken und frchtete fr seine Tochter ein gleiches Los. Er erklrte daher auf die Anfrage des Helden, sich wegen der Heirat noch lngere Zeit zu bedenken zu wollen. Inzwischen war der lteste Sohn des Eurytos, Iphitos, ein Altersgenosse des Herakles, der eine neidlose Freude ber die Strke und Heldenherrlichkeit seines Gastes empfand, sein inniger Freund geworden und wandte alle Knste der berredung an, um seinen Vater dem edlen Fremdling geneigter zu machen. Eurystos aber beharrte auf seiner Weigerung. Gekrnkt verlie Herakles das Knigshaus und irrte lang in der Fremde umher. Was ihm hier bei dem Knige Admet begegnet, soll der nchste Abschnitt erzhlen. Mittlerweile kam ein Bote vor den Knig Eurytos und meldete, da ein Ruber unter die Rinderherde des Kniges gefallen sei. Es hatte dies der listige und betrgerische Autolykos verbt, dessen Diebereien weit und breit bekannt waren. Der erbitterte Knig aber sprach: Dies hat kein anderer getan als Herakles; solche unedle Rache nimmt er, weil ich ihm, dem Mrder seiner Kinder, die Tochter versagt habe! Iphitos verteidigte seinen Freund mit warmen Worten und erbot sich, selbst zu Herakles zu gehen und mit ihm die gestohlenen Rinder aufzusuchen. Dieser nahm den Knigssohn gastlich auf und zeigte sich bereitwillig, den Zug mit ihm zu bernehmen. Indessen kehrten sie unverrichteter Dinge zurck, und als sie die Mauern von Tiryns bestiegen hatten, um mit den Blicken die Gegend durchschweifen und die gestohlenen Rinder irgendwo entdecken zu knnen, siehe, da bemchtigte sich der unselige Wahnsinn auf einmal wieder des Heldengeistes; Herakles, von Heras Zorn getrieben, hielt seinen treuen Freund Iphitos fr einen Mitverschworenen des Vaters und strzte ihn ber die hohen Stadtmauern von Tiryns hinab.



Herakles bei Admetos

Zu der Zeit, als der Held, aus dem Hause des Knigs von chalia mit Unwillen entwichen, in der Irre umherstreifte, hat sich folgendes begeben. Zu Pherai in Thessalien lebte der edle Knig Admet mit seiner jungen und schnen Gemahlin Alkestis, die ihren Gatten ber alles liebte, von blhenden Kindern umringt, von glcklichen Untertanen geliebt. In frherer Zeit, als Apollo, der die Zyklopen gettet hatte, aus dem Olymp entflohen war und sich gezwungen sah, einem Sterblichen dienstbar zu werden, hatte ihn Admet, der Sohn des Pheres, liebreich aufgenommen; ihm hatte er als Sklave die Rinder geweidet. Seitdem stand der Knig unter dem wirksamen Schutze des spter von seinem Vater Zeus wieder zu Gnaden angenommenen Gottes. Als nun die Lebenszeit Admets verstrichen und vom Schicksal ihm der Tod zuerkannt war, da wirkte sein Freund Apollo, dem dies als einem Gotte bewut, bei den Schicksalsgttinnen aus, da sie ihm gelobten, Admet solle dem Hades, der ihn bedrohte, entfliehen, wenn ein anderer Mensch fr ihn sterben und in das Totenreich hinabsteigen wollte. Apollo verlie daher den Olymp und kam nach Pherai zu seinem alten Gastfreunde, ihm und den Seinigen die Botschaft von dem Tode, den das Geschick ber ihn beschlossen, zu berbringen, zugleich aber ihm das Mittel anzugeben, wodurch er seinem Schicksal zu entrinnen vermge. Admet war ein redlicher Mann, aber er liebte das Leben; und auch alle die Seinigen samt seinen Untertanen erschraken, da dem Hause die Sttze, der Gattin und den Kindern Gatte und Vater, dem Volke ein milder Herrscher geraubt werden sollte. Deswegen ging Admet umher und forschte, wo er einen Freund fnde, der fr ihn sterben wollte. Aber da war nicht einer, der dazu Lust gehabt htte, und sosehr sie vorher den Verlust, der ihnen bevorstnde, bejammert hatten, so kalt wurde ihr Sinn, als sie hrten, unter welcher Bedingung ihm das Leben erhalten werden knnte. Selbst der greise Vater des Kniges, Pheres, und die gleichfalls hochbetagte Mutter, die den Tod jede Stunde vor sich sahen, wollten das wenige Leben, das sie noch zu hoffen hatten, nicht fr den Sohn dahingeben. Nur Alkestis, seine blhende, lebensvolle Gattin, die glckliche Mutter hoffnungsvoll heranblhender Kinder, war von so reiner und aufopfernder Liebe zu dem Gemahl beseelt, da sie sich bereit erklrte, dem Sonnenlichte fr ihn zu entsagen. Kaum war diese Erklrung aus ihrem Munde gegangen, als auch schon der schwarze Priester der Toten, Thanatos (der Tod), den Toren des Palastes nahte, sein Opfer ins Schattenreich hinabzufhren. Denn er wute Tag und Stunde genau, an welchem Admet vom Schicksale bestimmt gewesen war, zu sterben. Als Apollo den Tod herankommen sah, verlie er schnell den Knigspalast, um, der Gott des Lebens, von seiner Nhe nicht entheiligt zu werden. Die fromme Alkestis aber, als sie den entscheidenden Tag sich nahen sah, reinigte sich, als Opfer des Todes, in flieendem Wasser, nahm festliches Gewand und Geschmeide aus dem Schranke von Zedernholz, und nachdem sie so sich ganz wrdevoll geschmckt, betete sie vor ihrem Hausaltare zur Gttin der Unterwelt. Dann umschlang sie Kinder und Gemahl und trat endlich, von Tag zu Tag mehr abgezehrt, zur bestimmten Stunde von ihren Dienerinnen umringt, an der Seite ihres Gatten und ihrer Kinder, in das Gemach, wo sie den Boten der Unterwelt empfangen wollte. Hier schickte sie sich zum feierlichen Abschiede von den Ihrigen an. La mich zu dir reden, was mein Herz begehrt, sprach sie zu ihrem Gemahle. Weil dein Leben mir teurer ist als das meinige, sterbe ich fr dich jetzt, wo mir das Sterben noch nicht drohte, wo ich, einen edlen Thessalier zum zweiten Gemahle whlend, im beglckten Frstenhause htte wohnen knnen. Aber ich wollte nicht leben, deiner beraubt, die verwaisten Kinder anschauend. Dein Vater und deine Mutter haben dich verraten, da doch ihnen Sterben rhmlicher gewesen wre; denn dann wrest du nicht einsam geworden und httest keine Waisen aufzuziehen gehabt. Doch da es die Gtter einmal so gefgt haben, so bitte ich dich nur, meiner Wohltat eingedenk zu sein und den Kleinen, welche du nicht weniger liebest als ich, die ich sie verlassen mu, kein anderes Weib als Mutter zuzufhren, das, von Neid geqult, sie selber plagen knnte. Unter Trnen schwur ihr der Gemahl, da, wie sie im Leben die Seine gewesen, so auch im Tode nur sie ihm Gattin heien solle. Dann bergab ihm Alkestis die wehklagenden Kinder und sank ohnmchtig nieder.

Unter den Vorbereitungen zur Bestattung geschah es nun, da der umherirrende Herakles nach Pherai und vor die Tore des Knigspalastes kam. Eingelassen, geriet er in eine Unterredung mit den Dienern des Hauses, und zufllig kam Admet selbst dazu. Dieser nahm seinen Gast, den eigenen Kummer unterdrckend, mit groer Herzlichkeit auf, und als Herakles, durch den Anblick seiner Trauerkleider betroffen, ihn um seinen Verlust befragte, erwiderte er, um den Gast nicht zu betrben oder gar zu verscheuchen, auf eine so verdeckte Weise, da Herakles der Meinung war, es sei eine ferne Anverwandte des Admet, die zu Besuche bei dem Knige war, gestorben. Er blieb daher frhlichen Sinnes, lie sich von einem Sklaven in das Gastgemach geleiten und hier Wein vorsetzen. Als ihm die Traurigkeit des Dieners auffiel, schalt er diesen um sein bermiges Leid. Was siehst du mich so ernst und feierlich an? sprach er. Ein Diener mu gefllig gegen Fremdlinge sein! Was ist's auch, wenn eine Fremde in eurem Hause gestorben ist; weit du denn nicht, da dies das allgemeine Los der Menschen ist? Den Trbseligen ist das Leben eine Qual; geh, bekrnze dich, wie du mich siehst, und trinke mit mir! Ich wei gewi, ein berwallender Becher wird bald alle Runzeln deiner Stirne vertreiben. Aber der Diener wandte sich mit Grauen ab. Uns traf ein Geschick, sprach er, dem nicht Lachen und Schmausen ziemt. Frwahr, der Sohn des Pheres ist nur allzu gastfreundlich, da er in so tiefer Trauer einen so leichtsinnigen Gast aufgenommen hat. Soll ich nicht frhlich sein, erwiderte Herakles verdrielich, weil eine fremde Frau gestorben ist? Eine fremde Frau! rief der Diener verwundert. Dir mochte sie fremd sein; uns war sie es nicht! So hat mir Admet seinen Unfall nicht recht berichtet, sagte Herakles stutzend. Aber der Sklave sprach: Nun sei du immerhin frhlich; der Gebieter Weh geht ja nur ihre Freunde und Diener an! Aber Herakles hatte keine Ruhe mehr, bis er die Wahrheit erfahren hatte. Ist's mglich, rief er, eines so herrlichen Weibes ward er beraubt, und dennoch hat er den Fremdling so gastlich aufgenommen? Trat ich doch mit geheimem Widerwillen zum Tore herein, und nun hab ich hier im Trauerhause das Haupt mit Krnzen geschmckt, gejubelt und getrunken! Aber sage mir, wo liegt das fromme Weib bestattet? Wenn du den geraden Weg gehst, der nach Larissa fhrt, antwortete der Sklave, so siehst du das schmucke Totenmal, das ihr schon aufgerichtet ist. Mit diesen Worten verlie der Diener weinend den Fremdling.

Allein gelassen, brach Herakles in keine Klagen aus, sondern der Held hatte schnell einen Entschlu gefat. Retten mu ich, sprach er zu sich selbst, diese Gestorbene, sie wieder einfhren in das Haus des Gatten; anders kann ich seine Gunst nicht wrdig vergelten. Ich gehe an das Grabmal; dort harre ich des Thanatos, des Totenbeherrschers. Ich finde ihn wohl, wie er kommt, das Opferblut zu trinken, das ihm ber dem Denkmal der Verstorbenen gespendet wird. Dann springe ich aus dem Hinterhalte hervor, ergreife ihn schnell, umschlinge ihn mit den Hnden, und keine Macht auf Erden soll ihn mir entreien, ehe er mir seine Beute berlt. Mit diesem Vorsatze verlie er in aller Stille den Palast des Knigs.

Admet war in sein verdetes Haus zurckgekehrt und trauerte mit seinen verlassenen Kindern in schmerzlicher Sehnsucht nach der geopferten Gattin, und kein Trost getreuer Diener vermochte seinen Kummer zu lindern. Da betrat sein Gastfreund Herakles die Schwelle wieder, ein verschleiertes Weib an der Hand fhrend. Du hast nicht wohl daran getan, o Knig, mir den Tod deiner Gattin zu verhehlen; du nahmst mich in dein Haus auf, als ob nur fremdes Leiden dich bekmmerte; so habe ich unwissend gro Unrecht getan und im Unglckshause frhliches Trankopfer ausgegossen. Doch will ich dich in deinem Ungemache nicht noch weiter betrben. Hre jedoch, warum ich noch einmal gekommen bin. Diese Jungfrau hier habe ich als Siegeslohn bei einem Kampfspiele empfangen. Nun gehe ich hin, neue Kmpfe zu bestehen. Bis ich diese vollbracht habe, bergebe ich dir die Jungfrau als Dienerin; sorge du fr sie als das Eigentum eines Freundes.

Admet erschrak, als er den Herakles so sprechen hrte. Nicht, weil ich den Freund verachtet oder verkannt htte, erwiderte er, habe ich dir meiner Gattin Tod verborgen, sondern um mir nicht noch mehr Leiden dadurch zu bereiten, da ich dich in eines anderen Freundes Haus davonziehen liee. Dieses Weib aber, Herr, bitte ich dich, einem andern Bewohner von Pherai zuzufhren, nicht mir, der ich soviel gelitten habe. Hast du ja doch genug Gastfreunde in dieser Stadt. Wie knnte ich ohne Trnen diese Jungfrau in meinem Hause erblicken? Den Mnneraufenthalt knnte ich ihr nicht zur Wohnung geben, und sollte ich ihr die Gemcher der verstorbenen Gattin einrumen? Das sei ferne! Ich frchte 
Herakles im Dienste der Omphale

Der Mord des Iphitos, obgleich im Wahnsinne verbt, lag schwer auf Herakles. Er wanderte von einem Priesterknige zum andern, um sich reinigen zu lassen; erst zum Knige Neleus von Pylos, dann zu Hippokoon, Knig von Sparta: aber beide weigerten sich dessen; der dritte endlich, Dephobos, ein Knig zu Amyklai, bernahm es, ihn zu entshnen. Nichtsdestoweniger schlugen ihn die Gtter zur Strafe der Untat mit einer schweren Krankheit. Der Held, sonst von Kraft und Gesundheit strotzend, konnte das pltzliche Siechtum nicht ertragen. Er wandte sich nach Delphi und hoffte bei dem pythischen Orakel Genesung zu finden. Aber die Priesterin verweigerte ihm, als einem Mrder, ihren Spruch. Da raubte er im Heldenzorn den Dreifu, trug ihn hinaus aufs Feld und errichtete ein eigenes Orakel. Erbost ber diesen khnen Eingriff in seine Rechte, erschien Apoll und forderte den Halbgott zum Kampfe heraus. Aber Zeus wollte auch diesmal kein Bruderblut flieen sehen; er schlichtete den Kampf, indem er einen Donnerkeil zwischen die Streitenden warf. Jetzt erhielt endlich Herakles einen Orakelspruch, welchem zufolge er von seinem bel befreit werden sollte, wenn er zu dreijhrigem Knechtsdienste verkauft wrde, das Handgeld aber als Shne dem Vater gbe, dem er den Sohn erschlagen. Herakles, von Krankheit berwltigt, fgte sich in diesen harten Spruch. Er schiffte sich mit einigen Freunden nach Asien ein und wurde dort von einem derselben mit seiner Einwilligung als Sklave verkauft an Omphale, die Tochter des Iardanos, die Knigin des damaligen Moniens, was spter Lydien hie. Den Kaufpreis brachte der Verkufer, dem Orakel gem, dem Eurytos, und als dieser das Geld zurckwies, bergab er es den Kindern des erschlagenen Iphitos. Jetzt wurde Herakles wieder gesund. Im Vollgefhle der wiedergewonnenen Krperkraft zeigte er sich anfangs auch als Sklave der Omphale noch als Held und fuhr fort, in seinem Berufe als ein Wohltter der Menschheit zu wirken. Er zchtigte alle Ruber, welche das Gebiet seiner Herrin und der Nachbarn beunruhigten. Die Kerkopen, die in der Gegend von Ephesus hausten und durch Plnderung viel Schaden anrichteten, wurden von ihm teils erschlagen, teils gebunden der Omphale berliefert. Den Knig Syleus in Aulis, einen Sohn des Poseidon, der die Reisenden auffing und sie zwang, ihm die Weinberge zu hacken, erschlug er mit dem Spaten und grub seine Weinstcke mit den Wurzeln aus. Den Itonen, die wiederholt ins Land der Omphale einfielen, zerstrte er ihre Stadt von Grund aus und machte smtliche Einwohner zu Sklaven. In Lydien trieb damals Lityerses, ein unechter Sohn des Midas, sein Wesen. Er war ein reichbegterter Mann und lud alle Fremden, die bei seinem Sitze vorberreisten, hflich zu Gaste. Nach dem Mahle zwang er sie, mit ihm in seine Ernte zu gehen, und des Abends schlug er ihnen die Kpfe ab. Auch diesen Tyrannen brachte Herakles um und warf ihn in den Flu Mander. Einmal fuhr er auf einem dieser Zge die Insel Doliche an und sah hier einen Leichnam, von den Wellen herangesplt, am Gestade liegen. Es war die Leiche des unglcklichen Ikaros, der mit den wachsgefgten Flgeln seines Vaters auf der Flucht aus dem Labyrinthe zu Kreta der Sonne zu nahe gekommen und in das Meer gefallen war. Mitleidig begrub Herakles den Verunglckten und gab der Insel, ihm zu Ehren, den Namen Ikaria. Fr diesen Dienst errichtete der Vater des Ikaros, der kunstreiche Ddalos, das wohlgetroffene Bildnis des Herakles zu Pisa. Der Held selbst aber, als er einst dorthin kam, hielt das Bild, von der Dunkelheit der Nacht getuscht, fr belebt. Seine eigene Heldengebrde erschien ihm als das Drohen eines Feindes, er griff zu einem Steine und zerschmetterte so das schne Denkmal, das seiner Barmherzigkeit vom Freunde gesetzt worden war. In die Zeit seiner Knechtschaft bei Omphale fiel auch die Teilnahme des Helden an der Jagd des Kalydonischen Ebers.

Omphale bewunderte die Tapferkeit ihres Knechts und mochte wohl ahnen, da ein herrlicher, weltberhmter Held ihr Sklave sei. Nachdem sie erfahren, da er Herakles, der groe Sohn des Zeus sei, gab sie ihm nicht nur in Anerkenntnis seiner Verdienste die Freiheit wieder, sondern sie vermhlte sich auch mit ihm. Aber Herakles verga hier im ppigen Leben des Morgenlandes der Lehren, die ihm die Tugend am Scheidewege seines Jugendlebens gegeben; er versank in weibische Wollust. Dadurch geriet er bei seiner Gemahlin Omphale selbst in Verachtung; sie kleidete sich in die Lwenhaut des Helden, ihm selbst aber lie sie weichliche lydische Weiberkleider anlegen und brachte ihn in seiner blinden Liebe so weit, da er, zu ihren Fen sitzend, Wolle spann. Der Nacken, dem einst bei Atlas der Himmel eine leichte Last gewesen war, trug jetzt ein goldenes Weiberhalsband; die nervigen Heldenarme umspannten Armbnder, mit Juwelen besetzt; sein Haar quoll ungeschoren unter einer Mitra hervor; langes Frauengewand wallte ber die Heldenglieder herab. So sa er, den Wocken vor sich, unter den ionischen Mgden, spann mit seinen knochigen Fingern den dicken Faden ab und frchtete das Schelten seiner Herrin, wenn er sein Tagewerk nicht vollstndig geliefert. War sie aber guter Laune, so mute der Mann in Weibertracht ihr und ihren Frauen die Taten seiner Heldenjugend erzhlen: wie er die Schlangen mit der Knabenhand erdrckt, wie den Riesen Geryones als Jngling erlegt, wie der Hyder den unsterblichen Kopf abgeschlagen, wie den Hllenhund aus dem Rachen des Hades heraufgezogen. An diesen Taten ergtzten sich dann die Weiber, wie man an Ammenmrchen Freude hat.

Endlich, als seine Dienstjahre bei Omphale vorber waren, erwachte Herakles aus seiner Verblendung. Mit Abscheu schttelte er die Weiberkleider ab, und es kostete ihn nur das Wollen eines Augenblicks, so war er wieder der krafterfllte Zeussohn, voll von Heldenentschlssen. Der Freiheit zurckgegeben, beschlo er, zuallererst an seinen Feinden Rache zu nehmen.
die ble Nachrede der Pheraier, ich frchte auch den Tadel der Entschlafenen! So sprach abwehrend der Knig; aber ein wunderbares Sehnen zog seine Blicke doch wieder auf die tief verschleierte Gestalt. Wer du auch seiest, o Weib, sagte er seufzend, wisse, da du an Gre und Gestalt wundersam meiner Alkestis gleichest. Bei den Gttern beschwre ich dich, Herakles, fhre mir diese Frau aus den Augen und qule den Gequlten nicht noch mehr; denn wenn ich sie erblicke, whne ich mein verstorbenes Gemahl zu sehen, ein Strom von Trnen bricht aus meinen Augen, und aufs neue versinke ich in Kmmernis. Herakles unterdrckte sein wahres Gefhl und antwortete betrbt: O wre mir von Zeus die Macht verliehen, dir dein heldenmtiges Weib aus dem Schattenreich ans Licht zurckzufhren und dir fr deine Gte solche Gunst zu erweisen! Ich wei, du ttest es, erwiderte Admet; wann aber kehrte je ein Toter aus dem Schattenreiche zurck? Nun, fuhr Herakles lebhafter fort, weil dies nicht geschehen kann, so gestatte der Zeit, deinen Kummer zu lindern; den Toten geschieht doch kein Gefallen mit der Trauer. Verbanne auch den Gedanken nicht ganz, da eine zweite Gattin dir einst noch das Leben erheitern kann. Endlich, mir zuliebe nimm das edle Mdchen, das ich dir hier bringe, in dein Haus auf. Versuch es wenigstens; sobald es dir nicht frommen sollte, soll sie dein Haus wieder verlassen! Admet sah sich von dem Gaste, den er nicht beleidigen wollte, bedrngt; er befahl, jedoch nur ungerne, da die Diener das Weib in die innern Gemcher geleiten sollten. Aber Herakles gab dieses nicht zu. Vertraue, sprach er, mein Kleinod keinen Sklavenhnden, o Frst! Du selbst, wenn es dir gefllt, sollst sie hineinfhren! Nein, sprach Admet, ich berhre sie nicht; ich wrde schon so das Wort, das ich der geliebten Toten gegeben habe, zu verletzen glauben. Eingehen mge sie, aber ohne mich! Doch Herakles ruhte nicht, bis er die Hand der Verschleierten ergriffen hatte. Nun dann, sagte Herakles freudig, so bewahre sie; blicke die Jungfrau auch recht an, ob sie wirklich deinem Ehegemahl gleicht, und ende deinen Gram!

Damit enthllte er die Verschleierte und gab dem in Staunen zweifelnden Knig seine wiederbelebte Gemahlin zu schauen. Whrend Admet, wie leblos, die Lebende an der Hand hielt und sich mit Furcht und Zittern an ihrem Anblick weidete, erzhlte ihm der Halbgott, wie er den Thanatos am Grabeshgel ergriffen und seine Beute ihm abgerungen habe. Da sank der Knig in die Arme seines Weibes. Aber diese blieb sprachlos und durfte seinen zrtlichen Ausruf nicht erwidern. Du wirst, belehrte ihn Herakles, ihre Stimme nicht wieder vernehmen, als bis die Totenweihe von ihr genommen und der dritte Tag erschienen ist. Doch fhre sie getrost hinein in dein Gemach und erfreue dich ihres Besitzes. Er ist dir zuteil geworden, weil du an Fremdlingen so edle Gastfreundschaft gebt hast! Mich aber la meinem Geschicke nachziehen! So zeuch in Frieden, Held! rief Admet dem Scheidenden nach. Du hast mich in ein besseres Leben zurckgefhrt; glaube mir, da ich meine Seligkeit dankbar erkenne! Alle Brger meines Knigreichs sollen mir Chortnze auffhren helfen, und Opferduft entsteige den Altren! Dabei wollen wir dein, o du mchtiger Zeussohn, in Dank und Liebe gedenken.



Die spteren Heldentaten des Herakles

Vor allen Dingen machte er sich auf den Weg, den gewaltttigen und eigenmchtigen Knig Laomedon, den Erbauer und Beherrscher Trojas, zu zchtigen. Denn als Herakles, von dem Amazonenkampfe zurckkehrend, die von dem Drachen bedrohte Tochter dieses Frsten, Hesione, befreit hatte, hielt ihm der wortbrchige Laomedon den versprochenen Lohn, die schnellen Zeuspferde, zurck und hie ihn scheltend weiterziehen. Jetzt nahm Herakles nicht mehr als sechs Schiffe und nur eine geringe Menge Kriegsvolkes mit sich. Aber unter diesen waren die ersten Helden Griechenlands, Peleus, Okleus, Telamon. Zu dem letztern war Herakles in seine Lwenhaut gekleidet gekommen und hatte ihn eben beim Schmause getroffen. Telamon erhob sich vom Tische und reichte dem willkommenen Gast eine goldne Schale voll Weines, hie ihn sitzen und trinken. Freudig bewegt von solcher Gastfreundschaft, hub Herakles die Hnde gen Himmel und betete: Vater Zeus, wenn du je meine Bitten gndig erhret hast, so flehe ich jetzt zu dir, da du dem kinderlosen Telamon hier einen khnen Sohn zum Erben verleihen mgest, so unverwundbar, wie ich es in dieser Haut des Nemeischen Lwen bin. Hoher Mut soll ihm immer zur Seite sein! Kaum hatte Herakles das Wort geredet, so sandte ihm der Gott den Knig der Vgel, einen mchtigen Adler. Dem Herakles lachte darber das Herz im Leibe; wie ein Wahrsager rief er begeistert aus: Ja, Telamon, du wirst den Sohn haben, den du begehrst; herrlich wird er werden wie dieser gebieterische Adler, und Ajax soll sein Name sein, weithin gewaltig im Werk des Kriegsgotts. So sprach er und setzte sich wieder nieder zum Schmause; dann zogen sie, Telamon und Herakles, vereint mit den andern Helden, in den Krieg gegen Troja. Als sie dort ans Land gestiegen, bertrug Herakles die Wache bei den Schiffen dem Okleus; er selbst mit den brigen Helden rckte gegen die Stadt vor. Inzwischen hatte Laomedon mit eilig zusammengerafftem Volke die Schiffe der Heroen berfallen und den Okleus im Kampfe gettet; aber als er sich wieder entfernen wollte, wurde er von den Gefhrten des Herakles umringt. Die Belagerung wurde unterdessen scharf betrieben; Telamon durchbrach die Mauer und war der erste, der in die Stadt eindrang. Erst hinter ihm kam Herakles. Es war das erste Mal in seinem Leben, da der Held sich in Tapferkeit von einem andern bertroffen sah; die schwarze Eifersucht bemchtigte sich seines Geistes, und ein bser Gedanke stieg in seinem Herzen auf. er zckte das Schwert und war im Begriffe, den vor ihm herschreitenden Telamon niederzuhauen. Dieser blickte sich um und erriet das Vorhaben des Herakles an seiner Gebrde. Schnell besonnen, las er die nchstgelegenen Steine zusammen, und auf des Nebenbuhlers Frage, was er hier mache, erwiderte er: Ich baue Herakles, dem Sieger, einen Altar! Diese Antwort entwaffnete den eiferschtigen Zorn des Helden. Sie kmpften wieder gemeinsam, und Herakles erlegte den Laomedon samt allen seinen Shnen, nur einen ausgenommen, mit seinen Pfeilen. Als die Stadt erobert war, schenkte er Laomedons Tochter Hesione seinem Freunde Telamon als Siegesbeute. Zugleich gab er ihr die Erlaubnis, nach eigener Wahl einen der Gefangenen in Freiheit zu setzen. Sie whlte ihren Bruder Podarkes. Es ist recht, er sei dein, sagte Herakles, aber er mu vorher die Schmach erlitten haben und Knecht gewesen sein; dann magst du ihn um den Preis, den du fr ihn geben willst, hinnehmen! Als der Knabe nun wirklich zum Sklaven verkauft war, ri Hesione ihren kniglichen Schmuck vom Haupte und gab ihn als Lsegeld fr den Bruder hin; daher trug dieser den Namen Priamos (der Losgekaufte) davon. Von ihm wird die Sage vieles zu erzhlen haben.

Hera gnnte dem Halbgotte diesen Triumph nicht. Auf der Heimfahrt von Troja wurde er durch ihre Schickung von schweren Ungewittern berfallen, bis der ergrimmte Zeus ihrem Schalten Einhalt tat. Nach mancherlei Abenteuern beschlo der Held eine zweite Rache am Knig Augias zu nehmen, der ihm auch einst den versprochenen Lohn vorenthalten hatte; er bewltigte seine Stadt Elis und ttete ihn mitsamt seinen Shnen. Dem Phyleus aber, der wegen seiner Freundschaft fr Herakles vertrieben worden war, bergab er das Knigreich Elis. Nach diesem Siege setzte Herakles die Olympischen Spiele ein und weihte ihrem ersten Stifter, Pelops, einen Altar, auch den zwlf Gttern Altre, je zweien einen. Damals soll selbst Zeus in Menschengestalt mit Herakles gerungen und, berwunden, seinem Sohn zur Gtterstrke Glck gewnscht haben. Dann zog Herakles gegen Pylos und den Knig Neleus, der ihm einst die Entsndigung verweigert hatte; er berfiel seine Stadt und machte ihn mit zehn seiner Shne nieder. Nur der junge Nestor, der in der Ferne bei den Gereniern erzogen wurde, blieb verschont. In dieser Schlacht verwundete Herakles selbst den Gott der Unterwelt, den Hades, der den Pyliern zu Hilfe gekommen war.

Noch war Hippokoon von Sparta brig zu bestrafen, der zweite Knig, der sich nach der Ermordung des Iphitos der Reinigung des Mrders entzogen hatte. Auch die Shne dieses Knigs hatten den Ha des Helden aufs neue sich zugezogen. Als er nmlich mit onos, seinem Oheim und Freunde, nach Sparta gekommen war, fiel diesen, der den Palast des Hippokoon betrachtete, ein groer molossischer Schferhund an. onos begrte ihn mit einem Steinwurfe. Da rannten die Shne des Knigs hervor und erschlugen den Fremdling mit Knppeln. Um nun auch seines Freundes Tod zu rchen, versammelte Herakles ein Heer gegen Sparta; auf dem Marsche durch Arkadien lud er auch den Knig Kepheus mit seinen zwanzig Shnen zum Kampfe ein. Dieser frchtete jedoch einen Einfall von seinen Nachbarn, den Argivern, und lehnte es anfangs ab, mitzuziehen. Aber Herakles hatte von Athene in einer ehernen Urne eine Locke des Medusenhaupts erhalten. Diese bergab er der Tochter des Kepheus, Sterope, und sprach: Wenn das Heer der Argiver anrckt, so darfst du nur diese Locke, ohne auf sie hinzublicken, dreimal ber die Stadtmauern emporhalten; dann werden eure Feinde die Flucht ergreifen! Als Kepheus solches hrte, lie er sich bewegen, mit allen seinen Shnen auszuziehen. Die Argiver wurden auch glcklich von seiner Tochter abgetrieben; ihm selbst aber schlug der Feldzug zum Unheil aus: er wurde mit allen seinen Shnen erschlagen und auer diesen auch der Bruder des Herakles, Iphikles. Herakles selbst aber eroberte Sparta, und nachdem er den Hippokoon und seine Shne gettet, fhrte er den Tyndareos, den Vater der Dioskuren Kastor und Pollux, zurck und setzte ihn wieder auf den Thron, behielt sich aber das eroberte Reich, das er ihm bergab, fr seine Nachkommen vor.



Herakles und Deanira

Nachdem der Heros noch mancherlei Taten im Peloponnes verrichtet, kam er nach tolien und Kalydon zum Knige neus, der eine wunderschne Tochter, Deanira mit Namen, hatte. Diese erlitt mehr als irgendein andres tolerweib bittere Not durch eine sehr lstige Brautbewerbung. Sie lebte anfangs zu Pleuron, einer andern Hauptstadt ihres vterlichen Reichs. Dort hatte sich ein Flu, Acheloos genannt, als Freier eingefunden, und in drei Gestalten verwandelt, erbat er sie von ihrem Vater. Das eine Mal kam er in einen leibhaftigen Stier verzaubert, das andre Mal als schillernder, gewundener Drache, endlich zwar in Menschengestalt, aber mit einem Stierhaupte, dem vom zottigen Kinne hernieder frische Quellbche strmten. Deanira konnte einem so entsetzlichen Freier nicht ohne tiefe Bekmmernis entgegensehen; sie flehte zu den Gttern inbrnstig um ihren Tod. Lange hatte sie dem Bewerber widerstrebt, aber dieser wurde immer dringender, und ihr Vater zeigte sich nicht abgeneigt, sie dem Stromgotte von uraltem Gtteradel zu berlassen. Da erschien, wenn auch spt, doch immer noch zu rechter Zeit, als zweiter Freier Herakles, dem sein Freund Meleager von der hohen Schnheit dieser Knigstochter erzhlt hatte. Er kam mit der Vorahnung, da er die liebliche Jungfrau nicht ohne heien Kampf gewinnen wrde; daher war er streitbar ausgerstet, wie wenn er sonst in Fehden zog. Whrend er auf den Palast zuwandelte, flatterte ihm die Lwenhaut im Winde vom Rcken, sein Kcher hallte von Wurfpfeilen, und er schwang in der Luft prfend die Keule. Als der gehrnte Stromgott ihn kommen sah, quollen die Adern seines Stierhauptes auf, und er versuchte sein Horn im Stoe. Der Knig neus, wie er beide so kampflustig und furchtbar mit ihrer Werbung vor sich stehen sah, wollte keinen der mchtigen Liebhaber durch eine abschlgige Antwort beleidigen und versprach, seine Tochter demjenigen zum Weibe zu geben, der den andern im Kampfe berwinden wrde.

Bald begann auch vor den Augen des Knigs, der Knigin und ihrer Tochter Deanira der wtende Zweikampf. Von der Faust des Herakles, von seinem Bogen klang es, aber mitten durch Streich und Schu fuhr, lange unverwundet, das gewaltige Stierhaupt des Stromgottes und suchte den Gegner mit den tdlichen Sten seiner Hrner auf. Endlich wurde das Gefecht zum Ringkampfe, Arm verschlang sich mit Arm, Fu in Fu, der Schwei strmte den Ringern von Haupt und Gliedern, beide sthnten laut unter bermenschlicher Anstrengung. Zuletzt bekam der Sohn des Zeus die Oberhand und warf den starken Flugott zu Boden. Dieser verwandelte sich sofort in eine Schlange; aber Herakles, der mit Schlangen lngst zu hantieren verstand, fate sie und htte sie erdrckt, wenn nicht Acheloos pltzlich, zu einer andern Verwandlung schreitend, die Gestalt eines Stieres angenommen htte. Doch Herakles lie sich nicht irremachen, er ergriff das Untier an einem Horne und strzte es mit solcher Macht zur Erde, da das ergriffene Horn abbrach. Nun erkannte sich der Stromgott fr berwunden und berlie dem Sieger die Braut. Acheloos, der vorzeiten von der Nymphe Amaltheia das Horn des berflusses, mit Obst aller Art, Granatpfeln und Trauben angefllt, erhalten hatte, tauschte gegen dieses Horn das eigene, das ihm Herakles abgebrochen hatte, wieder ein.

Die Vermhlung des Helden brachte in seiner Lebensweise keine Vernderung hervor; er eilte, wie zuvor, von Abenteuer zu Abenteuer; und als er wieder bei seiner Gattin und ihrem Vater zu Hause war, ntigte ihn der unvorstzliche Totschlag eines Knaben, der ihm bei der Mahlzeit das Wasser zum Hndewaschen reichen sollte, abermals zur Flucht, auf welcher ihn seine junge Gemahlin und sein kleiner Sohn Hyllos, den sie ihm geboren hatte, begleitete.



Herakles und Nessos

Die Reise ging von Kalydon nach Trachis, zu dem Freunde des Helden, Keyx. Es war die verhngnisvollste, die Herakles je unternommen hatte. Als er nmlich am Flusse Euenos angelangt war, fand er dort den Zentauren Nessos, der fr Lohn die Reisenden auf seinen Hnden ber den Flu zu setzen pflegte und dieses Vorrecht von den Gttern seiner Ehrlichkeit wegen erhalten zu haben behauptete. Herakles selbst bedurfte nun freilich seiner nicht; er durchschritt den Flu mit mchtigen Schritten, ohne fremde Beihilfe. Deaniren aber berlie er zum Hinberschaffen dem Nessos, der ihn um den gewohnten Lohn ansprach; der Zentaur nahm die Gemahlin des Herakles auf die Schulter und trug sie rstig durch das Wasser. Mitten in der Furt aber, durch die Schnheit des Weibes betrt, wagte er es, sie mit schnder Hand anzurhren. Herakles, der am Ufer war, hrte den Hilferuf seiner Frau und wendete sich schnell um. Als er sie in der Gewalt des rauhbehaarten Halbmenschen sah, besann er sich nicht lange, holte aus seinem Kcher einen beflgelten Pfeil hervor und scho den Nessos, der mit seiner Beute eben ans Ufer emporstieg, durch den Rcken, so da das Gescho zur Brust wieder herausging. Deanira hatte sich den Armen des zu Boden Sinkenden entwunden und wollte ihrem Gatten zueilen, als der Sterbende, der noch im Tod auf Rache sann, sie zurckrief und die trgerischen Worte sprach: Hre mich, Tochter des neus! Weil du die letzte bist, die ich getragen habe, so sollst du auch noch einen Vorteil von meinem Dienste haben, wenn du mir folgen willst! Fasse das frische Blut auf, das mir aus der Todeswunde quoll und das jetzt da, wo der Pfeil, vom Geifer der lernischen Schlange vergiftet, mir im Leibe steckt, ganz verdickt und leicht zu sammeln ringsum steht; es wird dir zu einem Zauber fr das Gemt deines Gatten dienen. Frbst du damit sein Unterkleid, so wird er niemals ein anderes Weib, das ihm je vorkommt, mehr lieben denn dich! Nachdem er Deaniren dieses tckische Vermchtnis hinterlassen, verschied er augenblicklich an der vergifteten Wunde. Deanira, obgleich sie an der Liebe ihres Gatten nicht zweifelte, tat doch nach seiner Vorschrift, sammelte das verdickte Blut in ein Gef, das sie bei der Hand hatte, und bewahrte es ohne Wissen des Herakles auf, der zu ferne stand, um zu sehen, was sie tat. Sie kamen darauf nach einigen andern Abenteuern miteinander glcklich zu Keyx, dem Knige von Trachis, und lieen sich mit ihren Begleitern aus Arkadien, die dem Herakles berall hin folgten, dort huslich nieder.



Herakles, Iole und Deanira.
Sein Ende

Die letzte Fehde, die Herakles bestand, war sein Feldzug gegen Eurytos, den Knig von chalia, gegen welchen er einen alten Groll hegte, weil derselbe ihm seine Tochter Iole verweigert hatte. Er versammelte ein groes Heer von Griechen und zog nach Euba, den Eurytos und seine Shne in ihrer Stadt chalia zu belagern. Der Sieg folgte ihm: die hohe Burg wurde in den Staub geworfen, der Knig mit seinen drei Shnen erschlagen, die Stadt vertilgt. Iole, noch immer jung und schn, wurde die Gefangene des Herakles.

Derweil hatte Deanira in Sorgen zu Hause auf Nachricht von ihrem Gatten geharrt. Endlich jauchzte im Palaste Freudengeschrei empor. Ein Bote kam herangesprengt: Dein Gemahl, o Frstin, lebt so meldete er der ngstlich auf seine Botschaft Horchenden naht in Siegesruhm und fhrt jetzt eben die Erstlinge des Kampfes den heimatlichen Gttern zu. Sein Diener Lichas, den er hinter mir her gesendet hat, verkndet auf offener Wiese dem Volke den Sieg. Seine eigene Ankunft verzgert sich nur dadurch, da er auf Eubas Vorgebirge Kenaion dem Zeus das schuldige Dankopfer darzubringen sich anschickt. Bald erschien der Abgeordnete des Helden, Lichas, und in seinem Geleite die Gefangenen. Heil dir, Gemahlin meines Herrn, sprach er zu Deanira; die Himmlischen lieben den Frevel nicht: Herakles' gerechte Sache ist gesegnet worden; die ppigen Prahler mit ihrem verruchten Munde sind alle in den Hades hinabgeeilt, die Stadt ist in Knechtschaft. Doch der Gefangenen, die wir hier bringen, sollst du schonen, lt dein Gemahl dir sagen, vor allem der unglcklichen Jungfrau, die sich hier vor deine Fe wirft. Deanira heftete einen Blick voll tiefen Mitleids auf das schne, jugendliche Mdchen, das von Gestalt und Auge lieblich glnzte, erhob sie vom Boden und sprach: Ja, ihr Lieben, herbes Mitgefhl hat mich gefat, sooft ich Unglckselige heimatlos durch fremde Landschaft herumgeschleppt und Freigeborne Sklavenlos dulden sah. Zeus, berwinder, mgest du nie deinen Arm so gegen mein Haus erheben! Aber wer bist du, jammervolles Mgdlein? Du scheinst unvermhlt und von hohem Stamme! Sage mir, Lichas, wer sind die Eltern dieser Jungfrau? Wie wei ich das? Weswegen fragst du dies? antwortete der Abgesandte mit verstelltem Sinne, und seine Miene verriet ein Geheimnis. Sie ist, fuhr er nach einigem Zgern fort, gewi aus keinem der niedrigsten Huser chalias. Da das arme Mdchen selbst nur seufzte und schwieg, so forschte Deanira auch nicht weiter, sondern befahl, sie in das Haus zu fhren und dort auf das schonendste zu behandeln. Whrend Lichas diesem Befehl Folge leistete, trat der zuerst angekommene Bote seiner Gebieterin nher, und sobald er sich unbelauscht wute, flsterte er ihr die Worte zu: Traue dem Abgesandten deines Gemahls nicht, Deanira. Er verbirgt dir die Wahrheit. Aus seinem eigenen Munde habe ich mitten auf dem Marktplatz von Trachis in vieler Zeugen Gegenwart gehrt, da dein Gatte Herakles ganz allein um dieser Jungfrau willen die hohe Burg chalias niedergeworfen hat. Es ist Iole, die Tochter des Eurytos, die du aufgenommen hast, von deren Liebe Herakles entbrannt war, ehe er dich kennengelernt hat. Nicht als deine Sklavin, sondern als deine Nebenbuhlerin, als Nebenweib ist sie in dein Haus gekommen! Ober diese Mitteilung brach Deanira in laute Wehklagen aus. Doch fate sie sich bald wieder und rief den Diener ihres Gatten, Lichas, selbst herbei. Dieser schwur anfangs beim hchsten Zeus, da er ihr die Wahrheit gesagt habe und ihm unbewut sei, wer die Eltern der Jungfrau wren. Lange beharrte er bei dieser Lge. Deanira aber beschwor ihn, des hchsten Zeus nicht lnger zu spotten. Wre es auch mglich, da ich meinem Gatten seiner Untreue wegen abhold wrde, sagte sie zu ihm weinend, so bin ich nicht so unedler Gesinnung, da ich dieser Jungfrau zrne, die mir nie einen Schimpf angetan hat. Nur mit Mitleiden schaue ich sie an; denn ihr hat die Schnheit all ihr Lebensglck zertrmmert, ja ihr ganzes Geburtsland in Knechtschaft gestrzt! Als Lichas sie so menschlich reden hrte, gestand er alles. Hierauf entlie ihn Deanira ohne Vorwurf und befahl ihm, nur solange zu warten, bis sie fr die reiche Schar von Gefangenen, die der Gemahl ihr zugesendet und zur Verfgung gestellt hatte, diesem eine Gegengabe gerstet htte.

Fern vom Feuer, unberhrt vom Strahle des Lichtes hatte Deanira, der Vorschrift des tckischen Zentauren gem, die Salbe, die sie vom giftigen Blute seiner Pfeilwunde gesammelt, am verborgenen Orte bewahrt. An dieses Zaubermittel, das sie, unerfahren in den Rnken, welche Rache spinnt, fr ganz unschdlich hielt und das ihr nur das Herz und die Treue des Gatten wiedergewinnen sollte, dachte nun die bedrngte Frstin zum ersten Male wieder, seit sie es sorgsam verhllt im Schranke geborgen. Jetzt galt es zu handeln. Sie schlich sich daher in das Gemach und frbte mit einer Flocke von weiem Lmmervliese, welche sie mit der Salbe getrnkt hatte, im verborgenen ein kstliches Unterkleid, das fr Herakles bestimmt war. Sorgfltig htete sie whrend dieser Arbeit Flocke und Gewand vor dem Sonnenstrahl und schlo das blutrot gefrbte Kleid, schn zusammengefaltet, in ein Kstchen ein. Als dies geschehen war, warf sie die Wolle, die zu nichts mehr dienlich, auf die Erde, ging und berreichte dem herbeigerufenen Lichas das fr ihren Gatten bestimmte Geschenk. Bring meinem Gemahl, sprach sie, dieses schngewobene Leibgewand, meiner eigenen Hnde Werk. Kein andrer soll es tragen als er selbst; auch soll er das Kleid nicht dem Feuerherde oder dem Sonnenglanze aussetzen, bevor er es, am feierlichen Opfertage damit geschmckt, den Gttern gezeigt hat; denn dieses Gelbde habe ich getan, wenn ich ihn je siegreich zurckkehren sehen wrde. Da du ihm wirklich meine Botschaft bringest, soll er an diesem Siegelringe erkennen, den ich dir fr ihn anvertraue. Lichas versprach alles auszurichten, wie die Herrin befohlen; er verweilte keinen Augenblick lnger im Palast, sondern eilte mit der Gabe nach Euba, um den opfernden Herrn nicht lnger ohne Kunde von der Heimat zu lassen. Einige Tage vergingen, und der lteste Sohn des Herakles und der Deanira, Hyllos, war seinem Vater entgegengeeilt, um ihm die Ungeduld der harrenden Mutter zu schildern und ihn zu beschleunigter Heimkehr zu bewegen. Inzwischen hatte Deanira zufllig das Gemach wieder betreten, wo das Zaubergewand von ihr gefrbt worden war. Sie fand die Wollenflocke, wie sie dieselbe unachtsam hingeworfen, auf dem Boden liegen, dem Sonnenstrahl ausgesetzt und von ihm durchwrmt. Ihr Anblick aber entsetzte sie; denn die Wolle war wie zu Staub oder Sgspnen zusammengeschwunden, und aus dem berbleibseln zischte ein blasenvoller, giftiger Schaum auf. Eine dunkle Ahnung ergriff die jammervolle Frau, da sie Unglckseliges begangen habe, und in entsetzlicher Unruhe durchirrte sie seit diesem Augenblicke den Palast.

Endlich kam Hyllos zurck, aber ohne den Vater. O Mutter, rief er ihr mit Abscheu zu, ich wollte, du httest nie gelebt, oder du wrest nie meine Mutter gewesen, oder die Gtter htten dir eine andere Sinnesart gegeben! So unruhig die Frstin schon vorher war, so erschrak sie doch noch mehr bei diesen Worten ihres Sohnes. Kind, erwiderte sie ihm, was ist denn so Gehssiges an mir? Ich komme vom Vorgebirge Kenaion, Mutter, entgegnete ihr der Sohn mit lautem Schluchzen, du bist es, die mir den Vater dahingewrgt! Deanira wurde totenbleich, doch raffte sie sich zusammen und sprach: Von wem weit du solches, mein Sohn, wer darf mich so entsetzlicher Untat zeihen? Kein fremder Mund hat mich belehrt, fuhr der Jngling fort, mit eigenen Augen habe ich mich von dem Jammerlose des Vaters berzeugt. Ich traf ihn auf dem Vorgebirge Kenaion, wo er eben dem berwinder Zeus auf vielen Dankaltren zugleich Brandopfer schlachten wollte. Da erschien der Herold Lichas, sein Diener, mit deiner Gabe, deinem verfluchten, mrderischen Gewande. Deinem Auftrage folgend, legte der Vater das Unterkleid sogleich an, und damit geschmckt begann er die Opferung zwlf stattlicher Stiere. Anfangs betete der Unglckselige, deines schnen Schmuckes froh, voll Heiterkeit. Pltzlich aber, als die Opferglut schon gen Himmel flammte, durchbrach ein heftiger Schwei seine Haut, das Gewand schien, wie vom Schmied angeltet, an seinen Seiten zu kleben, und ein Zucken fuhr durch sein ganzes Gebein. Als fre eine Natter an seinem Leibe, schrie der Gequlte brllend nach Lichas, dem unschuldigen berbringer deines giftigen Gewandes; dieser kam und wiederholte unbefangen deinen Auftrag; der Vater aber ergriff ihn am Fue und warf ihn an die Felsen des Meeres, da er zerschmettert in der aufspritzenden Flut untersank. Das ganze Volk jammerte bei dieser Tat des Wahnsinnes auf, und niemand wagte sich dem rasenden Helden zu nhern. Dieser wlzte sich bald auf dem Boden, bald sprang er heulend wieder empor, da rings Fels und Waldgebirge widerhallten. Er verfluchte dich und euren Ehebund, der ihm zur Todesqual geworden. Endlich kehrte er sich zu mir und rief. Shnlein, wenn du Mitleid mit deinem Vater empfindest, so schiffe mit mir ohne Zgerung fort, da ich nicht im fremden Lande sterbe! Auf dieses Verlangen legten wir den Armen in das Schiff, und unter Zuckungen brllend ist er hier angelangt, und bald wirst du ihn lebendig oder tot vor dir sehen. Das alles ist dein Werk, Mutter. Den allerbesten Helden hast du jmmerlich dahingemordet!

Deanira, ohne sich auf diese schreckliche Rede zu rechtfertigen, verlie ihren Sohn Hyllos in schweigender Verzweiflung. Das Hausgesinde, dem sie ihr Geheimnis, den Gatten sich durch des Nessos Zaubersalbe treu zu erhalten, frher anvertraut hatte, belehrte den Knaben, da sein Jhzorn der Mutter unrecht getan. Er eilte der Unglcklichen nach, aber er kam zu spt. Sie lag im Schlafgemach tot auf dem Lager ihres Gatten ausgestreckt, die Brust mit einem zweischneidigen Schwerte durchbohrt. Der Sohn umarmte jammernd die Leiche und streckte sich dann zu ihrer Seite hin, seine Unbedachtsamkeit beseufzend. Die Ankunft des Vaters im Palaste strte ihn aus dieser klglichen Ruhe auf. Sohn, rief dieser, Sohn, wo bist du? Zieh doch das Schwert gegen deinen Vater, durchhaue mir den Nacken und heile so die Wut, in welche deine gottlose Mutter mich versetzt hat! Zage nicht, sei mitleidig mit mir, mit einem Helden, der wie ein Mgdlein in Trnen schluchzen mu! Dann wandte er sich verzweiflungsvoll an die Umstehenden, streckte seine Arme aus und rief. Kennet ihr diese Glieder, denen das Mark entsaugt ist, noch? Es sind dieselben, die den Schrecken der Hirten, den Nemeischen Lwen, gebndigt, die den Drachen von Lerna erwrgt, die den Erymanthischen Eber erlegen halfen, die den Kerberos aus der Hlle heraufgetragen! Kein Speer, kein wildes Tier des Waldes, kein Gigantenheer hat mich berwltigt; die Hand eines Weibes hat mich vertilgt! Darum, Sohn, tte mich und strafe deine Mutter!

Aber als Herakles aus dem Munde seines Sohnes Hyllos unter heiligen Beteuerungen erfuhr, da seine Mutter die unfreiwillige Ursache seines Unglcks gewesen und ihre Unbedachtsamkeit mit dem Selbstmorde gebt habe, wandte sich sein Sinn vom Zorn zur Wehmut. Er verlobte seinen Sohn Hyllos mit der gefangenen Jungfrau Iole, die ihm selbst so lieb gewesen war, und da ein Orakel von Delphi gekommen, da er auf dem Berge ta, der zum Gebiete von Trachis gehrte, sein Leben beschlieen msse, so lie er sich, seinen Qualen zum Trotz, auf den Gipfel dieses Berges tragen. Hier ward auf seinen Befehl ein Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der kranke Held seinen Platz nahm. Und nun befahl er den Seinigen, den Holzsto von unten anzuznden. Aber niemand wollte ihm den traurigen Liebesdienst erweisen. Endlich entschlo sich auf die eindringliche Bitte des von Schmerzen bis zur Verzweiflung gequlten Helden sein Freund Philoktet, ihm den Willen zu tun. Zum Danke fr diese Bereitwilligkeit reichte Herakles ihm seine unberwindlichen Pfeile nebst dem siegreichen Bogen. Sobald der Scheiterhaufen angezndet war, schlugen Blitze vom Himmel darein und beschleunigten die Flammen. Da senkte sich eine Wolke herab auf den Holzsto und trug den Unsterblichen unter Donnerschlgen zum Olymp empor. Als nun, da der Scheiterhaufen schnell zur Asche verbrannt war, Iolaos und die andern Freunde der Brandsttte sich nherten, die berbleibsel des Helden zusammenzulesen, fanden sie kein einziges Gebein mehr. Sie konnten auch nicht lnger zweifeln, da Herakles, dem alten Gtterspruche zufolge, aus dem Kreise der Menschen in den der Himmlischen versetzt worden sei, brachten ihm ein Totenopfer als einem Heros und weihten ihn so zu einer allmhlich von ganz Griechenland verehrten Gottheit ein. Im Himmel empfing den vergtterten Herakles seine Freundin Athene und fhrte ihn in den Kreis der Unsterblichen. Hera selbst vershnte sich mit ihm, nachdem er sein sterbliches Geschick vollendet. Sie gab ihm ihre Tochter Hebe, die Gttin der ewigen Jugend, zur Gemahlin, und diese gebar ihm droben im Olymp unsterbliche Kinder.


Bellerophontes

Sisyphos, der Sohn des Aiolos, der listigste aller Sterblichen, baute und beherrschte die herrliche Stadt Korinth auf der schmalen Erdzunge zwischen zwei Meeren und zwei Lndern. Fr allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, da er einen schweren Marmorstein, mit Hnden und Fen angestemmt, von der Ebene eine Anhhe hinaufwlzen mute. Wenn er aber schon glaubte, ihn auf den Gipfel gedreht zu haben, so wandte sich die Last um, und der tckische Stein rollte wieder in die Tiefe hinunter. So mute der gepeinigte Verbrecher das Felsstck wieder von neuem und immer von neuem emporwlzen, da der Angstschwei von seinen Gliedern flo.

Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Korintherkniges Glaukos. Wegen eines unvorstzlichen Mordes flchtig, wandte sich der Jngling nach Tiryns, wo der Knig Prtos regierte. Bei diesem wurde er gtig aufgenommen und von seinem Morde gereinigt. Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schne Gestalt und mnnliche Tugenden empfangen. Deswegen entbrannte die Gemahlin des Kniges Prtos, Anteia, in unreiner Liebe zu ihm und wollte ihn zum Bsen verfhren. Aber der edelgesinnte Bellerophontes gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich ihre Liebe in Ha; sie sann auf Lge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Gemahl und sprach zu ihm: Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl, wenn dich nicht selbst unrhmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose hat mir seine strafbare Neigung bekannt und mich zur Untreue gegen dich verleiten wollen. Als der Knig solches vernommen, bemchtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch den verstndigen Jngling so liebgehabt hatte, vermied er den Gedanken, ihn zu ermorden, denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann er auf sein Verderben. Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem Schwiegervater Iobates, dem Knige von Lykien, und gab ihm ein zusammengefaltetes Tfelchen mit, das er dem letzteren bei seiner Ankunft in Lykien gleichsam als einen Empfehlungsbrief vorweisen sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink enthielten, den berbringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte Bellerophontes dahin, aber die allwaltenden Gtter nahmen ihn in ihren Schutz. Als er, bers Meer nach Asien gefahren, am schnen Strome Xanthos angekommen war und also Lykien erreicht hatte, trat er vor den Knig Iobates. Dieser aber, ein gtiger, gastfreundlicher Frst nach der alten Sitte, nahm den edeln Fremdling auf, ohne zu fragen, wer er sei, noch, woher er komme. Seine wrdige Gestalt und sein frstliches Benehmen gengten ihm zur berzeugung, da er keinen gemeinen Gast beherberge. Er ehrte den Jngling auf jede Weise, gab ihm alle Tage ein neues Fest und brachte den Gttern von Morgen zu Morgen ein neues Stieropfer. Neun Tage waren so vorbergegangen, und erst als die zehnte Morgenrte am Himmel aufstieg, fragte er den Gast nach seiner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Bellerophontes, da er von seinem Eidam Prtos komme, und wies ihm als Beglaubigungsschreiben das Tfelchen vor. Als der Knig Iobates den Sinn der mrderischen Zeichen erkannte, erschrak er in tiefster Seele; denn er hatte den edlen Jngling sehr liebgewonnen. Doch mochte er nicht denken, da sein Schwiegersohn ohne gewichtige Ursache die Todesstrafe ber den Unglcklichen verhnge; glaubte also, dieser msse durchaus ein todeswrdiges Verbrechen verbt haben. Aber auch er konnte sich nicht entschlieen, den Menschen, der so lange sein Gast gewesen war und durch sein ganzes Benehmen sich seine Zuneigung zu erwerben gewut hatte, geradezu umzubringen. Er gedachte ihm deswegen nur Kmpfe aufzutragen, in denen er notwendig zugrunde gehen mte. Zuerst lie er ihn das Ungeheuer Chimra erlegen, das Lykien verwstete und das gttlicher, nicht menschlicher Art emporgewachsen war. Der grliche Typhon hatte es mit der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Lwe, hinten ein Drache, in der Mitte eine Ziege; aus seinem Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch. Die Gtter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jngling, als sie sahen, welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem Ungeheuer das unsterbliche Flgelro Pegasus, das Poseidon mit der Medusa gezeugt hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Das gttliche Pferd hatte nie einen sterblichen Reiter getragen. Es lie sich nicht einfangen und nicht zhmen. Mde von seinen vergeblichen Anstrengungen war der Jngling am Quell Pirene, wo er das Ro gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen kstlichen Zaum mit goldenen Buckeln in der Hand, und sprach: Was schlfst du, Abkmmling des Aiolos? Nimm dieses rossebndigende Werkzeug; opfre dem Poseidon einen schnen Stier und brauche des Zaums. So schien sie dem Helden im Traume zuzusprechen, schttelte ihren dunklen gisschild und verschwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang auf und fate mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem er im Traume gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzhlte ihm seinen Traum sowie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher riet ihm, das Begehren der Gttin ungesumt zu erfllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten und seiner Schutzgttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen war, fing und bndigte Bellerophontes das Flgelro ohne alle Mhe, legte ihm den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner Rstung. Nun scho er aus den Lften herab und ttete die Chimra mit seinen Pfeilen. Hierauf schickte ihn Iobates gegen das Volk der Solymer aus, ein streitbares Mnnergeschlecht, das an den Grenzen von Lykien wohnte, und nachdem er wider Erwarten den hrtesten Kampf mit diesen glcklich bestanden, so wurde er von dem Knige gegen die mnnergleiche Schar der Amazonen gesandt. Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich zurck. Nun legte ihm der Knig, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich nachzukommen, eben auf diesem Rckwege einen Hinterhalt, wozu er die tapfersten Mnner des lykischen Landes ausersehen hatte. Aber keiner von ihnen kehrte zurck, denn Bellerophontes vertilgte alle, die ihn berfallen hatten, bis auf den letzten. Nunmehr erkannte der Knig, da der Gast, den er beherbergt, kein Verbrecher, sondern ein Liebling der Gtter sei. Statt ihn zu verfolgen, hielt er ihn in seinem Knigreiche zurck, teilte den Thron mit ihm und gab ihm seine blhende Tochter Philonoe zur Gemahlin. Die Lykier berlieen ihm die schnsten cker und Pflanzungen zum Bebauen. Seine Gemahlin gebar ihm drei Kinder, zwei Shne und eine Tochter.

Aber jetzt hatte das Glck des Bellerophontes ein Ende. Sein ltester Sohn Isander wuchs zwar auch zu einem gewaltigen Helden auf, aber er fiel in einer Schlacht gegen die Solymer. Seine Tochter Laodameia wurde, nachdem sie dem Zeus den Helden Sarpedon geboren, durch einen Pfeil der Artemis erschossen. Nur sein jngerer Sohn Hippolochos gelangte zu ruhmvollem Alter und schickte im Kampfe der Trojaner einen heldenmtigen Sohn, Glaukos, den auch sein Vetter Sarpedon begleitete, mit einer stattlichen Schar von Lykiern den Troern zu Hilfe.

Bellerophontes selbst, durch den Besitz des unsterblichen Flgelrosses bermtig gemacht, wollte sich auf demselben zum Olymp emporschwingen und, der Sterbliche, sich in die Versammlung der Unsterblichen eindrngen. Aber das gttliche Ro selbst widersetzte sich dem khnen Unterfangen, bumte sich in der Luft und schleuderte den irdischen Reiter hinunter auf den Boden. Bellerophontes erholte sich zwar von diesem Fall, aber den Himmlischen seitdem verhat und vor den Menschen sich schmend, irrte er einsam umher, vermied die Pfade der Sterblichen und verzehrte sich in einem ruhmlosen und kummervollen Alter.



